Tag 38: Der Tivoli und Fräulein Rosarot

Anarchistenherz

Freitag, 16. März 2007
Santiago de Cuba

Santiago scheint endlich das „karibische Flair“ zu haben, das so viele in Kuba zu sehen glauben. Die Menschen scheinen lockerer und freundlicher zu sein, und zudem sieht die Stadt nicht annähernd so kaputt und dreckig aus wie Havanna.
Unser erster Weg fĂĽhrt uns heute hinunter zum Hafen. Von dort aus hat man einen schönen Blick ĂĽber die Bucht und die umliegenden Berge. Santiago de Cuba ist wirklich in eine tolle Kulisse gebettet. Die groĂźe Bucht wirkt schon fast wie ein riesiger Bergsee, ist man hier doch von den Bergen der Sierra Maestra richtiggehend „umzingelt“.

Santiago (1)

Wir laufen durch Tivoli, das haitianische Viertel. Hier leben Flüchtlinge aus dem armen Nachbarstaat. Dementsprechend sehen hier auch die Häuser aus. Wir werden hier jedoch kein einziges Mal angeschnorrt. Der Stadtteil ist zwar eindeutig arm, allerdings nicht dreckig oder ungemütlich.
Als wir unser eigentliches Ziel, die Treppe in der Calle Padre Pico finden, sind wir dann aber doch ein wenig enttäuscht, denn all zu beeindruckend ist sie nicht. Stattdessen merkt man, dass man sich wieder dem Zentrum nähert, denn man wird hier angeschnorrt.

Santiago (2)

Als wir uns kurz darauf am Parque CĂ©spedes ausruhen, werden wir von allen Seiten angeschnorrt. Jetzt bewahrheitet sich dann doch die These, dass Santiago anstrengend sein kann. Wir finden jedoch, dass die Aufdringlichkeit der Menschen in Havanna und Trinidad nicht weniger schlimm ist, vielleicht sogar noch anstrengender.
Uns gegenĂĽber sitzen Johannes und Fritz auf einer Bank. Die beiden Bremer, die wir in Santa Clara kennen gelernt haben sind bereits seit vorgestern hier und fahren am Sonntag (ĂĽbermorgen) weiter nach Baracoa.

Parque CĂ©spedes (1)
Das Rathaus am Parque CĂ©spedes. Vom mittleren Balkon aus
verkĂĽndete Castro am 01.01.1959 den Sieg der Revolution.

Catedral de Nuestra Señora de la Asunción
Die gegenüberliegende Catedral de Nuestra Señora de la Asunción

Seltsamerweise wird die BĂĽhne am Parque wieder abgebaut. Das Festival ist aber noch nicht vorbei!? Aber auch ohne BĂĽhnen sieht man in Santiago an einigen Ecken Bands spielen.

Musiker

Santiago gefällt uns â€“ trotz der vielen anstrengenden Schnorrer â€“ immer noch sehr gut. Wie in jeder kubanischen Stadt stellt man sich jedoch dann unweigerlich irgendwann die Frage: „Und was machen wir jetzt?“ Irgendwie sind Kubas Städte doch alle gleich. Die Unterschiede sind meist eher fein und verblassen oftmals bei längerer Betrachtung mehr und mehr. AuĂźerdem haben kubanische Städte immer nur ein wirkliches Zentrum, um das sich alles dreht. Man stelle sich vor, in deutschen Städten gäbe es nur einen zentralen Platz und drumherum liegen nur Wohngebiete: Klingt ziemlich langweilig, oder?

Wir begegnen einer Berlinerin wieder, mit der wir uns im Bus nach Santiago unterhalten haben. Sie trägt eine rosarote Brille und ist für ihr Alter (ca. 40) doch schwer naiv. Bereits im Bus musste ich mich zurückhalten, als sie uns von allem möglichen hier vorschwärmte und danach von den ach so hohen Abgaben der Casa Particular-Betreiber zu berichten wusste.
Unsere armen Casa-Leute in Santiago haben übrigens einen schnellen Computer, die neuesten Disneyfilme auf DVD, Privattanzunterricht im Wohnzimmer und sehen auch sonst einmal mehr sehr gut genährt und unbeschwert aus. So hoch können die Abgaben verglichen mit den allermeisten wahrhaftig armen Kubanern also nicht sein.
Heute schwärmt uns die in Deutschland vermutlich als alte Jungfer lebende Traumtänzerin von den kubanischen Männern vor. Keine zwei Minuten mĂĽsse sie warten, bis sie von einem Mann zum Tanzen aufgefordert wird. Wow, das weiĂź hier zu beeindrucken. Speziell nachdem wir unseren Kanadier gestern keine zwei Stunden nach unserer Ankunft bereits mit einer Prostituierten sahen. In Deutschland wĂĽrde sie nie so oft aufgefordert. Das glauben wir ihr sofort. Als die Holde, die hiermit zum dritten Mal innerhalb von drei Jahren fĂĽr drei Wochen â€“ wie märchenhaft â€“ nach Kuba reist, uns dann auch noch von ihrem „Casa-Coup“ berichtet, genieĂźt sie endgĂĽltig unser unausgesprochenes Mitleid: „Ich wohne nicht all zu weit weg vom Zentrum. Kostet pro Strecke nur zwei Dollar mit dem Taxi! Wo wohnt ihr?“
Mit den FĂĽĂźen nur zwei Minuten vom Zentrum â€¦

Das Abendessen in unserem Casa schmeckt sehr gut, kostet aber auch sechs CUC pro Person. Morgen wollen wir von daher einen Peso-Straßenstand stürmen, den wir heute entdeckt haben. Dort gibt es nämlich frittiertes Gemüse für lächerliche 50 Centavos Cubano pro Stück. Das wird ein Festmahl. Denn was zu feiern, gibt es auch: Bekki und ich haben morgen unser Siebenjähriges!

Nach dem Abendessen verpassen wir den Sonnenuntergang, setzen uns aber trotzdem auf die Dachterrasse des Casa Grande und trinken was. Vor dem Hotel beginnt auf einmal eine Schlägerei zwischen zehn Bullen, einer hysterischen Frau und noch zwei anderen zwielichtigen Gestalten. Die Freunde und Helfer haben alle Hände voll zu tun, um nicht sogar zu sagen: Sie sind überfordert. Und das bei zehn gegen drei.
Wieso hauen die Kubaner nicht mal richtig auf die Kacke und jagen ihr nichtfunktionierendes System samt ihrem im Darmbereich nicht mehr funktionierenden Präsidenten zum Teufel, frage ich mich. Schließlich ist Santiago doch die Wiege kubanischer Aufstände. Die Freiheitsbestrebungen gegen die Spanische Krone begannen hier und Castros Sturm auf die Moncada-Kaserne vom 26. Juli 1953, was den Beginn der Revolution darstellte, fand auch in Santiago statt.
… all das geschah jedoch zu einer Zeit, als fĂĽr die Kubaner der Begriff „Freiheit“ noch nicht so ausgelutscht war und die Definition der „Libertad“ noch nichts mit Dollars zu tun hatte. Lang, lang ist’s her â€¦

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