Tag 1: Konfuzius sagt: »Reisetage sind immer scheiße.«

Anarchistenherz

Patio in Matanzas

Mittwoch, 7. Februar 2007
Frankfurt â€“ Matanzas

Oh, wie langweilig. Vergleicht man unseren heutigen Tag der Abreise mit jenem 2004, als wir unsere erst große Reise antraten, fallen doch schon gravierende Unterschiede auf: Zunächst einmal startet unser Flieger nahezu pünktlich. Lediglich ein Passagier will plötzlich doch nicht mehr mit, was zwar einige Zeit in Anspruch nimmt, aber nicht weiter ins Gewicht fällt: Die Bremsen des Flugzeugs sind nicht zu heiß zum Starten, es gibt weder unerwartete Zollzwischenstopps noch verpasste Anschlussflüge und auch keine Zwangsübernachtung an irgendeinem Flughafen, bei dem die Air-Condition auf Polarkreispower läuft. Dafür müssen wir aber auch auf schräge Bekanntschaften mit US-Piloten verzichten, die uns an ihre patriotische Brust drücken.
Okay, die Zöllner in Frankfurt wollen uns unserer acht Feuerzeuge berauben, die wir als Geschenke ins Land des tropischen Sozialismus’ mitnehmen wollen. Feuerzeuge sind in Kuba rar und daher sehr beliebte Mitbringsel. Allerdings sind die Kontrollen so konfus, dass letztendlich nur zwei Feuerzeuge auf der Strecke bleiben. Wie wir die sechs verbliebenen Feuerzeuge letztlich doch noch »schmuggeln« konnten, können wir uns beim »Wiederentdecken« auch nicht erklären: »Hä? Wo kommen die denn auf einmal her? Haben die die uns nicht eben abgenommen â€¦?« – Hm? Relativ spannend ist auch, dass wir Ciriaco Sforza begegnen â€¦ der uns jedoch nicht erkennt. Hö. Hö. Seit neuestem darf man keine mitgebrachten Getränke und andere FlĂĽssigkeiten mehr mit an Bord nehmen. Dass man sich stattdessen im Flieger Getränke umsonst nehmen kann, sagt einem aber niemand. Ich erfahre von diesem Service, als ich auf dem Weg zur Flugzeugtoilette bin. Und okay, immerhin da wird mir eine lustige Situation geboten: Ein Mann, der ebenfalls auf die Toilette will, lehnt sich gerade lässig wartend an die Wand, als plötzlich ebendiese hinter ihm »wegbricht« und er aus dem Flieger zu stĂĽrzen droht… So kommt es ihm zumindest augenscheinlich vor. Die »Wand« ist jedoch nur eine weitere KlotĂĽr, die gerade von innen geöffnet wird. Die Frau, die auf einmal den fremden und schocksteifen Mann in ihren Armen hält, ist durchaus â€¦ ĂĽberrascht. Aber ansonsten â€¦? Gähnende Langeweile. Ja, wir sind tatsächlich schon angekommen â€¦ Ohne Dramen und mit unserem Gepäck. Ganz normal, gewöhnlich und abenteuerbefreit starten wir also in unser zweimonatiges Karibikabenteuer.

 

Unsere Ankunft am Flughafen von Varadero gestaltet sich da schon etwas spektakulärer: Da wir uns bereits dachten, dass wir bei der Einreise eine Aufenthaltsadresse vorweisen mĂĽssen, haben wir uns bereits in Deutschland um zwei Pensionen gekĂĽmmert: eine in Matanzas und eine in Havanna. Nichtsdestotrotz können wir bei der Passkontrolle keinen Beweis fĂĽr unsere Buchung im casa particular vorweisen, was einen »Check-Anruf« zur Folge hat. Casa Particulares sind Pensionen, die von Privatpersonen gefĂĽhrt werden. Und schlieĂźlich werde ich â€“ der langhaarige Bombenleger, der ich bin â€“ von einem Zöllner direkt mal als potenzieller Staatsfeind eingestuft: »¿Eres rastafari? ÂżFumas marihuana?«
Infolgedessen dĂĽrfen Bekki und ich unser komplettes Gepäck zwei höchst interessierten kubanischen Zöllnern offenbaren. FĂĽr diese ist der Exkurs in deutsche Koffer wohl schwer unterhaltsam â€“ ebenso wie fĂĽr uns das Beobachten der beiden ziemlich amĂĽsant ist. So sehen die Uniformierten zum ersten Mal in ihrem Leben Tortellini, ein aufklappbares Handy und ein Unterwasser-Kameragehäuse. Mit allem wird etwas herumgespielt, man blickt sich fragend und grinsend an und packt alles wieder ordentlich ein; bei Bekki nicht ganz so ordentlich â€¦
Als die Prozedur dann irgendwann â€“ ohne Fund illegaler GĂĽter â€“ beendet wird, sind wir auch schon die Letzten im Terminal und mĂĽssen feststellen, dass der Pauschaltouristenbus, in den wir uns schleichen wollten, um kostenlos in die knapp 20 Kilometer entfernte Stadt Matanzas zu fahren, auf Zollopfer wie uns nicht wartet. Pech gehabt. Somit mĂĽssen wir mit dem Taxi fahren. Allerdings stehen vor kubanischen Flughäfen keine unzähligen Taxis, sondern immer maximal zwei. Irgendwann kommen wir dann auch mal an die Reihe und lassen uns von Tato fahren. Der kennt lustigerweise den Weg nicht so recht, sodass wir ihm mit Hilfe unseres ReisefĂĽhrers den Weg in die Calle 83/Calle MilanĂ©s zeigen mĂĽssen. Ja, und da sitzen wir nun. In Deutschland ist es frĂĽh am Morgen (5:50 Uhr), bei uns kurz vor Mitternacht. Unsere Unterkunft â€“ das Hostel Alma â€“ ist formidabel und grĂĽn y mañana es otro dĂ­a â€¦

2007 02 08 14.48.49 edited

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