Tag 56: Der Zaza und ein Moby Dick

Anarchistenherz

Karte - Sancti SpĂ­ritus

Dienstag, 3. April 2007
CamagĂĽey â€“ Sancti SpĂ­ritus

Und weiter geht die Reise.
Wir wachen morgens auf, laufen zum Hotel meiner Eltern und fahren direkt los. Sancti SpĂ­ritus heiĂźt unser heutiges Ziel.
Die Schwierigkeit des Tages lautet: „Wie kommt man aus CamagĂĽey heraus?“ Somit werden wir Touristen, die die Stadt verlassen wollen, die Opfer des konfusen Stadtplans, der eigentlich Angreifer abwehren sollte. Irgendwann schaffen wir es dann aber doch noch aus dem Einbahngässchengewirr heraus und fahren auf recht unspektakuläre Weise nach Sancti SpĂ­ritus.

Sancti SpĂ­ritus ist laut meiner Eltern ein ziemlich unspektakulärer Ort, den man sich innerhalb von kĂĽrzester Zeit ansehen kann. Was sollen wir also den kompletten Tag dort machen, fragen wir uns. Also nehme ich den ReisefĂĽhrer unseres Vertrauens in die Hand und suche nach Aufregendem in der Nähe des Städtchens. Und siehe da: Kubas größter SĂĽĂźwassersee liegt vor den Toren Sancti SpĂ­ritus’. „Nichts wie hin!“, schlage ich vor.

FĂĽr den Stausee Zaza mussten mehrere Dörfer ĂĽberflutet werden. Laut ReisefĂĽhrer kann man heute noch Spektakuläres beobachten: aus den Fluten herausragende Palmen. Boah, Wahnsinn! AuĂźerdem scheint es dort „viele Freizeiteinrichtungen“ zu geben. Soweit der ReisefĂĽhrer.
Als wir den Zaza erreichen, erblicken wir eigentlich genau das, was wir schon erwartet haben: einen langweiligen und unhĂĽbsch angelegten See, in dem man nicht unbedingt schwimmen will (was aber auch daran liegen kann, dass man vor lauter GestrĂĽpp erst gar nicht bis an das Wasser kommt). Die „Freizeiteinrichtungen“ sind zwei, drei verrostete Kiosks. Was genau dort angeboten wird, ist uns auch nicht wirklich klar geworden. Also setzen wir uns in dem einzigen Haus am Gewässer â€“ einem Plattenbauhotel â€“ an die Bar.

Kurz darauf sind wir in Sancti SpĂ­ritus. Meine Eltern ĂĽbernachten in einem sĂĽĂźen Hotel, in dem auch schon Danny Glover (Lethal Weapon) zu Gast war. Bekki und ich machen uns auf die Suche nach unserem letzten Casa Particular fĂĽr unsere letzte Nacht auf Kuba. Dabei schauen wir uns die letzte Stadt an, die wir auf Kuba erleben werden.

Sancti Spíritus ist eine weitere Stadt, die von Velázquez gegründet wurde (1514). Zunächst an der Stelle einer Indianersiedlung errichtet, verlegte man den Ort acht Jahre später an seine heutige Position.
Die Stadt besteht aus vielen herrschaftlichen Häusern aus der Kolonialzeit, die sich teilweise in einem noch recht guten Zustand befinden. Viehzucht und Tabakbau brachte damals den Reichtum in die Gemeinde. Auch heute ist die Stadt noch ein landwirtschaftliches Zentrum. In der Innenstadt gibt es sogar eine nette kleine Fußgängerzone. Am schönsten ist die Stadt wohl aber rund um seinen Fluss, den Río Yayabo. Hier leuchtet alles in einem saftigen Grün, dass es schon fast unrealistisch aussieht. Eine alte aber unspektakuläre Brücke aus dem 19. Jahrhundert führt darüber.

RĂ­o Yayabo in Sancti SpĂ­ritus
RĂ­o Yayabo in Sancti SpĂ­ritus

Abends treffen wir uns nochmal im Hostal del Rijo, dem Hotel meiner Eltern, und trinken auf unseren letzten Abend in Kuba. Ich probiere hierbei noch einmal etwas Extremes aus und bestelle einen Moby Dick:
„Ich hätte gerne einen Moby Dick… Das ist doch das Bier mit Kaffee und Gin, oder?“ (Anm.: Ich hatte nach unserer Ankunft heute Mittag beim Blick in die Karte von diesem merkwĂĽrdigen Drink gelesen.)
„Was soll das sein?“, fragt der Kellner ungläubig.
„Tja â€¦ Bier mit Gin und Kaffee“, antworte ich immer skeptischer werdend.
„Moment mal.“ Der Kellner holt die Karte und kommt grinsend zurĂĽck. „Tatsächlich.“
„Okay â€¦ Dann â€¦ hätte ich gerne â€¦ einen Moby Dick!?“
Der Kellner lacht.
Als er mir das Getränk bringt, frage ich ihn, ob dieses Getränk erfunden wurde, um sich über die bescheuerten Touristen lustig zu machen, die sich den Scheiß bestellen.
„Ja!“, lacht er los.
Na dann, denke ich und setze an. „Ich will zugucken“, hat der Kellner zuvor noch angemerkt, und die Show kann beginnen: Vorsichtig nippe ich daran. Meine Lippen werden feucht, ich spĂĽre, wie mir die kalte (!?) FlĂĽssigkeit in den Mund läuft. Ich schlucke unmittelbar danach und denke mir „Kotz!“ und „Hmm, eigentlich gar nicht so verkehrt.“ Als die BrĂĽhe in meinem Magen angekommen ist und ich noch einen Schluck wage, merke ich dann aber eindeutig, dass „Kotz!“ der ehrlichere Gedanke war.
Es schmeckt zum Kotzen. Fehlt eigentlich nur noch der Kippenstummel im Glas, und wir haben das Mixgetränk, das jeder abartige Kneipier nach Feierabend aus den Resten zusammenmixen kann. Tolle Erfindung. Nachdem ich das Glas ein paar Minuten unangerührt habe herumstehen lassen, bildete sich übrigens eine Art Pilz darin. Köstlich.

Zeit, schlafen zu gehen.
Buenas noches,
Dennis y Rebekka

… la Ăşltima noche â€¦

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