Tag 19: Ein Strand, der »gut ist, um sich ein paar Tage zu entspannen«
Anarchistenherz
Sonntag, 25. Februar 2007
Trinidad – La Boca
Die Kubaner sitzen tagsüber wie auch nachts vor ihren Häusern. Wenn sie doch mal drinnen sind, dann sitzen sie im Schaukelstuhl direkt vor dem geöffneten Fenster. Eine Kneipenkultur oder echte Treffpunkte für Jugendliche scheint es nicht wirklich zu geben. Außerdem verhalten sie sich am Tage wie auch in der Nacht quasi auf dieselbe Weise: Zu dröhnender Musik unterhalten sie sich extrem lautstark und leeren erstaunlich schnell die Rumflasche. Zugute halten muss man den dann entsprechend vollen Kubanern, dass sie vom Alkohol nicht aggressiv werden. Der Rum wirkt eher erheiternd. Fliegende Rumflaschen, Drohgebärden oder Ähnliches bekommen wir nie mit.
Unser »Mann des Hauses« findet mich wohl ganz sympathisch und versucht mich heute zum Mitsaufen zu überreden. Da wir aber beschlossen haben, noch drei weitere Nächte zu bleiben, ist mir die Gefahr zu groß, hier durchsaufen zu müssen. Keine halbe Stunde später lädt er mich erneut zum Anstoßen ein. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber er hat in dreißig Minuten die optische und artikulatorische Reife von drei Tagen Dauerbesäufnis erreicht.
In Trinidad funktioniert bereits seit zwei Tagen das Internet nicht mehr. Wann es wieder funktionieren wird, ist in Kuba unmöglich vorherzusagen. Wir haben heute aber eh besseres vor, als vor dem Bildschirm zu sitzen. Unser ausgerufenes Ziel lautet: »Strandtag!«
La Boca, ein kleiner Ort vier Kilometer westlich von Trinidad, soll einen Sandstrand haben, der laut Reiseführer »gut ist, um sich ein paar Tage zu entspannen«. Klingt super.
Wir laufen durch die Mittagshitze die Landstraße in Richtung La Boca entlang. Kein schattiges Plätzchen weit und breit. Nach knapp drei Kilometern steht mitten im Nichts eine Strandbar ohne Strand. Die Sonne knallt ordentlich, und wir freuen uns schon auf den schönen Strand. Endlich erreichen wir den kleinen Ort. Drei Jungs spielen am Ortsschild Baseball. Das Dorf scheint klein und sehr einheimisch zu sein. Die Häuser sind eher bessere Hütten. Die einzige Casa particular vor dem Strand erkennt man schon von weitem: frisch gestrichen und mit verzierter Mauer; so erkennt man meistens Casas particulares.
Dann erreichen wir schließlich den ersehnten Strand, der »gut ist, um sich ein paar Tage zu entspannen« …
Es ist der vielleicht ungemütlichste Strand, den wir je gesehen haben. Außer uns sind nur noch vier pubertierende Kubaner und ein aufeinander liegendes französisches Pärchen samt Balg anwesend. Die Stimmung ist irgendwie unangenehm. Hinzu kommt noch, dass der Strand extrem steinig ist und man eine ein Meter hohe Stufe hinabsteigen muss, um ans Wasser zu gelangen. Schon wieder dieser scheiß Reiseführer.
Ein Mietwagen kommt angerollt. Die ungläubigen Blicke der beiden darin sitzenden Touristen bestätigen unsere Meinung vom Strand von La Boca: Dies ist ein scheiß Strand. Der Mietwagen drückt wieder aufs Gas und verschwindet hinter der nächsten Kurve. Wir tun es ihm gleich. Schließlich soll es auf der Landzunge, die sich südlich von Trinidad und La Boca ins Meer zieht, noch zwei weitere Strände geben.
Unsere Hoffnung, dass die Enttäuschung von gerade eben nur ein kleiner Vorläufer von der »echten« Playa von La Boca ist, steigt, als wir hinter der besagten Kurve auf eine Casa particular nach der anderen stoßen. Außerdem reiht sich auf einmal ein (geschlossener) Kiosk an den nächsten. Kommt nun vielleicht der tolle Strand? Fehlanzeige. Diese »Promenade« scheint vielmehr der fehlgeschlagene Versuch gewesen zu sein, eine »sozialistisch korrekte« Strandmeile zu etablieren. Größter Fehler: Es gibt hier keinen Strand. Des Weiteren sehen die Buden so was von kacke aus, dass man sich denkt: So muss es am Balaton der späten 70er ausgesehen haben. Verrostete Einheitsstrandbuden mit unbesuchten Plattenbauhotels im Hintergrund. Der Plattenbau im kubanischen Ferienparadies wird übrigens von Einheimischen bewohnt, die ihre Unterwäsche auf dem Balkon trocknen.
In La Boca werden wir wohl nicht unser Paradies finden. Also verlassen wir diesen ziemlich schrägen Ort nach Süden hin.
Ein kleiner schwarzer Junge mit zerrissenen Klamotten läuft einige Zeit neben uns her und sammelt die verschiedensten Dinge vom Straßenrand auf. So findet er zunächst eine leere Rumflasche und popelt den Gummiring aus dem Flaschenhals. Dieser passt perfekt auf seinen Mittelfinger. Seinen Zeigefinger ziert bereits ein anderer Gummiring. Einige Meter weiter findet der Junge eine einzelne Sandale am extrem verdreckten Straßenrand. Er schlüpft mit seinem nackten rechten Fuß hinein und spaziert glücklich, das Tempo leicht anziehend, weiter. Zwanzig Meter weiter hat er bereits die passende linke Sandale gefunden.
Irgendwann verlässt der Junge, der uns keine Sekunde lang irgendeine Beachtung geschenkt hat, unseren Weg. Links neben der Straße türmt sich schließlich eine kleine Müllhalde. Wer weiß, welche Schätze es dort zu finden gibt. Die Eltern dieses Jungen wussten offenbar keine Vorteile aus der Einführung des Peso convertible zu ziehen. Wie sich ein Land in drei Jahren doch so extrem in zwei Klassen aufteilen kann. Es ist traurig.
Ein Pferd scheint von der Hitze völlig erschlagen zu sein und liegt, sich ausruhend, neben der Straße. Wir haben nach einiger Zeit auch keine Lust mehr weiterzulaufen. Weit und breit ist nichts von einem Strand zu sehen, Wolken ziehen auf, und wir wollen noch vor der Dunkelheit wieder zurück nach Trinidad kommen.
In La Boca fängt es dann tatsächlich an zu regnen. Wir suchen unter dem Sonnenschirm einer der seltsamen Buden Schutz und trinken etwas. Es hat ganz den Anschein, als ob es nicht mehr wirklich aufhören würde zu regnen. Wir entschließen uns von daher, zum ersten Mal mit einem Coco amarillo zu fahren. Amarillos sind die kubanische Variante von Tuktuks, die die Form einer überdimensionalen Kokosnuss haben.
Ein Coco-Taxi aus La HabanaDie Fahrt in diesem lustigen Gefährt ist weit amüsanter als erwartet, und nach wenigen Minuten befinden wir uns bereits wieder in Trinidad.
Dort kaufen wir uns erst einmal vegane Waffeln! Und zwar jene , die wir bereits auf Hawaii so genossen haben. Hmmm …
Den Rest des Tages schlendern wir einfach nur durch Trinidad und entdecken dabei das Fünf-Sterne-Iberostar-Hotel am Parque Céspedes. Unser Alternativplan, nachdem wir keinen (schönen) Strand entdecken konnten, lautet nämlich: Hotel finden, so tun als sei man Gast und den Pool nutzen. Der Komplex wird jedoch schwer bewacht. Außerdem scheint das Hotel – wenn es überhaupt einen Pool hat – nur ein Hallenbad zu besitzen. Wir sitzen hier wohl auf dem Trockenen …
Immerhin ist der Parque Céspedes soweit ganz gemütlich, und wir bleiben auf einer der vielen Bänke sitzen und lästern über die vorübergehenden Touristen. Abends ist dieser Platz jedoch nicht mehr so gemütlich.
Weit gemütlicher ist abends die Plaza Mayor. Jener Platz, der von kolonialen Häusern nur so umzingelt ist und einfach nur schön aussieht. Hier gibt es eine recht große und breite Treppe, auf der man gemütlich über dem Platz sitzen kann. Es gibt Musik – live oder von CD – und preiswerte Getränke: Cuba Libre und Mojito für je 2,50 CUC.
Am erheiterndsten sind die männlichen Kubaner, die sich an die Tische weiblicher Touristen setzen und unverhohlen offen flirten – das Ganze jedoch nicht allzu aufdringlich und durchaus auch tollpatschig charmant.
Der Höhepunkt an unserem Nachbartisch wird erreicht, als die beiden »Zielscheiben« ihre Digitalkameras auspacken und sich und die drei Flirtmeister fotografieren. Die drei Kubaner, die sich Schnappschüsse offenbar noch nicht allzu oft direkt nach dem Schießen in einer Kamera angucken konnten, lachen sich schief und krumm über ihre Gesichtsausdrücke auf den Bildern und wollen immer mehr und mehr Fotos machen. Fast scheinen sie ihr eigentliches Ziel dabei aus den Augen zu verlieren. Nur der Jüngste der Drei scheint sich wieder besinnen zu können und versucht, für ein Posing die Touristin in seinem Arm zu küssen. Diese wehrt sich jedoch freundlich, aber bestimmt gegen den Annäherungsversuch. Da läuft heute vermutlich nicht mehr allzu viel.
Mit uns läuft ebenfalls nicht allzu viel, da wir uns eine kleine fiese Taktik ersonnen haben, sobald ein Kubaner mit der Frage »Where are you coming from?« auf uns zukommt: In diesen Situationen »verstehen wir kein Wort«. Soll heißen: Wir sind Menschen, die keine der gängigen Sprachen sprechen. Kommt ein Kubaner und fragt »Wanna Cuban Cigar?«, weiß man, was er will. Was auf die Herkunftsfrage folgt, weiß man hingegen nie. Wir haben uns diese Strategie also angewöhnt, um nicht unvorbereitet auf was auch immer reagieren zu müssen. Heute werden wir wieder nach unserer Herkunft gefragt. Zunächst »verstehen wir nichts«. Da die Dame aber recht hartnäckig ist, antworte ich irgendwann mit der osteuropäischsten Betonung, die ich mir entlocken kann, mit »Polska.« Mit dieser Antwort – oder der Betonung – hat die Gute nicht gerechnet und sie kann sich das Lachen nicht verkneifen: »Boulska!?«, kichert sie, und alle haben ihren Spaß …


