Tag 36: Isabeeeel!

Anarchistenherz

Mittwoch, 14. März 2007

HolguĂ­n

Heute ist ein Ausflug geplant! Wir wollen versuchen, ein Guagua ausfindig zu machen, das zum Mirador de Mayabe fährt, einem Hügel mit einem Hotel obendrauf. Vom Pool des Hotels soll man einen tollen Ausblick über das Tal von Mayabe haben. Außerdem soll laut unserem Reiseführer Pancho dort leben. Pancho, der Bier trinkende Esel. Yeah, Baby!
Aber unser „Fluch der Karibik“ schlägt einmal mehr zu: Es regnet.
Aus SpaĂź und weil die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, handeln wir mit ein paar Taxifahrern den Preis fĂĽr die 10km aus. 10 CUC fĂĽr Hinfahren und zu einem gewĂĽnschten Zeitpunkt abgeholt werden ist unser bestes Ergebnis. Wir lehnen aber dankend ab. Es hört nämlich nicht auf zu regnen â€¦
Stattdessen suchen wir ein Internetcafé. Wir waren zwar erst vor ein paar Tagen, aber was soll man sonst in Holguín machen, fragen wir uns. Von daher suchen wir ein alternatives Internetcafé zu den ETECSA-Läden, in denen man keinen USB-Stick benutzen kann. Das ging nur in Trinidad.
Unser ReisefĂĽhrer hat natĂĽrlich eine Adresse parat, die es allerdings ĂĽberhaupt nicht gibt. All zu groĂź ist die Ăśberraschung aber nicht mehr. Der „Reise Know-How Verlag“ hat uns ja bereits des Ă–fteren in die WĂĽste geschickt. Dies ist allerdings das erste Mal, dass es noch nicht einmal die angegebene Adresse gibt. Ein tolles Buch.
In der kleinen Fußgängerzone Holguíns gibt es eine Peso-Cafeteria. Der Kaffee kostet hier läppische 50 Centavos[1], was umgerechnet zwei Cent pro Kaffee sind. Aber, wie immer in Peso-Lokalen, gibt es nicht einfach nur billig etwas zu konsumieren. Eine irrsinnige Show gehört zum Preis dazu. Leidtragende oder Staunende (je nach Gemütslage) sind dabei indessen natürlich stets die Konsumenten.
Zunächst einmal muss man sich an die dicht gedrängte Bar durchquetschen. Hat man dies geschafft, gilt es den Platz zu verteidigen. An Körperkontakt sollte man sich in Kuba sowieso etwas gewöhnen. Selbst wenn man im Supermarkt an der Kasse steht und weit und breit kein anderer Mensch ist, wird sich der Mensch, der dann doch irgendwoher kommt, dicht an dich drĂĽcken. Wieso auch immer â€¦ An der Bar stehend kann man dann die Männer (Frauen haben wir keine gesehen) beobachten, wie sie sich entweder an ihren kleinen leeren (!) Tässchen festhalten oder mit einem höchst gequälten Blick den Namen der Barkeeperin in den Raum jaulen. In diesem Fall: „Isabeeeel!“ Isabel reagiert auf die Qual ihrer Gäste entweder ĂĽberhaupt nicht, oder sie zischt „Momentito.“ in die jaulende Ecke.
Nach einiger Zeit des Beobachtens stellen wir fest: Es wird auf die nächste Fuhre Kaffee gewartet. Die Maschine braucht allerdings so was von abartig lange, dass man selbst schon versucht ist „Isabeeeel!“ zu jaulen.
Ich hole einen Peso Cubano aus meiner Hosentasche und spiele etwas damit herum. Isabel kommt irgendwann an Bekki und mir vorbei, sieht den Peso und fragt: „Dos?“ Wir bejahen ihre Frage und bekommen daraufhin zwei leere Minitässchen vor uns gestellt. Wir sind von nun an also mit an Bord. Unsere Mannschaftskollegen beäugen uns zwischen ihren „Isabeeeel“-Rufen jedoch eher misstrauisch. Ausländer sieht man hier drin wohl nicht so oft.
Irgendwann kommt dann der Kaffee. Die Cafeteria (übrigens: endlich mal eine, die auch Kaffee ausschenkt) kann sich wohl keine anständigen Kannen leisten, und so muss Isabel nach dem Auffüllen von fünf, sechs Tässchen immer wieder zurück in die Küche laufen und das Kännchen neu füllen. Irgendwann kommen dann auch wir an die Reihe, und nach zwei Schlucken ist die Tasse wieder leer. Kostet zwei Euro-Cent und 20 Minuten.
Als nächstes entscheiden wir uns für ein Dosengetränk. Das müssen Isabel und ihre Kollegen nicht erst herstellen, und von daher dürfte es diesmal wohl weniger lange dauern. Wir sollen Recht behalten, und kurz darauf erfrischen wir uns an köstlicher Limonade. Während des Genusses unserer Refrescos bekommen wir dann die Erklärung dafür, dass alte Männer einem den Vogel zeigen, wenn man Flaschen und andere Behältnisse in den Mülleimer wirft:
Da auch Kubaner keine Lust zu haben scheinen, 20 Minuten auf zwei SchlĂĽckchen Kaffee zu warten, bringen sie ihre eigenen „Tassen“ mit. In diese passt schlieĂźlich mehr auf einmal rein! So beobachten wir einen Mann, der sich einen schon zigfach benutzten Eisbecher fĂĽllen lässt und einen anderen, der aus einem Olivenglas seinen Kaffee schlĂĽrft. Isabel hat extra fĂĽr diese schlauen Kunden einen Messbecher, anhand dessen sie exakt nachmessen kann, wie viel der Herr zu zahlen hat. Top!

Es hört einfach nicht auf zu regnen.
Wir entschlieĂźen uns dazu, das Hotel Pernik aufzusuchen. Dieses Hotel soll angeblich Internetanschluss haben, und da wir sowieso nichts Besseres zu tun haben â€¦
„Sehr weit!“, lautet die allgemeine Wegbeschreibung zum Hotel. Wenn ein Kubaner einem jedoch sagt, dass etwas zu weit entfernt ist, um es zu FuĂź erreichen zu können, dann kennt er entweder einen Taxifahrer, fährt selbst ein Bicitaxi oder ist einfach nur stinkfaul. Aus diesem Grunde wiegeln wir immer ab und sagen, dass wir zu Hause jeden Tag ĂĽber drei Berge und sieben Täler mit dem Bollerwagen in die Schule laufen â€¦ oder so.
Auch interessant ist die Tatsache, dass ein Kubaner â€“ wiederholt er seine Beschreibung â€“ oftmals an den Stellen, an denen er zuvor „links“ sagte, plötzlich „rechts“ sagt und umgekehrt. Oder er sagt mal links und rechts, wie es ihm beliebt, oder er lässt sich von einem anderen verbessern. Wo „links“ und wo „rechts“ ist, scheint nicht jeder Kubaner zu wissen.
Wie dem auch sei: Nach nicht einmal 30 Minuten Fußmarsch befinden wir uns im Hotel, welches wahrhaftig über einen Internetanschluss verfügt und uns sogar den USB-Stick nutzen lässt. Juchhe.

Auf dem RĂĽckweg regen wir uns â€“ wie so oft â€“ ĂĽber das Verhalten der Autofahrer auf. Den Blinker setzt hier einer von hundert, und an den Kreuzungen wird grundsätzlich nur in die Richtung geschaut, aus der ein Wagen kommen könnte, der den eigenen Weg kreuzt. Als FuĂźgänger sollte man von daher immer warten, bis die Kreuzung frei ist oder man herĂĽbergewinkt wird (was selten vorkommt). Denn das Passieren der Kreuzung mit dem Gedanken „Der wird mich schon sehen“, dĂĽrfte vom Autofahrer mit dem Gedanken „Der wird mich schon sehen“, erwidert werden, was zu einer fĂĽr den FuĂźgänger schmerzhafteren Kollision fĂĽhren dĂĽrfte. Von daher: Warte oder renn.
Beim Bäcker werde ich von einer Kubanerin am linken Ohr angefasst. Sie ist von meinem Ohrring fasziniert, blickt daraufhin Rebekka an und fragt, ob dies unser Ehering sei.
Romantisch.

Morgen erscheint Die Treppe auf DVD. Wenn mir mal jemand gesagt hätte: „Wenn dein erster Film auf DVD veröffentlicht wird, sitzt du in einem Bus und fährst von HolguĂ­n nach Santiago“, hätte ich vermutlich â€¦ Was weiĂź ich. Ich hätte auf jeden Fall nicht gedacht, dass sich jeder vor mir die DVD anschauen kann.

Trotzdem: Buenas noches,
Dennis y Rebekka


  • [1]
  • Centavos Cubano, nicht Centavos Convertible!

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