Tag 45: Die TaĂ­nos vom Boca del RĂ­o YumurĂ­

Anarchistenherz

Freitag, 23. März 2007
Baracoa â€“ La Boca del RĂ­o YumurĂ­

Wir treffen Susanna, Peter und Fernando (unseren Fahrer) um 7:30 Uhr an der Tankstelle schräg gegenüber von unserem Casa. Wir vier werden für insgesamt 30 CUC den kompletten Tag in einem giftgrünen Chevrolet (Baujahr 1955) überall dort hingefahren, wo wir hinwollen.
Fernando scheint ein recht lustiger und netter Kubaner zu sein, der auch keine Scheu hat, uns zu erzählen, was hier so alles schief läuft. So erfahren wir zum Beispiel, dass man in Kuba zu bis zu acht Jahren Haft verurteilt werden kann, wenn man eine Kuh schlachtet! Kuhfleisch ist den Touristen vorbehalten. Unser baracoanischer Casa-Vater AndrĂ©s oder auch Humberto aus Matanzas haben bereits Ă„hnliches erzählt. „Wir sind ein Volk von Vegetariern. Unfreiwillig“, erzählte uns AndrĂ©s vor ein, zwei Tagen.

Das Wetter ist leider schlecht. Es regnet mal wieder. Oder immer noch.
Wir fahren nach Osten, halten in einer schönen Bucht und an einem schönen Strand. Wir passieren die einzige Zwillingspalme[1] Baracoas und einen natĂĽrlichen „Tunnel“: Ein gewaltiger Felsen lehnt an einer Steilwand. Die StraĂźe fĂĽhrt darunter hindurch. Dies ist der Paso de los Alemanes, der diesen Namen tatsächlich wegen einiger angesiedelter Deutscher bekam, die sich im 19. Jahrhundert bei den Einheimischen äuĂźerst unbeliebt machten, indem sie von den Bauern, die die KĂĽstenstraĂźe passieren wollten, an dieser Stelle einen Wegzoll kassierten.
Kurz darauf erreichen wir den Ort, der zu unserem „Tagesziel“ werden soll: La Boca del RĂ­o YumurĂ­. Hier flieĂźt der YumurĂ­, aus den Bergen kommend, ins Meer.
Fernando warnt uns dreimal auf dem Weg dorthin vor den Bewohnern des Dorfes. Sie sind sehr anhänglich, betteln oder wollen tauschen. Ist ja an sich nichts Neues fĂĽr uns …
Wir erreichen die Imbissbude, die kurz vor der Brücke, die über den Yumurí führt, steht. Kaum haben wir das Auto verlassen, werden wir schon vom halben Dorf umlagert. Jeder will uns etwas verkaufen oder gegen Kugelschreiber oder Seife eintauschen. Dummerweise haben wir unsere extra für solche Situationen aus Deutschland mitgebrachten Utensilien im Casa vergessen, so dass wir den Menschen nichts zum Tauschen anbieten können. Außerdem haben wir gestern in der Bank nur 20-CUC-Scheine bekommen, die hier mit absoluter Sicherheit niemand wechseln kann. Nachdem wir unser letztes Kleingeld für Schokoladenpulver ausgegeben haben, sind wir also absolut außer Stande, auf irgendeinen weiteren Deal einzugehen. Dies verstehen die Dorfbewohner auch sehr schnell, und so gilt ihr Hauptinteresse von nun an Peter und Susanna, was Rebekka und ich soweit gar nicht so schlecht finden.
Uns wird FrĂĽhstĂĽck angeboten, und da wir heute noch nichts gegessen haben, nehmen wir das Angebot dankend an. FĂĽr unsere slowakischen Freunde gibt es Fisch und heiĂźe Schokolade mit Milch, fĂĽr uns GemĂĽse und heiĂźe Schokolade ohne Milch. All dies muss jedoch erst einmal zubereitet werden, und so lassen wir uns so lange von den immer mehr werdenden Menschen des Dorfes durch den Ort fĂĽhren. Während dieses Spazierganges wird selbstverständlich weiterhin versucht, einen Handel zustande zu bringen. Aber wie gesagt …
Die Menschen hier sind zwar etwas anstrengend, aber trotzdem wahnsinnig nett. Manche von ihnen lieben es fotografiert zu werden, andere wollen offenbar einfach nur mit den „Fremden“ zusammen sein. Und als sie es endgĂĽltig akzeptieren, dass Rebekka und ich keinen Handel mit ihnen betreiben können, beschenken sie uns plötzlich. Sich weigern, die Geschenke anzunehmen, ist hierbei zwecklos.

Die Damen
Die Damen

Die Herren
Die Herren

Man schenkt uns Dinge, die uns vollkommen unbekannt sind:
Poa: Sieht aus, wie eine plattgedrĂĽckte Kastanie; Rebekka vermutet, dass es wohl etwas mit KokosnĂĽssen zu tun haben muss.
Ojo de Irgendwas: Wir konnten uns den Namen noch nicht einmal merken. Ein riesiger Samen irgendeiner Pflanze.
Und letzten Endes bekommen wir auch Polymitaschneckenhäuser. Polymitaschnecken gibt es nur auf Kuba. Sie haben ein unnatürlich wirkendes, bunt gestreiftes Gehäuse. Von knallgelb bis dunkelrot. Alle sehen sie wie angemalt aus.
Uns fällt auf, dass die Dorfbewohner anders aussehen als die restlichen Kubaner, und wir erfahren, dass sie Nachfahren der indianischen Ureinwohner, der Taínos, sind.
Zwei Jungs präsentieren uns eine kleine Höhle mit angeblich uralten indianischen Zeichnungen darin. Die Tropfsteinhöhle ist klein und feucht.
AuĂźerdem zeigt man uns den Pflanzenreichtum der Umgebung. Baumwolle, Salbei, Schokolade, Bananen, KokosnĂĽsse etc.

Baumwolle
Am Wegesrand wachsende Baumwolle

Es ist angerichtet und so setzen wir uns in eines der dunklen Häuschen des Dorfes, essen und trinken leckere Schokolade. Als wir die Steinhütte wieder verlassen, scheint erstmals seit Tagen wieder die Sonne. Endlich!

La Boca del RĂ­o YumurĂ­
Eine typische HĂĽtte des Dorfes

Boca del YumurĂ­ ist ein seltsam angelegter Ort. Das Zentrum scheint die BrĂĽcke zu sein. Auf der einen Seite der BrĂĽcke leben die Menschen direkt am schwarzen Strand. Schweine und HĂĽhner laufen frei umher. Eine gepflasterte StraĂźe gibt es nicht.
Eine 105-jährige steht in der Tür ihrer Hütte und beobachtet das Treiben. Erstaunlich, wie ein Mensch in einem armen Dorf ohne fließend Wasser so alt werden kann.

105 Jahre

Wir überqueren die Brücke und schauen uns die andere Seite des Dorfes an. Hier schlängelt sich eine extrem steile Straße nach oben. Von dort oben soll man einen wunderschönen Ausblick haben. Zwei kleine Mädchen begleiten uns den Großteil der Strecke. Der Ausblick ist wirklich toll. Die Menschen hier haben zwar kein Geld und nur in den drei Monaten der Kaffeeernte Arbeit, aber dafür liegt ihre Siedlung an einem prächtig aussehenden Flecken Kubas.

La Boca del RĂ­o YumurĂ­ (2)
El Puente del RĂ­o YumurĂ­

Wir fĂĽhlen uns willkommen im Dorf, und trotz der immer wieder aufkeimenden Versuche, irgendetwas mit uns zu tauschen â€“ und seien es unsere Klamotten, die wir momentan tragen â€“, vergehen die fĂĽnf Stunden im Ort wie im Fluge.
Wir vereinbaren mit einigen der Dorfbewohner ein Treffen um 17 Uhr in Baracoa. Wir wollen uns fĂĽr die erhaltenen Geschenke revanchieren und ihnen Seife und weitere „unbezahlbare LuxusgĂĽter“ schenken.
Als wir den Ort wieder verlassen, werden wir von allen herzlich verabschiedet. Wir versprechen einer alten Frau, deren Enkelin sich mit uns in Baracoa treffen will, dass wir ihr etwas Seife mitgeben. Die sympathische Oma drĂĽckt freudestrahlend unsere Hände und sagt, dass wir uns unbedingt den Namen ihrer Enkelin merken sollen: „Soraya. Soraya“, wiederholt sie immer wieder.

Die Sonne scheint noch immer. Von daher fahren wir noch einmal den Strand und die Bucht von heute Morgen an. Am Strand ist wegen des guten Wetters mittlerweile auch etwas los, und fast dasselbe Spiel wie in La Boca del RĂ­o YumurĂ­ beginnt von vorn.

Playa

Wir haben doch noch drei Peso Convertible in klein, und so kaufen wir köstlich riechende Schokoladenbutter (zum Heilen von Wunden!?) und einen dicken Schokoladenball. Das macht den Mann scheinbar so glĂĽcklich, dass wir danach plötzlich mit einem riesigen Kokosbarren[2] und KokosnĂĽssen beschenkt werden. Die NĂĽsse werden professionell mit einer Machete zerstĂĽckelt. Zunächst, um die Milch austrinken zu können und dann so, dass wir die KokosnĂĽsse auf unterschiedlichste Weise essen können. Zuerst auf die „klassische Weise“: ganz einfach das Fruchtfleisch essen. Als nächstes kratzen wir uns mit einem aus der Schale geschnitzten „Messer“ eine schleimige Schicht ab. Hat zwar eine eklige Konsistenz, schmeckt aber gut. Und dann gibt es noch eine von der Sonne schon länger getrocknete Koksnuss mit fest gewordener Milch darin.

Wir fahren zurĂĽck in Richtung Baracoa. Es ist verboten, Touristen in „Privattaxen“ herumzukutschieren. Auch aus diesem Grunde haben also die meisten Wagen verdunkelte Fensterscheiben. Fernando, unser Chauffeur, erkundigt sich zudem auf dem RĂĽckweg bei jedem uns entgegenkommenden Auto per Handzeichen, ob irgendwo die Polizei kontrolliert. Diese Zeichensprache ist bei kubanischen Autofahrern sehr oft zu beobachten, und man bekommt erstaunlicherweise auch immer eine Antwort.

Taxi
Unser Taxi

Sicher in der Stadt angekommen, gehen Bekki und ich noch schnell Getränke kaufen. Die wenigen Geschäfte Baracoas schließen bereits um 17 Uhr, und es ist schon zwanzig vor.
Im Supermarkt treffen wir auf Fernando. Er sieht uns zunächst nicht, und so können wir Zeugen seiner ĂĽberschäumend guten Laune werden. SchlieĂźlich hat er heute 30 CUC verdient, was eine Menge Geld fĂĽr ihn ist. Und das ist noch nicht alles: Morgen haben wir ihn und seinen Chevi wieder „gebucht“. Also gibt es morgen noch mal so viel Geld. Er kauft Nudeln, Tomatensauce, HĂĽhnchenfleisch und ParfĂĽm fĂĽr seine Frau. Er jubelt durch den halben Supermarkt, dreht sich um und entdeckt uns endlich. Er jubelt noch lauter, schlägt uns freudig auf die Schulter, zeigt uns seine wertvollen Einkäufe und ruft: „Mañana a las siete y media! Mañana a las siete y media!“ Jawoll: morgen frĂĽh, gleiche Zeit, gleicher Ort.

Wir wollen heute noch mehr Kubaner glĂĽcklich machen und suchen in unserem Casa nach Dingen, die wir den Menschen vom Fluss, die sich mit uns an der Kolumbusstatue verabredet haben, mitgeben können: drei StĂĽcke Seife, unzählige Kugelschreiber, ein Feuerzeug, zwei alte HandtĂĽcher, zwei leere Plastikflaschen und eine PlastiktĂĽte. Da ist doch so einiges zusammengekommen …
Susanna und Peter sitzen bereits an der Statue. Wir begrĂĽĂźen die beiden, und Peter rennt auf einmal weg. Wir wundern uns kurz, bis Susanna uns erzählt, dass die vier Frauen vom YumurĂ­ schon hier waren und vor ein, zwei Minuten bereits gegangen sind. GlĂĽcklicherweise erwischt Peter die vier und bringt sie wieder zurĂĽck. ĂśberglĂĽcklich nehmen Soraya und die drei anderen Frauen unser „Dankeschön“ fĂĽr den tollen Tag, ihre Gastfreundschaft und die lieben Geschenke entgegen.

Ein wirklich schöner Tag neigt sich dem Ende entgegen. Tolle Landschaften, nette und interessante Menschen und ein Dorf, vergleichbar mit nichts, das wir kennen, haben diesen Tag zu einem unserer schönsten auf Kuba gemacht. Wir freuen uns bereits auf morgen. Hoffentlich wieder bei gutem Wetter. Heute Abend fängt es leider wieder an zu regnen. Aber das kann sich hier scheinbar schnell und unvermittelt wieder ändern.

Hasta mañana,
Dennis y Rebekka


  • [1]
    Aus einem Palmenstamm wachsen zwei Palmen heraus.
  •  

  • [2]
    Sieht aus wie der furztrockene Getreideriegel aus der „Kinder Country“-Werbung. Schmeckt aber sehr lecker!
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