Tage 57 & 58: Geschafft …

Anarchistenherz

Mittwoch, 4. & Donnerstag, 5. April 2007
Santi Spíritus – Varadero – Frankfurt

Abreise! Jiphiiie! Eigentlich werde ich immer ganz nachdenklich und traurig, wenn ich ein fremdes Land verlassen muss. Hier habe ich aber tatsächlich zum ersten Mal überhaupt keine abschiedsromantischen Gedanken und freue mich nur noch auf das Wegfliegen. Bekki geht es da übrigens genau so.

Wir fahren die Autopista 1 bis Aguada de Pasajeros und biegen dort ab auf die Landstraße nach Colón. Meine Mutter traut der Route nicht so ganz und befürchtet, dass wir wieder auf so eine Straße kommen wie die zwischen Banes und Santiago[1]. Diese Befürchtung bewahrheitet sich zum Glück nicht, und so kommen wir flotter als erwartet voran, machen einen Pizza-Stopp in Jovellanos, trinken ein Getränk am schönen Río Canímar[2] und kommen viel zu früh am Flughafen Varaderos an (ca. 16 Uhr).
Mein Vater gibt den Mietwagen zurĂĽck und muss danach kotzen. Wir anderen machen es uns im einzigen Flughafenrestaurant „gemĂĽtlich“ und trinken Kaffee, der nach Fisch riecht. AuĂźerdem gibt es noch köstliche Peso-Spaghetti (die allerdings CUC kosten), die denen in Santa Clara in nicht all zu viel nachstehen. Nach ĂĽber drei langen Stunden des Wartens können wir endlich einchecken. „Jetzt ist es fast geschafft!“, denken wir. Der Flieger geht jedoch erst um 22:05 Uhr. Offiziell … Aber Kuba wäre nicht Kuba, wenn nicht doch noch irgendeine ScheiĂźe passieren wĂĽrde. Und so kommt es, wie es kommen muss: Nichts passiert.
Eigentlich hätte um 21:30 Uhr Boarding sein sollen, aber: Nichts passiert.
Eigentlich hätte um 22:05 Uhr Abflug sein sollen, aber: Nichts passiert.
„Was ist da los?“, fragen wir uns.
Ăśbrigens haben so gegen 20 Uhr alle Geschäfte im Terminal zugemacht, so dass man wirklich nichts mehr machen kann. Was hierbei noch erwähnt werden sollte: Unser Flieger ist der letzte des Tages. Irgendwann kommt dann plötzlich die Crew mit ihren Köfferchen angetanzt und bekommt fĂĽr ihr Erscheinen Szenenapplaus von All-Inclusive-Touristen, die den „Cuban Way of Life“ nun mal einfach nicht kennen …
Mit einer knappen Stunde Verspätung fliegt unsere Maschine dann doch noch ab. Die Erklärung des Piloten für die Verspätung verblüfft dann in gewisser Weise doch wieder:
„Der Bus, der die Crew hätte abholen sollen, ist nicht gekommen.“ So weit, so kubanisch.
„… und weit und breit konnte man keine Taxis auftreiben.“ Und das ist die wohl schlechteste Ausrede/LĂĽge, die man in Kuba bringen kann. Keine Taxis. Wie lächerlich.

Um 14:25 Uhr MEZ am fĂĽnften Tag im vierten Monat des Jahres 2007 betreten wir dann wieder halbwegs zivilisierten Boden. Wir landen in Hessen. Das Gepäckband teilen wir uns mit Schurkenstaatentouristenkollegen aus Damaskus, und dann geht es endlich ab nach Hause! Wir werden von einem Fahrer des ReisebĂĽros, ĂĽber das wir vier unsere Reise bzw. Flugtickets gebucht hatten, abgeholt und erzählen ihm Dinge, „die mer sisch hiä jo gaa net vorstelle kann“. Da spricht er ein wahres Wort: Das kann man sich alles gar nicht vorstellen.

Wir haben ein Land erlebt, von dem wir uns etwas anderes erwartet bzw. erhofft hatten. Wir sind geschockt von dem faschistischen Apartheidsystem, welches unter dem Deckmantel des „Sozialismus“ innerhalb von nur drei Jahren eine extreme Zweiklassengesellschaft geformt hat. Das kann und wird nicht gut gehen. Man kann nur gespannt sein und mit mitleidig kritischem Blick nach Kuba schauen: Dieses Eiland wird mindestens noch einmal kräftig in der Weltgeschichte mitmischen. Denn was passiert mit Kuba, wenn Castro tot ist?

Mit Sozialismus hat das derzeitige System auf jeden Fall nichts (mehr) zu tun, und Che Guevara rotiert in seinem Grab. Wir sind nach Kuba geflogen, weil wir es noch einmal erleben wollten, bevor es sich verändert. Außerdem bin ich nach Kuba geflogen, um zu sehen, ob ich wenigstens hier ein Land finde, in dem der Sozialismus wenigstens ansatzweise funktioniert. Dies lässt sich wie folgt beantworten:

Gibt es ein Land auf der Erde,
Wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiĂź es wirklich nicht.
Ich weiĂź nur eins, und da bin ich sicher:
Dieses Land ist es nicht!
[3]

Wir werden weiter suchen!
Hasta la prĂłxima vez,
Dennis y Rebekka

PS: Ich bin heute noch zum Media Markt nach Mainz gefahren und habe mir eine „Die Treppe“-DVD gekauft. Als ich an der Kasse mit meiner EC-Karte bezahle, schaut die Kassiererin auf die EC-Karte, dann auf die DVD, liest darauf meinen Namen, schaut mich an und sagt: „Nee, ne!? Eigentlich kommen immer nur FuĂźballer zu uns.“
 

Against brute force and injustice
The people will have the last word.
That of victory!

 
Che Guevara


  • [1]
  • Siehe Banes â€“ StraĂźe nach Santiago de Cuba, 01. April 2007

  • [2]
  • Bei Matanzas

  • [3]
  • Ton Steine Scherben: „Der Traum ist aus“

    Tag 56   Inhaltsverzeichnis

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