Tag 27: Eine Beerdigung zum Heulen und das Ende der Kommunikation

Anarchistenherz

Montag, 5. März 2007
Cienfuegos

Es ist bewölkt. Wir entschlieĂźen uns von daher, heute einen „Wandertag“ einzulegen. Unser Ziel ist der Cementerio Tomás Acea, der Friedhof.
Zuvor suchen wir ein neues Casa. Unser Zimmer bei Mirtha ist zwar sehr gut, ihre Gastfreundschaft und ganz besonders das Essen lassen jedoch etwas zu wĂĽnschen ĂĽbrig. So lässt Mirtha einen mehr als deutlich spĂĽren, dass man zu wenig Geld bei ihr lässt. Oder sie ist einfach absolut unfähig in der indirekten Kommunikation. Jeden Tag aufs Neue fragt sie uns, wann wir frĂĽhstĂĽcken wollen. Jeden Tag aufs Neue antworten wir ihr, dass wir nie frĂĽhstĂĽcken. Jeden Tag aufs Neue rĂĽmpft sie daraufhin die Nase und verlässt den Raum. Und: Jeden Tag aufs Neue fragt sie uns direkt nachdem wir sowohl den Kaffee, als auch den Mojito ausgeschlagen haben, wann wir denn ausziehen werden. Da kommt man sich irgendwie nicht sonderlich willkommen vor. AuĂźerdem will sie ĂĽber alles Mögliche informiert werden. „Geht ihr jetzt schlafen?“ â€“ „Geht ihr tanzen?“ â€“ „Wohin fahrt ihr als Nächstes?“ etc.
Aus diesen GrĂĽnden und weil wir direkt an der HauptstraĂźe wohnen, wollen wir umziehen. Die Suche dauert nicht all zu lange, als wir knapp drei Blöcke weiter ein â€“ vermutlich â€“ total ruhig gelegenes Casa finden.
„Vermutlich“, weil es so etwas wie „Ruhe“ in Kuba nicht zu geben scheint. Entweder quietschen und krachen laute Autos, Mofas, Kutschen etc., bellen Hunde, krähen Hähne, oder es brĂĽllen die Kubaner, wenn sie sich nicht gerade unter widerlichsten Geräuschen den Schleim aus dem Magen in den Mund wĂĽrgen, um diesen dann lauthals irgendwohin zu rotzen (wirklich sehr oft zu hören / zu beobachten). Beim Husten hält man sich hier ĂĽbrigens auch nicht die Hand vor den Mund. Man muss fairerweise aber zugeben, dass wir heute erstmals eine Frau beim „Hand-vor-den-Mund-halten“ gesehen haben. Es kommt also doch auch hier ab und an mal vor. Wir sind uns jedoch nicht sicher, ob sie vielleicht etwas auffangen wollte, was aus dem Mund kam. So genau haben wir dann nämlich doch nicht hingeguckt …

Die Frau, deren Haus wir morgen beziehen werden, scheint extrem verschüchtert und unselbstständig zu sein. Zumindest kann sie sich nicht so recht entscheiden, ob sie denn überhaupt jemanden aufnehmen kann oder darf. Ihr Mann ist schließlich nicht da. Der Cousin ihres Mannes, der uns überhaupt erst in dieses Casa geschleppt hat[1], weiß auch nicht so recht, wie er sie überzeugen soll. Erst als ich vorschlage, die erste Nacht bereits jetzt zu bezahlen, willigt sie zaghaft ein.

„Die Frau und der Mann genieĂźen die gleichen ökonomischen, politischen, kulturellen, sozialen und familiären Rechte.“

„Der Staat garantiert, dass der Frau die gleichen Gelegenheiten und Möglichkeiten angeboten werden, wie dem Mann, um voll an der Entwicklung des Landes teilzunehmen.“

„Die Diskriminierung aufgrund von […] Geschlecht […] und allem anderen, das menschliche Ungleichheit verursacht, ist verboten.“

Wir haben in Kuba noch keine einzige Frau ein Auto, eine Kutsche oder ähnliches lenken sehen. Soviel dazu.

Weiter geht’s zum Friedhof. Unser ReisefĂĽhrer â€“ jeder ahnt was kommt â€“ schlägt eine Route vor, die â€“ machen wir’s kurz â€“ im Niemandsland endet. Also orientieren wir uns selbst und finden den Friedhof auf eigene Faust. Hispanische Friedhöfe bestechen stets durch sehr ästhetische Steingräber. In diesem Punkt ĂĽberzeugt auch der Cementerio Tomás Acea auf voller Länge.

Cementerio Tomás Acea

Man betritt den Friedhof durch ein groĂźes klassizistisches, mit hohen und dicken Säulen versehenes Eingangstor. Sehr beeindruckend fĂĽr einen Friedhof. Das Gelände der „letzten Ruhestätte“ ist weit und sehr schön anzusehen. Vom ersten Eindruck her ein wirklich schöner Ort. Doch dann kommen die „kubanischen EinflĂĽsse“ zum Vorschein …

Als erstes entdecken wir eine, nennen wir es, „ĂĽberfĂĽllte Gruft“. Hier liegen scheinbar so viele Leichen, dass man irgendwann einfach anfing, die Särge ĂĽbereinander zu stapeln! Hierzu sollte man sagen, dass dies keine „in den Boden eingelassene“ Gruft ist, sondern ein kapellenartiges kleines Haus (Mausoleum). Die Särge befinden sich also in der freien Luft, vom Friedhofsgänger lediglich durch eine GittertĂĽr getrennt. In diesem maximal 15m² groĂźen Raum (Höhe: ca. 5m) stapeln sich geschätzte 30-40 Särge. Massengräber scheinen hier sowieso „in“ zu sein, finden wir hier doch so einige bis zu 50m² groĂźe Steinplatten mit Hunderten (!) von kleinen Grabsteinen darauf.

Cementerio Tomás Acea (2)

Am Wegesrand sitzen zwei junge Männer neben einem geöffneten Sarg. Was sie da gerade machen, schauen wir uns nicht näher an.

Wird in Kuba ein Park eingeweiht und die Nationalhymne erklingt vor dem stramm stehenden Volke, sind Bekki und ich zufällig vor Ort. Besuchen wir einen Friedhof, findet demnach natĂĽrlich auf einmal eine Beerdigung statt. In einem klapprigen Guagua wird die bunt und nicht all zu feierlich gekleidete[2] Trauergemeinde hinter dem schon wesentlich feierlicher geschmĂĽckten Leichenjeep ans Grab gefahren. Dort springen schnell vier junge Männer aus dem Bus, heben den Sarg ins vorgegrabene Loch und fangen wie wild an zuzubuddeln. Von einer Rede oder ĂĽberhaupt einem Redner (Pfarrer oder dergleichen) ist weit und breit nichts zu sehen. Nach fĂĽnf Minuten ist Opa verscharrt, und die zu Tode BetrĂĽbten besteigen wieder ihren Bus (keine Ahnung, ob der ĂĽberhaupt den Motor ausgemacht hat â€¦) und fahren weg. Na hoffentlich konnte den Toten nur keiner leiden, ansonsten dĂĽrfte Sterben in Kuba noch deprimierender sein als es sowieso schon ist.

Wir spazieren weiter ĂĽber den Friedhof und fragen uns, ob man hier Gräber nach einer gewissen Zeit nicht entfernt, sondern vielmehr darauf wartet, dass sie von Mutter Erde einverleibt werden. SchlieĂźlich gibt es hier Unmengen von Gräbern, die einfach eingestĂĽrzt oder komplett ĂĽberwuchert sind. Die menschliche Wirbelsäule, ĂĽber die wir kurz darauf stolpern, gibt keine eindeutige Antwort. Kann schlieĂźlich ein Hund oder ein schlampiger Totengräber (bzw. „Grabesentferner“) gewesen sein …

Wir beschließen, dass wir jetzt genug gesehen haben und machen uns wieder auf den Rückweg. Ein übler Wind bläst schon den gesamten Tag über durch die Straßen der Stadt, und wir bleiben nicht nur einmal stehen, um uns Steinchen aus den Augen zu pulen oder um einfach nur einer anwehenden Staubwolke auszuweichen.

Da uns gestern Mirthas KochkĂĽnste nicht all zu sehr zusagten, machen wir uns im Zentrum auf die Suche nach einem Restaurant. Leider befindet sich genau hier der „groĂźe Haken“ von Cienfuegos. Als Vegetarier kann man hier scheinbar nirgends essen gehen. So bleiben uns nur Chips, Cracker und Waffeln zum Abendessen. Von einem nahrhaften Tag kann â€“ meiner Meinung nach â€“ nicht die Rede sein. Bekki kommt damit wesentlich besser klar. Hmpf.
Kuba ist mit Sicherheit kein Land fĂĽr Gourmets.[3] Ach ja. Von einer typischen Unterhaltung „Kubaner – Ausländer“ können wir dann letztlich heute auch noch berichten: Unser letzter Versuch, noch etwas Warmes zu bekommen ist im Hotel Jagua. An der dortigen Poolbar kann man Spaghetti Napolitana essen.
Ăśbersetzter Text der auf Spanisch gefĂĽhrten Unterhaltung:
„Hallo, kann man noch Spaghetti bekommen?“
„Nein. Nur Getränke.“
„Oh. Bis wie viel Uhr kann man hier denn essen?“[4]
„Es gibt nur Getränke.“
„Ja, aber man kann hier ja auch essen. Bis wie viel Uhr ist das denn möglich?“
„Es gibt nur noch Getränke, mein Freund.“
„Habe ich verstanden. Aber: bis wie viel Uhr ist es möglich hier Essen zu bekommen.“
– Schweigen –
Ich ziehe meine linke Augenbraue nach oben und blicke ihn fragend an.
„Jetzt gibt es nur noch Getränke.“
„Bis wie viel Uhr bekomme ich hier Spaghetti?“
„Ah, fĂĽnf.“
„Danke.“

Weiteres Beispiel gefällig? (Anm.: Auch von heute. Solche Gespräche führt man hier täglich.)
Protagonisten: Mirtha und wir.
„Wann fahrt ihr nach Trinidad?“
„Wir fahren nicht nach Trinidad.“
„Was? Wann fahrt ihr nach Trinidad?“
„Wir waren schon in Trinidad.“
„Wann fahrt ihr nach Trinidad?“
„Wir fahren nicht nach Trinidad.“
„Moment, Moment. Wohin fahrt ihr denn sonst?“
„Nach Santa Clara.“
„Ihr fahrt nach Trinidad.“
„Nein. Nach Santa Clara. Wir waren schon in Trinidad.“
„Wartet mal. Ihr wart schon in Trinidad?“
„Ja.“
„Und wohin fahrt ihr jetzt?“

Kubaner neigen bei solchen „Unterhaltungen“ dazu, diese so zu fĂĽhren, dass der Ausländer und nicht sie selbst als der totale Depp dasteht. Genauso, wie es ihnen entweder egal ist oder sie nicht zu merken scheinen, dass der Ausländer â€“ selbst wenn er sich auf spanisch mit ihnen unterhält â€“ ihre Sprache versteht, wenn sie nach oder während einer Unterhaltung zu ihren Landsmännern so Dinge sagen, wie: „Der Ausländer will dich sprechen.“ Oder: „Das sind Ausländer, die zahlen mehr.“
Fehlender Respekt, Anstand, Toleranz und Freundlichkeit machen die Kubaner zu einem nicht all zu sympathischen Volk. Hinzu kommt noch das Fehlen jeglicher Individualität. Hier scheint jeder irgendwie genauso drauf zu sein wie der andere. Und das Hauptziel eines jeden Kubaners scheint zu sein: Kohle machen. Und zwar so schnell wie möglich!
Womit wir auch wieder bei der Kassiererin des Hotelsupermarktes ankommen: Ich weiĂź nicht, ob der Supermarkt seine Kreditkartenmaschine so programmiert hat, dass man immer mehr zu zahlen hat als man eigentlich muss, aber ich kann heute plötzlich nicht mehr mit meiner VISA-Karte bezahlen. Das Gerät funktioniere nicht, sagt sie mir mit einem „Ich-mag-dich-nicht“-Gesichtsausdruck. Weshalb sie die Maschine dann jedoch eingeschaltet und offensichtlich einsatzbereit neben der Kasse stehen hat, kann ich mir nicht erklären. Mal sehen, ob ich morgen wieder mit Karte zahlen darf oder ob diese schönen Zeiten nun endgĂĽltig vorbei sind.

Viva la Revolution
Die Revolution verkauft sich und keiner kriegt es mit.
Werbung neben dem „antikapitalistischen und sozialistischen“ Propagandaschild.

Buenas noches,
Dennis y Rebekka


  • [1]
  • Wir kommen zunächst in sein Casa. Er verlangt jedoch 25 CUC, was wir nicht zahlen möchten. 20 CUC sind mittlerweile unser Höchstpreis. Also fährt er uns zu seinem Cousin, der einen Block weiter wohnt.

  • [2]
  • Eine rosa Radlerhose sticht wohl am meisten heraus â€¦

  • [3]
  • Anmerkung Rebekka: „SĂĽĂźigkeiten sind auch fĂĽr Gourmets. AuĂźerdem sind die SĂĽĂźigkeiten aus Brasilien und nicht aus Kuba.“

  • [4]
  • Mit dieser Frage versuche ich fĂĽr die Zukunft zu planen. Ein Europäer mag diese Frage verstehen, ein Kubaner ist damit ĂĽberfordert. Unsere Theorie: In Kuba gibt es nur ein „jetzt und gleich“ und kein „später“.

    Tag 26   Inhaltsverzeichnis   Tag 28

    0 0 votes
    Article Rating
    Abonnieren
    Benachrichtige mich bei
    guest

    0 Comments
    Inline Feedbacks
    Lies alle Kommentare
    0
    Would love your thoughts, please comment.x
    X