Tag 55: Die Kokosnuss … und schon wieder Polizisten

Anarchistenherz

Karte - CamagĂĽey

Montag, 2. April 2007
Santiago de Cuba â€“ CamagĂĽey

Wir verlassen am Morgen unser Casa Particular und laufen zum Hotel Santiago de Cuba, in dem meine Eltern übernachtet haben. Bekki ist soweit wieder auf dem Dampfer, und so fahren wir los in Richtung Camagüey, eine der ältesten Städte Kubas.
CamagĂĽey ist eine weitere Stadt, die von Diego Velázquez gegrĂĽndet wurde (1514). Interessanterweise befindet sich die Stadt jedoch mittlerweile ziemlich weit von seinem Ursprungsort entfernt (locker 80 km!). Dies liegt daran, dass die Siedlung â€“ damals direkt an der KĂĽste gelegen â€“ regelmäßig Opfer diverser PiratenĂĽberfälle wurde. 14 Jahre nach GrĂĽndung der Stadt (oder: nach zwei UmzĂĽgen) hatte CamagĂĽey dann endlich seine heutige Lage im Landesinneren „erreicht“. Doch selbst mit dieser scheinbar sicheren Lage konnte man sich nicht komplett vor Piratenangriffen schĂĽtzen, und so brannte der berĂĽhmte jamaikanische Pirat Henry Morgan die Stadt 1668 nieder.
Daraufhin reagierte laut Legende die Stadt und legte den Ort mit einem absolut konfusen Stadtplan völlig neu an. Man wollte es fremden Angreifern auf diese Weise unmöglich machen, einen sinnvollen Ăśberfall zu planen. Keine zwölf Jahre nach Henry Morgan bewies jedoch ein französischer Piratenangriff, dass dieser Plan nicht aufgehen sollte …
Die Stadt heißt übrigens erst seit 1923 Camagüey. Zuvor galt der spanische Name Santa Maria del Puerto Prínicipe. Neuer Namensgeber wurde dann der indianische Kazikenhäuptling Camagüey.

Die Geschichte unserer Autofahrt ist ziemlich unspektakulär. Wir verlassen die schöne Landschaft des Santiago de Cuba und betreten den Bundesstaat Granma, benannt nach dem Bötchen, mit dem die 82 Revolutionäre um Fidel Castro hier am 2. Dezember 1956 auf Kuba landeten. Wir durchqueren das kleine Bundesland und erreichen Las Tunas.
Irgendwo hier zwischen der Stadt Las Tunas und CamagĂĽey, auf dem letzten TeilstĂĽck unserer langen Fahrt, geraten wir auf einmal in eine „Verkehrskontrolle“[1]. Jetzt dĂĽrfen auch meine Eltern einmal den „Polizeistaat Kuba“ bei der AusĂĽbung seiner fremdenfeindlichen „Politik der WillkĂĽr“ erleben. Wir mĂĽssen anhalten und werden darauf aufmerksam gemacht, dass einige hundert Meter vor uns ein 40 km/h-Schild aufgebaut sei. Dies hat mein Vater aber auch gesehen und ist tatsächlich nur 40km/h gefahren, was einen (kubanischen) Bullen jedoch sowieso nicht interessieren wĂĽrde. Von daher ersparen wir uns eine unnötige Diskussion. Auch, weil die Gefahr zu hoch ist, dass der Faschist die Strafe wegen irgendeines Verbrechens, dessen er uns noch schnell fĂĽr schuldig sprechen könnte, erhöhen könnte. Wir stehen unnötig lange dumm am StraĂźenrand herum und warten auf den „Strafzettel“, der â€“ wie der, den ich gestern bekommen habe â€“ einfach in den Automietvertrag eingetragen wird. Das sind insgesamt vier AbkĂĽrzungen und eine Zahl, wofĂĽr ein kubanischer Staatssklave knapp 5-10 Minuten benötigt.
Touristen erkennt man ĂĽbrigens schon von weitem daran, dass sie rote Nummernschilder haben, die mit einem „T“ beginnen. Soviel einmal mehr zum Thema „Apartheid“. Von daher kann man ganz zufällig auch mal eben die Ausländer aus dem Verkehr herauspicken und mit Geldstrafen belegen.
Die uniformierte Drecksau kommt irgendwann dann wieder zu unserem Auto zurĂĽck. Ich bin aufgrund der erneuten Schikanierung durch den Faschistenstaat mal wieder auf 180 und frage den Unmenschen, wo denn eigentlich der Radar steht. Der Bulle versteht jedoch offenbar kein Spanisch. Höhö. Ich frage erneut: „Wo ist denn der Radar?“ Keine Reaktion. Ich werde frecher: „Gibt es ĂĽberhaupt einen Radar?“ Keine Reaktion. „Señor! Habt ihr keinen Radar?“ Der SpaĂź wird uns bei der RĂĽckgabe des Wagens weitere zehn CUC kosten, die wir jedoch nicht zahlen wollen. Mal sehen, was das fĂĽr einen SpaĂź gibt.

Nach etwa sechs Stunden erreichen wir Camagüey. Camagüey wirkt in der kurzen Zeit, die wir dort sind, irgendwie nicht so schlecht wie sein Ruf. Man wird hier nicht oft angeschnorrt, und die Menschen sind recht hilfsbereit. Lediglich die Angestellten im Hotel meiner Eltern (Gran Hotel) sind ziemlich unverschämt und verlangen für jeden gedrückten Furz eine Belohnung. Außerdem ist die Stadt recht hübsch. Lediglich die Atmosphäre ist, ob der überfüllten Gassen, etwas gestresst.
Das Casa Particular, in dem Bekki und ich ĂĽbernachten, ist top. Wir lassen uns dort fĂĽr vier Leute kochen, und so essen auch mal meine Eltern bei „Privatleuten“ in Kuba.
Beim Spazierengehen durch Camagüey will ein Taschendieb-Anfänger offenbar an meine Handtasche, stellt sich dabei aber so etwas von dumm an, dass ich lachen muss. Ich denke nämlich, dass er einfach nur einer von diesen blöden Säcken ist, die die Richtung, die sie einmal eingeschlagen haben, nicht mehr ändern, egal ob ihnen jemand im Weg herumsteht. Also weiche ich dem Arsch aus, der ändert aber auf einmal ebenfalls seinen Kurs und steuert erneut press auf mich zu und stiert dabei wie blöd auf meine Tasche. Was soll man dazu noch sagen?

Buenas noches,
Dennis y Rebekka

Plaza del Carmen in CamagĂĽey
Plaza del Carmen: CamagĂĽey hat wirklich sympathische Flecken â€¦

PS: Den Gag des Tages hat meine Mutter gebracht: Bekki und ich haben vor ein paar Tagen eine Kokosnuss gepflĂĽckt, die wir noch nicht geöffnet haben. Mittlerweile wollen wir sie auch nicht mehr öffnen, und so ĂĽberlegen wir, wie wir sie loswerden können. Mein Vater meint, dass wir sie einfach während der Fahrt aus dem Auto werfen könnten, was soweit auch von uns anderen als eine akzeptable Lösung angesehen wird. Man sollte sie lediglich niemanden an den Kopf werfen und auch nicht unbedingt dort aus dem Auto schmeiĂźen, wo gerade Menschen zugegen sind. Also warten wir eine Stelle ab, an der wir weit und breit keinen Menschen ausmachen können und auch kein Auto vor oder hinter uns haben. Meine Mutter öffnet ihr Fenster und hält die Kokosnuss heraus. Alle anderen fragen sich „Na, wann wirft sie denn endlich die Nuss raus?“, doch Mutter hält sie weiter fest. Auf einmal passieren wir einen Zaun und ein Tor, an dem ein älterer Herr lehnt und Bekki, mein Vater und ich denken uns „Oh, jetzt auf keinen Fall.“ Meine Mutter lässt aber in genau diesem einzigen ungĂĽnstigen Moment die blöde Kokosnuss fallen. Mein Vater ruft noch kurz „Nicht!“, und der alte Mann am Zaun regt sich tierisch auf.
Meine Mutter hingegen schaut der Nuss hinterher und sagt lapidar: „Habt ihr gesehen? Die ist sogar aufgeplatzt!“
Mein Vater greift sich an den Kopf, Bekki lacht und ich gebe irgendeinen Kommentar ab, woraufhin meine Mutter fragt: „Ist was?“ AuĂźer meiner Mutter hat jeder den Mann gesehen …


  • [1]
  • Ich glaube bei Guáimaro, dem „Ort der Verfassung“ (von 1869).

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