Tag 23: Schönes Cienfuegos

Anarchistenherz

Donnerstag, 1. März 2007
Trinidad â€“ Cienfuegos

Reisetag. Eigentlich eher selten ein Grund zur Freude, aber wir wollen Trinidad doch nun wirklich verlassen. Es ist zu klein, und es fehlt der Strand und das Meer, um es hier noch länger auszuhalten.
Ein letztes Mal schlendern wir durch die Stadt, wimmeln Zigarren- und Reittourenverkäufer ab, lassen die Taxifahrer links liegen und beobachten am Plaza Mayor, wie sich ein Blinder einen Achtjährigen in Schuluniform schnappt und sich von ihm eine Kippe anzĂĽnden lässt. Der Blinde schnorrt â€“ auch das sollte erwähnt werden â€“ direkt neben der Iglesia Parroquial, also neben der Kirche. Als wir uns gestern die Kirche von innen anschauten, wurden wir beim Herausgehen vom Pfarrer (oder einer irgendwie anders tätigen Kirchengestalt) um Geld angebettelt. Nun stellen wir uns die Frage: Stehen der Blinde und die Kirche in Konkurrenz zueinander? Sieht es die Kirche gerne, dass der Blinde vor der Kirche potentielle Finanziers bereits zum Samariter fĂĽr seine Wenigkeit werden lässt? Die Kirche hat immerhin den groĂźen Vorteil, dass der Blinde sich offenbar auch nicht mehr all zu gut auf sein Gehör verlassen kann und meistens erst mit seinem Text beginnt, wenn die Touristengruppe bereits an ihm vorbei geschlichen ist. Erwischen kann er sie meist erst beim Verlassen der Kirche.
Eine weitere Frage, die wir uns stellen, ist, wie die Kirche die gesammelten Gelder einsetzt: Wird das Gotteshaus davon in Stand gehalten oder werden, ganz im Stile eines Jesus C., die BedĂĽrftigen damit versorgt? In beiden Fällen kann es von daher nur so sein, dass die Kirche den Blinden am Liebsten nicht dort stehen hätte. SchlieĂźlich behindert er somit entweder die Kirchenrestauration, oder seine Egoschnorrerei kommt nur ihm selbst, nicht aber der armen gehbehinderten Oma oder dem kleinen tauben JosĂ© zu Gute, denen die Kirche doch so gerne etwas abgeben wĂĽrde â€¦ Dieses behinderte Arschloch. Und sich dann auch noch Zigaretten von Kleinkindern anzĂĽnden lassen. Wir verfluchen ihn!

Um 14:25 Uhr fährt unser Víazul[1] in Richtung Cienfuegos ab. Die Fahrt beginnt wie eine Schifffahrt. Der Bus zwängt sich durch die verwinkelten kopfsteingepflasterten Straßen Trinidads und schaukelt dabei doch ordentlich. Nachdem wir uns die letzten beiden Tage etwas mit Trinidad und seinen vielen anstrengenden Einwohnern gequält haben, erinnert uns das Schaukeln des Busses dann aber doch wieder daran, wie hübsch die Stadt doch eigentlich ist. Eine Stadt, die sich seit über 100 Jahren optisch kaum verändert hat:
In den Zeiten der Konquista grĂĽndete der Spanier Diego Velázquez im Jahre 1513 Trinidad[2]. Es war die dritte Siedlung, die Europäer auf Kuba errichteten. Reich wurde die Stadt Anfang des 19. Jahrhunderts durch den Zuckerboom. Als dann jedoch die Zeiten der Sklavenbefreiung und des Unabhängigkeitskrieges kamen, verlor Trinidad an Bedeutung und wurde von einer wirtschaftlichen Depression erfasst. Es fehlten auf einmal die finanziellen Mittel und eine StraĂźe ins Landesinnere (so blöd es auch klingen mag â€¦). So war man zu sehr von der AuĂźenwelt abgeschnitten, was die Entwicklung der Stadt natĂĽrlich jäh stoppte. Tja, Geschichte kann manchmal ziemlich absurd sein.
1950 wurde die Stadt dann ĂĽbrigens zum „Nationaldenkmal“, und seit 1989 ist Trinidad Weltkulturerbe.

Karte - Cienfuegos
Bereits als wir uns Cienfuegos nähern, können wir erahnen, dass es sich hierbei um eine schöne Stadt zu handeln scheint. In einer riesigen Bucht gelegen, erfreut uns schon allein der Anblick des Meeres. Endlich wieder Wasser direkt vor Ort!
Der Bus fĂĽhrt uns durch die Vororte der „saubersten Stadt Kubas“, vorbei am prunkvollsten Friedhof, den wir je gesehen haben (NecrĂłpolis Tomás Acea) in die Stadt hinein. Am Busbahnhof wird jeder Tourist, der den Bus verlässt, prompt von Kubanern belagert: „¡Casa Particular!“ â€“ „¡Taxi!“ â€¦ das Ăśbliche eben.
Wir entfernen uns schnellstmöglich und kopfschüttelnd und retten uns aus dem Busbahnhof hinaus auf die Straße. Mit so viel Gepäck ist man jedoch Freiwild auf Kubas Straßen, und so werden wir auch hier regelmäßig aber dezent angequatscht.
Wir marschieren los in Richtung Innenstadt. Unser Plan sieht wie folgt aus:
Für die ersten zwei Nächte ein Casa Particular in Zentrumsnähe finden, dann auf der Halbinsel Punta Gorda[3] ein neues Casa finden und dorthin umziehen.
Wir nähern uns dem Zentrum der 123.000-Einwohner-Stadt und beginnen, uns nach Casa Particulares umzusehen. Mein „helles Köpfchen“ fällt den zwar in ihren Wohnzimmern sitzenden, aber dennoch sehr geschäftstĂĽchtigen, Casa-Betreibern offenbar sofort auf. Zumindest öffnet sich tatsächlich jede TĂĽr, vor der wir länger als drei Sekunden stehen, ohne dass wir klingeln oder klopfen mĂĽssen. Wir lassen die Damen und Herren wissen, dass wir uns zunächst das Zimmer ansehen möchten und danach ĂĽber den Preis reden wollen. Alle stimmen dem zu und so besichtigen wir die ein oder andere Wohnung, stellen die „wichtigen Fragen“ (Eigenes Badezimmer? 220 Volt-Steckdose?) und spitzen unsere Ohren, ob wir nicht bereits jetzt einen zu lauten Nachbarn, die StraĂźe oder ähnliches hören können, was uns die Nächte ĂĽber stören könnte. Wir sind wählerisch und entdecken auf diese Art und Weise, dass der Preis pro Ăśbernachtung um fĂĽnf CUC sinkt (!), sobald man wieder in der TĂĽr steht und sagt: „Wir schauen uns noch ein wenig um. Vielleicht kommen wir wieder.“
Muy interesante â€¦

Wir tingeln von Haus zu Haus und entscheiden uns gegen die laute Vogelsammlung eines alten Ehepaares und gegen eine Wohnung, in der die Tür zum Gästezimmer eher einer Saloontür gleicht. (Wer größer als 1,65m ist, kann darüber hinweg direkt auf das Bett schauen. Abschließen ist nicht möglich.)

Cienfuegos macht einen tollen ersten Eindruck auf uns. Auf der Casa-Suche durchqueren wir bereits die Fußgängerzone (Avenida 54), welche dreimal so breit ist wie die Obispo in La Habana.

Cienfuegos

Zudem ist „El Boulevard“ noch viel schöner und tausendmal sauberer als die FuĂźgängerzone der Hauptstadt.
Direkt hinter der FuĂźgängerzone folgt der Parque MartĂ­, der als einer der schönsten Plätze Kubas gilt, was durchaus stimmen dĂĽrfte. Er ist schön angelegt (Statuen, GrĂĽnzeug, viele â€“ auch schattige â€“ Sitzmöglichkeiten) und wirkt sehr groĂźstädtisch.

Parque MartĂ­

Kurz darauf finden wir ein Casa, das uns sehr zusagt, jedoch bereits belegt ist. Der Mann des Hauses kennt jedoch „genau das richtige Casa“ fĂĽr uns und fĂĽhrt uns dorthin. Das Zimmer ist zwar potthässlich, erfĂĽllt aber ansonsten alle Anforderungen (eigenes Bad, 220-Volt-Steckdose, kein altes taubes Ehepaar mit lautem Fernseher, keine HauptverkehrsstraĂźe, scheinbar keine „Wir-lärmen-den-ganzen-Tag“-Nachbarn, gute Lage, nicht zu teuer). Und so schlafen wir nun die nächsten zwei Nächte in einem ca. 5-6m hohen Raum, der frĂĽher vermutlich mal Teil einer Hafenlagerhalle oder ähnlichem war.

Nachdem wir unser Gepäck abgelegt haben, spazieren wir ein wenig durch Cienfuegos. Unser Casa ist in einer Seitenstraße, einen halben Block von der Calle 37 entfernt, die direkt auf die Halbinsel Punta Gorda führt. Dorthin zieht es uns auch als aller erstes. Wir müssen schließlich sehen, ob unsere Vermutung, dass dort Wohnen am Besten sein müsste, auch tatsächlich stimmt.
Es scheint zu stimmen. Die Uferstraße (Calle 37, der Malecón) ist sehr schön, und die Halbinsel versprüht einen sehr sympathischen Charme. Ernsthafte Urlaubsgefühle kommen tatsächlich auf!

Punta Gorda

Wir entdecken sogar einen kleinen Strand, der zwar extrem felsig ist, aber besser als gar keiner.

Und dann wird aus Cienfuegos unser kubanischer 6er im Lotto: Eine alte Frau sitzt mit einem selbst gebastelten Schild auf einem Plastikhocker an der StraĂźe. Sie macht Werbung fĂĽr ihr Casa Particular und quatscht uns im Vorbeigehen natĂĽrlich sofort an. Wir haben sowieso gerade nichts Besonderes vor und lassen uns von ihr das Zimmer zeigen. Was sollen wir sagen: fĂĽr einen super Preis bekommen wir bei der Frau zwei Schlafzimmer (!?) und ein eigenes Bad (mit Klobrille!!!). Das Zimmer scheint auch total ruhig zu sein, was in Kuba Seltenheitswert hat!
Wir lassen die alte Frau wissen, dass wir es uns ĂĽberlegen werden und bekommen dann â€“ anstelle von fĂĽnf CUC Ermäßigung â€“ gesagt, dass sie oben noch eine Wohnung mit Balkon mit Meeresblick hat. Hmm â€¦
Trotzdem reservieren wir noch nicht. SchlieĂźlich könnte es ja noch besser kommen. Wir schlendern weiter die schöne Halbinsel entlang und entdecken knappe fĂĽnf Minuten FuĂźmarsch von Mirthas (der alten Dame) Haus entfernt das 4-Sterne-Hotel Jagua, ein Plattenbau aus den 50er Jahren, den lustigerweise Batistas Bruder erbauen lieĂź. Wir machen den ultimativen Test: Können wir einfach so den Komplex betreten, oder werden wir sofort als Nichtkunden entlarvt â€¦!?
Ohne Probleme kommen wir an diversen Angestellten, am Sicherheitsmann und sogar an der Rezeption vorbei und betreten den Innenbereich des Hotels. Genauer gesagt: den Poolbereich. Wir setzen uns an die Kaimauer und beobachten den genau vor uns stattfindenden knallroten Sonnenuntergang. Niemand stört sich an uns, und uns wird klar: Wir ziehen bei Mirtha ein und benutzen umsonst den Pool und die Liegestühle des Jaguas. Auf dass der entspannende Teil unseres Trips beginnen möge!

Auf dem Rückweg schauen wir noch mal kurz bei Mirtha vorbei und reservieren das Balkonzimmer ab dem 03. März. Sie freut sich, wir freuen uns. Alles wunderbar.
In der Stadt finden wir ein polynesisches Restaurant (El Polinesio, direkt am Parque JosĂ© MartĂ­) und bringen die Bedienung mit unserer Bitte nach etwas Vegetarischem kurzzeitig zum Verzweifeln. Es wird auf die Schnelle improvisiert, was der Kellnerin wohl etwas peinlich ist. Zumindest kosten die Getränke nichts, und wir bekommen fĂĽr unsere Salatteller, den Teller Boniatos und den Teller Reis einen Spezialpreis. Cienfuegos scheint schön zu sein. Hoffentlich bleibt das auch so …


  • [1]
  • Neben Astrobus ist VĂ­azul die zweite staatliche Busgesellschaft; auch hier wird in CUC gezahlt; die Preise sind, verglichen mit der DB, absolut okay. FĂĽr die 80km nach Cienfuegos zahlen wir 6 CUC pro Person.

  • [2]
  • Zuvor hatte Velázquez bereits Baracoa (die erste Siedlung von Europäern auf Kuba), Bayamo, Sancti SpĂ­ritus und Puerto PrĂ­ncipe (heute: CamagĂĽey) gegrĂĽndet. 1514 grĂĽndete er Santiago de Cuba und 1515 La Habana.

  • [3]
  • Die Halbinsel Punta Gorda erstreckt sich tief in die Bahia de Cienfuegos (die Bucht). Sie ist ein Teil der Innenstadt (vielleicht schon fast als ein eigenes Stadtviertel zu bezeichnen). Man erreicht sie ĂĽber die Calle 37 (alias MalecĂłn alias Paseo del Prado), welche die HauptstraĂźe der Stadt ist. An die Calle 37 grenzt u.a. die FuĂźgängerzone (auch das gibt es hier!).

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