Tag 2: Humberto Real
Anarchistenherz
Donnerstag, 8. Februar 2007
Matanzas
Zum Frühstück in unserer wirklich großartigen Casa particular gibt es alle möglichen frischen Früchte, gepressten Guavensaft und Hamburgerbrötchen. Das Hostel Alma befindet sich in einem alten spanischen Haus aus Kolonialzeiten, in dem die Decken bestimmt drei, eher vier Meter hoch sind. Überall stehen und hängen Fotos von Kindern und die Einrichtung ist eine Mischung aus »Sowjetkitsch« – also hübsch-hässlichen Figürchen – sowie etwas seltsam angeordneten Kolonialmöbeln. Sobald uns das Essen serviert wird, wird die Stereoanlage eingeschaltet.
Die Calle Milanés führt direkt zum Parque Libertad, dem zentralen Platz Matanzas. Glücklicherweise ist unsere Unterkunft gerade einmal 50 Meter vom Parque entfernt. Mitten auf dem Platz steht José Martí, neben Che Guevara wohl der kubanische Volksheld.
Martí steigt zum Führer der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung auf. 1892 gründet er gemeinsam mit kubanischen Arbeitern die Partido Revolucionario Cubano (PRC) in Florida: Die politische und ökonomische Unabhängigkeit Kubas inmitten eines freien und unabhängigen Lateinamerikas ist das Ziel. Der Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien (1895-98) entfacht erneut. Bereits zu Beginn der Kämpfe fällt Martí:
»Seine Stärke war die Theorie der Verse, nicht der Kampf«, sagt man.
In Matanzas sind alle Häuser und auch alle Straßen »durchnummeriert«. Nur wenige Straßen haben neben ihrer Zahl noch einen Namen à la »Milanés«. El Hostal Alma zum Beispiel hat demnach die Hausnummer 29.008!
Der Name »Matanza« bedeutet »Schlachterei«. Lustigerweise gibt es zwei äußerst widersprüchliche Versionen zur Namensgebung der 120.000-Einwohner-Stadt:
Die eine Version bezieht sich auf ein Massaker, das von den Spaniern an den Indígenas, den Ureinwohnern verübt wurde. Die weit harmlosere Variante besagt, dass die Stadt ein Fleischlieferant für die spanische Flotte war.
Auf uns wirkt Matanzas wie eine Stadt der Widersprüche. So besteht die Altstadt aus wunderschönen alten Häusern, die entweder quietschbunt und frisch verputzt sind oder die reinsten Ruinen darstellen. Flair hat die Stadt auf jeden Fall und das Leben findet auf der Straße statt. Wir haben zumindest noch nie so viele Menschen mitten am Tag und mitten in der Woche auf der Straße gesehen, ohne dass es groß was zu konsumieren gibt. Spontane Gedanken zweier 23-Jähriger, die im europäischen Kapitalismus aufgewachsen sind …
Die vorherrschenden Autos auf Kubas Straßen sind alte Ami-Schlitten aus den 50er Jahren. Sieht sehr geil aus, hört sich ungewohnt an und stinkt wie Sau.
»Danke für den Katalysator«, kann man da als Mitteleuropäer nur sagen.
Die öffentlichen Verkehrsmittel sind an Style auch nur schwer zu übertreffen. LKW mit stehenden Kubanern auf der Ladefläche sind das absolute Highlight. Old-School-Busse und natürlich Taxis. Wobei ein Taxi hier nicht gleich ein Taxi ist: Es gibt die legalen staatlichen Taxis, und es gibt die illegalen Taxifahrer, die sich ihre Kunden zu Fuß suchen. So werden wir – noch keine fünf Minuten auf der Straße – auf dem Parque Libertad direkt mal angehalten und gefragt, ob wir nicht irgendwohin gefahren werden wollen.
Oh ja: Man fällt auf als blasser Europäer. Die Leute blicken einem im Vorübergehen bewusst mitten in die Augen, lächeln oftmals und fangen aus dem Nichts heraus eine Unterhaltung mit dir an. Und so kommen wir auch zu unserer »Geschichte des Tages«:
»Where are you coming from?«, fragt plötzlich jemand hinter uns in schwer gebrochenem Englisch.
»De Alemania«, antworten wir freundlich dem knapp 60-jährigen kleinen Mann. Und ehe wir uns versehen, stehen wir auch schon mit Humberto Real in der Kathedrale San Carlos, einer hübschen alten spanischen Kirche, die allerdings auch schon bessere Zeiten erlebt haben dürfte. Die Wandmalereien kann man größtenteils nur noch erahnen und die Kanzel wirkt leicht einsturzgefährdet.
Wie sich herausstellt, ist das der perfekte Ort, um sich konspirativ von einem Oppositionellen zutexten zu lassen: Humberto sehnt den cambio herbei, den politischen Wechsel, wenn Fidel erst mal nicht mehr ist.
Was denn nach Fidel käme, fragen wir.
»La lucha«, der Kampf, lautet seine trockene Antwort. Krieg?
»No, no. La lucha pacifista.«
Humberto möchte uns die Verbrechen an der Opposition zeigen, damit wir davon erzählen können. Tja, und das ist ihm an unserem ersten Tag im sogenannten Kommunismus dann auch direkt mal erstaunlich gut gelungen: Nachdem wir uns in der Kathedrale eigentlich schon voneinander verabschiedet hatten, begegnen wir ihm keine fünf Minuten später in einer Art Markthalle, die einen überdachten Kitschflohmarkt beherbergt, wieder.
Was wir hiervon halten, will er wissen.
»Interessant,« finden wir es.
»Tragisch« wäre wohl seine Antwort gewesen: »Die ganzen Leute hier haben keinen Job und sind deshalb den ganzen Tag auf der Straße unterwegs. Niemand arbeitet hier etwas!«
Der Liter Milch kostet hier 1,75 CUC, was ein äußerst abartiger Preis ist, wenn man bedenkt, dass ein durchschnittlicher Arbeiter auf Kuba im Monat gerade mal 15 CUC verdient. Ein Grund für diesen Wucher ist laut Humberto die Tatsache, dass es kaum noch Kühe auf Kuba gibt, woran Fidel schuld sei.
Der Peso convertible (CUC) ist das »Touristengeld«, der 1994 als Alternative zum US-Dollar eingeführt wurde und auf Kuba den gleichen Wert wie die US-Währung hat. Obwohl der Name es vermuten lässt, ist der Peso convertible nicht frei konvertierbar. Das heißt, dass die kubanische Zweitwährung von keiner anderen Nation anerkannt wird und somit erst bei der Einreise gegen Euro eingetauscht werden kann. Mit dem Peso convertible zahlt man beispielsweise in Casas particulares und Touristenbussen. 2004 schaffte die kubanische Regierung den US-Dollar als gültiges Zahlungsmittel ab. Sein Besitz blieb jedoch legal.
Der Peso cubano hat verglichen mit dem Peso convertible/US-Dollar einen Umtauschwert von 1:25. Der Peso cubano bietet sich als Zahlungsmittel für Busse und Privattaxis an, da man nicht so leicht übers Ohr gehauen werden kann und auch mit Wechselgeld rechnen darf … Versuche mal mit 20 CUC eine Busfahrt zu zahlen, die nur 0,04 Peso convertible kostet. Das wäre, als wolle man in der Bude an der Ecke mit einem 200-Euro-Schein einen Coffee to go kaufen
Wir verabreden mit Humberto, uns morgen wiederzutreffen. Sein Haus wolle er uns zeigen, meint er in der Kathedrale. Aber warum erst morgen, wenn es auch jetzt schon geht, findet er. Und schon sind wir mit Humberto unterwegs in das Viertel jenseits des Río San Juan.
Die Häuser hier draußen sind einstöckige flache Steinhütten und auch hier findet das Leben auf der Straße statt. Menschen, Hunde, Katzen, Hühner.
Humberto biegt in einen Gang zwischen zwei Häuserreihen ein. Die flurartige Nische ist maximal 80 Zentimeter breit. Es ist dreckig und Fliegen umkreisen uns. Er schließt eine Tür auf und bittet uns in den dahinter liegenden Raum: »Esta es mi casa.«
Vor uns steht ein sympathischer kleiner Mann in einem knapp zehn Quadratmeter kleinen Raum. Außer einem Bett besitzt er nur noch einen kleinen Nachttisch, auf dem ein Radio steht. Darunter liegen uralte Wälzer mit Gedichten aus aller Welt. An einer Wäscheleine hängen seine fünf Hemden, die er besitzt, und direkt neben der Eingangstür ist sein Waschbecken. Der Raum ist voller Fliegen und Moskitos. Dies ist sein Haus.
»Die fumigadores, die die Häuser ausräuchern, um der Moskitoplage Herr zu werden, kommen nicht in dieses Viertel«, erklärt Humberto und schnappt nach einem Moskito. Laut Humberto sind wir in einem Ghetto. Einem Ghetto, in dem all jene leben müssen, die enteignet wurden und die das kubanische System nicht gebrauchen kann oder brechen will.
Der alte Mann holt einen Aktenkoffer hervor, was so überhaupt nicht in die Szene passen will. Er gibt den Zahlencode ein und öffnet ihn. Darin befinden sich lediglich drei bis fünf Briefe, was schon wieder besser in das Bild passt. Er drückt uns die Briefe in die Hand und erklärt, dass das sein Kampf um das Leben seines Sohnes ist.
Wir verstehen nicht.
Na, dies sei seine Korrespondenz mit den internationalen Botschaften, antwortet er. Denn nur die konnten eingreifen, nachdem Fidel Castro seinen Sohn zum Tode verurteilt hatte.
Da gehen uns erst mal die Kinnladen runter.
Demnächst wird Humbertos Sohn 39 Jahre alt. Mitterrand höchstselbst hat sich wohl für Humbertos Sohn stark gemacht und ihn vor dem Tod gerettet.
Wann bzw. ob sein Sohn denn jemals wieder aus dem Knast herauskomme, fragen wir.
»No lo sé«, zuckt Humberto mit den Schultern. Er weiß es nicht …
Als ob das noch nicht genug wäre, zeigt er uns direkt darauf seine Wasserstelle, aus der sein Dusch- und Kochwasser kommt. Hierzu müssen wir sein »Haus« wieder verlassen. Zwei Meter neben seiner Tür liegt eine rostige Metallplatte auf dem Boden. Darunter befindet sich eine Kuhle von maximal 30 Zentimetern Tiefe. Aus dem Stein ragt ein Schlauch in das Loch hinein.
Morgen will er uns die ehemalige Villa seines Onkels zeigen.
Zuvor haben wir in der Kathedrale bereits die Adressen mit Señor Humberto Real ausgetauscht. Da wir kein Papier dabei haben, schreiben wir die Adresse auf die Packung zweier Feuerzeuge und schenken sie ihm.
Zum Dank will er uns dann eines seiner dicken Bücher schenken, was wir energisch, aber sehr dankbar verweigern. Dafür können wir kurze Zeit später nicht verhindern, dass er uns ein Getränk an einem Straßenstand ausgibt. Es ist schon fast ein kleines Gerangel, das Humberto und ich uns da liefern, da keiner von uns es zulassen will, dass der andere zahlt. Der Punkt geht leider an Humberto.
Am Busbahnhof werden wir zum ersten Mal Zeugen einer der berühmten kubanischen Menschenschlangen: vor einer Eisdiele. Kurz darauf klopfen wir bei einem Freund und Kampfgenossen Humbertos an die Tür. Dieser wohnt in einer der alten spanischen Ruinen und kocht sehr starken Kaffee. Nach einer kurzen politischen und historischen Diskussion geht’s weiter, zurück in die Altstadt.
Matanzas ist auch die »Ciudad de los Puentes«, die Stadt der Brücken. Kein Wunder, fließen doch ganze fünf Flüsse durch die Stadt. Die Brücke, die wir diesmal überqueren, besteht aus Stahl. Bei jedem Auto, das die Brücke passiert, vibriert das Metall ordentlich. Der stählerne Gehweg der Brücke ist zudem äußerst verbeult und macht keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Der freie Blick nach unten bietet uns Bleichgesichtern einen zusätzlichen Abenteuerfaktor.
Wir verabschieden uns von Humberto und versuchen erst einmal, die gewonnenen Eindrücke auf einer der vielen Bänke auf dem Parque Libertad zu verdauen. Dazu kommen wir jedoch nicht wirklich, da plötzlich der nächste nette Kubaner vor uns steht: »Where are you coming from?«
»De Alemania.«
»Ah! Tengo un amigo de Berlin!«
Weil wir so traurig ausgesehen haben, hat er sich zu uns gesetzt, erfahren wir kurz darauf. Wir sind aber gar nicht traurig, versichern wir ihm. Scheint aber auch ziemlich egal zu sein. Auf jeden Fall sollen wir – warum auch immer – mal eben zehn Minuten auf ihn warten. Okay, warum auch nicht.
Irgendwann kommt er auf einmal wieder und drückt uns einen Zettel mit einer schwer lesbaren Adresse darauf in die Hand. Zu wem diese Adresse gehört, konnten wir jedoch ebenso wenig in Erfahrung bringen, wie auch warum wir die Adresse überhaupt bekommen haben. Hm? Wir gehen einfach einmal davon aus, dass es seine Adresse ist und er demnach Alexis Gonzales heißt. Und – ob wir wollen oder nicht – von nun an begleitet er uns. Alexis ist ein Schwarzer von knapp 25 Jahren. Er ist zwar sehr nett und zuvorkommend, es irritiert uns aber doch etwas, wenn man durch mehrere Straßen von einem Fremden verfolgt wird, der einem irgendwas zeigen will, es aber letztlich doch nicht tut. Das Baseballstadion? La Cueva de Bellamar? Die Kathedrale? Naja, um ihn endlich glücklich zu machen, schlagen wir ihm vor, uns doch mal eben zum nächsten Supermarkt zu begleiten. Vor dem Supermarkt bildet sich gerade eine Menschenschlange. Anscheinend darf nur eine gewisse Anzahl an Menschen gleichzeitig in den Laden, da immer erst dann, wenn ein Kubaner den Supermarkt verlässt, ein anderer ihn betreten darf.
Gegenüber gibt’s eine Art Imbiss, wo es ebenfalls Wasser und Tropicola zu kaufen gibt. Muy bien. Tropicola schmeckt wie das Wassereis Beach – also gut. Und irgendwann ist schließlich auch Alexis Gonzales verschwunden.
Zum Abendessen gibt es zunächst eine Suppe. Vermutlich handelt es sich hierbei um eine sopa ajiaco, eine aus Knollen und Früchten bestehende Brühe. Außerdem gibt es – neben diversen Beilagen – boniatos. Das sind sehr leckere Süßkartoffeln, die man am ehesten noch mit Taro vergleichen kann. Weiter gibt es noch tostones, plattgeschagene sowie angebratene Bananen. Sehr, sehr lecker! Dazu spielt der CD-Player eine Platte des Buena Vista Social Club. Und für den Herrn Knickel gibt’s ein Bucanero. Ist wohl aber auch das letzte Bucanero en la vida del Señor Knickel gewesen: Das Bier brettert zwar recht gut, schmeckt im Abgang aber ziemlich … extrem.
Was für ein erster Tag in Kuba.
Nachträgliche Anmerkung vom 27. Juli 2009:
Amnesty International hat einen Artikel über den beängstigenden Anstieg der Todesstrafe in Kuba veröffentlicht. Darin wird auf Seite 5 auch der Fall von Humbertos Sohn, Humberto Eladio Real Suárez, erwähnt. Humbertos Sohn wurde im Oktober 1994 festgenommen. Im April 1996 wurde er wegen Vergehen gegen die Staatssicherheit, dem Abfeuern einer Waffe und Mordes zum Tode verurteilt. Die Verurteilung geht auf seine Infiltration mit sechs weiteren Exilkubanern aus den USA und die Tötung des kubanischen Wachmannes Arcilio Rodriguez Garcia zurück. Humberto Eladio Real Suárez wurde als einziger zum Tode verurteilt, die sechs anderen Männer zu je 30 Jahren Gefängnis. Laut Amnesty International wurde Humbertos Sohn bis »heute« (Stand des Artikels: 1. Juni 1999) das Recht auf eine Berufung verweigert.
Falls Humbertos Sohn wahrhaftig ein Mörder sein sollte – unter Umständen sogar ein von den USA unterstützter oder entsandter Terrorist (siehe hierzu Narben in der Erinnerung von Miguel Mejides) –, so ist er natürlich zu verurteilen. Die Art und Weise, wie sich die kubanische Regierung in diesem Fall jedoch verhält, ist in meinen Augen allerdings ebenso zu verurteilen. Und die Todesstrafe ist sowieso barbarisch …
Eine kanadische Touristin machte ebenfalls die Bekanntschaft mit Humberto Real. Ihre Eindrücke kannst Du im Original hier nachlesen.»I met [Humberto] while wandering around the town square in Matanzas. He spoke good English. He was in Castro’s special forces at one time. Ended up working for the Americans in Guantanamo. Eventually came back to Cuba to fight for his son’s life, Humberto Real Suarez. His son was imprisoned by Castro and has been in jail now for more than 10 years with no trial and no hearing of any kind. Here is the story from Amnesty International [from Amnesty International Report 1997]:
›Humberto Real Suárez, who had been sentenced to death in 1996, had still not had his appeal heard by the People’s Supreme Court by the end of the year [1997]. […] 28-year-old Humberto Real Suarez secretly put ashore in Cuba in 1994 as part of a commando that aimed to organize counter-revolutionary gangs in a mountain region 350 kilometers from Havana.‹
Humberto told me that his son was involved in a failed plot, that a Cuban government official was killed, and that it had been blamed on his son without any evidence. He said that he talked to whomever he could in the square – a lot of tourists go here – and that from doing this, he has managed to get Amnesty International involved. He reckoned that this has kept his son alive so far. His son used to be in a prison not far from Matanzas. Then he was moved to the other end of the island so that it makes it impossible for Humberto to visit his son.
Humberto struck me as a man of depth and substance who clearly understands the oppressiveness of the Castro regime, while at the same time having a great love for his land, Cuba. He was a man with the most human of desires: to simply have the freedom to live a decent life.«Ende 2010 wurde Humberto Eladio Real Suárez’ Todesstrafe zu einer 30-jährigen Freiheitsstrafe herabgesetzt. Durch diese Entscheidung des Obersten kubanischen Gerichtshofes saß fortan kein weiterer Gefangener mehr in einer kubanischen Todeszelle (Stand Oktober 2015).
Dieses Bild von 2016 zeigt Humberto Eladio Real Suárez zusammen mit seinen Eltern. Zu diesem Zeitpunkt war Humbertos Sohn bereits über 22 Jahre inhaftiert.
#Cuba Junto a sus padres el preso político Humberto Eladio Real Suárez, quién ha pasado más de 22 años encarcelado. pic.twitter.com/ep796M9tDf
— Jorge Liriano (@LirianoCuba) 3. Februar 2016
Nachträgliche Anmerkung vom 22. Februar 2026:Als Bekki und ich damals in Matanzas Humberto Real trafen, redete er von cambio, vom politischen Wechsel, und irgendwann stand da plötzlich nicht mehr nur Politik im Raum, sondern ein ganz konkreter und persönlicher Abgrund: Sein Sohn, Humberto Eladio Real Suárez, war wegen Vergehen gegen die Staatssicherheit, Schussabgabe und Mordes zum Tode verurteilt worden – und Humbertos Leben bestand fortan offenbar ausschließlich aus der verzweifelten Mission, das Leben seines Sohnes zu retten.
Doch was war überhaupt geschehen?
Humberto Eladio Real Suárez war Teil einer bewaffneten anticastristischen Gruppe, die im Oktober 1994 aus den USA kommend in Kuba landete – mit dem Ziel, im Escambray-Gebirge eine Guerilla aufzubauen.
In der offiziellen Darstellung kommt es in der Nacht zum 15. Oktober 1994 zu einer tödlichen Szene: Real Suárez habe mit einem AR-15-Sturmgewehr ein Auto mit Fischern gestoppt, sie aussteigen lassen und eine Salve abgefeuert; dabei sei Arcilio Rodríguez García getötet worden.
In einem späteren CubaNet-Interview schildert Humbertos Sohn dieselbe Nacht folgendermaßen: Er habe die Waffe auf hoher See getestet und dann offenbar vergessen, sie wieder zu sichern. Bei der Begegnung mit den Fischern sei er aus Versehen an den Abzug gekommen, was zum tödlichen Feuerstoß führte.
Er und seine Gruppe schnappen sich das Auto der Fischer und versuchen ins Landesinnere vorzudringen. Doch sie stoßen auf eine Art Sperre, einen querstehenden LKW. Ein bewaffneter Wachmann taucht auf und nähert sich dem Auto. Humbertos Sohn fordert den Mann auf, seine Waffe niederzulegen. Doch seine beiden Mitstreiter im Auto, Sosa Fortuny und Rojas Pineda, steigen nicht schnell genug aus, um den Uniformierten zu entwaffnen. Dieser nutzt diese Chance, zieht sich schnell hinter das Auto zurück und eröffnet das Feuer auf die Insassen. Sosa Fortuny wird dabei am Hinterkopf, Humbertos Sohn am Arm und am Oberschenkel getroffen. Er erwidert das Feuer, als plötzlich Grenztruppen vorfahren, die Männer überwältigen und sie festnehmen.1996 kommt es zum Prozess, bei dem die Staatsanwaltschaft für Humbertos Sohn die Todesstrafe und für die anderen lange Haftstrafen fordert. Seine Eltern, Humberto Real und Graciela Suárez, wollen ihren Sohn nicht von einem Anwalt aus den staatlich gelenkten Anwaltskollektiven vertreten lassen, sondern von einem unabhängigen Juristen. Dafür brauche es jedoch die Zustimmung des Justizministers – doch diese sei verweigert worden. Die Forderungen der Staatsanwaltschaft werden erfüllt und Humbertos Sohn wird zum Tode durch Erschießung verurteilt.
2010 wird die Todesstrafe in eine 30-jährige Freiheitsstrafe umgewandelt. Am 30. März 2023 wird Humberto Eladio Real Suárez schließlich nach 28 Jahren und fünf Monaten aus der Haft entlassen. Kurz nach der Entlassung tritt Humbertos Sohn wieder als politischer Mensch auf – nicht leise, nicht »geläutert«, sondern mit der alten Selbstbeschreibung: weiter ein »Soldat« im Kampf für Freiheit und Demokratie. Heute lebt er – nach Aussage seiner Mutter – . Sein Traum: zurück in die USA – nach Florida, wo seine Tochter Lizi lebt.
Und sein Vater?
Es ist schwierig, herauszufinden, wie Humbertos Leben nach 2007 verlief. 2018 gibt es in einem Artikel des US-finanzierten Auslandsmediums Martí Noticias einen Hinweis darauf, dass es Humberto sehr schlecht geht. Ob dies in Verbindung mit einem heimtückischen Angriff steht, von dem sein Sohn im bereits erwähnten CubaNet-Interview spricht, kann ich nicht seriös verifizieren: Laut Humbertos Sohn sei sein Vater in einem Bus in Matanzas in den Rücken gestochen worden und zwei Jahre später von der Hüfte abwärts gelähmt gewesen. Im selben Interview sagt er auch: »Que ya mi padre no está, pero está mi madre.« – »Mein Vater ist nicht mehr da, aber meine Mutter ist noch da.«
Ruhe in Frieden, Humberto. Ich hoffe, du konntest noch erleben, wie dein Sohn aus der Haft entlassen wurde.































