Tag 21: Essen wie Raymond K. Hessel

Serendipity – Teil 1

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Freitag, 30. November 2012
Oakland

Nachdem Tyler Durden, der zwielichtige Seifenhändler aus »Fight Club«, den asiatischen Convenience-Store-Verkäufer Raymond glauben lieĂź, erschossen zu werden, sagt er: »Tomorrow will be the most beautiful day of Raymond K. Hessel’s life. His breakfast will taste better than any meal you and I have ever tasted.«
Unser Tag nach der (nennen wir es einfach mal) SchieĂźerei beginnt mal wieder mit Regen, der standhaft bis zum Mittag vom Himmel fällt. Das hätte also schon einmal besser sein können. Ford und ich machen uns auf ins Revolution Cafe in der 7th Street in West Oakland. Wir wollen uns zum Brunch unseres Lebens mit Cherry und ihrer Gang, die ich vorgestern in der Oz Lounge kennengelernt habe, treffen und auch Julie von gestern Abend hat sich angekĂĽndigt. Doch keine unserer Bekanntschaften kreuzt auf. Das Essen ist gut, wird mir aber nicht als das beste FrĂĽhstĂĽck meines Lebens in Erinnerung bleiben. Tyler Durden hat gelogen.
Im Revolution Cafe regiert â€“ wie der Name bereits vermuten lässt â€“ eher linke Atmosphäre â€“ verglichen mit Berliner Zeckenkneipen jedoch etwas subtiler. Direkt neben dem Haus mit der Nummer 1612 befindet sich das »Field of Dreams«, eine brachliegende GrĂĽnfläche hinter Graffitiwänden, die im Sommer vom Revolution Cafe fĂĽr Veranstaltungen wie »Feed the People« oder Zirkusse genutzt wird. Die Speisekarte im »Rev« ist typisch amerikanisch: Sandwiches, Bagel und alle möglichen Kaffeevariationen. Die Einrichtung ist gemĂĽtlich. Es gibt Sofas, eine Bar mit dazugehörenden Hockern und runde Tische mit Sesseln oder StĂĽhlen. Die Wände sind voll von Flyern, Postern und Gemälden. Im bunten Hinterhof darf geraucht werden und ein Typ namens Saw textet Ford zu.

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Wir fahren mit dem BART wieder zurück in Richtung Bordello. In Oaklands Inner Harbor stehen weiße Kräne, die eine sehr eigene Form besitzen, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Ohne Ford zu fragen, erklärt er mir, dass diese seltsamen Kräne George Lucas als Inspiration für die Imperial Walkers in »The Empire Strikes Back« dienten. Interessant.
Wir beschlieĂźen, heute eine ruhige Kugel zu schieben. Ich muss mich zudem mal wieder um eine Mitfahrgelegenheit in Richtung Norden kĂĽmmern. Auf Craigslist suche ich nach Rideshare-Angeboten und inseriere: »Ride needed: SF to Portland or Redwood National Park â€“ Have Gas money!«
Nach einiger Zeit meldet sich ein gewisser Gleb: »Hi Dennis, this might seem a little strange. I am trying to decide whether to explore the Redwoods for a few days before I have to be in Portland or go directly to Portland from SF. I just thought it’s a strange coincidence that you did this. If you are like me and love traveling and nature, it might be worth meeting up.«
Yeah! Ich antworte ihm, dass das fantastisch klingt und frage ihn, wann er losfahren will. Ich lasse ihn auch wissen, dass er mir unbedingt bestätigen muss, dass er zu 100 % fährt, bevor ich erneut stehen gelassen werde und wieder Zeit zum Reisen verliere. Daraufhin bekomme ich eine sagenhaft dämliche Antwort: »Sorry for the misunderstanding. I don’t have a car. I was just writing because I thought it was unusual that you were trying to go to either the Redwoods or Portland, because those are my two options as well.«
Meine Fresse, manche Leute haben einfach den Schuss nicht gehört. Es wird also weitergesucht und schlieĂźlich werde ich auch fĂĽndig: Sean Kelly wird mich am Sonntag mitnehmen. Hoffentlich â€¦
Wow, das bedeutet, dass ich morgen meinen letzten Abend in der Bay Area haben werde und auch Abschied von Ford nehmen muss. Das ist alles irgendwie schwer vorstellbar. Noch schwerer vorzustellen ist es, wenn man, während man gerade am Computer sitzt, direkt neben sich eine weitere Ford-Show par excellence präsentiert bekommt. Aus unerfindlichen GrĂĽnden möchte Ford die KĂĽche wie ein Filmset ausleuchten. Naja, so ganz unerfindlich ist es nicht. Ich kenne ihn ja mittlerweile und bin mir sicher, dass er, sobald er fertig ist, spontan einen Film drehen will. Wie auch immer: Ford tanzt also neben mir durch die KĂĽche, hängt eine Lampe ins Gitter ĂĽber Rains Herd, ordnet die Töpfe und Pfannen, die an Haken unter dem Gitter hängen neu an und steckt das Kochbesteck stilvoll in eine Glasvase. Nun wird noch alles zurechtgerĂĽckt, damit es auch ja perfekt aussieht. Der Wasserhahn wird in einen anderen Winkel gedreht, eine Kerze aufgestellt und der Schnellkochtopf aus roter Keramik auf dem Gasherd in Position gebracht. Très chic. Aber noch nicht hĂĽbsch genug: Da fehlt noch Licht! Also wird der KĂĽhlschrank geöffnet. Ja â€¦ viel besser. Noch letzte Feinheiten am Gitter und â€¦ auf einmal kracht alles lautstark in sich zusammen. Das Gitter löst sich aus seiner Verankerung und die Töpfe und Pfannen stĂĽrzen auf Rains stylishen alten Herd. Die Glasvase mit dem Kochbesteck zerbirst in tausend Scherben, die bis zu mir hinĂĽberschieĂźen und dabei auch noch Fords Getränk umhauen. Ich gebe einen Schrei von mir und reiĂźe mein Notebook nach oben, um es vor Fords Cocktail zu schĂĽtzen. Ford ist ĂĽbrigens selbst ernannter GroĂźmeister im Mixen von Cocktails und ich muss zugeben, dass man von ihnen immer sehr schnell sehr betrunken wird und sie sogar gut schmecken. Ich bin eigentlich kein groĂźer Cocktailfan.
Nun ja, aus dem erhofften Filmdreh wird nun eine Putz- und Aufräumsession. Ford gibt sich fĂĽr heute geschlagen und mir schmerzt der Bauch vor Lachen. Das englische Wort fĂĽr Schadenfreude ist ĂĽbrigens »schadenfreude«. Sollte mir das zu denken geben? Schrecklich, diese Deutschen â€¦

Später am Abend sitzen wir wieder mit den Althippies vom Bordello zusammen. Jeder hat sein Päckchen Gras und seine Pfeifchen dabei, die fröhlich im Kreis wandern. Neben den Althippies haben sich auch zwei neue temporäre Gäste im Bordello eingefunden: Justine und Casey. Die beiden sind Gäste eines Bewohners des Hauses und wollen noch heute Nacht wieder nach Hause fahren. Wir laufen durch das »Labyrinth« Bordello zu den Wohnungen, quatschen noch eine Runde vor dem Haus mit Justine, während Casey spurlos verschwindet. Ford und ich bemerken nach einiger Zeit, dass Casey bereits merkwürdig lange weg ist. Justine reagiert zudem irgendwie seltsam und will oder kann ihren Freund nicht auf seinem Handy anrufen. Zu dritt gehen wir zurück ins Haus, um Casey zu suchen. Justine schlägt sofort vor, dass Ford und ich oben suchen, während sie sich unten umsieht. Will die uns loswerden? Ford und ich finden das Ganze durchaus eigenartig. Ich, für meinen Teil, befürchte, dass die beiden uns ausrauben wollen. Ich habe keine Ahnung, was Ford befürchtet, aber als ich nach wenigen Minuten des alleine Suchens in Rains Wohnung komme, um mich mit ihm zu beratschlagen, steht er auf einmal mit einem hölzernen Türstopper und einem scharfen Küchenmesser bewaffnet vor mir.
»What’s going on here?«, frage ich Ford.
»I have no idea, but I want to be prepared.«
»Do you also think that his beard is fake?«
»Uhm â€¦Â«
»I don’t know. That guy just looks strange to me.«
Wir hören Justines Stimme im Saloon unter uns und steigen die Treppe hinab. Da stehen Justine und auch Casey plötzlich vor uns. Casey grinst und entschuldigt sich: »Sorry guys, but this house is just so awesome. I needed to explore it a bit more.«
Dann verabschieden sich die beiden freundlich und verschwinden. Ford und ich kommen uns derweil wie zwei paranoide Vollhorste vor. Sind das die psychologischen Nachwirkungen von gestern Abend?

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