Tag 17: Die beschissenste Toilette Kubas

Anarchistenherz

Karte - Trinidad

Freitag, 23. Februar 2007
Playa Larga – A1 – Trinidad (!)

Es geht früh los heute Morgen, fährt doch der Bus nach Jagüey Grande bereits um 7:50 Uhr ab. Den müssen wir nehmen, um von Jagüey nach Cienfuegos zu kommen. In Jagüey gibt es ein Astrobus-Terminal.
In der scheinbar recht hässlichen staubigen Stadt angekommen, erfahren wir, dass der nächste Bus in das knapp 120km entfernte Cienfuegos erst morgen fährt. Das ist schlecht.
Die kleine alte Dame am Busbahnhof sagt uns, dass wir uns doch einfach an die Autopista (die „Autobahn“) stellen und dort unser GlĂĽck versuchen sollen. Bevor wir dies tun, schlägt mein gebeutelter Magen jedoch wieder Alarm, und ich suche das Klo des Busbahnhofes auf. Ein Alptraum, wie sich herausstellen wird.
Wer „Trainspotting“ gesehen hat, weiĂź, wie die „beschissenste Toilette Schottlands“ aussieht. Wer mit Durchfall in JagĂĽeys Busterminal steht, weiĂź, wie die beschissenste Toilette Kubas aussieht. Mir kommt jetzt noch das Kotzen, wenn ich an heute Morgen denke â€¦ Uäärgh â€¦
Kein Klopapier.
Keine SpĂĽlung.
Zerbrochene Spülkästen.
KloschĂĽsseln mit dem Inhalt der letzten Wochen (!?) darin.
Ein alter Karton neben den SchĂĽsseln, randvoll mit zugeschissenem Zeitungspapier gefĂĽllt.
Kein funktionierendes Waschbecken.
Keine Seife.
Nichts.
Nur eine alte ekelhafte Oma mit einem Wischer in der Hand, wischt mal schnell über den Boden, während ich versuche nicht zu kotzen. Sie wischt nur, weil ich da bin und somit sehe, dass sie hart arbeitet, um ihren Gästen den angenehmsten Aufenthalt in ihrem Klo zu bieten, den sie nur bieten kann.
„20 Centavos!“ krächzt sie mich bereits beim Betreten des Klos an. Eigentlich kauft man sich fĂĽr 20 Centavos Klopapier bei der Kloputzfrau. Diese Klofrau (von „Putzfrau“ kann keine Rede sein) verkauft jedoch kein Klopapier. Der Beweis sind u.a. die ZeitungsstĂĽcke in den Kartons. Ich schwebe ĂĽber der SchĂĽssel. Frei nach dem Motto: Augen zu und durch. Es ist das vielleicht widerlichste Erlebnis meines Lebens. Zumindest fällt mir im Moment nichts Ekelhafteres ein.
Ich flĂĽchte aus dem höllischen ScheiĂźhaus und begegne der mit offener Hand vor mir stehenden Kackoma. „20 Centavos!“ ächzt sie mich erneut an. AuĂźer einem angeekelten Blick samt dazugehörigem Zischgeräusch bekommt die Drecksau nichts von mir. Und da kann sie noch froh sein …
Ich lasse sie links liegen und versuche, den Ekel aus meinen Knochen zu denken. Am Liebsten würde ich ihren Kopf in die Schüssel stopfen, damit sie Zeugin ihrer eigenen Arbeit werden kann. Stattdessen brüllt sie mir voller Zorn irgendeine Scheiße hinterher. Möge sie an ihrer eigenen Scheiße und der Scheiße all jener, die ihr Klo benutzen mussten, ersticken.

Angeekelt wie noch nie, laufe ich mit Rebekka durch den Ort in Richtung Autopista. Dort setzen wir uns auf den Standstreifen und warten.
AuĂźer uns warten â€“ wie ĂĽblich an der kubanischen Autobahn â€“ noch Dutzende andere Menschen. Nach einer knappen halben Stunde klappert ein Guagua auf uns zu. Guaguas sind die „Normalbusse“ Kubas. Also jene, mit denen wir auch schon von Playa Larga nach Playa GirĂłn und JagĂĽey gefahren sind. Einziger Unterschied diesmal: Waren wir am 19.02. noch schwer ĂĽberrascht darĂĽber, dass sich 50-60 Menschen in einen solch kleinen Bus zwängen können (die Kapazität sollte „normalerweise“ die 30 nicht all zu sehr ĂĽberschreiten), sind wir nun vielmehr ĂĽberrascht, dass sogar noch mehr Menschen in solch eine Rostlaube passen: 80 bis 90?
„ÂżTrinidad?“ brĂĽllt der „Schaffner“ zu uns Wartenden. „ÂżCienfuegos?“ rufe ich zurĂĽck. „Si“, lautet dessen Antwort und wir quetschen uns mit unserem Gepäck in den Bus hinein. Das Gepäck wird lieblos im vorderen Bereich des Busses (neben dem Fahrer) gestapelt. Hätten wir Zerbrechliches in unseren Trekkingrucksäcken, es wäre mit Sicherheit kaputt gegangen.
Wir schaffen es, nach relativ kurzer Zeit, einen Sitzplatz zu ergattern. Dieser ist jedoch der „Gefährlichste“. Zunächst denken wir, es liegt daran, dass wir die (einzigen) Ausländer im Bus sind und meine blonden Haare uns als solche auch klar zu erkennen geben. Denn jedes Mal, wenn wir uns einer BrĂĽcke nähern, mĂĽssen Bekki und ich â€“ auf Anweisung des Fahrers â€“ auf „Tauchstation“ gehen (sprich: uns auf den Boden setzen), damit die an den BrĂĽcken wachenden Bullen uns nicht sehen können. Wir haben zuvor nirgends gelesen, dass es verboten ist, Ausländer in Guaguas mitzunehmen. Nachdem ich jedoch zum direkten Beifahrer des Busfahrers „befördert“ worden bin und Rebekka sich von nun an den Platz auf dem Motor mit einer Kubanerin teilen muss, erkennen wir, dass es nicht an unserer Herkunft, sondern an der Sitzgelegenheit liegt, dass wir uns verstecken mussten. Bekki geht also weiter bei jeder BrĂĽcke auf Tauchstation, während ich vom Busfahrer Fahrräder und brennende Bäume[1] gezeigt bekomme. Und wieder frage ich mich, was die Kubaner vom Rest der Welt eigentlich denken. Fahrräder â€¦ eine typisch kubanische Erfindung. Einmalig auf dem Erdenball.[2]

Man muss lange warten, bis man Ortsschilder oder Angaben ĂĽber Entfernungen auf der StraĂźe finden kann. Irgendwann wundern Bekki und ich uns jedoch darĂĽber, dass wir die Autopista nicht verlassen. SchlieĂźlich muss man nach 40, spätestens nach 80km, die StraĂźe nach SĂĽden einschlagen, um nach Cienfuegos zu kommen. Auch ist dies der direkteste Weg nach Trinidad. Ich frage mal schnell beim „2. Schaffner“ / Ersatzfahrer nach, der antwortet mir jedoch nicht. Langsam wird’s wieder seltsam hier …
Irgendwann kann ich dann aus dem „1. Schaffner“ eine Antwort herauskitzeln. Die klingt jedoch ziemlich â€¦ anstrengend:
Wir fahren die Autopista bis zu ihrem Ende durch (bei Sancti SpĂ­ritus; ĂĽber 200 km von JagĂĽey Grande entfernt) und sammeln so viele Leute wie möglich ein. Dann „drehen“ wir. Das heiĂźt, wie fahren die Strecke wieder zurĂĽck, allerdings diesmal durch die einzelnen Dörfer und Städte. Dies erklärt auch die Tatsache, dass der „Schaffner“ plötzlich nicht mehr „Trinidad!“, sondern „Santa Clara!“ oder „Sancti SpĂ­ritus!“ herausbrĂĽllt.

Nach lässigen fĂĽnf Stunden und einem Umweg von circa 120km kommen wir in Trinidad an. Da es bereits 16 Uhr ist, beschlieĂźen wir, nicht noch weitere Zeit in diesem Guagua< zu sitzen und erst mit der Dunkelheit in Cienfuegos anzukommen. Wer weiĂź, ob wir dann noch ein Casa Particular finden (auch, weil die dicke Dahlia uns prophezeite, dass wir nichts finden werden, wenn wir nicht einen Tag vorher dort anrufen. "Okay. Können wir mal eben bei einem Casa Particular anrufen?" fragten wir daraufhin. Woraufhin sie antwortete: "Äähähäääääää â€¦ äääh â€¦" Diese Szene wiederholte sich noch drei Mal â€“ auch mit Enrique!).Und so sind wir nun also â€“ nicht wie geplant in Cienfuegos â€“ sondern ĂĽberraschenderweise in Trinidad. Unser Casa Particular scheint sehr gut zu sein (gutes Essen, nette Leute und ein guter Preis), und was wir bisher von der Stadt gesehen haben, ist tatsächlich sehr, sehr schön! Es gibt hier allerdings sogenannte "Jinteros" (Schlepper / "Vermittler"), die einen zu einem Casa Particular schleppen und dafĂĽr eine Provision kassieren, die der Tourist zu zahlen hat! Aus diesem Grunde schalten wir wieder "auf taub" um, und ignorieren die vielen Angebote, die von allen Seiten kommen. Mit dem Kopf schĂĽtteln reicht hier zum GlĂĽck aber eigentlich schon aus, um die Vermittler abzuschĂĽtteln. Nur ein Mann ist total bekloppt und steht auch nach dem zehnten "No, gracias" noch vor uns und zählt auf, was sein Haus zu bieten hat. Selbst als ich auf Deutsch antworte ("Sag mal, kapierst Du’s nicht?" â€“ "Geh mir nicht auf den Sack." etc.), lässt er sich nicht abwimmeln, und als Rebekka und ich, eine Ecke weiter, auf unserem Stadtplan nach dem Weg sehen, steht er auf einmal wieder vor uns. Diesmal mit einer Frau im Arm: "Este es mi hermana." ("Das ist meine Schwester.") "Boah!" brĂĽllt es aus mir heraus, und wir lassen ihn â€“ diesmal zum GlĂĽck zum letzten Mal â€“ einfach stehen. Im Nachhinein betrachtet, finde ich diese Szene wiederum urkomisch. Aber nach fĂĽnf Stunden mit Magenkrämpfen in einem elend ĂĽberfĂĽllten Menschenviehtransporter und mit dem Ekel des beschissensten Klos der Welt auf der Haut, kam der Mann zum denkbar ungĂĽnstigsten Zeitpunkt an, um uns seine Schwester vorzustellen. Und wenn ich mich nicht irre, begrĂĽĂźte uns die Schwester mit den Worten: "Äähähäääääää â€¦ äääh... Umpf."Jetzt ist es Mitternacht. Ganz in der Nähe muss eine Musikbar sein. Das Essen war wieder einmal sehr gut und sehr kubanisch (bekommt man so vermutlich in nicht all zu vielen Restaurants, wenn ĂĽberhaupt). Das Zimmer ist erneut top. Urlaub in Casa Particulares ist auf jeden Fall ein Erlebnis. Langweilig wird’s hier bestimmt nicht.


  • [1]
    Hier in Kuba sieht man wahnsinnig oft brennende Wiesen, Felder oder gar WaldstĂĽcke. Ist jedoch keine illegale oder ungewollte Brandstiftung, sondern einfach nur Brandrodung.
  • [2]
    Unsere Welt ist so groĂź wie die Erde. Die Welt der Kubaner ist so groĂź wie Kuba â€¦
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