Tag 20: Ein Tag auf dem Parque Céspedes
Anarchistenherz
Montag, 26. Februar 2007
Trinidad
Weiter fällt auf, dass, wenn man in Kuba jemanden arbeiten sieht, dies meist von der weiblichen Bevölkerungshälfte getan wird: In Casas particulares kocht, putzt und organisiert die Frau, in Supermärkten sitzen Frauen hinter der Kasse, im Telekommunikationscenter (wo es u. a. Internet gibt) arbeiten zu 80 % Frauen etc. Lediglich die Taxifahrer, Straßenzigarrenverkäufer und Kellner sind meist männlichen Geschlechts. Seltsamer Machostaat …
Wieso gibt es hier so wenig Arbeit? Ein Land, das quasi von der Welt isoliert lebt, sollte doch in der Lage sein, sich selbst so zu verwalten, dass jeder etwas zu tun hat: reparieren, bauen, organisieren. Die Rohstoffe sind doch vorhanden. Warum verzichtete man nicht komplett auf Geld, wo doch sowieso jeder das Gleiche bekommt und Privateigentum nicht existiert? Weshalb wurde stattdessen nicht der »Tausch« eingeführt? »Du hilfst mir beim Renovieren meiner Ruine, ich backe dir dafür dein Brot.«
Die Folge ist ein Land, das gefühlt von Alkoholikern und Arbeitslosen bevölkert ist. Und damit es nicht zu extrem aussieht, erfindet man dann so bescheuerte Jobs wie hier in Trinidad den »Zaunwächter«: Am Fuß des Kopfsteinpflasterhügels steht ein Zaun, der den historischen Stadtkern vom Rest der Stadt trennt. Kommt ein Auto, wird geöffnet. Das war’s. Und der Zaun ist immer besetzt – meistens von zwei schick uniformierten Männern gleichzeitig. Das ist vielleicht weder Ausbeutung noch Entfremdung, dafür aber Verdummung am Arbeitsplatz. Was Marx oder Bakunin wohl sagen würden? Es macht mich wütend: nicht, weil dort jemand steht, sondern weil hier überall etwas zu tun wäre. So hat man es schließlich geschafft, dass eine Stadt wie La Habana zu einer postapokalyptischen Ruine verkommen ist. Und der Sozialismus pflegt sein allseits bekanntes mieses Image und die Fehlinterpretation schlechthin: Armut statt Reichtum für alle. Toll gemacht, Herr Castro.
Wir haben uns für heute nichts vorgenommen. Gestern konnten wir bereits beobachten, dass am Parque Céspedes die Vorbereitungen für den »Internationalen Büchertag« im vollen Gange waren. Das ist der mindestens dritte »Büchertag«, den wir auf Kuba erleben. Wir gehen davon aus, dass heute da unten einiges los sein dürfte: Und wir haben recht.
Die Kubaner scheinen das Lesen zu lieben. Wir haben noch nie solch einen Ansturm auf Bücher gesehen wie hier. Die ganze Stadt scheint sich an die einzelnen Stände zu zwängen, wo Bücher gleich stapelweise gekauft werden. In unserem Reiseführer steht, dass Bücher ein seltenes und von daher sehr teures Luxusgut auf Kuba darstellen. Auch dies können wir nicht bestätigen, kostet ein Kinderbuch zum Beispiel doch gerade einmal vier Pesos cubanos, knapp 20 Cent. Vielleicht war der gute Autor auf einer anderen Insel?
Was würde geschehen, wenn in Deutschland ein 20-jähriger Mann mit einem Baseballschläger durch eine Menschenmenge spazieren würde? Was wäre los, wenn in Deutschland ein 40-jähriger Mann mit einer gezogenen Machete durch eine Menschenmenge spazierte? In beiden Fällen käme unter Umständen ein SEK mit Blaulicht und Maschinenpistolen angerollt. In Kuba interessiert es keine Sau, weil beides Sport- beziehungsweise Arbeitsinstrumente und keine Waffen sind und weil es auch einfach viel zu oft vorkommt.
Wir machen es uns wieder auf einer der vielen Bänke des Platzes gemütlich und beobachten die Menschen. Ich hoffe, dass ich meine heute spürbar angestaute Wut über den verfehlten Sozialismus und die Ungerechtigkeiten wieder herunterfahren kann. Den Fokus auf anderes lenken und lästern dürfte helfen. Also los geht's:
Peinliche kanadische Herren um die 50 laufen mit frisch gekauften Strohcowboyhüten umher und scheinen entweder nicht zu bemerken, dass kein einziger Einheimischer einen ähnlichen Hut trägt, oder scheinen bewusst touristisch aussehen zu wollen. Ihre Rucksäcke, in denen sie nichts zu transportieren scheinen, binden sich die im Safarilook verkleideten Stadthotelabenteurer gleich dreimal um den Rumpf. Ha! Den Jungs macht keiner was vor. Die Frauen der Junggebliebenen nehmen derweil einen gewissen Peinlichkeitsabstand ein.
Französische Paare, die kein Wort einer anderen Sprache beherrschen, quetschen sich an den Buchständen ganz nach vorne und heucheln Interesse an den in spanischer Sprache gedruckten Büchern. Dass sie am Kinderbuchstand stehen, scheinen sie nicht zu bemerken. Steht ja auch nur auf Spanisch auf dem Transparent und nicht auf Französisch. Zut alors!
Vor dem Iberostarhotel wartet der in die Jahre gekommene ehemalige Aerobictrainer auf seine noch weit ältere Traumfrau, während sich ein Großelternpärchen ihre sechs Koffer, die sie für ihren zweiwöchigen Kubaurlaub gepackt haben, von einem Bediensteten in den Mietwagen hieven lassen. Meine Gehässigkeit mag anderes vermuten lassen, aber ich beruhige mich. Wir mögen diesen Platz irgendwie …
Auch Lästern macht durstig und so zieht es uns irgendwann in den kleinen Supermarkt um die Ecke unserer Casa. Dieser kleine Markt hat zwei Türen. Eine ist mit Entrada beschriftet, die andere mit Salida: Eingang und Ausgang. Die Analphabetenrate in Kuba ist sehr niedrig, trotzdem nutzt jeder ausschließlich den Ausgang, um den Laden zu betreten oder zu verlassen. Ein äußerst merkwürdiges Verhalten, denn die Eingangstür ist voll funktionsfähig. Kassiererinnen sind übrigens auch hier die reinsten »Frohnaturen«.
Erwähnenswert ist die in Deutschland ebenfalls sehr bekannte und wahnsinnig beliebte Taktik: »Ich habe nur eine Flasche Wasser. Darf ich vor?«
Hier funktioniert diese Methode jedoch anders: Hat man nur eine Flasche Wasser, wird lediglich laut in die Schlange gerufen, dass man ja nur eine Flasche hat und sich zur Kassiererin vorgequetscht. Hat man es bis dahin geschafft, ist es scheißegal, ob da gerade ein gestresster Tourist versucht zu bezahlen. Man hält der Kassiererin einfach die Flasche vor die Nase, brüllt so was wie »Nur das hier« oder »70 Centavos!«, greift nach der Hand der Kassiererin, drückt das Geld hinein, wackelt noch ein letztes Mal mit der Flasche vor den Augen der Kassiererin herum und verschwindet schnellstmöglich. So kommt es nicht selten vor, dass eine Kassiererin bei drei Menschen gleichzeitig abkassieren muss.
Um einen groben Überblick über das Inventar eines kubanischen Durchschnittssupermarktes zu verschaffen, geben wir die Menge der zu erwerbenden Güter in »Regale« an:
| Marmelade | ¼ Regal |
| Speiseöl | ½ Regal |
| Süßigkeiten | ½ Regal |
| Knabberartikel | 1 Regal |
| Tomatensoßen | 1 Regal |
| Dosenobst | 2 Regale |
| Softdrinks | 3 Regale |
| Alkohol | 6 Regale |
Wir holen uns noch etwas Langärmeliges aus unserem Zimmer und schlendern zurück zum Parque. Im Geschäft der ETECSA, der kubanischen Telefongesellschaft, gibt es Internet und es herrschen arktische Temperaturen. Draußen regnet es mittlerweile. Dafür gibt es gute Neuigkeiten aus Deutschland: Der 1. FSV Mainz 05 holt 16 Punkte aus sechs Spielen, und Martin Scorsese erhält endlich den Oscar für die beste Regie.
Abends trinken wir Piña Colada und Mojito auf der Treppe vor der Casa de la Música. Eine Liveband spielt Salsa und wir begegnen der »Polska«-Frau vom Vorabend, die sich so sehr darüber freut, ihre stummen Freunde wieder zu treffen, dass sie sich vor Lachen nicht mehr einkriegt. Wir lachen mit ihr, und sie sagt uns, dass sie uns mag. – Wir mögen sie auch.






