Tag 22: Disharmonie & Harmonie

Kaffee, Kiffer, Killerkatzen

Dienstag, 31. August 2004
Kona, Hawaii

Was als ruhiger Tag geplant war, startet zunächst irgendwie â€¦Â anders.
Bekki und ich wollen eigentlich wieder nach Kailua-Kona trampen. Unpraktischerweise soll heute jedoch eine neue StraĂźe auf der Farm betoniert werden. Als wir uns gegen halb elf auf den Weg in Richtung Hao Street machen, um einen Ride ins Tal zu bekommen, ruft mich Stresser Lolo: Ich soll beim Betonieren helfen. Na klasse.
Wenig später stehe ich, weil angeblich Personal- und Zeitmangel herrscht, auf einem Stückchen »künftige Straße« und darf den Erdboden mit einem Rechen ebnen. Diese Aktion ist allerdings an Schwachsinn nicht zu überbieten, da wenig später ein 20-Tonner über ebendiese, noch nicht betonierte Fläche fahren soll, was natürlich jedem, inklusive Lolo, bekannt ist. Lolo, der mir irgendwelche spanischen Arbeitsanweisungen entgegenbrüllt, von denen ich höchstens die Hälfte verstehe, geht mir bei dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme tierisch auf die Eier. Was soll das?
Wenig später kommt dann auch der LKW mit dem Beton und fährt über meine frisch geebnete Dreckstraße, welche nun natürlich wieder wie hingeschissen aussieht. Jetzt wird noch schnell der Beton verteilt, wobei ich der einzige bin, der keine Arbeitsstiefel trägt, sondern Turnschuhe. Juchhe. Dann ist’s aber auch endlich geschafft und Lolo entlässt mich.
Es kann nun also endlich losgehen. Bekki und ich trampen in die Stadt. Denkste: Zunächst fährt kein einziges Auto an uns vorbei. Als dann endlich mal Wagen in Richtung Tal unterwegs sind, hält kein Arsch an, um uns mitzunehmen. Als wir schon fast unten am Highway angekommen sind, nimmt uns dann doch noch jemand mit: »Where are you guys coming from?«
»From Germany.«
»Ah, Deutschländ!«
»Exactly!«
»Deutschländ, Deuschländ über alles, he!?«
Hmpf â€¦Â Was soll man dazu sagen? Erst recht, wenn dieser »Deutschländ, Deuschländ ĂĽber alles«-Typ auch noch Kinder hat, die in der Pfalz leben. Ansonsten ist der Herr recht nett, fährt aber passend zu unserem bisherigen Tag ĂĽber das Industriegebiet Kailua-Konas in die Stadt, was einen Umweg von gut 20 Minuten ausmacht â€“ bei einer Strecke, die direkt gefahren eigentlich nur knapp fĂĽnf bis zehn Minuten mit dem Auto in Anspruch nimmt. Oh je. Sein Hund heiĂźt ĂĽbrigens Miko, ich schreibe das, da uns vor kurzem eine Frau mitgenommen hat, deren Hund Mika hieĂź. Diese Amis.
Da wir schon beim Thema »Gleichartigkeit« sind: Es gibt ein paar Sätze, die jeder Ami jederzeit und immer auf das Wort genau identisch von sich gibt:
»How are you guys doing?«
»Where are you guys coming from?«
»What’s up guys?«
Manche setzen aber noch ein: »Hey!«, davor.
Der Ali’i Drive! Wir haben es geschafft! Um kurz nach eins, also nach ĂĽber zweieinhalb Stunden, haben wir es tatsächlich geschafft, nach »unten« zu kommen. Eigentlich sind zweieinhalb Stunden der worst case beim »Nach-oben-kommen« â€¦Â Wie auch immer.
FĂĽr 4,95 Dollar kann man beim vermutlich billigsten Thailänder Kailuas fĂĽr amerikanische Verhältnisse relativ lecker asiatisch essen. Zudem weiĂź das Restaurant Taeng-On mit absolutem Style zu ĂĽberzeugen: Die Einrichtung ist wirklich cool, man kann sehen, dass sich hier jemand MĂĽhe gegeben hat. Buddha- und Shiwastatuen stehen im Raum und geschmackvolle asiatische Bilder hängen an den Wänden. Wohingegen das Personal mit absolut stylisher Unfreundlichkeit besticht: Sobald man das Restaurant betritt und von einer der beiden Kellnerinnen erfasst wird, wird man mit einer absolut gleichgĂĽltigen Handbewegung und einem Gesichtsausdruck Ă  la: »ScheiĂźe, Kunden!«, an irgendeinen Tisch »gebeten«. Nachdem man sich gesetzt hat, werden einem zwei Karten auf den Tisch geknallt oder â€“ je nach Schwung der Kellnerin â€“ geschmissen. Besonders genial ist die etwas mehr humpelnde Kellnerin (beide humpeln), die ein ungewaschen fleckiges T-Shirt mit typischen Touristenmotiven darauf trägt: »Ready?«
Jetzt muss man bestellen. Übrigens bestellt man nur das Essen. Bevor man noch Trinken ordern kann, steht sie bereits einen Tisch weiter und brüllt in Richtung Küche auf Thailändisch etwas wie: »Curry Tofu!«
Wenn man dann schwer verliebt ein romantisches Tischgespräch am Laufen hat, kommt auf einmal die Kellnerin mit einer Kanne Wasser mit massig EiswĂĽrfeln darin von der Seite angeschossen und schenkt das Glas randvoll ein â€“ meistens auch den halben Tisch. Auf ein: »Thank you«, bekommt man hier ĂĽbrigens keine Antwort. So lässt sich final zusammenfassen: sehr ungezwungen â€¦Â oder so. Auf alle Fälle aber cool.
Es gibt jedoch einige Dinge, die ich beim US-Asiaten nicht verstehen kann:

  1. Der Tofu ist nie angebraten oder gewürzt, also absolut unspektakulär und weich wie ein Schwamm.
  2. »Thai Hot« ist total mild â€¦Â aber wieso? Die Yankees hier wĂĽrzen doch sonst alles wie Sau! Wieso dann nicht auch die Asiaten, die im Lande der spicy Cowboys Essen zubereiten?
  3. Der Curry ist pappsĂĽĂź.
  4. Warum werde nur ich â€“ nicht aber Rebekka â€“ gefragt, welches Fleisch oder welchen Fisch ich zu meinem Tofu haben möchte?
  5. Weshalb sind die Vorspeisen auf der Karte teurer als die Hauptspeisen?
  6. Wieso werden Typen, die nur mit einer Badehose bekleidet sind, von der Bedienung mit einem Lächeln und schneller bedient als wir?

Nachdem wir beim Thailänder gegessen haben, spazieren wir den Ali’i Drive in Richtung Lu Lu’s entlang. Bei Lu Lu’s trinken wir dann wieder billig eimerweise Cola bzw. kostenlos nicht weniger Wasser. FĂĽr mich persönlich geht es heute bei Lu Lu’s jedoch noch um viel, viel mehr: Wie ich ja bereits vor gut zwei Wochen festgestellt habe, hat mein Magen anscheinend Probleme mit irgendetwas aus dem Hause Lu Lu’s. Die Frage ist also: Ist es das Essen, die viele Cola oder etwa gar â€¦Â die EiswĂĽrfel? Da ich diesmal aufs Essen verzichte, nicht aber auf viel Cola und EiswĂĽrfel und ich danach nicht aufs Klo rennen muss und später am Tag feststellen kann, dass auf der Toilette alles planmäßig abläuft, ist das Rätsel wohl gelöst: Es liegt am Essen!
Neben meiner vielen Cola nehme ich in unserer ökonomisch korrekten Bar am heutigen Tage auch ein hawaiianisches Bier zu mir. Pfui Spinne! Das Zeug wird in Kailua gebraut und ist ziemlich â€¦Â Ă¤h â€¦Â herb.
Nachdem sich die Bedienung ihr Trinkgeld selbst gegeben hat, geht’s zum KTA, James’ Lieblingssupermarkt, der extrem viel Bionahrung anbietet. James will sich hier mit uns um 17 Uhr treffen, um Trents Kasse wieder etwas zu erleichtern. Ich spreche James hier auch mal auf unseren Verdacht an, er sei vielleicht ein Indianer.
»Well, that’s pretty interesting.«
James fängt übrigens so gut wie jede Antwort auf irgendeine Frage so an. Und wenn er mal nicht mit: »Well, that’s pretty interesting«, anfängt, dann so: »Well, it is really interesting that you mentioned this.«
James ist â€“ um es kurz zu machen â€“ kein Indianer. Allerdings stammt er aus Ohio, einem Staat, der laut James fĂĽr seine brutale Geschichte bezĂĽglich Indianern berĂĽchtigt ist: In Ohio gibt es keine Indianer mehr. Null. Das liegt daran, dass die weiĂźen Siedler damals, anno irgendwann, sämtliche Indianer Ohios niedergemetzelt haben und der gesamte Staat, in dem Städte wie Columbus oder scheiĂź Cincinnati liegen, von daher von Indianern gemieden wird.
»Bad vibrations«, wie James sagt. Und dann fügt er noch an: »Ein Staat, ein Massengrab.«
Und da es schlieĂźlich »pretty interesting« ist, dass ich ihn frage, ob er Indianer sei, erzählt er uns noch, dass er als Kind seinen Eltern erzählt hat, er sehe ĂĽberall tote Indianer. Dieser Fakt und die Tatsache, dass James ein ganzes Jahr lang auf irgendeinem hawaiianischen Berg gelebt hat, auf dem es weder Elektrizität noch StraĂźen gibt, haben aus ihm wohl diesen extrem naturverbundenen und â€“ wie ich denke â€“ gesellschaftsscheuen Menschen gemacht. Ein Esoteriker oder gar ein religiöser Mensch ist James allerdings nicht. Er bewundert lediglich die Natur, die Evolution und die symbiotisch harmonierende Tier- und Pflanzenwelt.
Morgen ist Donnerstag. Donnerstage sind immer unsere »Wir beruhigen unser schlechtes Gewissen, obwohl wir gar keins haben«-Tage. Soll heiĂźen: Da wir freitags den ganzen Tag blau machen â€“ damit wir ein längeres Wochenende haben â€“, arbeiten wir an Donnerstagen den ganzen Tag, um so Ȇberstunden« zu sammeln. Wir werden morgen also den ganzen Tag ĂĽber Māmaki pflĂĽcken und den Boden fĂĽr ein kĂĽnftiges Bananenpalmenfeld herrichten. Und dann ist auch schon wieder Wochenende â€¦Â Unser letztes komplettes Kona-Wochenende ĂĽbrigens.

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