Tag 18: Trinidad und der knausrige Didi

Anarchistenherz

Samstag, 24. Februar 2007
Trinidad

Kein „Deni!“. Endlich. Diese Idee war groĂźartig. Wir verzichten in Nancy Ortega Lopez’ Casa Particular auf das FrĂĽhstĂĽck. Zum einen, um Geld zu sparen und zum anderen, weil wir morgens sowieso keinen oder kaum Hunger haben. Und wenn man kein FrĂĽhstĂĽck bestellt, wird man auch nicht durch Klopfen und nervige „Deni! Deni!“-Rufe geweckt. Herrlich. Wir schlafen so lange es geht. Naja, wobei von „Schlafen“ eigentlich keine Rede sein kann. Dachten wir gestern noch, dass wir die vermutlich leiseste StraĂźe in der unmittelbaren Nähe des Zentrums entdeckt haben, mĂĽssen wir diese Meinung am heutigen Tage wieder revidieren: Wir sind in der Partyzone!
Die Musikbar, von der ich gestern Abend schrieb, ist keine Bar, sondern das Nachbarhaus. Darin wohnt offenbar ein großer Salsa- und Reggae-Fan. Zumindest dröhnt ab 7:30 Uhr heute Morgen der fette Bass einer Raggaeplatte durch die Calle Manuel Solano. Glücklicherweise ist die Musik ziemlich cool, so dass die Lautstärke nicht weiter stört. Hinzu kommt noch, dass sich einige Jungs und Mädels zwischen acht und 25 vor und in dem Haus treffen und aus dem einfachen Hören einer CD einen kleinen großen Event machen: Wer mitsingen kann, singt lauthals mit. Wer nicht mit einem goldenen Stimmband gesegnet ist, steht oder sitzt einfach nur lässig herum. Es ist alles in allem irgendwie cool, obwohl wir deswegen so scheißfrüh geweckt werden.
Wir dösen einfach weiter und lauschen der Musik und den jungen Menschen auf der StraĂźe. „¡MĂşsica! ¡MĂşsica!“ wird gebrĂĽllt, wenn nicht innerhalb kĂĽrzester Zeit eine neue Platte aufgelegt wird, ist die alte erst einmal durchgehört. Zwischendurch fahren alte Amischlitten mit nicht weniger bretterndem Bass vor, laden etwas oder jemanden aus, wirken verdammt cool und fahren wieder weiter. Irgendwie sind wir schon wieder in einer anderen Zeit.

Wir verlassen irgendwann zwischen zehn und elf das Haus, um spazieren zu gehen und den Ort zu „entdecken“. Vor dem Haus treffen wir auf Dietrich. Dietrich und seine Frau wohnen im gleichen Casa wie wir. Die beiden kamen gestern Abend nach uns an. Wir saĂźen noch auf den MetallschaukelstĂĽhlen im Innenhof des Hauses und warteten darauf, dass unser Zimmer frei gemacht wird, als wir plötzlich Dietrich im Haus hörten. Er wurde gerade von Nancy auf Spanisch zugetextet und es war deutlich zu vernehmen, dass er kaum ein Wort versteht. Als es dann um den Preis ging, verstand er dann aber doch wieder ziemlich viel. Zahlen sind die einzigen spanischen Wörter, die Dietrich beherrscht: „ÂżVeinte? No. In se Internet is quinze.“
An seinem „Englisch“ hören wir, dass er auch diese Sprache nicht beherrscht. Es folgt ein erbitterter Kampf um Peso Convertibles. Nancy sieht es jedoch ĂĽberhaupt nicht ein, mit dem Preis herunterzugehen, ist sie doch sowieso schon die Einzige in unmittelbarer Nähe des Zentrums, die nur 20 und keine 25 Peso verlangt. (Selbst ein Deutscher, der seit 12 Jahren nach Trinidad kommt, bestätigte uns, dass es unmöglich sei, ein Casa zu finden, das weniger als 25 CUC kostet â€¦)
„Okay. Sen we meet in middle. 17. 17 is middle between 20 and 15.“
„No. Son 20.“ Wie kann sie auch mit dem Preis bei Didi und seiner Frau heruntergehen, wenn wir 20-CUC-Zahler nebendran sitzen und die Diskussion mitbekommen. Jetzt wird’s erst richtig lustig: Nancy ruft ihre Schwester an. Sie soll dolmetschen (sie spricht englisch) und generell einfach helfen. Die nette Schwester kommt kurz darauf an und bestätigt, dass auch sie 25 CUC von ihren Gästen verlangt. „Nancy is so nice. I take 25!“
„So, we go town and look and sen maybe we come back und take room.“
Jetzt schaltet sich Dietrichs Frau ein. „Ick hab keinen Bock heute Nacht im Freien zu ĂĽbernachten. Jetzt sei mal nicht so.“ „Abör im Intörnet steht, dass es hĂĽer nĂĽr 15 kostet, newa?“ Der Leipziger will nicht aufgeben. Die Vernunft seiner Frau siegt letztendlich dann aber doch noch. „Willste die nächsten drei Tage wie ein Depp behandelt werden oder willste drei schöne Tage?“

Wie gesagt: Das geschah gestern.
Jetzt kommt Dietrich uns gerade mit zwei Fahrrädern entgegen. „NĂĽ, hallö!“ begrĂĽĂźt er uns. „Isch hab hĂĽer zwey Räder gemietet. Die gosten nĂĽr drei Peso am Dach. WĂĽr wöllen nämlisch en bisschen die Gegend ergunden unn mit’m Zuch kostet das zehn Peso. Sinn och nĂĽr 15km einfache Strecke, newa.“ Ob seine holde Gemahlin wohl damit einverstanden ist, dass er anstelle von zwei Zugtickets zwei Fahrräder mitbringt â€¦? „WĂĽr wöllen do sö ’ne Tour machen. Die kost’ mit’m Taxi wohl 20 Peso. Wenn wĂĽr das dĂĽrsch vier teilen gönnten â€¦“ „Danke, wir ĂĽberlegen es uns mal.“
Beim gemeinsamen Abendessen stellen wir dann fest, dass Dietrich soweit ganz okay ist. Nur wenn es um das liebe Geld geht, ist er doch etwas eigen â€¦

Trinidad (1)     Trinidad (2)

Unser erster Eindruck von Trinidad bestätigt sich: Es ist die bisher schönste Stadt, die wir auf Kuba gesehen haben. In unserem Reiseführer steht, dass man sich hier wie in einem Freilichtmuseum fühlt. Hier teilen wir ausnahmsweise mal die Meinung des Buches.
Die koloniale Ausstrahlung Trinidads ist wunderschön. Zwar stehen auch hier ab und an mal ziemlich heruntergekommene HĂĽtten zwischen schick restaurierten spanischen Palästen, aber die Schönheit ĂĽberwiegt doch stark. Die StraĂźen des Stadtkerns bestehen alle aus Kopfsteinpflaster, so dass der Autoverkehr sich in Grenzen hält. Vielmehr sieht man hier Pferdekutschen oder berittene Esel durch die Innenstadt ziehen. Die tĂĽrgroĂźen Fenster der Häuser sind alle vergittert. Hinter den Gittern sitzen dann die Bewohner der Häuser in ihren typischen SchaukelstĂĽhlen und schauen auf die StraĂźe hinaus oder in den Fernsehapparat. An vielen Häusern hängen Vogelkäfige, und Hunde sind einmal mehr massenweise unterwegs. Wie werden sogar Zeugen eines „ungleichen Kampfes“. Ein Dackel versucht mit aller Gewalt eine doppelt so groĂźe HĂĽndin zu verfĂĽhren. Diese will sich jedoch nicht kampflos dem Pimpf ergeben und stößt ihn regelmäßig um oder macht sich noch größer, als sie sowieso schon ist, so dass der Dackel unmöglich â€¦ Es ist schwer amĂĽsant.
Die 40.000-Einwohner-Stadt ist übrigens von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Plaza Mayor
Plaza Mayor, der zentrale Platz Trinidads

Es sind viele Touristen unterwegs, weshalb man auch hier â€“ wie in Havanna â€“ ständig angequatscht wird („Taxi.“ und „Cuban Cigar.“). Allerdings sind die Kubaner hier weit weniger aufdringlich als in der Hauptstadt, und sie lächeln einen auch mal an.
Hier lässt es sich aushalten. Aller Voraussicht nach werden wir hier ein bisschen länger bleiben. Auch, weil wir Angst haben, nach fĂĽnf Wochen schon alles von Kuba gesehen zu haben. Jetzt gehen wir alles etwas langsamer an â€¦
So haben wir heute eigentlich nichts weiter erlebt: Wir waren spazieren.

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