Tag 3: The Bushman

Serendipity – Teil 1

2012 11 12 12.38.39 edited

Montag, 12. November 2012
San Francisco

Genau gegenĂĽber Kennys Apartment ist ein schönes CafĂ©. Hier gibt’s also den Morgenkaffee. Die zwölf Unzen reichen aus, um die Hände den gesamten restlichen Tag ĂĽber zittern zu lassen. Zwölf Unzen sind notabene 360 Milliliter und zugleich der kleinste angebotene Kaffee. Die Sonne scheint, die Leute im CafĂ© sind mal wieder unglaublich freundlich und der unverschämt groĂźe Kaffee ist pervers heiĂź. Was will man mehr? Ja, richtig: Einen Gastgeber wie Kenny, der einmal mehr unbedingt zahlen möchte und es mir vehement verbietet, auch nur meinen Geldbeutel zu zĂĽcken. Kenny will mir heute seinen Kiez zeigen: die Gegend um Fisherman’s Wharf. Das ist im Prinzip genau die Gegend, in der ich gestern schon mit Craig unterwegs war. Wir spazieren bergab zum Meer. Wenig später stehen wir an Pier 39, was am Vortag aufgrund der vielen Menschen und Restaurants ein zu heikler Ort fĂĽr Craigs »Dubstep Unplugged« war. Einen Grund â€“ beziehungsweise vermutlich den Hauptgrund â€“ fĂĽr den praktizierten Massentourismus an Pier 39 hat mir der gute Craig allerdings vollkommen vorenthalten. Oder der Mann von der East Bay weiĂź einfach selbst nichts davon: Am Pier sonnen sich wild und frei lebende Seelöwen! Fett! Die Seelöwen haben es sich auf Holzflößen gemĂĽtlich gemacht, schwimmen ab und an ein paar Meter und machen lustige Geräusche. Hier tummeln sich bestimmt 30 StĂĽck und weit entfernt im Hintergrund zieht sich die Golden Gate Bridge durch die Bay. Was fĂĽr ein Bild! Von Pier 39 aus hat man ĂĽbrigens auch einen guten Blick auf Alcatraz.

»Do you know the Bushman?«
Gibt’s doch nicht, nun erzählt auch Kenny vom Bushman. Ich will den Typen jetzt sehen, lasse ich ihn daher wissen.
»He has to be around here. He’s always here.«
»Wie gut muss diese Tarnung sein?«, frage ich mich und stelle mir ehrfĂĽrchtig vor, wie die Leute sich die Hosen vollmachen, weil sie so dermaĂźen unerwartet von einem Busch â€¦ »There he is!«
Wo? Wo? Wo? Ich suche schnellstens meine nähere Umgebung ab und denke mir dabei: »ScheiĂźe, der Busch baut sich doch jetzt bestimmt â€“ von sonst wo kommend â€“ direkt vor mir auf und ich erschrecke mich gleich zu Tode.«
»Where, Kenny? Where is he?«
»There.«
Ich folge Kennys Finger und â€¦ fĂĽhle mich ernsthaft verarscht. Hä? Im Land der groĂźen UnterhaltungskĂĽnste und Illusionen, dem Land of the Free und dem Home of the Brave lassen sich die Leute von diesem Bushman schocken? Zehn Meter vor uns sitzt ein Typ auf einem kleinen Campingstuhl und hält sich zwei dĂĽnne Buschästchen vor die Nase. Sobald jemand an ihm vorbeikommt, zieht er die Stängelchen runter und macht semilaut: »Bäh!«
»That’s the Bushman?«
»That’s the Bushman.«
»Why â€¦?«
»He can’t scare me anymore, but I walked this sidewalk once and there was a woman walking in front of me. She didn’t see him and screamed so much that I also got scared again!«
What the fuck? Ich bin sogar so enttäuscht, dass ich noch nicht einmal ein Foto von diesem â€¦ KĂĽnstler mache. Kenny erzählt mir, dass der Afroamerikaner, obwohl weltberĂĽhmt, obdachlos ist. Ich habe zwar sowieso bereits das GefĂĽhl, dass in San Fran jeder FĂĽnfte obdachlos ist, bin aber doch erstaunt. Bei Wikipedia lese ich später, dass David Johnson, so der Name des Bushmans, seit 1980 aktiv ist, in einem guten Jahr bis zu 60.000 Dollar macht und einen Bodyguard beschäftigen muss. Solche Biografien gibt es wohl auch nur in den Staaten.

Video
Der Beste kommt bei 3:38 Minuten


Wir ziehen weiter zum San Francisco Maritime National Historical Park, wo man diverse alte Boote und Schiffe besichtigen kann. Da heute Veteran’s Day ist â€“ wusste ich bislang nicht â€“ ist der Eintritt in den durchaus ganz netten und interessanten Schiffspark kostenlos.

Wir schlendern noch ein wenig an Pelikanen vorbei weiter in Richtung Golden Gate Bridge, bevor mir Kenny den »besten Thai von San Francisco« zeigt. Da bin ich aber mal gespannt. Ich habe Kenny zuvor von meiner Vorliebe für Thai-Curry erzählt. Und Kenny verspricht nicht zu viel: Das King of Thai Noodle House ist verdammt lecker! Ich esse einen Panang Curry und nehme mir vor, in den kommenden Tagen noch die anderen angebotenen Currys zu probieren. Yummy!
Am Abend gehen Kenny und ich zunächst sehr lecker japanisch essen. Dabei muss ich ein seltsames Ritual vollfĂĽhren: Kenny bestellt mir eine sake bomb. Die Kellnerin bringt mir ein Glas Bier und einen Shot Sake â€“ nachdem sie auf meinem Pass nachgeprĂĽft hat, ob ich auch tatsächlich bereits 21 bin, haha! Nun muss ich zwei Chopsticks auf mein Bierglas legen und den kleinen Sakebecher darauf platzieren. Final muss ich: »Sake!«, und dann: »Bomb!«, rufen. Wobei ich bei: »Bomb!«, mit beiden Fäusten auf den Tisch schlagen muss. Ich will keinen Aufstand machen, brĂĽlle nicht wirklich laut und klopfe die ersten beiden Male zu leicht auf den Tisch. Nichtsdestotrotz schaut mich mittlerweile das komplette Restaurant an: »Come on, Dennis!«, feuert mich Kenny an. Beim dritten Mal schlage ich also ordentlich auf die Tischplatte und rufe auch lauter: »Sake â€“ Bomb!«
Jo, diesmal klappt’s: Der Sakebecher stürzt in mein Bier, welches wiederum in hohem Bogen aus dem Glas geschossen kommt und sich über den halben Tisch ergießt. Juchhe, zum Deppen gemacht. Sogleich kommt auch eine Kellnerin samt Lappen angerannt.
»He forced me to do it.«
Sie scheint diese seltsame Prozedur aber tatsächlich zu kennen und winkt freundlich lächelnd ab.
Wieder einmal muss ich Kenny zahlen lassen. Das ist echt unglaublich und auch durchaus etwas unangenehm, aber er lässt tatsächlich einfach nichts anderes zu.
Als Nächstes zeigt mir Kenny den Broadway. Hier hatte ich gestern Ford vor dem Beat Museum kennengelernt. Kenny und ich gehen eine Ecke weiter, vorbei an einem Cop, der gerade mit zwei Stripperinnen flirtet und dabei seine Uniform befummeln lässt, in San Franciscos älteste Kneipe: The Saloon hat 1861 eröffnet. Um hineinzukommen, muss mal wieder die ID vorgezeigt werden. Die Amis: They make me feel so young! Drinnen gibt ein sehr cooles Rockabilly-Trio ein Konzert und ich bin begeistert und fasziniert, wie die Leute in dieser Bar auf die Musik abgehen. Besonders ein Kollege findet’s sichtlich gut und brüllt ständig: »Yeah! Yeah!«
Der Mann am Kontrabass hat an den Anfeuerungsrufen aber offensichtlich weniger Freude. Er dreht sich zum neu gewonnen Fan und sagt laut hörbar: »Shut up! Shut the fuck up!«
Höhö, lustiges Volk.
Die Band spielt auf Hut, beziehungsweise auf »Jar«. Der Sänger kündigt dies auch durchaus offensiv an und dreht mindestens dreimal während des Abends die Runde. Dabei hält er jeder einzelnen Person den Becher direkt unter die Nase und bittet um eine Spende. Das habe ich mit solch einem Selbstverständnis auch noch nie gesehen. Es ist aber vollkommen legitim und wie er es macht, ist es auch voll in Ordnung.
Als wir für eine Zigarette den Saloon verlassen, kommen wir mit einem langhaarigen Typ ins Gespräch, der Kenny, mir und einem anderen Raucher seine Bierflasche anbietet. Kenny und der Fremde verziehen ihr Gesicht und lehnen nur mäßig höflich ab, was den vermutlich Obdachlosen sichtlich verletzt. Che Guevara hat Leprakranken die Hände geschüttelt, da kann ich auch mal einen Schluck aus der Pulle wagen: »Tastes a little salty«, zwinkere ich dem Obdachlosen zu, um mich über Kenny und den anderen Typen lustig zu machen. Der Obdachlose versteht meinen Gag und grinst zurück, wohingegen Kenny mir den Rest des Abends weismachen will, dass Obdachlose immer in ihre Bierflaschen pinkeln und ich also tatsächlich Obdachlosenpisse getrunken habe. Was für ein vorurteilsbehafteter Schwachsinn.
Kenny will mich offenbar wieder abfĂĽllen und zeigt mir, wie groĂź Kurze in Amerika sind: Boah! Vor mir steht plötzlich ein Tequila, der die AusmaĂźe hat, die in Deutschland ein Kaffee hätte. Kenny besteht darauf, dass ich mir den Tequila mit einem Schluck hinter die Binde kippe. Das funktioniert dann auch recht einfach, denn besonders stark ist dieser Mammuttequila zum GlĂĽck nicht. Der Barkeeper ist auch eine coole Sau: ein alter Mann mit langen, grauen Haaren, der auch problemlos in einem Western den Barkeeper im Saloon abgeben könnte. Es passt also mal wieder wunderbar zusammen, was zusammenpassen muss. Hin und wieder gönnt sich der Mann dann auch mal einen kleinen doppelten Schnaps. Hinter die Kiemen damit und schon slided das leere Glas wie George McFlys Milch â€“ Schokolade â€“ in »ZurĂĽck in die Zukunft« ĂĽber den Tresen in Richtung SpĂĽle. In California fĂĽhlt es sich einfach öfter mal wie im Film an â€¦

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