Tag 24: Wunderschönes Cienfuegos

Anarchistenherz

Freitag, 2. März 2007
Cienfuegos

BĂĽchermarkt in Cienfuegos! Man muss aber ganz klar sagen, dass dieser BĂĽchermarkt alle bisher gesehenen bei Weitem ĂĽbertrifft. Er ist professionell aufgezogen, mit BĂĽhnen, Kinderprogramm, und so weiter. Dieses Auftreten der Stadt kann man fast schon als „symbolisch“ bezeichnen, macht Cienfuegos doch in jeder Hinsicht einen „professionelleren“ Eindruck als alle anderen Städte, die wir bisher gesehen haben. Angefangen bei der Sauberkeit ĂĽber die FuĂźgängerzone bis hin zum Flair. Hier stimmt einfach so einiges!

Wir spazieren durch die nette FuĂźgängerzone und stellen fest, dass nur in Städten wie Trinidad und La Habana die Arbeitslosenquote extrem hoch sein muss, und die von uns beklagte Faulheit der BĂĽrger ganz offensichtlich nicht auf die BĂĽrger dieser Stadt zutrifft. Zwar gibt es auch hier die Schnorrer (seltsamerweise sitzen diese hier meist in RollstĂĽhlen und haben keine FĂĽĂźe mehr) und jene, die dir einfach alles verkaufen können (auĂźer Pinzetten; mit dieser Frage kann man den Herren einen sehr lustigen Gesichtsausdruck aufs Gesicht zaubern), dafĂĽr kann man hier aber auch „richtig konsumieren“. Es gibt Restaurants, CafĂ©s, Friseure, Schneidereien, touristische Läden, Banken, kleine und größere Supermärkte, Musikgeschäfte, Elektrofachhandel und Eisdielen. Maler sitzen auf ihren klapprigen GerĂĽsten und streichen die Häuser in knallbunten Farben, StraĂźenkehrer erhalten das Image der „saubersten Stadt Kubas“, und die Krankenschwestern mit ihren stylishen Uniformen aus den 60ern und den krassen Strumpfhosen gehen mit Kindern spazieren.

Schwester

Der Eindruck erhärtet sich: Cienfuegos ist eine schöne Stadt.
Wir suchen den „besten Supermarkt“ der Stadt. Mindestvoraussetzung hierfĂĽr ist: Er muss die leckeren brasilianischen Waffeln fĂĽhren und den kleinstmöglichen Preis fĂĽr eine 1,5l-tuKola-Flasche anbieten.

Am Parque José Martí schauen wir uns die Catedral de la Purísima Concepción von innen an und amüsieren uns darüber, dass man aus dem Kruzifix einen kitschigen Brunnen gebastelt hat (ein mit Alufolie umwickelter und mit Löchern versehener Gartenschlauch hängt ringförmig um den gekreuzigten Jesus herum) und dass man die Marienfigur so hingestellt hat, dass man beim Anbeten unausweichlich Che Guevaras Antlitz auf einem riesigen Schild durch das Fenster hinter Maria zu sehen bekommt. Zufall?

Che
Diesen Che sieht man, wenn man die Marienstatue in der Kathedrale anbetet.

Als nächstes zieht es uns wieder auf die Halbinsel Punta Gorda. Wir laufen bis zu deren Ende, um uns dort die Bar La Punta anzusehen. Dort soll man angeblich (laut ReisefĂĽhrer, ohoh â€¦) im Meer schwimmen können. Da uns der gestern entdeckte Ministrand nicht wirklich ĂĽberzeugen konnte, sind wir gespannt. Auf dem Weg dorthin fragt uns ein Bicitaxi, ob er uns „zum Strand“ fahren soll. „Hat er Playa gesagt?“ fragen wir uns gegenseitig. Mit einem Strand rechnen wir eigentlich gar nicht (steht auch so nicht im ReisefĂĽhrer; aber was hat das schon zu bedeuten?). Die Spannung steigt, und wir sind positiv ĂĽberrascht, als wir das absolute Ende der Halbinsel erreichen:
Einer der Kellner der Bar empfängt uns sehr freundlich („Wir haben den besten Mojito der Stadt! Schmeckt er nicht, kostet er nichts!“) und gewährt uns kostenlosen Zutritt auf das Gelände der Bar (laut ReisefĂĽhrer kostet dies nämlich einen halben CUC â€¦ tja, den Hohlroller haben sie vermutlich tatsächlich Eintritt zahlen lassen.).
Es ist wunderschön hier! Die „Bar“ ist ein kleiner Pavillon, der auf einem wirklich tollen GrundstĂĽck steht. Eine Mischung aus Park und Strand, einem Pavillon, einem Häuschen und Palmen. Zwar muss man vom „Strand“ aus drei Stufen ins Wasser hinabsteigen, dafĂĽr sind die Felsen dort weggeräumt, so dass man hier tatsächlich ein wenig schwimmen kann. Der „Romantiker-Pavillon“ ist an der Spitze der Insel erbaut worden. Sitzt man darin, hat man also nur Wasser um sich herum, und die Aussicht ist groĂźartig. Sogar das Gebirge (Sierra del Escambray), welches sich bei Trinidad befindet, kann man von hier aus sehen! AuĂźerdem sieht man auch die Ruine des nur zu 70% fertig gestellten und nie benutzten einzigen Atomkraftwerks Kubas hinter einem HĂĽgel hervorragen. Dieses Projekt scheiterte mit der Wende. Auch, weil man Zweifel an der Qualität der russischen Reaktoren hatte. Hauptsächlich jedoch, weil die Finanzierung nicht geklärt werden konnte.

Wir bleiben einige Zeit im Pavillon sitzen und lassen uns den Wind um die Nase wehen, als uns ein Kubaner auf Deutsch anspricht: „Gute frische Luft, ne?“ Wir lächeln freundlich und nicken mit dem Kopf, woraufhin er seine Augen aufreiĂźt und uns fragt, ob wir Deutsche seien. Erneut nicken wir mit dem Kopf. Davon ist er so begeistert, dass er sich neben uns stellt und uns (in nahezu perfektem Deutsch) seine Lebensgeschichte erzählt:
In den 60ern ist er zum Studieren nach Merseburg, in der Nähe von Leipzig, gezogen. Sechs Jahre lang hat er in der DDR gelebt („Ihr seid aus dem Westen, stimmt’s?“). Zeit genug, um mit einer Merseburgerin zwei Kinder zu zeugen. Deshalb spricht er auch heute noch so ein verdammt gutes Deutsch: Er besucht seine „Kleinen“ (37 und 39 Jahre alt) des Ă–fteren mal in Deutschland. „Zuletzt in 2004.“ Die DDR hat er Ende der 60er Jahre jedoch aus „revolutionären GrĂĽnden“ wieder verlassen. Seine Frau wollte nicht mit ihm nach Kuba ziehen, und so musste er seine Familie zurĂĽcklassen. Freddio bedauert es, dass Deutschland 2006 nicht FuĂźballweltmeister wurde („Ihr habt so gut gespielt. […] Wir haben es auch hier in Kuba verfolgt.“), freut sich aber umso mehr, dass es 2007 mit dem Handballweltmeistertitel funktioniert hat.
Der ältere Herr ist voll und ganz Macho. So unterhält er sich ausschließlich mit mir und stellt sich auch nur mir vor. Trotzdem ist er ein lieber und sympathischer Mensch. Er lädt uns sogar zu sich nach Hause zum Essen ein und glaubt, uns eine kostenlose Unterkunft in Camagüey organisieren zu können. Dort wollen wir jedoch schon gar nicht mehr hin, nachdem wir in den letzten Tagen bereits zweimal hörten, dass es dort sehr aggressive Jinteros (Schlepper) und eine hohe Kriminalität geben soll. Aber, mal sehen: Vielleicht rufen wir tatsächlich mal bei Freddio an, lassen uns zum Abendessen einladen und hören uns seine restliche Lebensgeschichte an. Seine Telefonnummer und seine Adresse hat er uns natürlich gleich mal aufgeschrieben.

Wir ziehen weiter: zurück in Richtung Innenstadt. Wir machen Halt am Parque de las Esculturas und schauen ihn uns mal genauer an. Dieser Platz befindet sich noch im Aufbau, wir sehen jedoch, dass auf dem Ortsbeschreibungsschild der 3. März 2007 als Einweihungstag eingetragen ist. Das ist morgen!
Dieser Platz ist einfach nur als „genial“ zu beschreiben. Einige KĂĽnstler der örtlichen Kunstakademie dĂĽrfen hier Skulpturen errichten, die entweder einfach nur toll aussehen oder sogar als Bänke zu nutzen sind. Zwischendrin sind Babypalmen eingesetzt worden, und selbst der Boden des Parks ist kunstvoll und schön gestaltet.
Wie gesagt ist morgen der große Einweihungstag, und so kann man tatsächlich ein paar Künstler noch bei letzten Ausbesserungsarbeiten beobachten. Einer von ihnen hat allerdings noch einiges mehr als nur Ausbesserungsarbeiten zu tun: Sein Werk fehlt noch komplett.
Unsere Vermutung ist die folgende: Der gute Mann hat bis zuletzt an seinem Kunstwerk arbeiten mĂĽssen, so dass ihm bisher die Zeit fehlte, den Sockel auf dem Park zu errichten, auf dem sein Werk stehen soll. Also mauert er wie ein Wilder. Als er mit dem Bauen des runden Sockels fertig ist, kommt unmittelbar darauf ein Kollege mit einem Bagger angefahren. Die Baggerschaufel ist voller Sand, womit die beiden den Sockel auffĂĽllen möchten. Bekki und ich fragen uns, ob es denn sinnvoll ist, das Podest, welches ja erst vor fĂĽnf Minuten fertig wurde, nun bereits mit Sand zu fĂĽllen. Und, nun ja: Bei der zweiten Ladung Sand geschieht das UnglĂĽck: Der Sockel bricht auseinander und der KĂĽnstler greift sich in purer Verzweiflung an den Kopf. Sein Kunstwerk wird bei der Einweihungszeremonie morgen fehlen â€¦ Die Niedergeschlagenheit ist dem armen Kerl deutlich anzusehen.

Unser Weg fĂĽhrt uns an Mirthas Haus vorbei. Wir sind mit ihr fĂĽr „irgendwann nachmittags“ verabredet. Wir sollen ihr die erste Ăśbernachtung im Voraus zahlen, damit sie auch sicher sein kann, dass wir kommen und sie das Zimmer nicht an jemand anderes vermietet. Mirtha ist allerdings nicht zu Hause, was jedoch kein groĂźes Problem darstellt, da wir sie heute sowieso schon mal im Supermarkt getroffen haben und ihr versichert haben, dass wir kommen werden und wir auch nach dem Abendessen noch mal vorbeikommen können.
Das Abendessen ist übrigens großartig. Endlich essen wir einmal bei einem Kubaner, der würzen kann! Fast kann man noch mal ins Grübeln kommen, ob man dieses Casa (bzw. diesen Koch) tatsächlich verlassen will. Endlich mal keine Moros y Cristianos. Sehr lecker!

Nach dem Abendessen wandern wir wieder die Halbinsel entlang, beobachten, dass Cienfuegos Baseballmannschaft ein Heimspiel zu haben scheint (das recht große Stadion ist ca. 1 km vom Malecón entfernt), bezahlen Mirtha die Miete für die erste Nacht und setzen uns wieder in den Parque de las Esculturas. Im Dunkeln hat der Park eine noch tollere Atmosphäre als am Tage, was wohl daran liegt, dass jedes einzelne Kunstwerk schön beleuchtet wird. Wir sitzen hier, ergötzen uns an den Werken und einigen uns darauf, dass dies der schönste Park / Platz ist, den wir in Kuba gesehen haben. Ein toller Ort!

Parque de las Esculturas (1)
Entweder „nur“ hĂĽbsch â€¦

Parque de las Esculturas (2)
… oder sogar praktisch!

Parque de las Esculturas (3)

Parque de las Esculturas (4)

Parque de las Esculturas (5)

Parque de las Esculturas (6)

Parque de las Esculturas (7)

Parque de las Esculturas (8)

Morgen ziehen wir um. Drei Minuten Fußweg vom schönsten Platz Kubas entfernt, fünf Minuten bis zum Pool und noch ein kleines bisschen mehr zur Bar La Punta. Alles super hier.
Ach ja! Ganz nebenbei sind wir heute knapp 18 bis 20 km gelaufen. Das spricht wohl eindeutig fĂĽr diese Stadt.

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