Tag 17: Speyer & SaarbrĂĽcken

Das Tagebuch des StraĂźenlesers: 1. Tour (2015)

22.9.2015: Speyer (StraĂźenleser)

Dienstag, 22. September 2015
Speyer

Meine liebe Schwester ließ Julia und mich in ihrem Bett übernachten, während sie es sich auf der Couch im Wohnzimmer gemütlich machte. Als wir am Morgen aufstehen, ist Claudia bereits auf Arbeit. Es regnet und meine Motivation hält sich dementsprechend in Grenzen. Ich habe gestern jedoch die Speyerer Zeitung, die Rheinpfalz, über meinen anstehenden Auftritt informiert und mich für Mittag mit einer Gesandtschaft der Zeitung vor dem Dom verabredet.
Die Reporterin und den Fotografen vor dem wetterbedingt schlecht besuchten Dom zu finden, ist nicht schwer. Er, der erfahrene Fotojournalist, bittet mich, meinen Kram fĂĽr das Foto in der Pforte des Doms aufzubauen.
»Im Haupteingang?«, versichere ich mich zur Sicherheit noch einmal.
»Klar! Das sieht doch super aus! Außerdem ist das der einzige Fleck hier, an dem es trocken ist.«
Da hat er allerdings recht. Und den Bischoff Wiesemann wird’s sicherlich auch freuen. Herr Lenz lichtet mich schnell von allen Seiten ab und die Praktikantin Schlosser â€“ mit Block und Stift bewaffnet â€“ interviewt mich. Als das geschafft ist, lege ich mit meiner Lesung los. Ich komme mir noch immer fehl am Platze vor, so press in der Pforte. Speziell, weil meine Stimme durch den kompletten Vorbau des Doms schwingt und durch den Hall in seiner Lautstärke und Präsenz noch verstärkt wird. Dass ich eher fehl am Platz bin, denkt sich, glaube ich, auch der ein oder andere Tourist, der trotz des miesen Wetters den Dom besichtigt. Ebenfalls verwundert zeigt sich ein Mensch, der vermutlich als Touri-Ansprechpartner oder Ă„hnliches im Dom arbeitet.
»Gibt es hierfür eine Genehmigung?«, fragt er leise die junge Journalistin, die mich übrigens skandalöserweise anfangs siezte.
»Ich gehöre hier nicht dazu«, flüstert sie leise zurück.
Der Mann vom Dom gibt sich mit dieser Antwort glĂĽcklicher- und seltsamerweise zufrieden, fragt mich selbst nicht(s) und verzieht sich wieder ins Innere der Kirche. Wenig später kommt ein WĂĽrdenträger an mir vorbeimarschiert. Er schaut nur irritiert, schĂĽttelt â€“ wie ich mir einbilde â€“ kurz ungläubig seinen Kopf und denkt sich dabei wohl: »Na, den Quatsch muss wohl irgendwer genehmigt haben. So dreist wĂĽrde sich doch kein StraĂźenkĂĽnstler einfach in unser Hauptportal setzen â€¦ Haha, Amen.«
Julia holt mich pünktlich zum Ende der Lesung am Dom ab. Gemeinsam geht’s zum Flammkuchen-Essen in ein Restaurant, wo ich wegen meines Schildes die Aufmerksamkeit des Chefs/Kellners auf mich ziehe: »Ach, von ihnen habe ich doch in der Zeitung gelesen!«
»Jetzt schon?«, frage ich ironisch.
»Ja, sie reisen derzeit durch Deutschland und lesen aus ihrem Buch vor.«
Das stimmt. Aber wie kann das sein? Verwechselt er mich vielleicht mit dem Typen, ĂĽber den die Rheinpfalz tatsächlich heute bereits berichtet? Da will ein Kinderbuchautor den Rekord fĂĽr die meisten Lesungen in so und so vielen Tagen aufstellen. Ich möchte ĂĽbrigens anmerken: Allzu weit bin ich von diesen Weltrekordzahlen mit meiner Lesetour auch nicht entfernt. Vielleicht fasse ich 2016 diesen Rekord ja mal ins Auge â€¦ wenn’s was bringt. Stefan Gemmel wird sich in den nächsten Tagen den Rekord ĂĽbrigens holen: Nach 13 Tagen, zehn Stunden und sieben Minuten beendet er seine Rekordtour nach 82 Lesungen. Das klingt mir dann doch zu stressig â€¦
Der Restaurant-Chef verwechselt mich übrigens nicht: Die Rheinpfalz hat tatsächlich gestern bereits mein Kommen angekündigt. Sehr cool.

SaarbrĂĽcken

Ich werde um spätestens 18 Uhr in SaarbrĂĽcken erwartet! Jawohl: In der saarländischen Hauptstadt werde ich im frisch eröffneten Concept-Store Freudenschrei lesen. Auf der StraĂźe werde ich wohl nur lesen, wenn das Wetter mitmacht und Julia und ich zeitig in SaarbrĂĽcken ankommen werden. FĂĽr beide benötigten Faktoren sieht es eher schlecht aus.
Wir kommen â€“ entgegen der geäuĂźerten Bedenken meiner mit meinem Schwager im Saarland lebenden dritten Schwester Andrea â€“ ohne in einen Stau zu geraten ĂĽberpĂĽnktlich vor dem Freudenschrei an. Andrea ist der Mensch, der mich ĂĽberhaupt erst auf die Idee gebracht hat, meine Reiseberichte als BĂĽcher zu veröffentlichen.

Alzey: Weihnachten 2004, 2007 & 2010

Es fängt 2004 an, als meine Schwester mir zu Weihnachten ein Buch schenkt. Auf die einfarbige rote SchutzhĂĽlle des DIN A4-formatigen Buches ist in Silberschrift »Lepeka e Kenika – Let Your Light Shine in the World« eingraviert. DarĂĽber steht in derselben Schrift mein Name.
»Hä? â€“ Was ist das?«
»Du hast ein Buch geschrieben.«
»Ich hab â€¦ was?«
Ich kann mit dem Titel des Buches etwas anfangen: Als es von August bis Oktober 2004 mit meiner damaligen Freundin auf meine erste lange Reise nach Hawaii ging, lernten wir beim Trampen Zohreh kennen:

Der Regen lässt leider nicht nach, sodass wir innerhalb kürzester Zeit pitschnass werden. Schnellstmöglich machen wir uns mit einem Handtuch auf dem Kopf zum Trampen in Richtung Queen Ka’ahumanu Highway auf. Ich will den Daumen gerade ausstrecken, als auf einmal vor uns ein Jeep steht. Am Steuer sitzt die Frau, die uns schon einmal bis vor die Haustüre gefahren hat und uns damals versprach, dass sie das nun immer tun wird, wenn sie uns sieht. Sie hält das Versprechen, und wir lernen zudem eine interessante Frau ein wenig kennen:
Zohreh, ursprĂĽnglich aus dem Iran, ist Lehrerin und leitet auĂźerdem einen Kurs fĂĽr Schwererziehbare und Kinder aus Problemfamilien. Zudem besitzt sie eine kleine Bio-Farm auf dem Hualālai Mountain, auf der sie schon seit ĂĽber 25 Jahren lebt und wo auch ihre drei Kinder geboren wurden. Auf der Farm gibt es kaum bzw. keinen Strom, da sie nur ein paar Solarenergiezellen hat, welche auf dem fast immer bewölkten Berg, tatsächlich nicht allzu viel Strom produzieren dĂĽrften. Nach eigener Aussage lebt sie mehr oder weniger das Leben eines Pioniers. Sich selbst bezeichnet sie als Hawaiianerin, obwohl sie keinerlei hawaiianische Wurzeln hat. Die kapitalistische USA lehnt die sympathische Veganerin ab, die sich zudem noch ehrenamtlich fĂĽr die Rechte von Hawaiianern und den Umweltschutz einsetzt. Bevor sie uns vor unserer Farm absetzt, lädt sie uns ein, das nächste Mal, wenn wir nach Hawaii wollen, bei ihr zu leben. Mit einem freundlichen: »Let your light shine in the world!«, verabschiedet sie uns. Uns, von denen es ruhig mehr geben könnte, da Leute wie wir die Welt retten werden.aus »Kaffee, Kiffer, Killerkatzen – Abenteuerurlaub auf Hawaii«, Tag 32

»Ich kapiere es noch immer nicht so ganz.«
»Das sind deine E-Mails!«
»Ich habe so viel geschrieben?«
In Frankfurt startete unser Flugzeug mit einer 90-minĂĽtigen Verspätung. Diese Verspätung wollte Delta Airlines bei unserem Zoll-Zwischenstopp in Cincinnati offensichtlich wieder einholen. Denn plötzlich hob vor der Panoramascheibe neben der Zollwarteschlange unser Flieger wieder ab. Zack, weg. Durch die Lautsprecher kam dann die Durchsage, dass man â€“ falls man es schnell durch den Zoll schaffen sollte â€“ es vielleicht noch zu einem in KĂĽrze abhebenden Alternativflieger schaffen könnte. Wir haben es nicht geschafft â€¦ und durften 18 Stunden auf dem Flughafen im Bundesstaat Ohio verbringen. Juchhe. Um die Langeweile zu bekämpfen und weil die Zeit auf dem Flughafen auch durchaus interessant und skurril war, fing ich an, einen ersten Erlebnisbericht zu schreiben und diesen beim nächsten Online-Zugang an acht Freunde und Verwandte zu schicken. Die Reaktionen waren mehr als motivierend: »Schreib weiter!«
Ja, wieso eigentlich nicht? Eine Digitalkamera besaĂźen wir damals noch nicht und die Qualität meiner MiniDV-Kamera war auch nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Wie cool wäre es also, ein Tagebuch als Erinnerung mit nach Hause zu nehmen? Ich schrieb also weiter. Und am Ende der Reise war mein Verteiler auf ĂĽber 80 Personen angewachsen.
Und nun, an Weihnachten, schenkt mir meine älteste Schwester mein erstes Buch â€“ von dem ich nichts wusste â€“ mit einem Vorwort von ihr.
2007 geht’s nach Kuba. Diesmal nehme ich mir bereits vor, wieder zu schreiben und an Weihnachten Band 2 meiner Reisebuchreihe geschenkt zu bekommen. So kommt es dann auch. Wieder drei Jahre später soll es zu Weihnachten mein drittes Buch geben, mein Buch ĂĽber Thailand (sowie Kambodscha und Kuala Lumpur). Doch an Weihnachten 2010 gibt’s nur ’nen Umschlag.
»Hä? â€“ Was ist das?«
»Deine Texte zu korrigieren und daraus ein Buch binden zu lassen, ist ganz schöne Arbeit.«
»Hm.«
»Also machst Du das jetzt selbst.«
»Aha?«
Ich öffne den Umschlag. Darin ist ein Gutschein über eine ISBN-Nummer. Kapier ich nicht: »Kapier ich nicht.«
Andrea erklärt mir das Prinzip des Selbstverlags am Beispiel der Firma Books on Demand, von der auch der ISBN-Gutschein stammt.
Zunächst bin ich etwas skeptisch, doch meine Familie bestärkt mich darin, dass meine Texte auch eines Buches würdig sind. Dankeschön.

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SaarbrĂĽcken, Freudenschrei

Meine Lesung ist die allererste Veranstaltung im erst vor zwölf Tagen eröffneten Freudenschrei. Der Laden gehört Nora, einer Freundin von Andrea und meinem Schwager Mario. So kam auch der Kontakt zustande. Die Zuhörerzahl ist sehr überschaubar. Interessant ist jedoch, dass mein mit meiner Mutter angereister Vater neben mir der einzige Vertreter der männlichen Spezies im Laden ist.

Nora kauft mir nach der Lesung ein paar BĂĽcher fĂĽr den Freudenschrei ab und dann laden meine Eltern Andrea, Mario, Julia und mich zum Abendessen ein. Da Julia und ich morgen lieber länger schlafen wollen und meine nächste organisierte Lesung am Abend in der Alzeyer Kultkneipe »Kuba« (eigentlich Pfälzer Wald) stattfinden wird, ĂĽbernachten wir bei den Eltern in Rheinhessen und nicht bei Andrea und Mario im Saarland â€¦ Gute Nacht.

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