Tag 28: Vegetarier, Schweinesteak, Kommunist, Kapitalist, arm, reich

Anarchistenherz

Dienstag, 6. März 2007
Cienfuegos

Mirtha berechnet uns zwar nicht den Mojito und das Wasser vom ersten Tag (vermutlich hat ihre Enkelin lediglich vergessen, die Getränke auf die Rechnung zu setzen), hat dafĂĽr aber natĂĽrlich kein Wechselgeld im Hause. Wir haben das Geld auch nicht passend und bekommen dafĂĽr zwei ĂĽberteuerte 0,5l-Wasserflaschen als „Wechselgeld“. Die Unverschämtheit einfach zu sagen „dann zahlen wir eben nur 80 CUC anstelle von 88 CUC, wenn Du kein Wechselgeld hast“, fehlt uns leider immer noch. Wir arbeiten jedoch daran, wird dieses Verhalten im „antikapitalistischen“ Kuba doch von einem abverlangt.
Die alte Dame verabschiedet sich gestellt freundlich und gibt uns natĂĽrlich noch eine Adresse vom „besten Casa“ in Santiago mit: vermutlich Familienangehörige. Dann ist Mirtha sofort weg, raus aus dem Haus. Beim Verlassen des Hauses begegnen wir der Putzfrau (!) des Hauses (keine Familienangehörige). Wir sagen ihr, dass wir uns noch Getränke mitnehmen dĂĽrfen und öffnen den einen der beiden KĂĽhlschränke. Der ist jedoch so proppevoll, dass wir darin keine Flaschen finden können. Ich möchte auch nicht zu sehr darin herumwĂĽhlen, schaut uns doch die extrem dämlich wirkende Putze dabei ununterbrochen an. Ich frage mich, ob sie ĂĽberhaupt kapiert, was wir hier gerade tun. Ich lasse sie â€“ nachdem ich nur angebrochene Flaschen im Inneren des KĂĽhlschrankes finden kann â€“ wissen, dass wir gerne zwei Refrescos hätten. Daraufhin durchsucht sie, wesentlich zielsicherer, den KĂĽhlschrank und holt zwei Wasser raus. Cola gibt es keine. Bier ist die einzige Alternative. Als nächstes fragt uns die blöde Frau, ob wir noch mehr Getränke möchten. Klar, antworten wir. SchlieĂźlich bezahlen wir ja mehr als das Doppelte, als wenn wir sie im Supermarkt 300m weiter kaufen wĂĽrden. Daraufhin kommt jedoch â€“ wie aus der Pistole geschossen â€“ der stark an das 19. Jahrhundert erinnernde Spruch aus ihrem Munde geschossen: „Die Dame des Hauses hat gesagt, dass ihr nur zwei Getränke bekommt.“ Ui â€¦

Wir wandern mit unserem Gepäck drei Blöcke ostwärts. Unser neues Casa ist prima. Total ruhig gelegen, mit einer sehr netten Aussicht auf einen kleinen Fischerhafen, das Meer und die Berge der Sierra del Escambray. Das Klo hat die bisher europäischste Klobrille, der Wasserhahn geht weit über den Waschbeckenrand hinaus, so dass man beim Händewaschen nicht ständig die Keramik streicheln muss (typisch für kubanische Waschbecken!), und man kann den Duschkopf in die Hand nehmen! Die vom Casa spendierte Seife hängt an einem Magneten, und in der Kloschüssel ist ein nach Zitrone und Chemie duftender Klostein angebracht. Die Fenster haben Moskitonetze. Vor unserem Zimmer, welches, im ersten Stock gelegen, den Lärm der unten lebenden Familie großartig dämmt, steht ein Kühlschrank, den wir nutzen können. Außerdem gehört das Flachdach samt weißer Parkbank uns alleine. Nur die Kokosnusspalme ist leider circa 50cm zu weit entfernt gepflanzt. Hähne, Hunde und Hauptverkehrsstraßen scheinen in weiter Ferne zu liegen und ein Café, das urplötzlich zu einer Disco mutieren könnte, können wir ebenso wenig ausmachen. Hinzu kommt noch, dass unsere Gastgeber scheinbar keinerlei Kontakt zu uns aufnehmen möchten. Abendessen wird erst gar nicht angeboten, höchstens Frühstück. Man begrüßt uns kurz, lässt sich die Reisepässe aushändigen und verdünnisiert sich wieder. In unserer Tür steckt ein Schlüsselbund mit vier Schlüsseln daran. Wofür die alle sind, dürfen wir selbst herausfinden: Wohnungstür, Dachtür und Safe (!). Sieht bisher alles ziemlich gut aus.

Der Wind bläst heute noch heftiger ĂĽber die Stadt als gestern. Wir versuchen es zunächst trotzdem am Pool des Jagua, was nach nicht all zu langer Zeit dann aber doch zu kĂĽhl wird. Von daher entscheiden wir uns fĂĽr einen Spaziergang in die City. Dort soll es, laut Yachtclubwächter, ein vegetarisches Restaurant geben. Der Name klang wie „Baledo“ oder so ähnlich und soll zwei Blöcke vom „Bulwa“ entfernt sein. „Bulwa“ ist ĂĽbrigens die kubanische Aussprache fĂĽr „Boulevard“. Wir suchen alle möglichen Restaurants rund um die FuĂźgängerzone ab, können jedoch kein „Baledo“ oder dergleichen finden. Ein alter Mann vor einem anderen Restaurant spricht uns an, ob wir nicht bei ihm essen wollen. Er hat allerdings nichts Vegetarisches, wie wir kurz darauf erfahren mĂĽssen. Kein Restaurant in Cienfuegos â€“ auĂźer dem Polynesischen â€“ kann ĂĽbrigens irgendetwas Vegetarisches kochen. Sie weigern sich sogar geradezu. Ob es denn ein vegetarisches Restaurant gibt, fragen wir den Mann. „Si, el „Espollito“ (oder so ähnlich)“, antwortet er. Ich wiederhole den Namen des Restaurants, um sicher zu gehen, dass er tatsächlich etwas gesagt hat, was so komplett anders als „Baledo“ klingt. „Si“, bestätigt er mich. Na dann …
Wir suchen das „Espollito“, finden es jedoch nicht. Wir fragen in einem Doña Yulla (eine kubanische Restaurantkette, die ĂĽbrigens auch nichts Vegetarisches machen kann auĂźer Tomaten und Salat â€¦ immerhin) nach und hören erneut den Namen „Espollito“. Das soll sich gerade um die Ecke befinden. Okay, diesmal wird’s wohl klappen. Wir suchen es, finden es jedoch nicht. Irgendwann â€“ wohl mehr aus Verzweiflung â€“ schaue ich in eine dunkle Scheibe eines Hauses hinein, welches in meinen Augen eher so etwas wie das Frauenzentrum zu sein scheint. Ich erkenne Tische und StĂĽhle. AuĂźerdem hängt ein Plakat mit Informationen ĂĽber pflanzliche Proteine an der Wand. Juchhu, sieht das vegetarisch aus!
Sofort werden wir bemerkt, die TĂĽr schnellt auf und man „zerrt“ uns herein. „Wir wĂĽrden nur mal gerne einen Blick auf die Karte werfen“, lassen wir die Damen wissen. Zuvor frage ich â€“ sicherheitshalber â€“ noch mal nach, ob dies wahrhaftig ein vegetarisches Restaurant sei. „Si“, heiĂźt es und wir jubeln leise, was ĂĽbrigens zu keinerlei Regung bei den ach so lebenslustigen und freundlichen Kubanern fĂĽhrt. Noch nicht mal ein Lächeln hat man fĂĽr diese eigentlich recht lustige Szene ĂĽbrig. Naja.
Das Restaurant heiĂźt ĂĽbrigens „El Paseo“ und muss laut Wegbeschreibungen dreier unterschiedlicher Menschen das richtige sein.
Die Karte kommt. Wir öffnen sie und werfen einen ersten erstaunten Blick darauf: Pollo (HĂĽhnchen) fällt mir als erstes auf. Okay, es gibt ja tatsächlich „Vegetarier“, die GeflĂĽgel essen. Also weiter …
„Alles mit Käse“, bemerkt Rebekka sofort. Kann man bestimmt auch ohne bestellen.
Fisch. Auch solche „Vegetarier“ gibt es.
Schweinesteak. Ă„h â€¦!?
Schweinesteak mit irgendetwas. Also â€¦!?
Schweinesteak mit irgendetwas Anderem. Jetzt â€¦!?
Schweinesteak â€¦
Bis auf drei Salate und einer Menge Käse können wir nichts Vegetarisches auf der Karte des „vegetarischen“ Restaurants finden. Und tschĂĽss â€¦

Im Hotel La UniĂłn gibt es einen Pool. Gestern haben wir uns bereits Zutritt ins Innere des Stadthotels verschaffen können. Dies, mĂĽssen wir feststellen, ist der bisher einzige wirkliche Vorteil, den man als blasser Ausländer auf Kuba hat: Man kommt in jedes Hotel hinein und wird vom Wachmann sogar stets zurĂĽckgegrĂĽĂźt. Ich finde die Taktik „Wachmann grĂĽĂźen“ ĂĽbrigens nicht nur äuĂźerst frech sondern auch äuĂźerst klug.
Der Pool im La UniĂłn ist â€“ so unsere Vermutung â€“ durch seine Ummauerung (Stadthotel, weit und breit kein Strand) windgeschĂĽtzt. Diese Theorie bewahrheitet sich zwar leider nicht wirklich, dafĂĽr ist der Poolbereich doch sehr mondän, und wir können einmal mehr dem „Kubanischen“ entfliehen.
Das „Kubanische“ am heutigen Tage beschränkt sich ĂĽbrigens nicht nur auf die seltsame Definition eines „vegetarischen“ Restaurants. Nein. Unmittelbar vor unserem Hausfriedensbruch (oder was fĂĽr eine Straftat begehen wir hier eigentlich?) im Hotel La UniĂłn, wollen wir uns Getränke kaufen. FĂĽr 2,60 CUC gibt’s 2l Cola und 1,5l Wasser. Wir bezahlen mit einem 10 CUC-Schein, was die Frau, die zwölf Jahre Schulpflicht hinter sich hat, so sehr ĂĽberfordert, dass nach einiger Zeit des Denkens (oder eines nach auĂźen hin ähnlich wirkenden Vorgangs) erst einmal ein Taschenrechner her muss. Das Wechselgeld kommt dann doch irgendwann, und â€“ misstrauisch wie wir nach dem berĂĽhmten „VISA-Vorfall“ vom 4. März 2007 sind â€“ wir zählen erst einmal nach. Nach unserer Rechnung mĂĽssten wir 7,40 CUC zurĂĽck erhalten. In meiner Hand befinden sich jedoch nur 6,40 CUC. Seltsam, was der Taschenrechner der Frau da mitgeteilt hat. „Das ist zu wenig Wechselgeld“, reklamiere ich. Die Frau schaut kurz in meine Hand und holt dann â€“ ohne eine Miene zu verziehen oder gar „Ups, Entschuldigung“ zu sagen â€“ den fehlenden Peso Convertible aus der Kasse.
Frei nach Regel Nummer 1 des „Antiimperialistischen Manifests des antikapitalistischen Handels mit imperialistischen Kapitalisten im sozialistischen Vaterland“:
„Bekämpfe den Feind mit seinen eigenen Waffen: Diebstahl, Betrug und Fehlen jedweden Menschseins. Das treudoof naive Vertrauen des Feindes in den Handelspartner beim Aufnehmen des Wechselgeldes, speziell in so unscheinbaren Orten wie dem Supermarkt, ist nach sozialistischen Prinzipien sofort auszunutzen. Kein mit Geld vollgestopfter Europäer und Nordamerikaner wird jemals auf die Idee kommen, das erhaltene Wechselgeld zu kontrollieren. Verhalte Dich hochgradig unbequem, so dass der Millionär auf der anderen Seite des Tresens möglichst schnell das Weite suchen möchte. Solltest Du, Compañero, dennoch beim Betrug erwischt werden, so ändere auf keinen Fall Deine Vorgehensweise. Sei ein lebloser Fels. Blicke möglichst böse drein (noch böser als Du es sowieso schon tust!) und versuche auf diese Weise dem Sack von Ausländer den Schwarzen Peter zurĂĽckzuschieben. Denn vergiss nicht: Schuld sind immer die anderen. So, liebe Genossen, ist der Feind zu besiegen.“[1]

Der Wind bläst auch hier zu steif, und wir suchen das Weite.
Wir wollen uns Brot kaufen und suchen nach einer Panadería. Nach einigem Suchen entdecken wir schließlich einen Bäcker. Die Dame möchte / kann uns jedoch kein Brot verkaufen, und wir bemerken, dass wir bei einem Bäcker gelandet sind, der nur jenen Kubanern Brot verkauft, die mit Lebensmittelmarken zahlen müssen. Oder anders gesagt: ein Bäcker für die Armen.
Ein alter Mann hat sich gerade fĂĽr seine Marken Brot und Zigaretten geholt. Er bekommt mit, dass wir nichts kaufen dĂĽrfen und drĂĽckt uns plötzlich eines seiner Brote in die Hand. „No, gracias“, reagieren wir sofort und wollen es ihm zurĂĽckgeben. Er weigert sich jedoch, es wieder anzunehmen und fragt uns, ob wir denn auch Raucher seien. „No“, antworten wir schnell. Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, uns seine Zigarettenpackung unter die Nase zu drĂĽcken. Wir sollen daran riechen. Diesen Wunsch erfĂĽllen wir ihm und tun genieĂźerisch. Erneut versuchen wir, ihm das Brot zurĂĽckzugeben. Er weigert sich jedoch, zeigt auf Bekkis groĂźe Umhängetasche und sagt „FĂĽr das Baby.“ Daraufhin wendet er sich von uns ab und geht seines Weges.
Ist es nicht seltsam, dass stets die Armen und UnterdrĂĽckten, sprich: die Opfer eines Systems, jene sind, die am hilfsbereitesten sind? Selbst uns blassen Ausländern gegenĂĽber, die wir doch mit einer Cola- und einer Wasserflasche bepackt vor ihm stehen. Der alte Mann mit seiner dicken Brille, die wohl nicht mehr all zu viel nĂĽtzt, dachte, Bekki trage ein Kind um ihren Hals und ĂĽberlässt uns von daher einen GroĂźteil seiner Tagesration Brot. Keine fĂĽnf Stunden zuvor wollte uns Mirtha keine zwei Peso Convertible wechseln. Ich erinnere mich an Humberto aus Matanzas, der kein flieĂźendes Wasser in seinem Zimmerchen hat und dem man den FĂĽhrerschein abnahm, weil er Oppositioneller ist, der uns aber den Bus bezahlte und einen Kaffee ausgab als Dank dafĂĽr, dass wir ihm drei Feuerzeuge schenkten und ihm zuhörten. Was läuft hier nicht alles verkehrt â€¦

Am Abend sitzen Bekki und ich in unserem Casa. Wir entschlieĂźen uns, noch mal loszuziehen, mĂĽssen jedoch feststellen, dass unsere (wohlhabenden) Gastgeber das Tor mit einem dicken Vorhängeschloss verriegelt haben und selbst unterwegs zu sein scheinen. Tja, und wie kommen wir jetzt raus? Wir regen uns ĂĽber diesen paranoiden Schwachsinn Neureicher auf, bis diese irgendwann dann endlich wieder zurĂĽckkommen. Ich frage denn „Herrn des Hauses“, wie wir denn bitte abends das Haus verlassen sollen. „Mit dem SchlĂĽssel“, antwortet er. „Welcher SchlĂĽssel?“, frage ich zurĂĽck. Ich sprinte nach oben ins Zimmer, schnappe mir den SchlĂĽsselbund und entdecke den vierten SchlĂĽssel wieder, den wir noch gar keiner TĂĽr zuordnen konnten. Oh, ist das peinlich. Zum GlĂĽck konnte ich auch in dieser Situation die „Du musst unverschämt sein“-Taktik nicht aus mir herausprĂĽgeln, es wäre ein Schuss nach hinten gewesen.
Zur „Ehrenrettung“ mĂĽssen wir jedoch anmerken, dass diese Szene typisch fĂĽr unser wachsendes Misstrauen gegenĂĽber den CUC-verdienenden Kubanern ist. Wir sind schlieĂźlich noch nicht einmal auf die Idee gekommen, den SchlĂĽssel besitzen zu können. Vielmehr waren wir uns ziemlich schnell sicher, dass man uns einfach ohne Vorwarnung eingesperrt hat. Paranoider Schwachsinn macht sich breit. Offenbar bei jedem, der in diesem System länger als zwei Wochen lebt â€¦
Jetzt ist es zu spät, um noch auszugehen.


  • [1]
  • So könnte es geschrieben stehen â€¦

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