Tag 29: La Dama Azul, Träumer, Utopisten â€¦ und die Realität

Anarchistenherz

Mittwoch, 7. März 2007
Cienfuegos

Heute geht’s mit der Fähre zum Castillo de Jagua, eine der größten Festungen Kubas. Im Jahre 1732 starb die Frau des damaligen Kommandanten Juan Castilla Cabeza de Vaca (was man lustigerweise mit „Hans C. Kuhkopf“ ĂĽbersetzen kann). Hundert Jahre später, so die Legende, spukt eine in blau gekleidete Frau (La Dama Azul) durch die Gemäuer. Zuvor soll sich noch eine Verwandlung von einem schwarzen Vogel in eben jene blaue Frau abgespielt haben. Sachen gibt’s …
Am Vortag haben wir bereits die Anlegestelle der Peso-Fähre (Peso Cubano, versteht sich) am Ende der Calle 25 gefunden. Laut einer dort von uns angetroffenen Frau kostet uns die Ăśberfahrt wohl einen Peso Convertible, was angesichts der langen Strecke (Seeweg geschätzte 10km) erstaunlich wenig ist. Eine Peso-Fähre eben …
Unser Erstaunen steigt noch an, als wir feststellen dürfen, dass wir beide zusammen nur einen Peso Convertible zu zahlen haben! Für umgerechnet knapp 40 Cent pro Person fahren wir also mit dem Bötchen durch die schöne Bahía de Cienfuegos.

Von der proppevollen Fähre aus hat man den wohl schönsten Blick auf Cienfuegos, den man bekommen kann. Die Fähre fährt die komplette Halbinsel Punta Gorda entlang, so dass man die schöne Peninsula auch einmal von dieser Seite zu sehen bekommt. Dieser Anblick auf die Stadt, die uns bisher am besten von allen Städten in Kuba gefallen hat, ist optimal, um sich ein paar Gedanken über sie zu machen.

Cienfuegos (3)

Fähre

Cienfuegos existiert seit 1514. Die Stadt wurde von einem Spanier namens BartolomĂ© de la Casas gegrĂĽndet und bekam seinerzeit den Namen Ferdinanda de Jagua. Das Castillo de Jagua, also jene Festung, die wir heute besuchen möchten, wurde einmal mehr als Schutz vor Piraten am engen Einfahrtsweg der riesigen Bucht errichtet. Trotz dickem Schutz siedelten sich hier seltsamerweise recht wenige Menschen an. „GlĂĽck gehabt“, könnte man sagen. Denn 1821 wurde die Stadt von einem Wirbelsturm heimgesucht, der die Häuser zerstörte. Im 19. Jahrhundert zog es einen französischen Händler namens Louis de Clouet nach Ferdinanda de Jagua. Hingegen unserer Vermutung wurde der Ort nicht etwa nach dem Revolutionshelden Camillo Cienfuegos benannt, sondern bereits im vorigen Jahrhundert von eben diesem Franzosen in Cienfuegos umgetauft. Wie der gute Mann jedoch ausgerechnet auf diesen Namen kam, bleibt fĂĽr uns leider ungeklärt.
Von da an zog es dann viele Franzosen hierher. Die einen kamen aus Frankreich, die anderen aus Louisiana. 1850 bekam Cienfuegos eine Eisenbahnanbindung, was die Stadt und ihren Hafen zu einem wichtigen Umschlagplatz werden lieĂź.

… All diese Gedanken hätten wir uns während der 45-minĂĽtigen Ăśberfahrt machen können, wäre da nicht wieder einer dieser Kubaner, der mal in der DDR gelebt hat und von daher heute noch deutsch sprechen kann.
Sein Name ist JosĂ©, und er wendet die gleiche Taktik wie Freddio einige Tage zuvor an[1]. Er sieht uns, sagt etwas auf Deutsch und wartet auf eine Reaktion. Diesmal sind wir jedoch so fies und reagieren nicht, so dass er sich in der Warteschlange vor der Fähre an den anderen vorbeizwängen muss, sich direkt vor uns stellt und fragt: „Ihr seid doch aus Deutschland, oder?“
José lebte von 1979 bis 1984 in Leipzig (schon wieder Leipzig). Zeit genug, um mit einer Deutschen ein Kind in die Welt zu setzen. Er weiß zunächst nicht so recht, wie er eine Unterhaltung mit uns führen soll und scheint sogar kurzzeitig aufzugeben. Von unserer Seite kommt auch kein Bemühen, eine Unterhaltung mit ihm in Gang zu bringen. Wer weiß, was er letztlich von uns will (zum Beispiel mit uns durch das Castillo spazieren?) und wer weiß, wie lange so eine Überfahrt werden kann, wenn Dich ein Nervsack zutextet.
Auf der Fähre zwängt er sich dann wieder zu uns durch. Er bleibt neben uns stehen und entschuldigt sich auf einmal! Es tue ihm leid, aber wenn er Deutsche sehe, dann mĂĽsse er nun mal immer an „damals“ denken und möchte sich unterhalten. Fieser Sack. Wer kann denn da noch hart bleiben. Wir versichern ihm, dass er sich nicht zu entschuldigen brauche und sich natĂĽrlich mit uns unterhalten könne. Das FĂĽhren der Unterhaltung ĂĽberlassen wir aus oben genannten GrĂĽnden allerdings trotzdem dem Kubaner mit dem kaputten Schneidezahn.
Leider hat er keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn, der in etwa unser Alter haben müsste. Seine Frau wollte damals nicht mit ihm nach Kuba, er fühlte sich jedoch zu einer Rückkehr verpflichtet. Tja, und mit der Wende wurden dann Reisen ins wirtschaftsdiktatorische Deutschland unmöglich. Wohl auch, weil er aus irgendwelchen Gründen den Kontakt nicht aufrechterhalten konnte, wenn wir ihn richtig verstehen.
Je länger JosĂ© erzählt, desto sympathischer wird uns der Mann mit dem löchrigen roten T-Shirt und dem lustigen Grinsen. Die Unterhaltung wird lockerer und auch wir tun unser Bestes, sie aufrecht zu erhalten. DafĂĽr, dass er seit ĂĽber 20 Jahren nicht mehr in Deutschland war und â€“ im Gegensatz zu Freddio â€“ auch keinen Kontakt mehr in unsere Heimat hat, ist sein Deutsch noch extrem gut. Woran das liegt, fragen wir ihn. Daraufhin nimmt unser Gespräch eine fast schon dramatische Wende.
JosĂ© liebt Deutschland. Die vier Jahre, die er in der DDR verbringen konnte, bezeichnet er als die besten Jahre seines Lebens. Er hatte alles, was er sich wĂĽnschte und war ein leidenschaftlicher Fan der ostdeutschen Sportler jener Zeit. Als er anfängt, von den Athleten der frĂĽhen Achtziger zu erzählen, gerät er ins Schwärmen: „Kornelia Ender“, träumt er vor sich hin. „Kati Witt. Heike Drechsler.“
Bereits beim ersten genannten Namen geraten Bekki und ich ins Staunen, ist Konni Ender doch schlieĂźlich die Frau meines frĂĽheren Schwimmtrainers und Bekkis Krankengymnastin. Das lassen wir JosĂ© natĂĽrlich sofort wissen, was ihn irgendwie glĂĽcklich zu machen scheint. Er zählt weitere Namen auf. Namen, von denen Rebekka und ich noch nie etwas gehört haben. Damit jedoch nicht genug: Er kann uns sogar noch sagen, in welchen Disziplinen welche dieser Athletinnen (es sind alles Frauen) wann und wo welche Medaille erringen konnte. Von Hochsprung bis Volleyball. Er weiĂź es noch ganz genau. Der kubanische SchweiĂźer ist nicht doof und bemerkt schnell, dass er uns mit seinem Wissen fasziniert. Also packt er noch mehr Angesammeltes aus: Städtenamen und Liedertexte. „Von wem ist noch mal „… am weiĂźen Meeresstrand halt‘ ich Deine Hand“?“
Er beschreibt sich selbst als Träumer und möchte wissen, was wir davon halten. „Träume sind wichtig“, sagen wir ihm daraufhin.
Die Ăśberfahrt nähert sich erstaunlich schnell dem Ende. Fast schon zu schnell, wird die Unterhaltung mit JosĂ© doch immer netter. „Wie viel hat der Flug gekostet?“, möchte er auf einmal wissen. Ungefähr 800 CUC, lassen wir ihn wissen. Er blickt plötzlich etwas betroffen drein und sagt: „Mein größter Wunsch im Leben ist es, noch einmal nach Deutschland zu können. Vielleicht kann ich sogar meinen Sohn dort treffen.“
Das System hindert ihn derzeit daran. Als Kubaner, der mit Peso Cubano und nicht mit Peso Convertibles bezahlt wird, wird er sich nach einem möglichen Systemwechsel allerdings kein Ticket leisten können. Vielleicht ging ihm dieser Gedanke durch den Kopf, als er „Ungefähr 800 Peso Convertible“ von uns zu hören bekam.
„Ihr mĂĽsst jetzt aussteigen“, sagt er in einem etwas leiseren Ton. Die Fähre fährt, nachdem sie einige Minuten zuvor eine kleine Insel mitten in der Bucht angefahren hatte, erneut einen Steg an. Das Castillo ist nur eine Zwischenstation auf ihrer Strecke, und JosĂ© muss noch eine Station weiterfahren. Er sieht traurig aus und blickt öfter als zuvor ĂĽber das Meer. Wir verabschieden uns von ihm: „Träume sind wichtig“, sage ich ihm noch einmal. „Ihr mĂĽsst jetzt aussteigen“, wiederholt er und lächelt dabei.

Glücklich sind die, die mehr Träume haben, als die Realität zerstören kann.

An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass die kubanische Zweiklassengesellschaft in so ziemlich jeder Hinsicht eine Zweiklassengesellschaft ist. Menschen wie JosĂ© möchten wir auf keinen Fall mit jenen Kubanern vergleichen, die wir nur noch als „Dollar-Kubaner“ bezeichnen, also jene, die in Peso Convertible bezahlt werden und somit der finanziell reichen Klasse angehören. Leider sind dies die Kubaner, mit denen wir hier hauptsächlich konfrontiert werden. Jene, denen man nicht trauen kann, wenn es zum Beispiel ums Wechselgeld geht oder jene, die einen ständig finster anblicken und nie ein freundliches oder entschuldigendes Wort ĂĽber die Lippen bringen.
José, der alte Mann vor der Bäckerei, Humberto aus Matanzas und all jene, die zu uns freundlich waren und seltsamerweise auch diese angeblich ach so typische kubanisch-karibische Lebensfreude ausstrahlen, gehören alle zur finanziell ärmeren Klasse dieses Landes.
Dann gibt es noch die Schnorrer, die wohl mit allen nötigen (halbwegs friedlichen) Mitteln ein größeres StĂĽck vom Kuchen abbekommen möchten. Die nerven uns nun mal leider, da sie in jedem Ausländer einen Millionär sehen. Ein „Armer“ wie JosĂ© will jedoch keine Almosen haben. Er will Aufmerksamkeit, die er sich auf sympathische Weise auch mehr als verdient.
Und zu guter Letzt gibt es noch die Kassiererinnen. Die sind einfach ĂĽberall auf der Welt gleich …
Zusammenfassend lässt sich also sagen: die Reichen sind bereits im Kapitalismus angekommen, wissen jedoch (noch) nicht, dass sie noch mehr Geld verdienen können, indem sie den „Kunden“ zu einem „glĂĽcklichen Kunden“ machen und ihn nicht mit einem GefĂĽhl des „Die haben mich ja schon wieder verarscht (oder es schon wieder versucht).“ davonziehen lassen. Ausnahme: zum Beispiel Familie HernandĂ©z in Matanzas (unser erstes Casa Particular).
Die Armen sind mal wieder die Dummen. Entweder werden sie zu Träumern und Utopisten (José, Humberto) oder zu Schnorrern. So gesehen ist ganz Kuba in gewisser Weise bereits in einer Art Kapitalismus angekommen.
Wie viel eine Kassiererin verdient, wissen wir indes nicht.

Das Castillo de Jagua ist gar nicht so groĂź (Eintritt auch nur 1 CUC). DafĂĽr dĂĽrfte jedem Kind, das auf Piraten abfährt, das Herz aufgehen. Ăśberall stehen und liegen verrostete und nicht verrostete Kanonenrohre herum. Dicke klobige TĂĽrme sitzen auf den breiten Mauern der Feste, die in ihrer Karriere schon so manchen „Herrenwechsel“ miterleben durfte. So war u.a. auch der britische Freibeuter Sir Francis Drake mal hier.
Um ĂĽberhaupt in die Festung zu gelangen, muss man schon Mut beweisen â€“ ist doch der Zugang nur ĂĽber einen hölzernen, wild knirschenden Steg zu bewältigen. Bei einem der Bretter denke ich dann sogar kurz, dass es fĂĽr mich nach unten geht, so sehr gibt es nach. Sollte es einen touristischen Eroberer dann mal tatsächlich nach unten befördern, so erwartet ihn tragischerweise kein Wasser im gut und gerne 5m tiefen Burggraben.

Castillo de Jagua (1)

Die Türen sind niedrig, so dass man nur gebückt die Räume wechseln kann. Dafür sind die Treppenstufen, die einen hoch in den Turm führen umso höher angelegt worden. Entweder hatten die ersten Burgherren sehr lange Beine unter sehr kurzen Rümpfen, oder der Architekt war ein Vollidiot.
Die Aussicht oben auf dem Dach ist nett und ich mache mir Gedanken darüber, ob die Burg auch damals wirklich an der sichersten Stelle platziert wurde (auch die möglichen Landangriffe bedenkend).
Nach nicht all zu langer Zeit haben wir dann auch schon alles gesehen und machen uns wieder auf den Weg runter zur Fähre. Beim Metzger wird heute geschlachtet, was zwei Hunde anlockt. Ein riesiger Pelikan fliegt nah an uns vorbei. Leider zu schnell für mich und meinen Fotoapparat. Es ist jedoch faszinierend, einen solch großen Vogel so nah zu sehen. Überhaupt ähneln Pelikane längst ausgestorbenen Flugsauriern.

Castillo de Jagua (2)

Wieder in Cienfuegos angekommen, trinken wir einen Kaffee und leckere Ananaslimonade. Kurz darauf darf Rebekka feststellen, dass wir im Vergleich zu Hoteltouristen offensichtlich schon sehr abgehärtet sind. So wird Rebekka auf dem Damenklo des La UniĂłn Zeugin einer Ekelattacke kanadischer Art. Auf dem Boden der Toilette liegt etwas Klopapier (unbenutzt), was Bekki nach so manch geteiltem Casa-Klo (zum Beispiel mit Beckenrandbepisser Diosdado in La Habana) völlig kalt lässt. Dann betreten jedoch zwei Kanadierinnen das Vier-Sterne-Klo und monieren lauthals: „Oh my God! It’s so dirty!“

GegenĂĽber dem Hotel entdecken wir eine Pizzeria, die tatsächlich Pizzas backt, die auch wie solche aussehen. Wir trauen uns von daher hinein und bekommen fĂĽr wenig Geld sogar tatsächlich etwas, das nach Pizza schmeckt! Volltreffer, sozusagen. Hier kann der Veganer also dinieren. Auch wenn die Air Condition auf Hochtouren läuft …

Am Abend trinken wir in der Bar La Punta am Ende der Halbinsel (die Bar mit dem romantischen Pavillon) den besten und am aufwändigsten / touristengerechtesten gemixten Mojito der Stadt (kostet zudem auch nur 2,50 CUC) und genieĂźen die Ruhe und die romantische Aussicht auf das hell leuchtende Cienfuegos. Seltsamer- und glĂĽcklicherweise sind wir die einzigen Gäste der sehr empfehlenswerten groĂźen Freiluftbar. So „einsam“ saĂźen wir noch nie in einer Bar.


  • [1]
  • Siehe Cienfuegos, 2. März 2007

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