Tag 22: Der beschissenste ReisefĂĽhrer der Welt und der kackbraune Staatsdiener

Anarchistenherz

Mittwoch, 28. Februar 2007
Trinidad

Wir wollen zum Strand. Unbedingt. Der „ReisefĂĽhrer unseres Vertrauens“ verrät uns, dass es noch einen Strand namens Playa Maria Aguilas geben soll, der „etwas dichter am Ort“ ist. Unter „Ort“ verstehen wir Trinidad und „dichter“ muss sich auf La Boca (der hässliche Strand von vor drei Tagen) beziehen, da er direkt vor o.g. Zitat von eben diesem Playa La Boca schreibt.
So unsere Analyse des Textes. Die Wahrheit sieht aber einmal mehr anders aus, und wir möchten hiermit offiziell zur Sammelklage aufrufen. Dieses Buch gehört aus dem Verkehr gezogen, denn:
Wir laufen durch die vormittägliche Sonnenbrut in Vorfreude auf den Strand. Skeptisch sind wir zwar bereits beim Loslaufen, aber nach sorgfältiger Analyse des Textes kommen wir nur zu dem Schluss, dass dieser Strand näher als 4km an Trinidad liegen muss.
Kubaner kann man leider nicht fragen, da man entweder eine falsche Antwort, eine zu bezahlende Antwort, eine sinnlose Antwort („¡Si, está muy bonito allĂ­!“) oder eine komplett unnötige weil unverständliche Antwort bekommt. Also laufen wir und laufen. Schwitzen und Laufen. Mindestens 2km von Trinidad entfernt sind die Zweifel so sehr gewachsen, dass wir es dann doch noch einmal versuchen: Wir fragen einen Kubaner.
„Noch knappe acht Kilometer“, lautet dessen Antwort, und unsere BefĂĽrchtung bestätigt sich. Der Sponk von ReisefĂĽhrerautor war also auch nicht in Trinidad und schon gar nicht am Playa Maria Aguilas, oder aber man hat die Positionen zweier Ortsbeschreibungen im Buch einfach vertauscht, so dass der Bericht ĂĽber den 13km entfernten Playa AncĂłn nun einfach hinter und nicht vor der Beschreibung von Maria Aguilas steht. Was soviel bedeutet wie: „Ort“ bei „etwas dichter am Ort“ bezieht sich nicht auf Trinidad, sondern auf das Kuhkaff Playa AncĂłn. Danke, Herr Frank Herbst. Danke, Reise Know-How Verlag.

Zuvor hatten wir uns unsere Touristenkarten (unser Visum) verlängern lassen, was einmal mehr eine Show made in Cuba war: Um seine Touristenkarte verlängern zu lassen, muss man mit seinem Reisepass, der Touristenkarte und Briefmarken, die man vorher in der Bank für 25 CUC gekauft hat, ins Oficina de Inmigración[1]. Diese Institution befindet sich scheinbar in jeder Stadt am äußersten Stadtrand, so dass die blöden Touristen auch ja immer einen weiten Weg hinter sich bringen müssen.
Typisch Behörde: Um 12 Uhr schlieĂźt das Oficina. Also kommen wir um 10 Uhr dorthin. Auch, weil man wohl mit Wartezeiten rechnen muss. Wir betreten die bessere SteinhĂĽtte und begegnen auch prompt einem uniformierten Staatsdiener. Was wir hier wollen, fragt er uns. Diese Frage irritiert zunächst leicht, da dieses Oficina mit Touristen â€“ unseres Wissens nach â€“ nur diese eine Sache macht: Visum verlängern.
„Visum verlängern“, lassen wir ihn wissen.
„Kommt morgen wieder“, sagt die faule Sau. Ăśberall das gleiche â€¦
„Nein. Morgen sind wir nicht mehr hier,“ antworten wir trotzig. Der Mann wirkt plötzlich sichtlich ĂĽberfordert, tänzelt kurz nervös auf der Stelle und bittet uns, zu warten. Wir setzen uns in den „Wartesaal“ und warten. Es ist zwar sonst nichts los, aber wir stellen uns schon auf eine längere Wartezeit ein, als der gute Mann uns nach erstaunlich kurzer Zeit in sein BĂĽro bittet.
Das „BĂĽro“ ist ein „steinerner Glaskasten“. Zwei der vier Wände bestehen aus Fenstern, wobei in Kuba Fenster nicht gleich Fenster sind. Hier werden nämlich in die „Fensterlöcher“ keine Glasscheiben eingesetzt, sondern Holzjalousien (Bretter, die man mit einem Hebel öffnen oder schlieĂźen kann). Ob dieses Räumchen auch „Transparenz“ symbolisieren soll, wie zum Beispiel das Gebäude des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, bezweifeln wir hierbei stark.
Wer „Im Juli“ von Fatih Akin gesehen hat, sollte sich jetzt bitte die Szene an der bulgarisch-rumänischen Grenze vorstellen. Wer „Im Juli“ nicht kennt, stelle sich bitte die Eröffnungssequenz von „Spiel mir das Lied vom Tod“ vor (genauer: den Cowboy mit der Fliege, nur ohne Fliege):
Vor uns sitzt ein verschwitzter und genervter Kubaner in einer kackbraunen Uniform. Der Raum ist karg. Außer einem Schreibtisch und einem eher vermüllt wirkenden Aktenschrank befinden sich keine weiteren Möbel im Zimmer. Die vorherrschenden Farben sind grau und ein mattes rot. Auf dem Schrank liegt eine kaputte (?) Radioantenne und die militärisch alles andere als perfekt gefaltete kubanische Flagge.
Der UniformbĂĽrokrat wischt sich den SchweiĂź von der Stirn und öffnet einen Ordner. Er holt zwei vorgedruckte Formulare heraus und beginnt diese mit Hilfe unserer Reisepässe auszufĂĽllen. Er fragt mich irgendetwas, was ich nicht verstehe. Ich antworte auf gut GlĂĽck einfach mit der Adresse unseres Casas hier in Trinidad, woraufhin er verwirrt dreinblickt. Er wiederholt seine Frage. Erst jetzt verstehe ich, dass er mich nach meinem Beruf fragt. „Oh, estudiante“, antworte ich. Er gibt einen akzeptierenden Laut von sich und trägt meine Antwort in das Formular ein. Als nächstes greift er nach einem der drei Stempel, die ungeordnet auf dem Tisch liegen, drĂĽckt ihn ins Stempelkissen und „akzeptiert“ meinen Antrag auf Aufenthaltsverlängerung gleich dreifach.
Der arme Mann muss die höchst anstrengende Prozedur gleich noch einmal wiederholen. Diesmal mit Rebekka. „ÂżTambiĂ©n estudiante?“ „Si“, nickt Bekki. Erleichtert trägt er die gleiche Profession ein. Eine andere Berufsangabe hätte den armen sozialistischen Schreibtischathleten wohlmöglich ĂĽberfordert. Auch Rebekka bekommt ihre dreifach akzeptierte Aufenthaltsverlängerung.
Der Kackbraune verlässt den Raum, um irgendetwas zu tun. Ich schlage Bekki aus SpaĂź vor, dass wir doch die Fahne klauen könnten und muss geschockt feststellen, dass ich sie â€“ wider Erwarten â€“ Sekunden später davon ĂĽberzeugen muss, die Fahne doch bitte liegen zu lassen. Kubanischer Knast. Dort gibt’s bestimmt auch keinen Strand â€¦

Gestern war Nancys Geburtstag und plötzlich ist das Haus wieder leer. Wir stellen somit fest: Fast eine komplette Woche lang bereitet sich so eine kubanische Familie auf einen Geburtstag vor. Fast eine Woche lang saßen hier ca. acht Menschen einfach nur herum und haben nichts gemacht außer gelärmt und gesoffen.

Buenas noches,
Dennis y Rebekka

PS: Morgen verlassen wir Trinidad in Richtung Cienfuegos. Wir wollen uns von daher an einer Bushaltestelle erkundigen, wann ein Guagua dorthin zu erwarten ist. Man verweist uns an einen „Amarillo“, einen in gelb gekleideten Busbullen, der eine Liste erstellt, auf die man eingetragen werden muss, um mitgenommen zu werden.
Der gute Sozialist weigert sich allerdings â€“ in einem bös’ aggressiven Ton â€“ uns Kanaken auf die Liste zu setzen. â€¦ Sind doch schlieĂźlich reiche Imperialisten. Die können auch mit dem teuren Bus fahren.


  • [1]
  • Ein Schweizer, den wir auf dem Weg in die Schweinebucht trafen, meinte, er musste auch sein RĂĽckflugticket vorzeigen. Wir mussten dies nicht â€¦

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