Tag 42: Über Guantánamo in den Urwald

Anarchistenherz

Dienstag, 20. März 2007
Santiago de Cuba â€“ Baracoa

Wir mĂĽssen um 6:30 Uhr aufstehen, da der einzige Bus in Richtung Baracoa um 7:30 Uhr am Morgen fährt. Das ist hart â€¦ Unsere sympathische dicke Casa-Mutter, selbst noch in einem halbkomatösen Zustand, weckt uns.
Am Parque Céspedes stehen immer Taxis. Aus diesem Grunde führt uns unser erster Weg am heutigen Morgen dorthin. Um diese Uhrzeit, müssen wir feststellen, steht allerdings kein einziges Taxi am Parque. Oh oh. Ein Kubaner kommt auf uns zu und fragt uns, ob wir ein Taxi bräuchten. Jawohl. Er freut sich, lässt uns dann aber wissen, dass er sich erst noch ein Auto besorgen muss, bevor er uns herumkutschieren kann. Für solche Späße haben wir jedoch keine Zeit, wer weiß wie lange das dauert. In Matanzas dauerte es in einer ähnlichen Situation knapp 20 Minuten[1].
Am anderen Ende des Parques, vor der Kathedrale, sehen wir zwei Touristen mit Koffern stehen. Wir stellen uns zu ihnen und fragen, ob sie zufällig auf ein Taxi warten. Sie bejahen die Frage und wir schlagen vor, es durch vier zu teilen. Gebongt. Zwei Minuten später kommt das Privattaxi, und wir handeln einen Preis aus.

Am Busbahnhof angekommen, reihen wir uns in eine sich in keiner Weise bewegende Schlange ein. „Wollt ihr Bustickets kaufen?“, frage ich irgendwann. „Dauert noch.“ Die beiden Deutschen, mit denen wir uns das Taxi teilten, kaufen sich jedoch bereits ihre Tickets. Diese haben sie â€“ und das ist uns neu â€“ bereits in einem „ReisebĂĽro“ vorreserviert. Tja und die, die reserviert haben, werden dementsprechend bevorzugt. So stehen wir Devisenzahlenden erstmals in einer „Devisen-Lista de Espera“. Das nervt dann doch leicht an. SchlieĂźlich sind wir extra so frĂĽh aufgestanden, haben unser Casa Particular verlassen und ein Taxi bezahlt. Sollte man uns nun nicht mitnehmen, mĂĽssten wir wieder mit einem Taxi runter in die Stadt fahren, ein Casa Particular fĂĽr eine Nacht suchen und morgen schon wieder so frĂĽh aufstehen.
Die Horrorvorstellung bewahrheitet sich zum GlĂĽck nicht, und alle Wartenden werden mitgenommen. Ich finde jedoch zunächst keinen Sitzplatz im Bus und muss Bekki auf den SchoĂź nehmen. Noch vor der Abfahrt wird dann aber doch noch was frei und jeder im Bus â€“ bis auf einer â€“ hat seinen eigenen Sitzplatz.

Die Fahrt dauert fünf Stunden und ist, landschaftlich betrachtet, die Spektakulärste. Die Strecke von Santiago in den tiefen Osten Kubas führt zunächst nach Guantánamo. Die Stadt sieht zunächst fast so aus, wie man sie sich vorgestellt hat: Überall sind Soldaten, und jedes Gebäude scheint irgendetwas mit dem Militär zu tun zu haben. Guantánamo dürfte eine wirklich üble Stadt sein. Von Santiago aus wollten wir eine Tour zur US-Militärbasis unternehmen, die knappe 20km Luftlinie südöstlich von Guantánamo stationiert ist. Es gibt dort auch einen Aussichtspunkt, von dem aus man auch das berüchtigte Taliban-Gefängnis in der Ferne sehen kann. Auf der einen Seite irgendwie schwer makaber, auf der anderen Seite doch auch interessant. Und da unser Urlaub ja bisher zu einem großen Teil aus der Beobachtung von Verbrechen an der Menschheit durch die kubanische Regierung besteht, wollten wir uns auch mal ein Verbrechen der US-Regierung an der Menschheit ansehen. Diese Touren sind jedoch mittlerweile verboten worden.
Wir verlassen den Busbahnhof und fahren durch das „echte“ Guantánamo, also die Innenstadt. Jetzt hat die Stadt eine etwas andere Wirkung auf uns. Sie sieht arm aus, ohne wirkliche Besonderheiten. Als wir die Stadt schon wieder am Verlassen sind, ändert sie plötzlich erneut ihr Bild. Ein wirklich schön anzusehender Fluss, an den Ufern mit Blumen und Bäumen gesäumt, windet sich durch die Ausläufer der Stadt. Eine hĂĽbsche BrĂĽcke und viel GrĂĽn lassen diesen Teil der Stadt im Vergleich zu unseren restlichen Beobachtungen fast schon wie eine Oase aussehen.

Die Straße wird einige Kilometer hinter Guantánamo zu einer Küstenstraße. Zu unserer Linken türmen sich die Berge, zu unserer Rechten erstreckt sich der Ozean ins Unendliche. Ein wahnsinnig schöner Anblick.
Die Straße verlässt die Küste und schlängelt sich die Berge hoch und runter. Manchmal, wenn wir denken, dass wir wieder weit weg vom Meer sind, erscheint es auf einmal direkt neben uns, dann sieht man es wieder für längere Zeit nicht mehr, und der Bus kämpft sich den nächsten Pass hinauf. Ausgetrocknete Flussbette wechseln sich mit reißenden Bächen ab. Irgendwann geht es nur noch nach oben, keine Ahnung, wie viele hundert Meter. Es wird neblig. Neben der kurvigen Straße türmen sich senkrechte Felswände. In kurzen Abständen stürzen sich kleine Wasserfälle auf die Straße hinab. Es ist nass draußen.
Wir fahren an Holzhütten vorbei und beobachten Frauen, die in den Pfützen der kleinen Wasserfälle ihre Wäsche waschen.
In ImĂ­as, einem Dorf weit ab vom Schuss, machen wir eine zehnminĂĽtige Pause. AuĂźer der Bushaltestelle sehen wir jedoch rein gar nichts vom Ort, der sich im tiefen Regenwald sehr gut zu tarnen weiĂź. Hier spĂĽren wir dann auch die im Bus erahnte hohe Luftfeuchtigkeit.

Ich filme eine StrohhĂĽtte, vor der einige Touristinnen aus unserem Bus stehen. „Jetzt werden wir schon beim Pissen gefilmt“, sagt eine Deutsche. Ei huch.

Klo (1)

Die Fahrt geht weiter. Endlich haben wir auf Kuba unser „Hawaii-Erlebnis“: der urplötzliche Wechsel der Landschaft, mit dem man nicht rechnet. Der Osten Kubas ist Regenwald.

Karte - Baracoa

Wir erreichen Baracoa, den Ort mit der höchsten Luftfeuchtigkeit Kubas (ca. 85%). Die älteste Stadt Kubas und jene Stelle, an der Kolumbus am 27. Oktober 1492 landete. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sollen die Einwohner der Stadt den zerlumpten spanischen Landstreicher Pelú weggejagt haben, der daraufhin die Stadt verfluchte: Baracoa möge ewig zurückbleiben. Sein Fluch scheint wahr geworden zu sein. Erst seit den 60er Jahren ist Baracoa über eine Straße zu erreichen. Zuvor ging dies nur per Boot über das Meer. Hier ist es ruhig, und die Menschen betteln einen nicht an. Lediglich einmal werden wir heute angeschnorrt.

Als wir den Bus verlassen, kommen wie immer die Casa-Particluar-Massen auf uns zugerannt. Jeder will uns mitnehmen, und wie immer zwängen wir uns an allen vorbei. Keine Lust auf diese Schlepperei. Hinter der Wand aus Menschen steht plötzlich ein angenehm wirkender Herr, der uns in einer netten Art und Weise seine Karte in die Hand drĂĽckt und erwähnt, dass sein Haus direkt am Strand liegt. Klingt irgendwie sofort gut, und wir entscheiden uns erstmals, mit einem dieser Menschen mitzugehen. Zuvor fragen wir ihn jedoch noch, ob es auch sein Haus sei. Lautete die Antwort „Nein“, wäre er nur ein weiterer Schlepper, der eine Prämie kassieren will. Er bejaht unsere Frage jedoch und organisiert uns wegen des vielen Gepäcks ein Bicitaxi. Er handelt uns einen fairen Preis beim Fahrer aus, und so fahren wir erstmals mit einem Fahrradtaxi. Die Fahrt ist Style pur! Wir fahren Baracoas UferstraĂźe entlang. Die See ist rau. Meterhohe Wellen schlagen an die Kaimauer, und nicht selten fluten sie die StraĂźe. Wir haben starken Gegenwind, was unserem Chauffeur schwer zu schaffen macht. Kurz vor einer tiefen MeerwasserpfĂĽtze, ich rufe schon „¡Rápido, rápido!“, verlassen wir vorsichtshalber die UferstraĂźe. AndrĂ©s, unser Casa-Vater, ĂĽberholt uns mit seinem Fahrrad und fährt einige Meter vorneweg. Diese Situation nutzt unser Fahrer sofort aus. Er dreht sich keuchend, aber lächelnd, um und sagt: „Wenn euch sein Haus nicht gefällt, ich kenne da ein ganz tolles.“ Uns gefällt AndrĂ©s Casa allerdings sehr gut. Direkt am Strand gelegen und mit einem tollen Ausblick ĂĽber das Meer. Einige hundert Meter Luftlinie entfernt, steht das Baseballstadion Baracoas direkt am Meer. So etwas haben wir auch noch nie gesehen.

AndrĂ©s ist sehr sympathisch. Wir unterhalten uns mit ihm und seiner Frau, die beide sehr weltoffen zu sein scheinen. Er ist froh, dass wir keine Ostdeutschen sind, da er die ehemaligen Ostblockbewohner nicht all zu sehr schätzt. „Wieso?“, fragen wir ihn. „Weil sie noch einmal sehen wollen, wie sie frĂĽher einmal leben mussten“, antwortet er. „Das ist nicht all zu respektvoll“, fĂĽgt er hinzu, und wir können ihn voll und ganz verstehen. Er sehnt eindeutig den Wechsel herbei.

Wir erkunden die Stadt ein wenig. Baracoa liegt direkt am Regenwald. Es ist ein toll gelegener Ort. In der Bucht liegt ein rostiges Wrack, auf dem Hügel direkt neben dem Ortskern steht ein altes Fort, welches heute ein Hotel ist. Wir steigen die Treppe hinauf, um uns die Stadt von oben anzusehen. Im Innenhof des Hotels treffen wir Peter und Susanna, die beiden Slowaken, die wir in Santiago kennen gelernt haben[2]. Wir trinken gemeinsam Kaffee und einen Cocktail mit Schokoladenlikör. Baracoa ist übrigens eine Schokoladenstadt!
Das Wetter soll leider bis Freitag schlecht bleiben, sagen die beiden. Das wäre äußerst schade, da wir vier einige Ausflüge in die Natur gemeinsam unternehmen wollen. Bei Regen und Wind dürfte dies jedoch äußerst schwierig werden.

Wir gehen heute recht frĂĽh schlafen. Das Wetter erlaubt uns keine weiteren Stadterkundungen. Die Brandung wirkt hypnotisch, und dann erleben wir unser erstes karibisches Gewitter und den ersten Stromausfall auf Kuba. Irgendwie romantisch das alles …

Buenas noches,
Dennis y Rebekka

El Yunque
Die „RĂĽckseite“ von Baracoa und der mystische Berg El Yunque,
angeblich der erste jemals auf einer Karte verzeichnete Berg Amerikas

Klo (2)
… und noch ein interessantes Klo â€¦


  • [1]
  • Siehe Matanzas â€“ La Habana, 11. Februar 2007

  • [2]
  • Siehe HolguĂ­n â€“ Santiago de Cuba, 15. März 2007

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