Tag 20: Eva haut ab â€¦Â und Mark »baut« ab

Kaffee, Kiffer, Killerkatzen

Montag, 30. August 2004
Kona, Hawaii

Heute tackern wir die Kaffeesäcke an die Schuppenwand und fixieren sie mit Lack. Et voilĂ : Unser Kunstwerk ist fertig! Zudem sieht es noch ganz niedlich aus. Dämlicherweise steht aber genau vor dem Schuppen eine â€¦Â Ă¤hm â€¦Â Â»Kaffeebohnenwaschmaschine« (!?), die sich nicht verrĂĽcken lässt. Somit sieht man leider nur eine Hälfte unseres Meisterwerks bzw. man muss es sich von der Seite betrachten, um es komplett erfahren zu können. Ich wĂĽrde ja gerne das ein oder andere Foto unserer Glanzleistung schieĂźen, was allerdings zusätzlich durch den Gabelstapler erschwert wird, der momentan auch noch davor steht. Um James mal kurz zu zitieren: »Die Industrie steht der Kunst immer im Wege.«
Apropos schlaue SprĂĽche: Unser Verdacht, dass James ein Indianer oder wenigstens ein Halbblut sein könnte, erhärtet sich! Denn Eva und Gonzalo, die beiden Mexikaner, die hier festsitzen, sind wieder aus dem Bauwagen ausgezogen, da â€“ wie Bekki und ich vermuteten â€“ Eva das Klo und die KĂĽche zu weit von ihrem Bett entfernt sind. James allerdings hat die Vermutung, dass sich Eva nur nicht im Bauwagen wohlfĂĽhlt, da sie niemand ĂĽber die Vergangenheit des Zimmers aufklären kann und sie dort »bad vibrations« fĂĽrchte. Ă„hä â€¦
Uns war indes von Anfang an klar, dass Eva lediglich nicht alle Tassen beisammen hat oder wie mein Tauchschulenchef auf Mallorca sagen würde: »Sie hat den Schuss nicht gehört.«
James hingegen denkt, Eva sei »very smart«. Nee, nee: Fies und neugierig, wie Bekki und ich nun mal sind, fragen wir Eva, weshalb sie und Gonzalo denn den Bauwagen verlassen, woraufhin sie unsere Vermutung der Klo- und Küchenrennerei bestätigt.
Wir packen jetzt schnell unsere Koffer und stĂĽrmen den Bauwagen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn Eva und Gonzalo haben den Bauwagen noch gar nicht richtig verlassen. Wir mĂĽssen diesen womöglich leicht unhöflichen Ăśberfall durchziehen, da Eva la Stupida uns zuvor mitteilte, dass Felipe, ein weiterer mittelamerikanischer Farmarbeiter, der sich selbst als einen »satanistischen Christen« bezeichnet, in den Bauwagen ziehen möchte. SchlieĂźlich wollen wir uns nicht schon wieder den Bauwagen vor der Nase wegschnappen lassen. Dass Felipe uns trotz seiner schizophrenen Konfession deswegen töten und verspeisen wird, haben wir vermutlich nicht zu befĂĽrchten. Sein, nicht dem Mainstream entsprechenden Glauben bezieht der stets schwarz gekleidete, groĂźe Mann mit den langen schwarzen Haaren und dem permantent bösen Blick aus den mannigfaltigen miesen Erlebnissen in seinem Leben. Diese haben ihn zu der Ăśberzeugung kommen lassen, dass Gott der Teufel ist. Wäre ich an der Stelle des eher unsympathisch wirkenden Felipe, wĂĽrde ich es mal mit Atheismus versuchen. WĂĽrde das Leben sicherlich etwas erleichtern. Aber nit Atheismus haben’s die Latinos auf der Mountain Thunder Coffee Farm offensichtlich nicht so â€¦
Nun ist unsere Zeit in unserem Sechs-Quadratmeter-Spanplattenpalast also passĂ©. Kein ewig dummschwallender Fundamentalisten-Mark mehr, der uns Nachts mit seiner dauerdröhnenden Klimaanlage nicht einschlafen, sondern erfrieren lässt und einen jeden Morgen unsanft aus dem Schlaf reiĂźt. Kein laut arbeitender Kaffeetrockner mehr, keine ewig dudelnde Porno- und Bill-Cosby-Jazz-Mucke mehr, die einen hier den halben Tag zududelt. Kein Fernseher mit 5.1-Heimkino-Sound mehr. All das ist vorbei. Ruhe regiert von nun an. Ruhe. Unser Peter-Lustig-Bauwagen misst gute zwölf Quadratmeter und ist weit weg von jedem Lärm. Wir hören nur die Grillen zirpen â€¦Â schön.
Eva la Loca verlässt ĂĽbrigens seltsamerweise am Mittwoch bereits die Big Island. So ätzend findet sie es hier, dass sie sich â€“ wie auch immer â€“ doch schon wenigstens ein Flugticket nach L.A. leisten konnte. Gonzalo, ihr Mann, muss aber noch zwei Wochen hier arbeiten. Wie die beiden es geschafft haben, von zweimal vier Wochen Arbeit auf einmal zwei Wochen Arbeit zu kommen, um sich somit das fehlende Geld fĂĽr ihre Tickets zu verdienen, ist uns schleierhaft. Naja, uns kann’s recht sein, denn Eva geht uns schon ein wenig auf den Geist, wenn sie regelmäßig während der Arbeit zu uns kommt und so lustige und unverständliche Dinge wie: »Can you ayudarme to take in room of yo?«, sagt.
Ă„h, was?
»Puedes tu help me putting furniture in mi habitación?«
Aha. In dieser Situation wollte Eva Idiota letztendlich, dass wir ihr ein ziemlich schweres Regal in ihr neues Zimmer tragen, welches sie ganze zwei Tage bewohnen wird. Außerdem meckert Eva Tristessa immer nur herum, findet alles scheiße, sieht immer schlecht gelaunt aus und palavert mit weinerlicher Stimme ständig Sachen wie:
»Ah, in California â€¦Â«
»Everything so heavy â€¦Â«
»Can you help me?«
Bla bla bla â€¦
Evas Mann Gonzalo lebt ĂĽbrigens bereits seit 30 Jahren in den USA und Eva, die keine drei Sätze englisch spricht â€¦Â lebt seit 35 Jahren in den Estados Unidos.
Wie dem auch sei: Wir sitzen jetzt also in vollkommener Stille in unserem neuen Domizil, während sich etwas weiter unten ein bis zwei christliche Fundamentalisten »Rambo« auf einem Minifernseher ansehen. Den nigelnagelneuen 16:9-Flachbildfernseher hat vermutlich Markus Christus irgendwie kaputtgemacht â€¦Â wie im Ăśbrigen wohl auch das Herdlicht und die Digitaluhr neben der Mikrowelle. Und das alles an einem Wochenende! Vermutlich geschah all das unter Alkoholeinfluss. Hat der Teufel nicht den Schnaps gemacht?

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