Tag 1: Verschollen in den USA

Kaffee, Kiffer, Killerkatzen

Mittwoch, 11. August 2004

Aloha Folks!
 
Wir sind unterwegs im Land der Cowboys, Indianer und der wahrlich unbegrenzten (Un-)Möglichkeiten. Doch der Reihe nach:
Rebekka und ich fliegen fĂĽr zehn Wochen nach Hawaii, um unentgeltlich auf Bio-Farmen zu arbeiten. Im Gegenzug leben wir kostenfrei auf den Farmen und bekommen unsere Supermarktrechnungen erstattet.
Von Frankfurt aus geht es über Los Angeles nach Honolulu. In Honolulu, der Hauptstadt Hawaiis, die auf der Insel O’ahu liegt, wechseln wir dann ein letztes Mal den Flieger in Richtung Hilo, Big Island.
Wir checken rechtzeitig und planmäßig am Morgen in Frankfurt ein. Dann geht’s mit etwas Stress – »Wer hat ihre Koffer gepackt? Wo waren ihre Koffer, seitdem sie gepackt wurden?« etc. – in den Flieger. Der hebt allerdings nicht rechtzeitig und planmäßig ab, da eine von acht Bremsen zu heiß zum Starten ist … Juchhu. Mit 90 Minuten Verspätung startet das Flugzeug aber schließlich doch noch und – schwubbdiwubb – lockere achteinhalb Stündchen später gibt es zu unserer Überraschung einen kleinen unerwarteten Zwischenstopp in … Cincinnati … Ohio?!
Wie wir mittlerweile erfahren haben, ist dies der Zollkontrollenzwischenstopp, damit die Amis rechtzeitig entscheiden können, wen sie quer durch die USA fliegen lassen und wen sie direkt wieder ins alte Europa zurückschicken.
Der Clou ist allerdings, dass sich die hellen Köpfe von Delta Airlines wohl denken, die 90 Minuten Verspätung am besten wieder aufholen zu können, indem sie einfach nicht auf ihre, in der Zollkontrolle festsitzenden Passagiere warten. Hm, der Flieger startet also mit nur noch einem Drittel der in Frankfurt eingecheckten Fluggäste … Tja, Rebekka und ich gehören zu der staunenden Zwei-Drittel-Mehrheit, die den Flieger hinter dem Panoramafenster des Flughafens wieder abheben sieht. Nun sitzen wir also in Cincinnati fest, wo es noch nicht einmal Schließfächer für unser 15-Kilo-Handgepäck gibt. Danke Delta.
Der Hauptgrund für das Verpassen unseres Fliegers ist die ewig lange Wartezeit beim Zoll. Die Damen und Herren nehmen ihre Arbeit aber auch unglaublich ernst, was zu einem Umgangston führt, den ich mal vorsichtig als »rabiat« bezeichnen möchte: In der Reihe hinter uns hat ein Tourist keine genaue Adresse seines Hotels. Daraufhin wird er aus der Reihe gepickt und ewig lange befragt bzw. verhört. Immerhin kann er die Telefonnummer des Hotels anbieten. Da hebt aber niemand ab, was allerdings auch kein großes Wunder ist, weil es in Hawaii momentan mitten in der Nacht ist. Als nach gut und gerne fünf Versuchen immer noch keiner ans Telefon geht, meint der nette Zöllner: »Wenn da jetzt keiner dran geht, haue ich dir dein Telefonbuch in die Fresse!«
Der finale Zeittöter in der Zollwarteschlange ist die – höchst wahrscheinlich wahnsinnig effektive – Befragung der einreisenden Terroristen … äh, Touristen:
»Versuchen sie Drogen ins Land zu schmuggeln?«
»Tragen sie Waffen bei sich oder planen sonstige terroristische Aktivitäten?«
»Haben Sie zu viel Geld dabei?«
Den Helden möchte ich sehen, der auf eine dieser Fragen mit: »Hähä … ja!?«, antwortet.
Als nächstes schlagen wir uns zum Schalter von Delta Airlines vor, um unsere Weiterreise zu planen. Die uns hier angebotenen Alternativen, um den paradiesischen Cincinnati-Airport schnellstens wieder verlassen zu können sind die folgenden:
Wir fliegen über Salt Lake City nach Honolulu und schließlich weiter nach Hilo. Das ganze endet, verglichen mit unserer ursprünglichen Buchung über Los Angeles, mit knapp neun Stunden Verspätung.
Von Cincinnati aus geht es direkt nach Honolulu und von dort aus dann zu unserem endgültigen Ziel Hilo. Der Spaß bringt uns gute elfeinhalb Stunden Verspätung.
Unser Problem mit Alternative 1: Wer weiß, was bei den Fliegern nach Salt Lake City oder Honolulu kaputt ist. Sollte es wieder ein außerplanmäßiges Problem geben, säßen wir schon wieder an einem Zwischenstopp fest. Außerdem bedeutet diese Route längeres Fliegen, was auch nicht unbedingt sein muss.
Unser Problem mit Alternative 2 ist, dass wir 18 Stunden Aufenthalt in Cincinnati haben werden. Uff.
Wir entscheiden uns für Alternative 2 – hoffentlich die richtige Entscheidung.
Der kleine Gag am Rande ist, dass unsere Koffer es vermutlich geschafft haben, weiterzufliegen. Der größere Gag ist allerdings, dass uns Delta kein Hotelzimmer zur Verfügung stellen mag.
18 Stunden Flughafenaufenthalt. Das bedeutet, dass man sich den Airport mal genauer unter die Lupe nehmen kann. Das jetzt schon offensichtlichste Problem des Flughafens ist seine Air Condition: Im Flugzeug war’s schon scheißkalt, der Flughafen toppt dies aber tatsächlich noch. Wir frieren richtig in unseren hawaiitauglichen Sommeroutfits! Besser gekleidet sind da die seltsamerweise massenhaft vorkommenden Piloten, die à la »Catch Me If You Can« in ihren schicken Uniformen das Terminal auf und ab flanieren. Ein Pilotenerlebnis der etwas merkwürdigen Art habe ich, als ich unsere Farm in Hawaii anrufen möchte, um unsere Verspätung anzukündigen: Ich denke mir, dass ich mit Sicherheit eine Vorwahl von Ohio nach Hawaii brauche und frage den nächstbesten Piloten, was ich vor der Rufnummer wählen muss. Er schaut sich die Nummer an und sagt: »Oh, it’s toll free!« – Aha. Dafür muss ich, so der Pilot, nur eine »1« vorwählen. Nun will ich meine Quarter Dollars einwerfen, woraufhin der US-amerikanische Pilot aber wild abwinkt: »No! It’s toll free!«
»It’s for free?«
»Yes! That’s America! America!«
Stolz und glücklich zugleich schlägt er mir zunächst auf die Schulter, um mich unmittelbar darauf an seine patriotische Pilotenbrust zu drücken: »America!«
Ich möchte darauf hinweisen, dass sich diese Situation tatsächlich exakt so ereignet hat. Ich habe eine Zeugin …
Daraufhin müssen wir erst einmal etwas Essen. Wir sind uns allerdings nicht sicher, ob es sich hierbei um unser Frühstück, das Mittagessen, das Abendessen oder um einen Mitternachtslunch handelt. Für uns ist es bereits seit 19 Stunden hell und es wird wohl auch noch zwei, drei Stunden hell bleiben. Das ist er dann wohl: Der längste Tag in unserem bisherigen Leben … und den verbringen wir am Flughafen von Cincinnati. Super.

Vorwort   Inhaltsverzeichnis   Tag 2

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