Tag 20: Frankfurt & Offenbach

Das Tagebuch des StraĂźenlesers: 1. Tour (2015)

© EvaK (Lizenziert unter GFDL 1.2 über Wikimedia Commons)

Freitag, 25. September 2015
Frankfurt

Nach dem FrĂĽhstĂĽck radelt Denise zur Arbeit. Ich hole meinen Wagen, parke ihn in der Tiefgarage unter dem Römerberg und begebe mich mal wieder auf die Suche nach einer guten Location. Direkt vorm Römer kann ich leider nicht lesen. Die zentralen Feierlichtkeiten zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit werden zwischen dem 2. und 4. Oktober in der Mainmetropole stattfinden; ĂĽbrigens weil Hessen den Vorsitz im Bundesrat innehat. Ja, und irgendein KĂĽnstler hat das grĂĽne Ost-Ampelmännchen gartenzwerggleich ĂĽber den kompletten Platz verteilt. Kein Platz zum Sitzen, keine Chance zum Lesen.

Es ist ein bisschen verhext: Jeder geeignete Platz zwischen Römerberg und Zeil hat einen »Makel«, der es mir unmöglich macht, ihn zu nutzen. Da sitzt ein Bettler, hier ein Musiker, dort findet ein Markt statt und am nervigsten ist diese extrem laute Baustelle direkt an der Zeil. Die Zeil wäre perfekt fĂĽr eine Lesung. Naja, stattdessen schlage ich mich weiter zur Hauptwache vor. Hier ist zwar nicht ganz so viel FuĂźgängerverkehr wie in der benachbarten Zeil, aber mir gefällt der Platz dennoch sehr gut. Ich setze mich an eine Treppe. Ab und an kommt während meiner Lesung ein Skater an mir vorbeigeschossen. Die stören nicht. Einem Anzugsträger scheint dagegen jemand ins Hirn geschissen zu haben: Er schiebt sein Rad neben sich her, fährt damit ĂĽber meine Musterexemplare und tritt gegen meinen Hut, sodass mein gesammeltes Geld ĂĽber den Gehweg rollt. Okay, das kann ja mal passieren, wenn man nicht nach vorne oder unten schaut. Kein groĂźes Problem. Ein normaler Mensch wĂĽrde: »Ups!«, sagen, sich nach dem Geld bĂĽcken, dieses wieder in den Hut packen, sich noch ein-, zweimal entschuldigen und weitergehen. Dieses Exemplar eines Frankfurter Klischee-Bankers reagiert jedoch etwas auĂźergewöhnlicher: Er bemerkt, dass er meinen Hut umgetreten hat â€“ wenn es nicht sowieso pure Absicht war â€“, schaut auf seinen Schuh, als sei er in Hundekacke getreten, wirft mir einen unfreundlichen, nahezu feindselidgen Blick zu â€¦ und geht weiter.
»Wow. Dankeschön!«, rufe ich ihm durch mein Mikro hinterher, unterbreche meine Lesung und sammele das Geld wieder auf. Ich denke, die Charakterisierung »dummes Arschloch« ist nicht übertrieben.
Als ich mich wieder auf den Weg zum Auto machen möchte, sprechen mich die Skater an: »Sag mal, hast du eben wirklich irgendwas von Covabunga und den Ninja Turtles vorgelesen?«
»Darum ging es auch, ja.«
»Was ist das für ein Buch? Und wieso machst du das?«
Meine Antwort kommt erstaunlich gut an.
»Yeah! Und wo geht’s als Nächstes hin?«
»Offenbach.«
Lautes Gelächter: »Wie geil! Wir sind aus Offenbach!«
»Und ich hatte schon Angst, dass ich für diese Antwort in Frankfurt eine aufs Maul bekomme.«
Nur wenige Meter weiter, auf der Zeil, schaut mich ein junger Obdachloser sehr interessiert aufs Schild. Da ich etwas seitlich an ihm vorbeikomme, drehe ich mich zu ihm, damit er das Schild besser lesen kann.
»Oh, ich kann nicht lesen«, entschuldigt er sich direkt.
»Ach so«, antworte ich und erzähle ihm eben, was da so steht und was das zu bedeuten hat. Es gefällt ihm. Mit zwei nach oben gestreckten Daumen lässt er mich weiterziehen â€¦ in Richtung Offenbach.

Offenbach

Offenbach. Ach, Offenbach. Dein Ruf eilt dir voraus: Hässlich sollst du sein und arm. Hier lebt der Pöbel, hohe Arbeitslosenquote, hoher Migrantenanteil, Parallelgesellschaften. Doch alles, was dich von »Bankfurt« trennt, ist der Main. Ich muss sagen, dass ich den gestrigen Abend und den bisherigen Tag in der Bankenmetropole sehr genossen habe. Obwohl ich ĂĽber 24 Jahre meines Lebens nur knapp 60 Kilometer von Frankfurt entfernt gelebt habe, kenne ich die Stadt kaum. Sympathisch war sie mir mit ihren grauen Hochhäusern, den Banken und Yuppies tatsächlich nie. Alte Freunde, die es nach »Mainhattan« verschlagen hat, sind von Frankfurt allesamt äuĂźerst angetan. Und auch ich muss zugeben, dass sich meine Meinung seit gestern etwas geändert hat.
Frankfurter und Offenbacher hassen sich, wenn es um Fußball geht. Man kann wohl sagen: »Was den Mainzern ihr Wiesbaden, ist den Frankfurtern ihr Offenbach.«
Aber welche Stadt ist die coolere? Bei Mainz und Wiesbaden ist es â€“ wenig ĂĽberraschend â€“ eine eindeutige Angelegenheit: Der Mainzer â€“ entspannte Schoppeschnuut, herzlich und bodenständig â€“ stört sich am Wiesbadener, der sich dem Klischee nach etpetete verhält und mit Klimbim und Schickimicki ins Kasino geht. Die Rivalität gibt’s ĂĽbrigens schon seit der Römerzeit. Demnach mĂĽsste mir Offenbachs antikapitalistischer und multikultureller Schein ja eigentlich mehr zusagen. Als ich ĂĽber den Main nach Sachsenhausen fahre, sehe ich zum ersten Mal das EZB-Gebäude. Werte ich jetzt einfach mal als ’nen Punkt fĂĽr Offenbach. Mein Kumpel Fabse â€“ ja, der Kollege, der die Lesung im Feinstaub klargemacht hat â€“ lebt in Offenbach â€¦ und scheint begeistert. Ich war 1995/1996 zwei- oder sogar dreimal in Offenbachs Musicaltheater Capitol. Damals lief dort The Who’s Tommy. War geil. 2:0 fĂĽr Offenbach. Okay, bei der WM 2006 hat Frankfurt ordentlich Punkte gesammelt. DafĂĽr mag ich die Eintracht nicht â€¦
»Druffgeschisse«, wie man in Rheinhessen sagt. Ich lasse mich überraschen: Ist Offenbach so scheiße wie sein Ruf oder geht’s hier gleich voll ab?
Der Parkscheinautomat funktioniert nicht. I like it. Die Fußgängerzone ist recht eng. Gefällt mir ebenfalls. Ich betrete gerade den verkehrsberuhigten Bereich der Frankfurter Straße, als ein Typ mit Flyern in der Hand auf mich zukommt. Er sammelt mit Kollegen für Afrika, hat ’nen Pavillon aufgebaut. Jetzt quatscht er mich an, während ich mir denke: »Alter, siehst du nicht, dass ich ’nen schweren Rucksack auf dem Buckel trage und offensichtlich mit Straßenkunst erst mal Geld verdienen möchte, bevor ich was spenden kann?«
Doch mein Anflug von: »What the fuck«, wird sehr schnell durch ein warmes: »Och, das ist ja schön«, ersetzt. Warum? Darum:
»Ich kenne dich!«
»Echt?«
»Ja, man! Aus Darmstadt! Da haben wir auch Spenden gesammelt und du hast unweit von uns gelesen. Liest du heute hier?«
3:0, 4:0, 5:0 â€¦ Offenbaaach, Offenbaaach, Offenbaaach, Offenbaaach! OFF-EN-BACH!
Ich baue mein Equipment vor dem Kaufhof auf. Gerade als ich meine Musterexemplare vor mir ausbreite, verlässt ein Mann den Saturn gegenüber und kommt interessiert blickend auf mich zu: »Oh, was wird denn das?«
»Eine Straßenlesung.«
»Wow! So etwas habe ich noch nie gesehen. Eigenes Buch?«
»Jawoll.«
»Ich bin ein Kollege.«
»Ach, was?«
»Ja: Murks? Nein danke!: Was wir tun können, damit die Dinge besser werden«
»Sagt mir leider nichts.«
»Kein Problem.«
Plötzlich steht eine ältere Frau zwischen uns: »Sammeln sie auch für Afrika?«
»Nö, ich sammle erst mal nur für mich.«
Der Mann lächelt. Die Frau legt nach: »Können die nicht erst mal für deutsche Kinder sammeln?«
Der Mann hört auf zu lächeln, geht einen Schritt auf die Frau zu und reagiert: »Haben sie denn schon für deutsche Kinder gespendet? Für die kann man nämlich auch spenden.«
Die Frau stammelt.
»Und wieso sollen die Jungs und Mädels dort vorne denn nicht für afrikanische Kinder Spenden sammeln?«
»Na, ich finde, man könnte sich erst mal um deutsche Kinder kĂĽmmern â€¦Â«
»Dann machen sie das doch. Aber überlassen sie es doch jedem selbst, für wen er spendet.«
»Ja, aber was müssen uns denn die Afrikaner interessieren?«
»Was die uns interessieren?«
Jetzt wird’s interessant. Ein weiterer Mann gesellt sich zur Diskussionsrunde, bleibt jedoch die meiste Zeit über still. Ich bleibe ebenso ruhig, lehne mich auf meinem Hocker entspannt zurück und verschiebe meine Lesung um unbestimmte Zeit. Ich könnte jetzt auch gar nicht lesen, da die drei direkt vor mir stehen; meine Musterexemplare genau vor ihren Füßen. Zurück in die Diskussionsrunde: Also, was interessieren uns die Afrikaner?
»Wissen sie wie viel Elektromüll wir Europäer und Nordamerikaner produzieren? Und wissen sie was damit passiert? Nein? Den verschiffen wir nach Afrika. Dann dürfen die auf unserem Luxusmüll sitzen bleiben. Quecksilber dringt in den Boden. Und afrikanische Bauern können ihre Produkte auf dem heimischen Markt nicht mehr verkaufen. Warum? Weil wir unsere Masthühner dort billiger anbieten können. Unser Reichtum beruht auf der Armut und dem Hunger der Afrikaner.«
»So habe ich das nie â€¦Â«
»So haben sie das noch nie betrachtet, was?«
»Ja, aber die mĂĽssen doch trotzdem jetzt nicht alle hierherkommenn â€¦Â«
Die restlichen Sorgen dieser »besorgten BĂĽrgerin« kann sich jeder denken. Die sind ja bei all diesen armen Gestalten stets dieselben. Es ist aber ein VergnĂĽgen, dem Mann zuzuhören. Er zerlegt innerhalb von zehn, 15 Minuten ein »Argument« nach dem anderen, provoziert, grinst mich dabei immer mal wieder verschmitzt an und lässt erst locker, als die Frau sichtlich verwirrt dasteht. Ihr sind irgendwann tatsächlich sämtliche »Sorgen« vergangen.
»Ja, gut. Ich muss dann mal weiter. Ich â€¦ ähm â€¦ ja.«
»Spenden sie doch diesem jungen Mann etwas.« Der coole Mann zeigt auf mich: »Er ist Deutscher, arbeitet für sein Geld und wir haben ihn mit unserer Diskussion vom Geld Verdienen abgehalten.«
Darauf lacht sie nur auf, winkt ab und zieht von dannen. Konsequent.
Als ich mit dem Lesen beginne, bleibt der Sympath vor mir stehen und hört sowohl interessiert als auch amüsiert zu. Als ich den Seahorse Captain nachahme, kommt er lachend zu mir, stellt sich hinter mich, beugt sich zu mir und fragt in mein Mikrofon: »Jetzt muss ich aber mal nachschauen, wie du diesen acoustic dubstep aufgeschrieben hast.«
Er schaut ins Buch. Ich zeige ihm die Stelle. Er lacht.
Bevor er einige Minuten später weiterzieht, macht er noch ein Foto von mir und teilt es auf Facebook: »Ich habe 20.000 Follower. Einige von denen kennen dich ab sofort.«
»Vielen Dank!«

Spontanbegegnung mit Strassenleser Dennis Knickel und Bürgergesprächen in Offenburg/Main. Er war für drei Monate...

Posted by Stefan Schridde on Freitag, 25. September 2015

Der Mann heiĂźt ĂĽbrigens Stefan Schridde und grĂĽndete 2012 die gemeinnĂĽtzige Verbraucherschutzorganisation »Murks? Nein Danke!« mit Sitz in Berlin, mit der er mit seinen Followern wesentlich zur Debatte ĂĽber die schadhaften Folgen von geplanter Obsoleszenz in ganz Europa beiträgt. Er steht dazu in direktem Austausch mit Ministerien, Behörden, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Gewerkschaften, NGO und weiteren befreundeten Netzwerken. Im Auftrag der Bundestagsfraktion BĂĽndnis 90/Die GrĂĽnen erstellte er 2013 mit seinen Co-Autoren Christian KreiĂź und Janis Winzer die viel beachtete Studie »Geplante Obsoleszenz â€“ Entstehungsursachen, Konkrete Beispiele, Schadensfolgen, Handlungsprogramm«. An der Hochschule fĂĽr Technik und Wirtschaft in Berlin lehrt er seit 2014 in den Fachbereichen Ingenieurwissenschaften und Gestaltung zu dem Themenfeld der geplanten Obsoleszenz.
Im Februar 2016 klappt mir beim Schauen der Tagesthemen (?) die Kinnlade nach unten. Denn welcher Fachmann wird beim Thema »geplante Obsoleszenz« auf einmal interviewt? Richtig: Stefan Schridde. Interessanter Vogel.

Nachdem Herr Schridde, die besorgte Omi und der stille Zuhörer verschwunden sind, hört mir anscheinend niemand mehr zu. Langweilig wird’s trotzdem nicht, denn nun entfaltet Offenbach seinen klischeehaften »Charme«: Den Anfang macht eine kleine Gruppe vorpubertierender Kiddies, die versucht, mich zu provozieren: »Die hört keiner zu! Kein Arsch! Du Loser!«
Mit meiner gleichgĂĽltigen Ignoranz nehme ich ihnen allerdings bereits nach wenigen Sekunden die Lust am Stänkern. So schnell wie sie gekommen sind, sind die Hohlbratzen auch schon wieder weg. Doch es dauert nicht lange, bis die nächste pöbelnde Gestalt auftaucht und mich auf Arabisch (?) anquakt. Ich verstehe kein Wort, sehe aber am Gesichtsausdruck, dass es irgendwas Beleidigendes sein muss, was der nette Mensch mir da im Vorbeigehen entgegenschmettert. Meine Reaktion: Ignoranz. Ob man’s glaubt oder nicht: Der Nächste Spacko lässt nicht lange auf sich warten. Und diesmal fĂĽhle ich mich tatsächlich etwas unwohl. Ein Typ, der schätzungsweise Anfang 20 ist, rauscht sehr dicht an mir vorbei und zischt mit einem äuĂźerst aggressivem Ton: »Halt die Schnauze!«
Fortan blicke ich öfter als normal nach oben. Da die Offenbacher weiterhin kein gutes Publikum abgeben, packe ich mit eher ärmlichen 5,31 â‚¬ im Hut wieder zusammen und mache fĂĽr heute Feierabend. Ich wurde auf meiner bisherigen Tour noch kein einziges Mal angepöbelt. Okay, da gab’s die genervten älteren Semester in Friedrichshafen und Baden-Baden, die freundlichen OrdnungshĂĽter in NĂĽrnberg, die Stadtpolizei in Stuttgart, deren seltsamen Kollegen in Wiesbaden und den OberspieĂźer der Stadtverwaltung TĂĽbingen. Aber beleidigend oder gar aggressiv? Dieser Preis geht an Offenbach. Keep and love your clichĂ©, baby.
Ich find’s irgendwie lustig.

Tag 23: Alzey

Montag, 28. September 2015

Ich gönne mir ein ruhiges Wochenende bei meinen Eltern und ĂĽberlege, wie ich die Tour fortsetzen soll: Fahre ich aufgrund der schlechter werdenden Witterung in Richtung Berlin und lese dabei in Städten wie Eisenach, Erfurt, Gera, Dresden und Leipzig? Oder bleibe ich doch noch ein wenig im SĂĽdwesten? Denn vielleicht, ja vielleicht gelingt es mir doch noch, das Fernsehen fĂĽr meine Sache zu gewinnen. Ich habe nämlich vor einigen Tagen Kontakt mit dem SWR aufgenommen. Die wollten mich bereits letzte Woche in die Landesschau einladen. Leider erreichte mich die Facebook-Nachricht mit dieser Info zu spät. Nun arbeite ich daran, doch noch in den kommenden Tagen in die Sendung eingeladen zu werden. Mal sehen ob’s klappt. DrĂĽckt mir die Daumen â€¦

Copyright
Titelbild: Hauptwache, Frankfurt
© Eva Kröcher – Eigenes Werk. Lizenziert unter GFDL 1.2 ĂĽber Wikimedia Commons

Foto: »Escape from Ampelmännchen invasion«
© Andre Douque – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-ND 2.0

Infos ĂĽber Stefan Schridde: amazon.de

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