Tag 54: Placido fährt einen MoNäMaRaMä

Anarchistenherz

Sonntag, 1. April 2007
Banes – Straße nach Santiago

Rebekka geht es etwas besser. Wir verabschieden uns von Nilde (unserem Casa-Vater) und seinem sĂĽĂźen Enkel und fahren nach Guardalavaca, um die Eltern abzuholen.
Kurz hinter Guardalavaca, knappe fĂĽnf Kilometer vom Hotel entfernt, nimmt mir ein Bus die Vorfahrt. Ich ĂĽberhole ihn; da wir keinen Gegenverkehr haben, halte ich Abbremsen in diesem Moment fĂĽr unsinnig. Das war jedoch ein Fehler, denn sofort werden wir von den Bullen angehalten. Na, klasse. Nicht nur, dass ich mit einer Geldstrafe rechne, nein, das Auto ist nur auf meinen Vater als Fahrer zugelassen. Bullen sind offensichtlich ĂĽberall gleich: unsympathisch, repressiv und nicht die Hellsten. Ich händige ihm die verlangten Papiere aus[1] und bin gespannt, was er mir vorzuwerfen hat. Ich sei zu schnell gefahren, was mich 30 CUC kosten wĂĽrde, lässt mich das Arschloch wissen. Ich versuche erst gar nicht, dem Hohlroller klar zu machen, dass der Bus mir ja schlieĂźlich beim Auf-die-StraĂźe-fahren die Vorfahrt genommen hat, da dies sowieso nichts nĂĽtzen wĂĽrde. Also reagiere ich ĂĽberhaupt nicht. Vielleicht ist es meine ZurĂĽckhaltung und die Tatsache, dass ich halbwegs Spanisch sprechen und verstehen kann, dass der Wichser auf einmal folgenden Deal vorschlägt: Da ich ja auch nicht geblinkt habe â€“ was auf Kuba ĂĽbrigens ĂĽberhaupt niemals jemand tut und wenn doch, dann meist in die falsche Richtung, da die Kubaner offenbar den anderen Verkehrsteilnehmern lediglich mitteilen möchten „Vorsicht, ich mache jetzt irgendetwas“ â€“ kommen eigentlich noch weitere 10 CUC Strafe hinzu. Dies ergibt zusammen 40 CUC, rechnet das Mathe-Ass zusammen. Er kann jedoch beim „Rasen“ ein Auge zudrĂĽcken und mich nur mit dem vergessenen Blinken belasten, wenn ich möchte. Ich möchte. Also schreibt mir die Drecksau einen Knollen von „nur“ 10 CUC in den Mietvertrag des Autos, welcher bei Abgabe des Wagens beim Verleiher zu zahlen ist. „Kann ich jetzt fahren?“, frage ich. Der Grindwurm nickt tumb und ich rase von dannen. Das Sackgesicht und sein nicht minder stinkender Kollege haben natĂĽrlich nicht bemerkt, dass ich den Wagen eigentlich gar nicht lenken darf. Zwölf Jahre Schulpflicht …

In der Playa Esmeralda angekommen, erzählen wir meinen Eltern von der Schikane, die jedoch nur mit Zynismus darauf reagieren, was meiner gereizten Stimmung in diesem Moment nicht wirklich gut tut. Außerdem bekomme ich von ihnen nicht die Zustimmung, dass Bullen ein einziges weltweites Dreckspack sind, sondern werde mal wieder der Übertreibung bezichtigt. Ich bleibe jedoch dabei: Wir wurden aufgrund unserer ausländischen Herkunft schikaniert!

Mein Vater schwingt sich hinters Steuer, und wir fahren zurĂĽck in Richtung Banes. Ich habe die StraĂźenkarte und sage, an welchen Kreuzungen wir in welche Richtung fahren mĂĽssen. Als gestern oder vorgestern bereits der Vorschlag gemacht wurde, doch nicht den Umweg ĂĽber HolguĂ­n sondern die direktere Strecke ĂĽber Cueto zu nehmen, hatte ich bereits angemerkt, dass wir bei dieser Strecke mit ziemlich miesen StraĂźen rechnen sollten und der Umweg ĂĽber HolguĂ­n von daher vielleicht doch in Kauf genommen werden sollte.
Meine Eltern haben allerdings ihren eigenen Kopf, und so bleibt es bei der Alternativroute, die, einmal begonnen zu befahren, einem keine Fluchtmöglichkeit in Richtung Autopista bietet. Und so kommt es, wie es kommen muss: Wir verlassen die bereits bekannte, recht gut befahrbare Strecke bis Banes in Richtung Cueto. Dies geht die ersten fünf Kilometer auch ganz gut, bis auf einmal aus der annehmbaren Landstraße ein Feldweg der übelsten Kategorie mit pervers tiefen Schlaglöchern wird. Hmpf.
Wir sind weit und breit die einzigen Mietwagen- bzw. Kleinwagenfahrer. Alle anderen Vehikel auf der Strecke sind Camiones (LKWs), Kutschen und Karren. In Schlangenlinien lenkt mein Vater den Wagen zwischen den Schlaglöchern hin und her, und wir überlegen belustigt, wann wir bei dieser Geschwindigkeit wohl im jetzt noch knapp 120 km entfernten Santiago de Cuba ankommen werden bzw. wann uns wohl der erste Reifen platzt.
Kaum fĂĽnf Minuten später zischt es plötzlich, und an der Beifahrerseite steigt eine Dampfwolke auf. Das war dann wohl der erste Reifen, denken wir uns und steigen aus. Wir stellen erstaunt fest, dass alle vier Reifen noch heil sind. Dann bemerkt mein Vater die Wassertemperaturanzeige … Wir öffnen die Motorhaube und stellen fest, dass unser KĂĽhlerwasser komplett leer ist und wir natĂĽrlich auĂźer Limonade nichts FlĂĽssiges bei uns haben. Ups.
Kurz darauf kommt tatsächlich ein anderer Mietwagen angerattert. Darin sitzen fünf spanischsprachige Menschen, die uns ihre Hilfe anbieten. Diese nehmen wir dankend an und bitten sie um Wasser. Der Älteste der fünf gibt uns eine Flasche, und wir füllen sofort auf. Wir bedanken uns und verabschieden uns von den Rettern. Mein Vater denkt scheinbar, dass alle Menschen, die auf Kuba Spanisch sprechen, Einheimische und demnach arm sein müssen und drückt dem alten Mann einen Peso Convertible in die Hand. Der lacht daraufhin und setzt sich wieder ins Auto. Ich mache meinen Vater darauf aufmerksam, dass spanisch sprechende Menschen in Mietwagen höchstwahrscheinlich keine Kubaner und schon gar keine Armen sind, als deren Fahrer plötzlich bemerkt, dass das kostbare Wasser schon wieder woanders heraustropft. Scheiße.
Der Argentinier, wie sich unmittelbar danach herausstellt, versucht wie wir, die Ursache fĂĽr den Wasserverlust ausfindig zu machen. Der gute Mann scheint jedoch von Autos genauso viel Ahnung zu haben wie wir und zuckt mitleidig mit den Schultern. Er schlägt uns vor, dass er im nächsten Ort den Pannendienst unserer kubaweit operierenden Autovermietung anruft. So wird’s gemacht. Der blaue Mietwagen setzt sich wieder in Bewegung, und wir ĂĽberlegen, was der Grund fĂĽr unser Problem sein könnte. Wir können absolut keinen geplatzten Schlauch ausfindig machen, so dass unsere Theorien die folgenden sind:

a) Wir haben einen Deckel verloren.
b) Der Schlauch ist abgefallen.

Bekki hat auch einen seltsam geknickten Schlauch im Visier, dieser scheint hingegen noch mit allen notwendigen Punkten verbunden zu sein. Wir warten … und suchen nach dem Deckel, der sich jedoch nicht finden lässt.
Nach nicht all zu langer Zeit kommt auf einmal ein Kubaner auf einem Zweirad angekurvt, welches eine symbiotische Eigenkreation aus einem Mofa, einer Nähmaschine und einem Rasenmäher zu sein scheint. Dieses Gerät lässt sich offenbar nicht ausschalten (oder es lässt sich danach nicht mehr anschalten), zumindest muss immer jemand das „MoNäMaRaMä“ festhalten, damit es nicht umkippt und dann unkontrolliert ĂĽber den Boden kratzt.
Der Halter dieses Wunderwerks ist sehr hilfsbereit und nett, und nach kurzer Begutachtung des Motorraums entdeckt er die Fehlerquelle: Da hat sich ein Schlauch gelöst. Antwort „b)“ also. Tja, und der gelöste Schlauch ist selbstverständlich kein geringerer als der, den Rebekka sowieso schon im Visier hatte. Respekt!
Der nette Helfer schließt den Schlauch wieder an und fragt dann nach Wasser. Das fehlt mal wieder. Also fährt er schnell den Hügel runter zum nächsten Haus und organisiert Wasser. Wir geben ihm unsere einzige leere Flasche und schon braust er los.
Kurz darauf kommt er wieder angetuckert und gießt grünliches Wasser in unseren Kühler. Wir machen den Test und stellen fest, dass wir mehr Wasser benötigen. Wir trauen uns aber immerhin wieder ein paar Meter mit dem Auto zu fahren und folgen unserem Samariter den Hügel runter zu besagtem Haus.
Dort angekommen lassen wir uns noch mehr Wasser geben und wollen dem Helfer zum Dank etwas Geld schenken. Dies lehnt er aber kategorisch ab und teilt uns mit, dass dies Kuba sei und man sich hier nun mal helfe. Kostenlos.
Das ist Bekki und mir zwar neu, aber wir lernen gerne dazu bzw. hier bestätigt sich einmal mehr unser weit positiveres Bild von der Landbevölkerung. Auch diese wird zwar von ihrer Regierung möglichst unwissend gehalten, aber versauen konnte man sie scheinbar noch nicht.

Die Warnanzeige blinkt noch immer. Wir fahren aber trotzdem weiter und nähern uns Cueto. Kurz vor Cueto bleiben wir erneut stehen, da die Temperaturanzeige wieder steigt. Neben uns flieĂźt ein Bach und so fĂĽllen wir unsere mittlerweile zwei leeren Flaschen mit dem Bachwasser auf und kĂĽhlen den kochend heiĂźen KĂĽhler so gut es geht ab. Da kommt auf einmal unser Samariter wieder an, und wir wiederholen die Prozedur, da das meiste Wasser sofort wieder verdampft. Jetzt mĂĽsste es gut sein, mutmaĂźt der liebenswerte Herr und verabschiedet sich nun endgĂĽltig von uns. Ich möchte ihm â€“ wissend, dass er kein Geld annimmt â€“ unsere Dankbarkeit ausdrĂĽcken und frage ihn von daher nach seinem Namen. „Placido“, antwortet er und ich verspreche ihm, dass wir uns seinen Namen merken werden. Das scheint ihm zu gefallen, und er erklärt uns daraufhin, dass er der Dorfpolitiker ist und im Namen der Menschlichkeit handeln möchte. Dinge wie diese gehören da natĂĽrlich auch in seinen Aufgabenbereich. „In Cueto gibt es eine Tankstelle“, teilt er uns letztlich noch mit und fährt weg.

Die Tankstelle verkauft nichts außer Sprit. Wir benötigen Wasser, lassen wir den Arbeiter wissen. Er schnappt sich seinen blauen Eimer, hebt eine auf dem Boden befestigte, rostige Metallplatte hoch und schöpft aus dem sich darunter befindlichen Brunnen Wasser. Wir füllen unsere Flaschen auf und fahren weiter.
Wir passieren nicht all zu viel später die Kreuzung nach Birán. Dort wurde Fidel Castro geboren. Wir machen nochmals Halt, da erneut die Temperatur im Kühler ansteigt. Wieder halten wir neben einem Bach und wollen gerade wieder Wasser nachgießen, als ein LKW neben uns hält und seine zwei Insassen uns ihre Hilfe anbieten. Die beiden machen dasselbe, was wir gerade vorhatten, nur professioneller (zum Beispiel mit Kühlung des Grills und Ölstandkontrolle(?)) und hartnäckiger. Irgendwann ist der Kühler dann genug abgekühlt, und wir können weiterfahren.
Diesmal hält dann auch tatsächlich alles bis zum Schluss, und wir können uns wieder mehr um die schöne Landschaft und das ein oder andere krasse Bild kümmern, das sich uns offenbart. So beobachten wir drei Geier, die im Straßengraben an einem toten Hund herumnagen, und später auf dem letzten Stück unserer Strecke (am Wegesrand der Autopista) sehe ich einen erhängten Hund an einem Baum hängen. Die Symbolik des Tages?

Die Strecke zwischen Banes und Santiago ist wirklich extrem krass. Man stelle sich den übelsten (betonierten) Feldweg Deutschlands vor, bearbeite diesen mit Presslufthämmern und schmeiße noch die ein oder andere Fliegerbombe darauf. Dann kann man sich in etwa vorstellen, wie diese Straße aussieht.

Nach ca. sechs Stunden Fahrt ist dann auch diese Odyssee zu Ende, und wir lassen meine Eltern in ihrem Hotel[2] einchecken. Dann spazieren wir mit ihnen zur Moncada-Kaserne und zum Parque CĂ©spedes, trinken etwas, demonstrieren den beiden, wie man als „Normaltourist“ und wie man als blonder Tourist angeschnorrt wird, zeigen ihnen die Betteltreppe[3] und gehen dann in unser „Stammrestaurant“ Spaghetti essen[4]. Wir setzen die beiden in ein Taxi und suchen uns eine Ăśbernachtungsmöglichkeit: dasselbe Casa Particular wie bei unserem ersten Santiago-Aufenthalt (15.-19. März). Wir werden freundlich begrĂĽĂźt und die Casa-Mutter antwortet auf meine Frage nach dem Preis mit „Igual.“
Ich missverstehe sie etwas und deute dies als „Da igual.“ (Ist egal.), was mich zu dem Spruch „Na dann bitte fĂĽr 15 CUC.“ hinreiĂźen lässt. Tränen schieĂźen in ihre Augen und sie wird blass um die Nase. Mit letzter Kraft krallt sie sich an einer nahen Stuhllehne fest, und ich fĂĽge hinzu, dass wir morgen frĂĽh ja schon wieder zeitig abhauen werden. SchlieĂźlich stimmt sie zu.

Morgen geht es also bereits weiter. CamagĂĽey heiĂźt unser nächstes Ziel auf unserer „Und tschĂĽss!“-Tour. Einen Tag danach werden wir dann nach SanctĂ­ Spiritus weiterziehen, und am 04. April werden wir â€“ falls es das Auto mitmacht â€“ von Varadero aus zurĂĽck nach Deutschland fliegen.

Und tschĂĽss,
Dennis y Rebekka


  • [1]
  • Mietvertrag, Reisepass und FĂĽhrerschein

  • [2]
  • Hotel Meliá Santiago de Cuba

  • [3]
  • Palmsonntag: die Kathedrale ist geöffnet und so setzen sich einige Bettler auf die Treppe, die zur Kathedrale hochfĂĽhrt, jaulen herzergreifend oder klopfen mit ihren Bechern auf den Stufen herum.

  • [4]
  • Siehe Santiago de Cuba, 18. März 2007 und Baracoa â€“ Santiago de Cuba, 25. März 2007

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