Tag 39: Die Moncada-Kaserne und meine Nutten

Anarchistenherz

Samstag, 17. März 2007
Santiago de Cuba

Am Morgen des 26. Juli 1953 wird die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba von einem unbekannten Radikalen namens Fidel Castro Ruz und seinen 160 Gefolgsleuten gestĂĽrmt. Der Angriff misslingt allerdings, und insgesamt 68 Aufständische der „Bewegung des 26. Juli“ (M-26-7) werden getötet. Castro wird verhaftet. Beim Prozess hält er seine berĂĽhmte Rede „Die Geschichte wird mich freisprechen“ / „La historia me absolverá“. Fidel, sein Bruder RaĂşl und die anderen Gefangengenommenen werden verurteilt und auf der Isla de la Juventud ins Gefängnis gesteckt. Bereits im folgenden Jahr begnadigt Batista nach seinem erneuten Amtsantritt die Revolutionäre, die daraufhin nach Mexiko emigrieren und dort Che Guevara kennen lernen. Der Rest ist Geschichte â€¦

Die Moncada-Kaserne ist zu FuĂź nur knappe 10-15 Minuten vom Zentrum entfernt. Das Gebäude wurde restauriert und â€“ wie alle historisch wichtigen Gebäude Kubas â€“ zu einem Museum umfunktioniert. Dieses wollen wir uns heute anschauen.
Das Spektakulärste an der Kaserne ist eindeutig ihr Ă„uĂźeres. Das Museum ist â€“ wie eigentlich alle Museen Kubas â€“ voll mit unnötigen und uninteressanten Relikten wie Geldscheinen, die dieser Revolutionär dabei hatte und einem ManikĂĽreset, welches jene Revolutionärin bei sich trug. Von auĂźen jedoch kann man noch heute die Einschusslöcher bestaunen, die während des Gefechts in die AuĂźenwand des Gebäudes geschossen wurden. Lustig hierbei ist die Tatsache, dass sowohl das komplette Haus als auch sämtliche Einschusslöcher vor nicht all zu langer Zeit restauriert worden sind.

Moncada

Wir verlassen das unspektakuläre Museum und laufen drei Meter in die „verbotene Richtung“. Eine uniformierte BeschĂĽtzerin der Freiheit pfeift hinter uns her und lässt uns wissen, dass das Spazierengehen in jene Richtung verboten sei. Einmal mehr wird man hierbei an die absurde Szene am Plaza de la RevoluciĂłn in Havanna[1] erinnert und fĂĽhlt sich mal wieder komplett verarscht, hängen doch nirgends irgendwelche Hinweise darauf, dass man diesen oder jenen Weg nicht nutzen darf. Vermutlich wird dies absichtlich so gehandhabt, damit man auch ja regelmäßig von der Staatsgewalt in seine Schranken gewiesen wird und somit auch immer merkt, dass ein Militär- und ein Polizeiapparat ständig und ĂĽberall präsent sind. Freiheit, wie man sie sich wĂĽnscht â€¦

Ich bin von dieser Bullenaktion ziemlich angepisst und rege mich einmal mehr ĂĽber dieses „sozialistische“ System auf. In Santiago ist die Polizeipräsenz enorm, sogar noch enormer als in den anderen Städten Kubas. Kuba ist ein absolut ĂĽbler Polizeistaat. Hier im tiefen SĂĽdosten ist die Staatsgewalt zudem nicht nur durch ihre ständige Präsenz spĂĽrbar sondern auch durch ihr Auftreten. Täglich kann man mehrfach (!) beobachten, wie Bullen Schwarze kontrollieren. Es sind wirklich immer Dunkelhäutige, die hier schikaniert werden. Der Begriff „Rassismus“ muss hier nicht weiter erläutert werden, denke ich.

All zu festliche Stimmung kommt bei Rebekka und mir heute leider nicht auf. Wir versuchen die Stimmung anzuheben, indem wir uns um unser Festmahl kĂĽmmern: frittiertes GemĂĽse.
Die Ăśberraschung ist â€“ wie immer auf Kuba â€“ nicht all zu groĂź, als wir feststellen mĂĽssen, dass es heute frittiertes Huhn anstelle von GemĂĽse gibt. Juchhe.
Unser nächster Versuch, die Stimmung anzuheben startet um 16 Uhr. Wir gehen ins Museo del Carnaval, wo täglich um diese Zeit eine Band mit Tänzern auftritt.
Die Musik und die Tänze sind ziemlich strange und treffen nicht wirklich unseren Geschmack. Unterhaltsam ist die Show jedoch allemal, und fĂĽr eine Stunde zahlen wir gerade mal je einen Peso Convertible. Der lustige Mix aus Rumba, HipHop, Federviehgebalze und Improvisation endet damit, dass alle Ausländer von der Combo auf die BĂĽhne gezerrt werden â€“ sich weigern nĂĽtzt nichts â€“ und mittanzen mĂĽssen. Uff …
Als wenn das noch nicht genug wäre, muss dann jeder Tourist einzeln mit einer der Damen tanzen und wird hierbei aufgefordert, Geld springen zu lassen. Meine Tasche liegt allerdings noch auf unserem Platz und somit können wir der Dame keine „Spende“ ĂĽberreichen. Das juckt einen Kubaner jedoch wenig, und so werden wir nach der Show noch auf der StraĂźe verfolgt und auf die noch nicht geleistete freiwillige Spende aufmerksam gemacht.

Den Tag wird so schnell nichts mehr retten können, denken wir uns â€¦ doch wir irren uns!
Als wir abends auf dem Hochparterre des Hotels Casa Grande einen Mojito am schlĂĽrfen sind, setzen sich zwei uns bekannte Gesichter an den Nebentisch. Wir kennen die beiden vom Busbahnhof in Cienfuegos. Dort hielten wir ein wenig Smalltalk, bevor sie nach Trinidad fahren konnten. Wir mussten zu dem Zeitpunkt noch drei, vier Stunden auf unseren Bus warten.[2]

Corinna und Thorsten kommen aus Berlin und sind schwer sympathisch. Wir unterhalten uns so lange miteinander, bis das CafĂ© des Hotels schlieĂźt und uns „vor die TĂĽr setzt“. Also ziehen wir weiter in eine ziemlich trashige und auch extrem einheimische Freiluftkneipe.
Die Meinung, die die beiden von Kuba haben, deckt sich ziemlich genau mit der unsrigen, was der Unterhaltung nur all zu gut tut. Lediglich unser Bild des schnorrenden Kubaners scheint krasser zu sein als ihres. Doch dies soll sich am heutigen Abend auch noch ändern.

Ich gehe Bier holen. Kaum laufe ich zwanzig Meter alleine durch die Bar, gehen mir zwei Mädels ans Hemd. An der Bar erwartet mich dann auch schon der Zuhälter der beiden und verwickelt mich in ein Gespräch. Erst jetzt bemerke ich, dass der Zwerg zu den beiden Chicas gehört. Ob ich die zwei nicht mal schnell vernaschen will oder ihm wenigstens ein Bier spendiere, fragt er mich. Weder noch, antworte ich darauf. Diese Antwort gefällt ihm nicht all zu gut, denn ohne meine Kohle oder direkte Bierspende wird er heute wohl nicht mehr ins Koma fallen können. Er steht ja sogar noch fast aufrecht!

Ich schnappe mir die bestellten Biere und verdünnisiere mich. Zurück bei meinen Leuten, erzähle ich von meinem soeben Erlebten, und prompt steht der Sack wieder neben mir. Er nuschelt irgendetwas vor sich hin, vermutlich noch mal dasselbe wie zwei Minuten zuvor. Wir ignorieren ihn einfach und drehen ihm den Rücken zu.
Kurz darauf kommt ein neuer Kubaner und fragt mich, ob ich ihm nicht ein Bier spendieren könne. Nein, lautet die Antwort. Dann kommt der nächste. Der Dritte kommt dann auch noch zu mir, und ich habe keine Lust mehr. Ich verstehe kein Englisch und komme aus Usbekistan. Dieses Land ist dem Schnurrbartträger jedoch kein Begriff, und er denkt doch tatsächlich, dass ich ihn verarschen möchte, woraufhin er mich wĂĽst beschimpft und ĂĽberhaupt mal Luft ablässt. „Alle Europäer und Nordamerikaner sich dumm und scheiĂźe“, lautet das Fazit und ich denke erst gar nicht daran, auf seine Provokation einzugehen. Ich verstehe ja auch schlieĂźlich nichts von dem, was er sagt. Von daher wird nichts aus seiner offensichtlich erhofften Schlägerei, und er zieht irgendwann wieder ab. Uns wird es dann aber doch etwas zu ungemĂĽtlich, und wir stellen uns vor den kubanischen „Biergarten“. Wir fĂĽhren unsere Unterhaltung fort, bis auf einmal wieder der Zuhälter vor mir steht. Ich habe Bekki im Arm, was ihn offenbar vollkommen kalt lässt. SchlieĂźlich will er mich endlich mit seinen Nutten zusammenbringen. Da kann eine Freundin ja nur bei stören …

Drei Meter neben uns stehen Bullen, was uns weiĂźen Touristen „politisch unkorrekterweise“, aber in diesem Fall glĂĽcklicherweise, zu Gute kommt. Ich sehe gequält genug aus, und so wird der nervige Gartenzwerg schlieĂźlich einer polizeilichen Kontrolle unterzogen. Und tschĂĽss …
Corinna und Thorsten lassen uns wissen, dass wir wohl so oft angesprochen werden, weil ich blond bin. Dies scheint wohl tatsächlich zu stimmen, wurde Thorsten doch den kompletten Abend über kein einziges Mal direkt angequatscht! Was lernen wir also daraus: Als Blonder lebt es sich in Kuba wesentlich anstrengender als als Dunkelhaariger.

Wir bewegen uns wieder in Richtung Parque CĂ©spedes. Der Abend neigt sich dem Ende entgegen, und so verabschieden wir uns von Corinna und Thorsten. An einer StraĂźenecke, an der schon wieder Bullen stehen, wollen wir unseren morgigen gemeinsamen Tag besprechen. Auf einmal verziehen sich die Bullen und Corinna spricht den Satz aus, der uns allen Vieren in diesem Moment erstmals in unserem Leben (!) durch den Kopf geht: „ScheiĂźe, die Bullen sind weg.“

Welch schizophrenes Land â€¦


  • [1]
  • Siehe La Habana, 17. Februar 2007; interessant, dass uns exakt einen Monat nach dieser Geschichte quasi noch mal dasselbe „geschieht“

  • [2]
  • Siehe Cienfuegos â€“ Santa Clara, 09. März 2007

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