Tag 48: Hotelstadt Guardalavaca, oder: »Oh, sieh mal: eine Kutsche!«

Anarchistenherz

Karte - Guardalavaca

Montag, 26. März 2007
Santiago de Cuba â€“ Guardalavaca

Der Tag beginnt früh. Wir sind froh, dass wir nur eine Nacht in diesem Casa Particular verbringen mussten, da uns die Casa-Mutter bereits jetzt ziemlich auf den Sack geht. Ständig kommt sie und textet uns mit ihrem schlechten, aber extremely british English zu.
Unser Taxi (Baujahr 1948) kommt bereits eine halbe Stunde frĂĽher als verabredet. Doch der Fahrer weiĂź die Wartezeit zu nutzen: Gut gelaunt wedelt er mit einem Tuch den StraĂźenstaub von seinem Auto.
Die Klimaanlage des Busses ist heute abartig kalt. Nach etwas mehr als drei Stunden Fahrt erreichen wir Holguín. Dort erwarten uns bereits meine Eltern. Wir fahren mit ihrem Mietwagen die größtenteils ziemlich miese Straße nach Guardalavaca und erzählen uns gegenseitig von unseren Erlebnissen.
Guardalavaca heiĂźt wörtlich ĂĽbersetzt „SchĂĽtze die Kuh“. Es wird allerdings vermutet, dass der Name im Laufe der Jahre verfälscht wurde (wie auch immer so etwas möglich ist) und Guardalavaca ursprĂĽnglich Guardalabarca, also „SchĂĽtze das Boot“, hieĂź. Dies ergibt insofern Sinn, als dass es hier frĂĽher ein hohes Aufkommen an Piraten gab.
Meine Eltern wohnen in einem All-Inclusive-Hotel an der Playa Esmeralda, die an der Ostseite der BahĂ­a de Naranjo liegt. Die Landschaft um Guardalavaca und der BahĂ­a de Naranjo ist hĂĽgelig und hĂĽbsch. Die Unterwasserlandschaft wurde laut ReisefĂĽhrer mit altem Kriegsgerät „verschönert“. Da ich vorhabe hier zu tauchen, bin ich mal gespannt, ob ich tatsächlich hier Panzern unter Wasser begegne …
Genialerweise behalten meine Eltern â€“ entgegen unserer Erwartung â€“ den Mietwagen. Sie benötigen ihn hier jedoch nicht, und so bekommen wir das Auto. Saugut! Am frĂĽhen Abend machen wir uns von daher auf bequemste Art und Weise auf die Suche nach einer möglichst gĂĽnstigen Unterkunft. Zunächst suchen wir in Guardalavaca selbst[1]. Wir haben jedoch keine Hoffnung, ein Casa Particular zu finden, da uns bereits ziemlich viele Kubaner sagten, dass es dort keine gibt. Es soll jedoch eine Bungalowanlage namens Villa Cabaña geben, die preiswert sein soll. „Preiswert“ heiĂźt 57 CUC die Nacht, wie wir vor Ort erfahren. In Rafael Freyre (alias Santa LucĂ­a) gibt es laut unserem Casa-Vater AndrĂ©s aus Baracoa mindestens drei Casas. Also fahren wir lieber noch mal dorthin.
Die Straßen in Rafael Freyre sind eine einzige Katastrophe. Die meiste Zeit kann man nicht schneller als 5km/h fahren. Ein Schlagloch folgt dem nächsten auf dieser Buckelpiste, und so müssen wir auch noch im Slalom durch die Kleinstadt rollen. Wir fragen Einwohner nach Casa Particulares, aber keiner kennt welche. Als wir den Ort gerade wieder verlassen wollen, entdecken wir zufällig doch noch eins. Allerdings ein Peso-Cubano-Casa. Wie wir erfahren, dürfen diese Casas keine Ausländer aufnehmen, auch wenn er gerne würde, wie der Mann uns wissen lässt. Tja, der Faschismus des Fidel C. verbietet es. Er sagt uns auch, dass es in Rafael Freyre keine Divisa-Casas gibt. Von daher heißt es jetzt: zurück nach Guardalavaca und in die Bungalowanlage Villa Cabaña.
Wir haben vorher bereits einen kleinen Rabatt ausgehandelt: Die erste Nacht kostet uns nur 30 CUC. Erst jetzt erfahren wir, dass es kein warmes Wasser gibt, was uns natĂĽrlich äuĂźerst „glĂĽcklich“ macht. Im Bungalow stinkt es seltsam. Wir wissen nicht, ob es eine Reinigungschemikalie oder Asbest ist. Kein Casa Particular war so hässlich, ungemĂĽtlich und schlecht. Und dieses hier kostet auch noch fast dreimal so viel. Wieso es hier keine Casa Particulares gibt, frage ich den Rezeptionisten. „Weil dies in dieser Gegend verboten ist. Die Touristen sollen in die Hotels.“ Mit dieser Antwort haben wir gerechnet.
Am Preis lässt sich aber nichts weiter ändern. Selbst dieser Rabatt muss unter uns bleiben, so der nette aber äußerst unprofessionelle Hotelangestellte, da diese Anlage staatlich ist und Rabatte natürlich verboten sind.
Ich parke den Wagen auf dem „Parkplatz“, der ĂĽber eine „StraĂźe“ hinter den Bungalows zu erreichen ist. Es ist mittlerweile dunkel und selbst das Fernlicht des Å koda ist alles andere als hell, so dass ich genau hinsehen muss, um die Abfahrt auf den Parkplatz zu finden. Ich finde â€“ trotz genauen Hinguckens â€“ keinen Parkplatz und fahre, nachdem ich kurz auf eine matschige Wiese gefahren bin, noch mal zurĂĽck, um mir noch einmal den Weg beschreiben zu lassen. Diesmal ist die „StraĂźe“ ein „Weg“. Aha, war ich also doch richtig, denke ich mir und fahre wieder zur matschigen Wiese zurĂĽck. Ich entdecke Reifenspuren im Matsch und folge ihnen. Der „Weg“ ist mindestens so beschissen, wie die StraĂźen in Rafael Freyre, und plötzlich stehe ich vor dem Parkwächter. Meine GĂĽte, ist das schon wieder kubanisch hier …

In unserem Zimmer liegt eine Beschädigungspreisliste aus. Links stehen die Preise, die Kubaner zu zahlen haben, wenn sie etwas kaputt machen, rechts stehen die Preise für Ausländer. Beim Verlust oder bei Beschädigung des Schlüssels müssen wir Ausländer beispielsweise zehn CUC zahlen, ein Einheimischer lediglich 30 Peso Cubano (zur Erinnerung: 24 Peso Cubano sind ein Peso Convertible). Nett, nicht wahr?
GegenĂĽber entdecken wir eine preiswerte Pizzeria. Dort wird zu Abend gegessen. In dem Moment, in dem wir nach dem Zahlen aufstehen, um zu gehen, fällt der Strom in der UFO-förmigen Pizzeria aus, und wir stehen im Dunkeln. Unser erster totaler Stromausfall auf Kuba. Irgendwie hat Guardalavaca schon jetzt sein Image als „bonzige Luxustouristengegend“ bei uns verloren. Heute hat es auch ab und an wieder heftigst geregnet, hoffen wir, dass sich das morgen ändert.

Wir wollen Strandurlaub!
Dennis y Rebekka

PS: Nicht jeder, der auf Kuba war, hat auch Kuba gesehen: Im Hotel meiner Eltern läuft eine englischsprachige Frau an uns vorbei, entdeckt eine (touristische) Pferdekutsche vor dem Eingang und ruft glĂĽcklich ĂĽberrascht: „Oh sieh mal! Eine Kutsche!“ In kubanischen Städten begegnet man täglich mehr als 50 Pferdekutschen und Ochsenkarren …


  • [1]
  • Etwa 5 km vom Hotel meiner Eltern entfernt

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