Tag 5: Stuttgart, T├╝bingen & Freiburg

Das Tagebuch des Stra├čenlesers: 1. Tour (2015)

@ Jorge1767 (Public Domain)

Freitag, 11. September 2015
Stuttgart: Schlossplatz

Ich habe bei Lena ├╝bernachtet. Lena hat eigentlich heute frei. Den Tag wollten wir gemeinsam verbringen. Aus heiterem Himmel kommt aber ein Anruf aus ihrem B├╝ro: Sie wird doch ben├Âtigt. Hm, schade. Daher trennen sich unsere Wege mal wieder sehr schnell. Ich fahre ins Zentrum, um in Stuttgarts Fu├čg├Ąngerzone, der K├Ânigstra├če, zu lesen. Am Stra├čenrand darf man in Stuttgarts Stadtmitte lediglich eine Stunde lang parken ÔÇô und das auch noch zu horrenden Preisen. Also stelle ich mein Auto in einer Tiefgarage ab und spaziere die K├Ânigstra├če entlang. Ich bin mir relativ sicher, dass Stuttgart ├Ąhnliche Gesetze bez├╝glich Stra├čenk├╝nstlern hat wie N├╝rnberg und mache mich daher schon auf eine Unterbrechung durch die Ordnungsh├╝ter gefasst. Unterst├╝tzt wird mein Gef├╝hl durch die bereits vorhandene Pr├Ąsenz von Streifenpolizisten, die auch schon einen Kollegen kontrollieren.
Ich baue meine Sachen am Schlossplatz auf. Bevor ich mit meinem Aufbau ├╝berhaupt fertig bin, sehe ich auch bereits zwei Uniformierte auf mich zukommen. Im Gegensatz zu N├╝rnberg darf ich zwar lesen, meinen Verst├Ąrker erh├Ąlt jedoch keine polizeiliche Genehmigung und mein Buch zum Verkauf anbieten, ist ebenso verboten. Ich muss sogar meine Preisangabe auf meinem Schild ├╝berkleben. Meine G├╝te ÔÇŽ
Ich frage die Herren von der Staatsgewalt, ob ich meinen Verst├Ąrker und mein Mikro wirklich einpacken muss oder ob ich meine Technik nicht einfach ausgeschaltet vor mich stellen darf. Wenn ich meine B├╝cher nicht anbieten und somit auch nicht auslegen darf, werde ich mir n├Ąmlich ohne Mikrofon vermutlich ziemlich doof vorkommen: Sitzt da so ein Typ auf ÔÇÖnem Rattanh├Âckerchen in der Fu├čg├Ąngerzone und liest lauthals aus ÔÇÖnem Buch vor. Warum? Keine Ahnung.
Die Polizisten erlauben es mir. Allerdings drohen sie mir sogleich mit ihrer R├╝ckkehr zum Schlossplatz. Falls ich dann den Verst├Ąrker doch eingeschaltet haben sollte, gibtÔÇÖs ├ärger. Auf ├ärger habe ich keine Lust, versichere ich, lasse mir noch einen Flyer in die Hand dr├╝cken, der ├╝ber die Rechte und Pflichten von Stra├čenk├╝nstlern aufkl├Ąrt, und verabschiede die beiden. Die Lesung ist doof: Ich will gerade anfangen, als ich mir denke, dass ich mir mit ausgeschaltetem Verst├Ąrker noch viel d├Ąmlicher vorkomme als komplett ohne. Das sieht ja sonst so aus, als sei ich einfach nur zu bl├Âd, um das Teil einzuschalten. Also packe ich ihn ÔÇô f├╝r die Passanten noch immer gut sichtbar ÔÇô zwei Meter auf die Seite und lege los.
Bis auf ein Damentisch eines Caf├ęs h├Ârt mir kein Mensch zu. Die fragenden und irritierten Blicke der Passanten sind ├╝berproportional ÔÇô was ich auf mein lautes Lesen ohne Verst├Ąrker zur├╝ckf├╝hre ÔÇô, ich verkaufe nat├╝rlich kein einziges Buch ÔÇô you know why ÔÇô und habe am Ende keinen einzigen mickrigen Cent in meinem Hut. Allzu weit komme ich mit meiner Lesung aber auch gar nicht, da ich im zweiten Kapitel von einem Kellner unterbrochen werde, der mich darauf aufmerksam macht, dass ich auf seiner Au├čenterrasse sitze, die er nun mit Tischen und St├╝hlen ausr├╝sten m├Âchte.
Ich zahle den Parkschein und fahre, vom bisherigen Tag ein wenig entt├Ąuscht, in Richtung T├╝bingen.

T├╝bingen

T├╝bingen ist sch├Ân. Das Zentrum der selbst ernannten ┬╗gr├╝nsten Stadt Deutschlands┬ź besteht aus engen verwinkelten G├Ąsschen. Ein Bach flie├čt durch die Altstadt. Ich suche nach einer geeigneten Stelle f├╝r meine Lesung und frage Anwohner nach dem zentralen Marktplatz. Auf diese Weise lande ich am Holzmarkt, auf dem die Stiftskirche steht. Selbst diese freie Fl├Ąche ist nicht wirklich gro├č. F├╝r eine Stra├čenlesung finde ich den Platz aber super: Ich baue meinen Verst├Ąrker am Georgsbrunnen auf. Der Brunnen des Drachent├Âters steht direkt vor den Treppen der Stiftskirche, auf deren Stufen einige T├╝binger essend ihre Mittagspause verbringen. Und auch die T├╝binger Zeitung, das Schw├Ąbische Tagblatt, hat mir bereits angek├╝ndigt, dass ein Reporter zu mir kommen wird. Optimal.
Kaum habe ich angefangen zu lesen, kommt schon der Fotoreporter der Zeitung, turnt um mich herum, knipst flei├čig ÔÇŽ und verschwindet genauso schnell, wie er aufgetaucht ist; gru├č- und wortlos. Interessant. Die T├╝binger sind interessierte Zuh├Ârer und ich kann an ihrer Aufmerksamkeit und ihren Reaktionen sehen, dass sie dieses alternative Mittagspausenprogramm zu sch├Ątzen wissen. Ich lese recht lange und habe gro├čen Spa├č, dass mir so viele Menschen zuh├Âren.
Doch pl├Âtzlich verdunkelt sich die Sonne ÔÇŽ Warum? Nun, mal wieder baut sich jemand nur wenige Zentimeter vor mir auf. Ich verstehe nicht, weshalb Leute, die mich beim Lesen unterbrechen wollen (oder ┬╗m├╝ssen┬ź), sich immer Fu├čzeh an Fu├čzeh vor mir breit machen m├╝ssen. Ich linse kurz nach oben, sehe einen Zivilisten vor mir und lese daher den Satz noch gem├╝tlich zu Ende. Ich werfe einen fragenden Blick nach oben und h├Âre die magischen Worte: ┬╗Ich bin von der Stadtverwaltung.┬ź
Yeah.
Der Mann greift, nerv├Âs wirkend, in seine Hosentasche und stammelt dabei: ┬╗Moment ÔÇŽ Ich habe meinen Dienstausweis ÔÇŽ Sekunde.┬ź
Ich klappe mein Buch zu, versuche meinen Blick noch fragender wirken zu lassen und beschlie├če, mich an der Konversation zu beteiligen: ┬╗Guten Tag.┬ź
┬╗Gleich habe ich ihn.┬ź
┬╗Ich glaube ihnen auch ohne Dienstausweis, dass sie von der Stadtverwaltung sind. Aber was wollen sie denn von mir?┬ź
Endlich findet der Mann seinen Ausweis und dr├╝ckt ihn mir kurz vor die Nase. Ich bin fasziniert. Beamte der Stadtverwaltung haben Dienstausweise? Und als Normalsterblicher soll ich erkennen, dass das auch tats├Ąchlich ein offizielles Papier ist? Whatever. Ich wei├č ja schon, worauf diese ┬╗Unterhaltung┬ź hinausl├Ąuft. Der Herr ist mir jedoch vom ersten Moment an so unsympathisch, dass ich auf ein L├Ącheln verzichte und auch nicht zusammenpacke, bevor er sich zum Arsch gemacht hat.
┬╗Sie d├╝rfen das nicht machen!┬ź, r├╝ckt er schlie├člich raus. ┬╗Sie verkaufen hier B├╝cher ÔÇŽ Da liegt ein Hut. Haben sie ├╝berhaupt einen Wandergewerbeschein?┬ź
Ernsthaft? Meine Fresse ÔÇŽ
┬╗Nein.┬ź
┬╗Sie verwenden einen Verst├Ąrker. Das ist verboten. Wir haben Gesetze, wissen sie? Au├čerdem ist gerade Mittagsruhe. So etwas wollen wir hier nicht.┬ź
Nicht nur, dass dem H├╝ter der Ordnung offensichtlich entgangen ist, dass mir auf der Treppe und den St├╝hlen des Caf├ęs daneben ein gutes Dutzend T├╝binger beschwerdelos und angeregt zuh├Ârt, nein, der Mann scheint auf Rambo bzw. auf dessen Widersacher Teasle zu stehen: ┬╗We don't want guys like you in this town, drifters. [ÔÇŽ] Besides, you wouldn't like it here anyway. It's just a quiet little town. In fact you might say it's boring. But that's the way we like it. I get paid to keep it that way.┬ź
Ich verkneife mir John Rambos Antwort (┬╗Yeah, boring.┬ź) und frage den Mann stattdessen, was ihn dazu bewegt hat, mich zu unterbrechen: ┬╗Hat sich jemand ├╝ber mich beschwert? Wurden sie gerufen?┬ź
┬╗Was?┬ź, antwortet er. Seine Gedanken sind irgendwo anders. Er wirkt angestrengt. ┬╗Ich wei├č nicht, ob jemand bei uns angerufen hat. Freitags ist um diese Uhrzeit niemand mehr in der Stadtverwaltung.┬ź
├äh?: ┬╗Und wie kommtÔÇÖs, dass sie mich hier ÔÇŽ?┬ź
┬╗Ich bin zuf├Ąllig hier vorbeigekommen und dachte mir: ÔÇ║Nein, das geht nicht.ÔÇ╣┬ź
Ach, du Schei├če. Vor mir steht der leibhaftige Oberspie├čer! Hilfe! Aber es wird noch besser:
┬╗Was mache ich denn jetzt mit ihnen?┬ź
┬╗Wie meinen sie das denn jetzt?┬ź, frage ich zur├╝ck und ├╝berlege, ob ich ihm vorschlagen soll, mich in Ketten legen und ins tiefste Verlies der Stadt werfen zu lassen. Er reagiert aber schon gar nicht mehr auf meine Frage, sondern stellt sich seine eigene Frage fl├╝sternd immer wieder selbst: ┬╗Was mache ich mit ihnen?┬ź
Das wird mir nun doch etwas zu bl├Âd. Die Lesung ist offensichtlich gestorben und ich habe keine Lust, mir wegen dieses peinlichen Papiertigers meine erste Ordnungswidrigkeit, sprich: Geldstrafe, einzuhandeln. Ich beantworte ihm daher einfach seine Frage: ┬╗Was halten sie denn davon, wenn ich einfach zusammenpacke und die Stadt verlasse?┬ź
┬╗Ja ÔÇŽ Ja, das w├Ąre eine M├Âglichkeit.┬ź
┬╗Super┬ź, antworte ich sarkastisch. ┬╗D├╝rfte ich aber zum Abschluss noch meine Zuh├Ârern mitteilen, dass die Lesung hiermit beendet ist?┬ź
┬╗Nat├╝rlich!┬ź, entgegnet er mir mit einer selbstverst├Ąndlichen Toleranz, die dieser Mann gar nicht besitzt. Dass ich ihm mit meiner Frage prim├Ąr aufzeigen wollte, dass er mit seiner Spie├čigkeit einigen seiner Mitb├╝rger gerade eine alternative Mittagspause kaputtgemacht hat, bemerkt er nat├╝rlich nicht.
Ich bedanke mich bei den Zuh├Ârern, weise darauf hin, dass die Lesung leider beendet werden muss und zeige auf den Spie├čer, der bereits weiterzieht und von meinem Fingerzeig nichts mehr mitbekommt. Einige meiner Zuh├Ârer bedanken sich und legen Geld in meinen Hut. Ein Herr um die 50 kommt zu mir, schaut mir mit ernstem Blick tief in die Augen und raunt: ┬╗Wir sind hier nun mal nicht in San Francisco.┬ź
Ich lache und bekomme von dem Mann Geld in die Hand gedr├╝ckt. Kaum hat sich der Mann umgedreht, steht ein anderer vor mir: ┬╗Dennis Knickel?┬ź
┬╗Ja?┬ź
┬╗Ich bin vom Schw├Ąbischen Tagblatt.┬ź
Sehr sch├Ân. Ich dachte schon, da kommt au├čer dem Fotografen niemand mehr. Ich erz├Ąhle dem Reporter, dass die Lesung leider soeben vom Oberspie├čer der Stadtverwaltung beendet wurde, was der Journalist mit einem: ┬╗Was? In T├╝bingen? Der gr├╝nsten Stadt Deutschlands?┬ź, erwidert und sich lachend an den Kopf fasst. Ja, so kannÔÇÖs gehen.
Einige Tage sp├Ąter erhalte ich auf Nachfrage eine Kopie des Artikels, den mir das Schw├Ąbische Tagblatt geg├Ânnt hat. Diesen darf ich aus urheberrechtlichen Gr├╝nden jedoch leider nicht ver├Âffentlichen ÔÇô es sei denn, ich zahle der Zeitung 80 Euro plus Autoren- und Fotografenhonorar ÔÇŽ f├╝r 23 Zeilen mit einer Spaltenbreite von noch nicht einmal 30 Zeichen. Oder anders formuliert: f├╝r f├╝nf S├Ątze plus ein Foto. Es gibt wohl noch mehr phi┬şlis┬şt┬şr├Âse Entscheidungstr├Ąger im Gr├╝n-regierten T├╝bingen ÔÇŽ
Das durch meine Lesung verdiente Geld geht gr├Â├čtenteils f├╝r mein Mittagessen im Asien-Haus drauf. Mit vollem Magen gehtÔÇÖs wieder auf Reisen. N├Ąchstes Ziel: Freiburg im Breisgau.

Freiburg: Kaiser-Joseph-Stra├če

Kaum fahre ich auf die Autobahn, stehe ich auch schon im Stau. Na, klasse. Ich lasse mein Navi wissen, dass es ┬╗Autobahnen vermeiden┬ź soll und fahre ├╝ber Land in Richtung S├╝ds├╝dwesten ÔÇô da sieht man ja auch mehr von der wirklich sehr sch├Ânen Natur zwischen T├╝bingen und dem Breisgau. Doch auch auf der Landstra├če l├Ąsst der Verkehr mich fast wahnsinning werden: Ich stehe eine verschissene Dreiviertelstunde auf einer steil abfallenden Stra├če vor einem St├Ądtchen namens Horb am Neckar im Stau. Eine Umgehungsstra├če gibt es anscheinend nicht und so entspannt wie die Leute in den Autos vor und hinter mir wirken, scheint dies der Standard zu sein, wenn man in diese Metropole fahren m├Âchte. Aber ich werde hier wahnsinnig! Schlie├člich will ich in Freiburg noch eine Lesung halten. Bei Tageslicht, bittesch├Ân!
Nach drei Stunden habe ich die knapp 150 Kilometer endlich gemeistert, stelle den Wagen ab, eile ins Zentrum und baue meinen Kram gegen├╝ber dem H&M auf der Kaiser-Joseph-Stra├če auf. Auf der breiten Stra├če verkehren (n├Ârdlich des Martinstores) nur Stra├čenbahnen und ÔÇô eingeschr├Ąnkt ÔÇô Lieferfahrzeuge. Freiburgs Innenstadt ist n├Ąmlich l├Âblicherweise gr├Â├čtenteils autofrei. Weniger l├Âblich ist das Interesse der Freiburger an meiner Lesung. Mit erb├Ąrmlichen 70 Cent im Hut beende ich meine Lesung und f├╝hle mich ├Ąu├čerst unbefriedigt.

Freiburg: Augustinerplatz

Ich entscheide mich dazu, trotz eingetretener Dunkelheit, meinen schweren Rucksack und das Schild noch nicht zum Auto zur├╝ckzubringen, sondern nach einem geeigneterem Platz zu suchen. Diesen finde ich nach einer netter Tour durch die Innenstadt auf dem Augustinerplatz, wo gut und gerne 250 junge Leute auf einer Treppe sitzen und das Leben genie├čen ÔÇô zumeist mit Bier. Zu meinem Gl├╝ck steht direkt neben der Treppe die ┬╗S├Ąule der Toleranz┬ź. Diese wurde 2009 aufgestellt, um den L├Ąrmpegel auf dem augenscheinlich abends stets gut gef├╝llten Platz zu regeln, indem sie bis 23 Uhr nach und nach ihre leuchtenden Farben von bunt in rot wechselt. Erfolgreich war die putzige Initiative nat├╝rlich nicht. Wie naiv m├╝ssen die Damen und Herren nur gewesen sein, die mit dieser Idee daherkamen?
Einer der wenigen, der sich ├╝ber diese 18.000-Euro-Verschwendung zwar ÔÇô wie die meisten anderen ÔÇô auch lustig macht, aber ebenso davon profitiert, ist ÔÇŽ Deutschlands erster Stra├čenleser. Die Strahlkraft der S├Ąule reicht n├Ąmlich aus, um mir gen├╝gend Licht zum Lesen zu spenden. Ich packe meinen Verst├Ąrker aus, schlie├če mein Mikro an und begr├╝├če die Freiburger Jugend. Mit einem Schlag schweigen 250 Menschen und schauen mich an. Uff. Geil. Ich erz├Ąhle, wer ich bin, wo ich herkomme, was ich derzeit mache und beginne zu lesen. Sekunden sp├Ąter wenden sich rund 240 Freiburger wieder von mir ab und f├╝hren ihre Unterhaltungen fort. Ich lese und habe wenig Hoffnung, dass mir irgendwer noch zuh├Ârt. Ab und an werfen zwar nette Menschen etwas in meinen Hut, ein aufmerksames Publikum scheine ich aber nicht zu haben. Ich beende mein erstes Kapitel, schlage das Buch zu, hebe meinen Kopf und warte auf irgendeine Art der Reaktion. Nichts. Hm. Gerade als ich mir denke, dass ich jetzt wohl Feierabend habe und mir schnellstens von irgendwo ein Bier organisieren und mich ebenfalls auf die Treppe setzen sollte, sehe ich zwei Arme, die aus der Menge nach oben wandern und zu klatschen beginnen. Gilt das mir? Ist es ernst gemeint oder wieder so ein Witzbold wie der Typ, der vor ein paar Minuten an mir vorbeikam und meinte, dass ich lieber ein paar fette Beats auflegen solle? Ich schaue genauer hin und sehe ein freundlich l├Ąchelndes Gesicht, das mich ansieht. Der Kollege bemerkt, dass ich ihn fixiere, h├Ârt kurz mit dem Klatschen auf, zeigt auf mich, hebt seinen Daumen und klatscht weiter. Ja, cool! F├╝r diesen einen Zuh├Ârer lese ich noch ein Kapitel. Als ich mein zweites Kapitel beende und zusammenpacke, kommt der Klatscher zu mir gestiefelt: ┬╗Sau cool, Mann! Wir haben dir zugeh├Ârt. Geile Geschichten! Ich findÔÇÖs auch echt mutig, was du hier machst. Und es ist auch voll der gute Zufall: Meine Freundin ist Amerikanerin und einer ihrer Freunde ist gerade aus Amerika zu Besuch bei uns. Wir sitzen da vorne. Bei uns sitzt auch noch ein Ungar, der heute nach Freiburg getrampt ist und auf seine Freundin wartet, die hier irgendwann auch noch per Anhalter ankommen soll. Setz dich doch zu uns und trinke ein Bier mit uns, wenn du willst.┬ź
Das sind genau die S├Ątze, die ich heute noch h├Âren wollte.
Das leckere Bier kommt frisch gezapft in einer gro├čen ┬╗Kollektivflasche┬ź mit B├╝gelverschluss (┬╗plopp┬ź) von einer am Platze ans├Ąssigen Brauerei und die Clique des Klatschers ÔÇô ich bin ja so schlecht darin, mir Namen zu merken ÔÇô ist schwer sympathisch: Das frisch verlobte P├Ąrchen schwebt vor Verliebtheit auf Wolke 7, der Dreadlock-Ungar ist ein Tramper, wie er im Buche steht und Noah, der amerikanische Besuch, ist der absolute Vollfreak. Sobald der anscheinend aus Israel stammende Noah den Mund aufmacht, kann man davon ausgehen, dass es lustig wird. An mir frisst er sich schnell einen Narren und als wir nach ein paar Bierchen durch die Stadt ziehen fragt er, ob er mein Schild tragen darf. Aber gerne doch. Noah tr├Ągt das Schild aber nicht nur, sondern geht damit auf wirklich jeden einzelnen Passanten zu, der unseren Weg kreuzt, strahlt dabei ├╝ber beide Backen, dreht das Schild wie Amerikaner es ├╝blicherweise zu Werbezwecken an Stra├čen tun und ruft: ┬╗Come on! Come on! LetÔÇÖs go there! This is him! GermanyÔÇÖs first street reader! Strossenlaser! Yes, yes, yes! ItÔÇÖs so great!┬ź
Die Passanten sind oftmals leicht ├╝berfordert und w├╝nschen ihm viel Gl├╝ck mit ┬╗seinem Business┬ź. Wir lachen uns w├Ąhrenddessen schlapp. Ab und an kommt Noah zu mir und fragt, ob seine Animationsk├╝nste okay sind oder er mir dadurch mein Business ruiniert. Ich verneine lachend und bitte ihn, damit weiterzumachen.
So ziehen wir bis zur angeblich besten Eisdiele Deutschlands, das Portofino, und setzen uns vor das Theater. Vor das Theater wurden im Sinne des ┬╗Urban Gardening┬ź (Gemeinschaftsgarten) kleine Beete gepflanzt. Noah findetÔÇÖs richtig geil, lehnt sich an eines der Beete und bewundert die wirklich bemerkenswerte gl├Ąserne Architektur der benachbarten Uni-Bibliothek: ┬╗I love this place! I love it!┬ź
Dem Ungar und mir wird angeboten, bei dem P├Ąrchen und Noah zu ├╝bernachten. Das ist eigentlich gro├čartig, aber f├╝r mich leider auch etwas unpraktisch: Die Wohnung des P├Ąrchens befindet sich in der genau entgegengesetzten Richtung zu meinem Auto und ich m├Âchte morgen relativ zeitig wieder loslegen, damit ich sp├Ątestens am (fr├╝hen) Nachmittag in Baden-Baden oder am Bodensee sein kann. Der Ungar schl├Ągt das Angebot ebenfalls aus, da seine Freundin noch immer nicht aufgekreuzt ist und er sie auf jeden Fall noch aufsammeln m├Âchte, sobald sie es nach Freiburg geschafft hat.
Die Lesungen in Freiburg haben bislang zwar herzlich wenig bis rein gar nichts gebracht, aber dieser Abend war sehr cool und morgen ist ja auch noch ein Tag ÔÇŽ

Copyright

Titelbild: Holzmarkt, T├╝bingen
┬ę Jorge1767 – Eigenes Werk. Lizenziert unter Public Domain ├╝ber Wikimedia Commons

Zur├╝ck   Inhaltsverzeichnis   Weiter

X
Zur Werkzeugleiste springen