Tag 32: Let Your Light Shine in the World

Kaffee, Kiffer, Killerkatzen

Samstag, 11. September 2004
Kona, Hawaii

Jetzt ist’s also schon wieder vorbei: Vier Wochen Kailua-Kona enden. Am morgigen Sonntag werden Bekki und ich die Mountain Thunder Coffee Farm verlassen. Aber, dann ist ja gerade mal Halbzeit bzw. wenn man es genau nimmt, noch nicht einmal das: Vier Wochen Pahoa folgen. Wie wir glauben, auf einer GemĂĽsefarm â€“ oder so.
Am heutigen Samstag wollten wir auf alle Fälle noch mal runter in die Stadt. Und, siehe da, es klappt problemlos: Wir spazieren ein letztes Mal »unsere« Hao Street entlang. Dabei begegnen wir â€“ wie ĂĽbrigens so ziemlich jedes Mal â€“ der knapp 65-jährigen Nachbarin, die stets mit kreisenden Armen im Slalom und mit mindestens einem ihrer drei Hunde, die mit insgesamt elf Beinen ausgestattet sind, im Schlepptau joggt.
Nach kurzem Spazieren, ein letztes Mal »unsere« Hao Street entlang, nimmt uns ein ziemlich cool uncooler und dazu noch schüchterner Partyboy aus El Salvador mit. Sein Name ist Tino und wir bezweifeln leicht, dass er überhaupt einen Führerschein hat. Als ich, wie immer, lässig meinen Daumen ausstrecke, um den heranfahrenden Tino auf uns aufmerksam zu machen, kann man regelrecht bemerken, dass er uns bemerkt, da er einen Schlenker nach rechts macht und die Straße für einen Augenblick fast verlässt. Oh, oh.
Als wir dann die TĂĽren seines Buicks öffnen, hallt uns lateinamerikanische Folklore entgegen, die so schlecht ist, dass sie schon fast wie deutsche Volksmusik klingt. Liegt wohl an der Quetschkommode, die alles andere ĂĽbertönt â€“ selbst den weinerlichen Gesang. Zu unser beider Entsetzen sitzt ein höchstens 18-jähriger Hispano mit Sonnenbrille und Hauptschulbärtchen am Steuer und nicht etwa ein 60-jähriger Lolo, zu dem die »Musik« passen wĂĽrde.
»Kann ja aber auch ein hispanischer Sender sein â€¦!?«, denke ich mir. Als Tino dann aber plötzlich die Kassette umdreht, wird uns schlagartig bewusst â€¦Â jo.
Irgendwann sagt Tino sogar etwas, allerdings so leise, dass weder Bekki auf dem Rücksitz, noch ich, direkt neben ihm, etwas verstehen. Irgendwann verstehe zumindest ich ihn dann doch: »Where are you from?«
»From Germany.«
»Aha.«
Nachdem ich feststelle, dass ich Probleme habe sein Englisch zu verstehen, verlagere ich die Konversation â€“ welche tatsächlich mehr oder weniger entsteht â€“ ins Spanische, woraufhin er mich, wenn ich mich nicht irre, fragt, ob man in Deutschland spanisch spreche. Als ich dies verneine, will Tino wissen, welche Sprache denn nun die Landessprache in Alemania sei, was ich mit: »AlĂ©man«, beantworte.
»Aléman?«
Ein komplettes Fremdwort für Tino: Wie diese Sprache denn klinge und mit welcher sie zu vergleichen sei, fragt er als nächstes.
Ă„h â€¦
Oder: Was heiĂźt friend or amigo auf Deutsch.
»Freund«, antworte ich.
»Hä?«, antwortet er.
Auf dem Weg ins Tal muss sich Tino so extrem auf die eigene Fahrspur konzentrieren, dass er nicht in der Lage ist, auch auf die andere StraĂźenseite zu achten, auf der auf einmal eine Truthahnfamilie â€“ wirklich riesengroĂźe Viecher â€“ auftaucht. Erst nachdem ich ihm, voller Begeisterung, die verdammt groĂźen Vögel zeige, bemerkte er sie: »Oh!«
… und startet sein Ausweichmanöver.
Während unserer gemeinsamen Fahrt will er noch wissen, ob Rebekka meine Schwester sei und ob wir nicht mit ihm Essen gehen wollen. Ich denke wir wären dieser lustigen und ungewöhnlichen Einladung gerne nachgekommen, wenn dieser Samstag nicht unser letzter Downtowntag wäre. Tino ist übrigens mit seiner Schwester zum Arbeiten auf Hawaii.
In Kailua regnet es. Na super. Von daher treibt es uns zunächst ins Cuz’ns. Das ist unser Internet Café, wo uns der Lost Memory Man empfängt. Wir haben den Betreiber des Cafés Lost Memory Man getauft, da er uns all die Male, die wir ihn sehen aufs Neue freudig mit den selben Fragen empfängt: »Where are you from? Oh! Germany!? Are you on honeymoon?«
Heute begrüßt er uns seltsamerweise mit dem Wissen, dass wir: »aah, the Germans«, sind. Bekki meint, er sähe aus wie Heintje, ich denke indes, dass er Ähnlichkeiten mit einem Eichhörnchen hat.
AnschlieĂźend geht’s zu unserem Lieblings-4,95-Dollar-Thai Taeng-On und danach zu James in den KTA Super Store. Bekki und ich wollen uns dort mit ihm treffen, um noch mal auf Trents Kosten dick Verpflegung einzukaufen. Tja, blöderweise war James, wie wir telefonisch in Erfahrung bringen können, allerdings bereits einkaufen und auch wieder zurĂĽck auf der Farm. Hmpf. Einkaufen gehen Bekki und ich dann trotzdem, da James uns versichert, dass Trent uns das Geld zurĂĽckgeben wird. Da sind wir ja mal gespannt drauf â€¦
Bevor wir jedoch zum Einkaufen kommen, fängt es an in Strömen zu regnen. Zunächst stellen wir uns bei Hilo Hatties unter, einem ziemlich großen Souvenirladen, bei dem man, sobald man hereinkommt, ein Lei aus Muscheln geschenkt bekommt und sich einen Kaffee umsonst einschenken darf. Korrekt.
Der Regen lässt leider nicht nach, sodass wir innerhalb kürzester Zeit pitschnass werden. Schnellstmöglich machen wir uns mit einem Handtuch auf dem Kopf zum Trampen in Richtung Queen Ka’ahumanu Highway auf. Ich will den Daumen gerade ausstrecken, als auf einmal vor uns ein Jeep steht. Am Steuer sitzt die Frau, die uns schon einmal bis vor die Haustüre gefahren hat und uns damals versprach, dass sie das nun immer tun wird, wenn sie uns sieht. Sie hält das Versprechen, und wir lernen zudem eine interessante Frau ein wenig kennen:
Zohreh, ursprĂĽnglich aus dem Iran, ist Lehrerin und leitet auĂźerdem einen Kurs fĂĽr Schwererziehbare und Kinder aus Problemfamilien. Zudem besitzt sie eine kleine Bio-Farm auf dem Hualālai Mountain, auf der sie schon seit ĂĽber 25 Jahren lebt und wo auch ihre drei Kinder geboren wurden. Auf der Farm gibt es kaum bzw. keinen Strom, da sie nur ein paar Solarenergiezellen hat, welche auf dem fast immer bewölkten Berg, tatsächlich nicht allzu viel Strom produzieren dĂĽrften. Nach eigener Aussage lebt sie mehr oder weniger das Leben eines Pioniers. Sich selbst bezeichnet sie als Hawaiianerin, obwohl sie keinerlei hawaiianische Wurzeln hat. Die kapitalistische USA lehnt die sympathische Veganerin ab, die sich zudem noch ehrenamtlich fĂĽr die Rechte von Hawaiianern und den Umweltschutz einsetzt. Bevor sie uns vor unserer Farm absetzt, lädt sie uns ein, das nächste Mal, wenn wir nach Hawaii wollen, bei ihr zu leben. Mit einem freundlichen: »Let your light shine in the world!«, verabschiedet sie uns. Uns, von denen es ruhig mehr geben könnte, da Leute wie wir die Welt retten werden. Zohreh ist â€“ das sollte ich erwähnen â€“ jedoch kein Hippie, von der man denkt: »Was fĂĽr ein Geschwafel!«, als vielmehr eine Naturalistin, die nach ihrer Ăśberzeugung lebt â€“ oder besser gesagt: Sie ist eine waschechte Hawaiianerin.
Auf der Farm landen wir wieder direkt in den Staaten, was soviel heiĂźen soll, wie: schon wieder BBQ!
Bei dieser Gelegenheit gebe ich dem miesen »Bier« aus Kona eine zweite Chance, indem ich anstelle des bei Lu Lu’s erhältlichen Schwarzbieres die Lager-Variante probiere. Mein Urteil für dieses Bier lautet: Gülle!
Bekki und ich wollen während des Barbecues nur noch schnell ein paar Infos aus James herauslocken und dann schlafen gehen, als dann â€“ mittlerweile irgendwie typisch fĂĽr uns, aber dennoch mal wieder vollkommen unerwartet â€“ folgendes passiert:
Ich frage James, wer uns denn morgen zum Hele-On Bus an den Matsuyama Store fahren wird, woraufhin James mich fragt, welchen Bus wir denn nehmen wollen.
»Wie welchen Bus? Da fährt doch nur einer, und zwar um 6:50 p.m.«
»Nee, kann nicht sein. So spät fährt kein Bus mehr nach Hilo. Das 6:50 ist a.m. und nicht p.m.!«
Hä? Äh, ääh!
Bekki holt daraufhin den Fahrplan, auf dem nichts von »a.m.« oder »p.m.« steht. Dafür steht da aber: »Operates Monday through Saturday.«
Aaah! Aaaaaah!
Und ich frage mich, wieso wir das am Abend vor unserer geplanten Fahrt erst entdecken mĂĽssen und nicht schon viel frĂĽher gelesen haben. Der scheiĂź Bus fährt nur zwischen Montag und Samstag. Toll. Nachdem Bekki und ich uns von unseren Schreikrämpfen erholt haben, stellen wir nĂĽchtern fest, dass wir morgen wohl nach Pahoa trampen mĂĽssen. Sind ja auch nur knapp 120 Meilen, vier Koffer, zwei Rucksäcke, ein Laptop und eine Digicam.

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