Tag 25: Ein Tag am Pool

Anarchistenherz

Samstag, 3. März 2007
Cienfuegos

Der Tag beginnt mit dem Umzug auf die Halbinsel. Wir kommen in Mirthas Casa an, stellen unser Gepäck ab und bekommen ein BegrĂĽĂźungsgetränk. Mal sehen, ob wir das am Ende unseres Aufenthaltes in diesem Haus auf der Rechnung wieder finden. Nach allgemeiner Erfahrung gehen wir einfach einmal stark davon aus. Soviel zur kubanischen Gastfreundschaft …
Unser Zimmer wird noch geputzt. Von daher warten wir im Erdgeschoss des zweistöckigen Hauses. Das Erdgeschoss des eher amerikanisch wirkenden Hauses besteht aus dem sehr geräumigen Wohnzimmer und der KĂĽche. An den Wänden und auf jeder sich anbietenden Unterlage hängen und stehen die wohl peinlichsten Fotos, die Bekki und ich jemals sehen durften. Da war die komplette Familie wohl mal beim „Profi“ und hat sich in den ĂĽbelsten Posen und den hässlichsten KostĂĽmen ablichten lassen, die man sich vorstellen kann. Eigentlich kann man sich so etwas gar nicht vorstellen. Es zu beschreiben fällt schon schwer. Wenn ich es mir recht ĂĽberlege, ist es unmöglich. Ich werde versuchen, die Fotos heimlich abzufotografieren â€¦
Auch in diesem Haus â€“ das wird jetzt langsam klar â€“ scheint eine Unmenge an Menschen zu leben. So lernen wir zunächst einmal die 93-jährige Uroma kennen, die den ganzen Tag am Fenster sitzt. Nach eigener Aussage redet sie nicht mehr viel. Diese These widerlegt sie jedoch unmittelbar danach mit einem kleinen Redeschwall. Wir lassen sie gewähren, tut es ihr doch sichtlich gut, sich mal wieder jemandem zu offenbaren. „Ich bin schon sehr alt“, sagt sie ständig in einem schwer melancholischen Ton. Ihren Mann hat sie bereits vor ĂĽber 30 Jahren verloren, was allerdings noch immer im Herzen schmerzt. Sie kann nicht mehr laufen, was damit zusammenhängt, dass sie ja „schon sehr alt“ ist.
Mirtha ist ihre Tochter. Beide schlafen im Wohnzimmer. Unter dem Bett der Uroma steht ein schwarzer 5-Liter-Eimer.
Mirthas Tochter (knappe 50) lebt mit mindestens einer Tochter (in den 20ern) und ihrem Ehemann ebenfalls in dem für diese Anzahl dann doch wieder recht kleinen Haus. Außerdem sehen wir im Laufe des Tages noch mindestens drei weitere Menschen hier herumturnen. In Kuba ist es schwer zu durchschauen, wie viele Menschen unter einem Dach leben. Auf den hässlichen Fotos ist auch noch ein Junge zu sehen. In Natura begegnet er uns am heutigen Tage jedoch nicht. Wir können uns sowieso bereits bei dieser Anzahl an Menschen schon nicht mehr erklären, wo alle schlafen sollen.

Nachdem wir unser Zimmer dann beziehen konnten, machen wir uns auf den Weg zum Pool des Hotels Jagua. Es ist erneut kein Problem hineinzukommen, und so können wir den kompletten Tag am stark gechlorten Meerwasserpool genießen.
Das Hotel wird zu einem großen Teil von Kubanern bewohnt. Unter anderem liegt eine 7-köpfige kubanische Familie (Oma, Mutter, vier Söhne, Freundin des ältesten Sohnes) mit uns am Pool. Bei Übernachtungspreisen von knapp 70 CUC pro Doppelzimmer fragen wir uns einmal mehr, wie es möglich ist, innerhalb von nur drei Jahren die Schere zwischen arm und reich so auseinander schießen zu lassen. Sozialismus, wo bist du?
Einfach nur am Pool zu liegen ist fein. Auf der einen Seite haben wir den tollen Ausblick ĂĽber die Bucht, auf der anderen Seite den Pool. Es ist â€“ bis auf die Familie â€“ sehr ruhig am Pool. Solche Momente muss man in diesem lauten Land genieĂźen.
Irgendwann tänzelt auf einmal eine in weiß gekleidete Person mit schwarzen Handschuhen vor einer 08/15-Digitalkamera in Richtung Pool. Was auch immer aus diesen Aufnahmen werden soll (Castingaufnahmen? Videoclip?!): Es wird schlecht.
Selbst wenn wir hier nichts tun, wir bekommen stets eine Freakshow geboten. Kuba ist schon ganz schön schräg.

Wir bleiben bis kurz vor Sonnenuntergang am Pool. Auf dem RĂĽckweg ins Casa kommen wir am Parque de las Esqulturas vorbei, dessen Einweihungsfeierlichkeiten gerade zu beginnen scheinen. Wir stellen uns in die Menge, als auf einmal ein Lied gespielt wird. Wir schauen uns an und fragen uns gleichzeitig: „Die werden doch jetzt nicht etwa die …“ Sämtliche anwesenden Kubaner (also: alle Menschen auĂźer uns) nehmen sofort eine extrem stramme Haltung an und singen ihre Nationalhymne erstaunlich leise mit. Dies liegt wohl aber an der miesen Qualität des abgespielten Bandes. Die Situation ist äuĂźerst grotesk. Es folgt ein Redner, der zunächst einmal alle anwesenden hohen politischen Tiere begrĂĽĂźt. Das wird uns zu langweilig und wir setzen unseren Weg in Richtung Casa fort. Dort gibt’s gleich Abendessen. Das Essen erreicht leider nicht die Klasse vom Vortag, ist versalzen und kostet einen CUC mehr.
Abends gehen wir wieder ins Hotel. Dort soll eine typisch kubanische Tanzshow, genannt „Cabaretshow“, stattfinden. Um die kleine â€“ von der Einrichtung eher an eine Fastnachtssitzung erinnernde â€“ Halle betreten zu dĂĽrfen, muss man sich allerdings an der Rezeption eine Eintrittskarte kaufen. Wir hatten auf freien Eintritt gehofft. Stattdessen probieren wir den einen oder anderen Cocktail an der Poolbar und genieĂźen den Abend auf unsere Weise.

Als wir so gegen Mitternacht nach Hause kommen, müssen wir hören, dass das eher unscheinbare Café neben unserem Casa Samstagabends zu einer Disco mutiert. Als wir gestern Abend hier vorbeigelaufen sind, war hier nichts los. Von daher hoffen wir, dass sich der Lärm (Elektroscheiß, Rums Bums) und im Chor brüllende Kubaner auf Samstagabende beschränkt.
Es ist kurz nach 1 Uhr nachts. Die Disco macht endlich die Schotten dicht und die sich etwas langsamer entwickelnden kubanischen Jugendlichen prollen mit Mofakavalierstarts herum. Ui. Womit man hier Mädels beeindrucken kann / muss. Als 20-jähriger …
Blöderweise hören wir jetzt den Lärm einer anderen Disco. Entweder ist es der touristische Bonzenyachtclub oder der eigentlich recht weit entfernte, aber auch tagsüber sehr laute Club am Anfang der Halbinsel (Los Pinios).

Trotzdem: Wir wollen ja niemanden neidisch machen, aber das ist unser Balkonausblick:

Balkonausblick

PS: In Cienfuegos kann man in weit mehr Geschäften mit VISA zahlen als in La Habana. Pinzetten kann man aber scheinbar auf der ganzen Insel nicht kaufen â€¦ Hmm?

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