Tag 31: Von EntfesselungskĂŒnstlern, Vulkanen und Einkaufsabenteuern mit Brian

Serendipity – Teil 1

Mr. T

Montag, 10. Dezember 2012
Portland

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Cari und ich laufen am Morgen zum FrĂŒhstĂŒcken zu den fĂŒnfzig Meter vom Haus entfernten Einstein Bros. Bagels auf dem Hawthorne Boulevard. Einstein Bros. Bagels ist eine Bagel- und Coffeeshopkette in den USA. Die Auswahl an Bagels und Toppings ist groß. Wie bei Subways oder Starbucks muss man â€“ sofern man erstmals in einem solchen Coffeeshop ist â€“ die MenĂŒtafel erst einmal studieren und verstehen. Da gibt’s zum Beispiel die Classic Bagels: Plain, 100 % Whole Wheat with Honey, Everything und Pumpernickel. Oder wie wĂ€re es mit einem Signature Bagel?: Asiago Cheese, Blueberry, Chocolate Chip, Cinnamon Raisin, Cinnamon Sugar, Cranberry, Garlic, 9-Grain, Onion, Poppy Seed â€“ ich mag das Wort â€“, Potato und Sesame Seed. Gourmet Topped Bagels gibt es auch noch: Dutch Apple, Green Chile, Power Protein, Six Cheese, Spinach Florentine und Challah.
Hat man sich durch diese Auswahl erst einmal durchgekĂ€mpft, geht es mit den Aufstrichen und Belegen weiter. Mamma mia. Vom Cream Cheese Shmear â€“ ein seltsames Wort â€“ ĂŒber Thunfisch bis hin zu Erdnussbutter wird so ziemlich alles Mögliche und Unmögliche angeboten. Ein GlĂŒck ist meine Auswahl als Veganer beschrĂ€nkt. In veganen Restaurants, in denen ich die volle Auswahl habe, bin ich oftmals ĂŒberfordert und brauche erst einmal eine Zeit lang, um zu akzeptieren, dass ich die komplette Speisekarte studieren kann â€“ oder muss.
Ich glaube, ich habe mir neben einem Kaffee einen Potato Bagel mit Erdnussbutter bestellt. Aber wer weiß das schon: pure ReizĂŒberflutung.
Die Dame hinterm Tresen möchte wissen, wie ich heiße. Flirtet sie mit mir? Nein, erklĂ€rt mir Cari. Der Kassierer muss nur meinen Namen rufen können, wenn die Bagels fertig sind. Ach so. Als Joshua einmal nach seinem Namen gefragt wurde, antwortete er: »Freedom!«
Seither wird er morgens bei Einsteins mit einem freudigen: »Freedom!«, begrĂŒĂŸt. Joshua ist durchaus ein Freak. Allerdings bin ich mir noch nicht so sicher, wie sehr oder ob ich ihn ĂŒberhaupt leiden kann. Er wirkt manchmal falsch und dreht seine Laune von jetzt auf gleich um 180°. Mal drĂŒckt er mir eine Kassette und mal ignoriert er mich. Ich werde da noch nicht so recht schlau draus.
Als ich Cari erzĂ€hle, dass wir in Deutschland keine große Bagelkultur haben, schaut sie mich fassungslos an. Ein Überleben ohne Bagels? Wie soll das funktionieren? Also erzĂ€hle ich ihr vom Schwarzbrot und den Brötchen.
Am Tisch hinter uns machen es sich zwei junge Obdachlose mit ihrer angeleinten schwarzen Katze gemĂŒtlich. Wobei sie es nicht so wirklich gemĂŒtlich hinbekommen. Zum einen verhĂ€lt sich die Katze nicht so, wie sie soll, und zum anderen sind die beiden fĂŒr diese Tageszeit schon ordentlich stoned. Als die Angestellten der Einstein Bros. mitbekommen, dass sich eine Katze in ihrem Etablissement befindet, rĂŒckt einer der Herrschaften vorsichtig an. Auf sehr freundliche und respektvolle Weise und sich dabei mehrfach entschuldigend, wirft der Mann die beiden â€“ Pardon: die drei â€“ aus dem Laden: »This is a restaurant. I’m sorry, but we can’t let you eat here with a cat.«
Sie rĂŒckt daraufhin recht schnell ab. Er hat jedoch immense Probleme, die Katze, die ihre Leine mehrfach um das Stuhlbein geschnĂŒrt hat, wieder loszubekommen. Er geht in die Hocke, nimmt die Katze und wickelt sie um das Stuhlbein. Von einer Hand drĂŒckt er die Katze in seine andere, stets das Tier um das Stuhlbein drehend. Dabei macht er aber irgendwo einen Fehler und verheddert sich noch mehr. Angestrengt studiert er den unfreiwilligen Seemannsknoten, den er fabriziert hat. Cari und ich â€“ eben noch inmitten einer Unterhaltung â€“ beobachten das Ganze gebannt.
»Was macht der Depp da?«, frage ich mich. Cari denkt identisch, steht auf und hebt den Stuhl an. Die Leine rutscht zu Boden, die Katze ist befreit und der junge Spacko fasziniert. Ein leise und langsam ausgesprochenes: »Oh«, entfleucht dem Helden. Ich beiße mir derweil mit voller Kraft auf die Unterlippe, um dem armen Kerl die Situation nicht noch peinlicher werden zu lassen.
»I couldn’t watch this anymore«, verdreht Cari ihre Augen, als sie wieder zurĂŒckkommt. Der Kollege hat den Laden mittlerweile verlassen und ich darf losbrĂŒllen.
Cari möchte Gutes tun und kauft fĂŒr Joshua FrĂŒhstĂŒck. Zuvor hat sie sich bei ihm erkundigt, welchen Bagel er denn besonders mag. Er bekommt den mit Thunfisch.
Als wir die Einsteins Bros. verlassen, amĂŒsieren wir uns noch lauthals ĂŒber den Katzen-Houdini. Auf einmal bemerken wir, dass das PĂ€rchen schrĂ€g hinter uns in einer HaustĂŒr sitzt und sicherlich unsere komplette LĂ€sterei mitbekommen hat. Erstaunlich, wie schnell man sich plötzlich wie ein Arschloch vorkommen kann. Sekunden spĂ€ter darf sich wenigstens Cari wieder wie ein guter Mensch fĂŒhlen, als sie ihrem Landlord sein FrĂŒhstĂŒck ĂŒberreicht und ihn zum Strahlen bringt.
Melissa, die noch nicht in der Hawthorne Rose ĂŒbernachtet hat, kommt mit dem Wagen ihrer Eltern vorgefahren. Cari und sie mĂŒssen sich um ihren Umzug kĂŒmmern. Mit dem Wagen, den die beiden aus Arizona mit nach Portland nehmen durften, werden die nĂ€chsten MöbelstĂŒcke angekarrt. Melissa, deren Zimmer sich im Obergeschoss befindet, hat einen zu großen Bettkasten fĂŒr die schmale Treppe. Es gibt im oberen Stockwerk auch kein Fenster, das groß genug ist, um ihr Bett auf alternativem Wege in ihr Zimmer zu befördern. FĂŒr Melissa lĂ€uft’s derzeit einfach ein bisschen doof.
Joshua ist ebenfalls fleißig und steht mit der KettensĂ€ge vor dem Haus. Der Vorgarten ist mit BĂŒschen und kleinen BĂ€umen zugewuchert. Diese werden nun weggehauen, damit mehr Licht auf die kleine ĂŒberdachte Veranda vor der EingangstĂŒr fĂ€llt.
Nachdem die erste Ladung von Caris und Melissas Möbeln mehr oder weniger erfolgreich ins Haus getragen wurde, werde ich meiner Aufgaben entbunden. Ich soll gefĂ€lligst Portland entdecken, heißt es, und auf den Mount Tabor steigen, bevor die Sonne untergeht, die sich wie gewohnt hinter dicken dunklen Wolken versteckt.

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Ich laufe zum mir bereits bekannten Wasserreservoir am östlichen Ende des Hawthorne Boulevard. Auf ein Schild, das Autofahrer normalerweise dazu auffordert, fĂŒr FußgĂ€nger zu halten, hat jemand das Gesicht von Mr. T geklebt. Ich stoppe kurz, obwohl Mr. T weit und breit nicht zu sehen ist. Sicher ist sicher.

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Rund um das Wasserreservoir wird fleißig gejoggt. Ich spaziere ganz gemĂŒtlich daran vorbei und beginne mit dem Aufstieg auf den grĂŒn bewachsenen Vulkan, der ĂŒbrigens ĂŒberhaupt nicht mehr nach Vulkan aussieht. Die BĂ€ume, deren Äste mit grĂŒnem Moos bewachsen sind und im fahlen Licht der Sonne saftig zu leuchten scheinen, sind neben der Tatsache, dass die BĂ€ume mitten im Dezember noch herbstbunte BlĂ€tter tragen, das SpektakulĂ€rste auf meinem Weg nach oben.
Ich erreiche einen Parkplatz, auf dem eine Karte des Vulkans aufgestellt ist. Es gibt ein Amphitheater hier oben! Laut Plan ist es nur wenige Meter hinter mir, auf der anderen Seite des Parkplatzes. Als ich es eine halbe Minute spĂ€ter erreiche, muss ich kurz auflachen. Ja, weder die Römer noch die Griechen waren hier. Das »Amphitheater« ist eine nette Wiese, die von BĂ€umen und der Mauer des fĂŒnf Meter höher gelegenen Parkplatzes umrahmt ist. Es gibt eine kleine BĂŒhne und ParkbĂ€nke. Da kann das Kolosseum einpacken.
Ich habe den Gipfel bereits fast erreicht. Die letzten Meter sind nur ĂŒber Pfade zu meistern. Wenige Meter neben mir erklimmt ein alter Mann den Vulkan. Die Knie machen wohl nicht mehr mit, weswegen er rĂŒckwĂ€rts und in GĂ€nseschritten lĂ€uft. Ich beobachte ihn, damit ich helfen kann, falls er ĂŒber einen Zweig oder Stein stolpern sollte.

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Oben angekommen sehe ich eine Wiese mit BĂ€umen, die von einem Rundkurs umschlossen ist, der abermals von sportlichen Menschen genutzt wird. Viele sind nicht hier oben, aber fĂŒr das schlechte Wetter durchaus genug. Andererseits sind die Menschen dieser Stadt das feuchte Klima ja gewohnt. Zwei Athleten, die mit ihrem Hund unterwegs sind, geben einer Frau mit Kamera und Mikrofon ein Interview, machen LiegestĂŒtze und Hock-Streck-SprĂŒnge fĂŒr die Kamera.
Wesentlich eindrucksvoller ist der Blick nach Westen, der Blick ĂŒber den Hawthorne District bis rĂŒber nach Downtown. Die Aussicht wird durch hochgewachsene NadelbĂ€ume etwas verstellt und ist bei Weitem nicht so dramatisch wie die Aussichten, die man in San Francisco genießen kann. Sie hat aber dennoch ihren Reiz. In der Ferne tĂŒrmen sich westlich des Willamette River die HochhĂ€user von Portlands Downtown in den Himmel, wĂ€hrend auf der Ostseite des Flusses mehr BĂ€ume als HĂ€user zu sehen sind. Ich habe ja bereits erwĂ€hnt, dass quasi jede Straße Ost-Portlands eine Allee ist; oftmals mit erstaunlich mĂ€chtigen BĂ€umen fĂŒr eine Stadtstraße. Dass das GrĂŒn jedoch so dominant ist, dass man tatsĂ€chlich eher das GefĂŒhl hat, auf einen Wald denn auf eine Stadt mit ĂŒber einer halben Million Einwohnern niederzublicken, ist beeindruckend. Das erinnert mich schon fast an Kubas erste Hauptstadt Baracoa, in der der Wald die Stadt und nicht die Stadt den Wald einzunehmen scheint. Ich mag solche StĂ€dte.

An der SĂŒdseite des Gipfelplateaus steht eine Statue von Harvey W. Scott, der nach Osten blickend mit seinem rechten Zeigefinger gen Westen deutet. Jemand hat ihm ein tĂŒrkisfarbenes Armband umgewickelt. »Pioneer, Editor, Publisher â€“ Molder of opinion in Oregon and the nation«, ist auf dem Sockel eingraviert.

Harvey W. Scott
Scott lebte von 1838 bis 1910. Er wurde auf einer Farm in Illinois geboren. Mit 14 Jahren siedelte er mit seiner Familie ins heutige Oregon ĂŒber. Zu diesem Zeitpunkt war Oregon noch kein Staat, sondern lediglich das Oregon Territory, ein inkorporiertes Gebiet der Vereinigten Staaten, welches 1846 durch die Teilung des Oregon Country zwischen den USA und Britisch-Nordamerika, dem heutigen Kanada, entstand. Bereits 1843 etablierten die weißen Siedler eine autonome Regierung. Doch erst am 14. Februar 1859 wurde aus Teilen des Oregon Territory der neuntgrĂ¶ĂŸte und 33. Staat der USA. Der Rest des Territoriums wurde bereits 1853 abgetrennt und ging in das neu organisierte Washington Territory ĂŒber. Dies umfasste Land, welches sich in seiner grĂ¶ĂŸten Ausdehnung ĂŒber die heutigen Bundesstaaten Washington, Idaho, Montana und Wyoming erstreckte. Diese erhielten ihren Status als Bundesstaaten erst 1889 (Montana und Washington) beziehungsweise 1890 (Idaho und Wyoming). In der Rangliste der Einwohnerzahl belegt Oregon, trotz seiner 255.000 kmÂČ mit unter vier Millionen Menschen nur Platz 27. Zum Vergleich: In Deutschland leben auf 357.000 kmÂČ knapp 82 Millionen Personen. Portland, obwohl grĂ¶ĂŸte Stadt des Staates, ist nicht die Hauptstadt Oregons. Diesen Titel hat Salem, das nur etwas mehr als 150.000 Einwohner zĂ€hlt und eine knappe Autostunde sĂŒdlich von Portland liegt.
Etwas nĂ€her und westlich von Portland liegt Forest Grove. Hier besuchte Harvey W. Scott die 1849 gegrĂŒndete Pacific University, bei der allerdings noch kein einziger Student einen Abschluss absolviert hatte. Harvey gelang dies 1863 â€“ als erstem Studenten dort. Seinen starken Willen bewies er bereits, als er 1857 zu Fuß von seinem Zuhause nahe Olympia, Washington, bis nach Forest Grove wanderte. Eine Strecke von gut 250 Kilometern. Im Jahr vor dieser Wanderung kĂ€mpfte er im Puget-Sound-Krieg, einem der Indianerkriege. Nach seinem Abschluss widmete er sich dem Zeitungswesen. Er arbeitete sechs Jahre lang als Redakteur der Zeitung The Oregonian, bevor er dort gefeuert wurde, weil er den falschen Mann unterstĂŒtzte. Dieser falsche Mann hatte ebenfalls eine Zeitung, den Bulletin, bei dem Scott mit offenen Armen empfangen wurde. Zwei Jahre spĂ€ter war dieser Spaß allerdings aufgrund des Bankrotts der Zeitung schon wieder vorbei. Bis 1877 verdiente unser Protagonist sein Geld als Zolleintreiber im Hafen der Stadt. Das brachte anscheinend genug Asche, um sich beim The Oregonian wieder einzukaufen â€“ diesmal sogar als Chefredakteur. Die Zeitung gibt es im Übrigen heute noch, was sie zur Ă€ltesten, durchgehend erscheinenden Zeitung der US-WestkĂŒste macht. Sie ist die wichtigste Tageszeitung Portlands.
Der Hase im Kapitalismus lĂ€uft manchmal seltsame Wege und dass Geld den Charakter eines Menschen beeinflussen kann, ist kein Geheimnis. Und so tönte der Freimaurer Scott um 1880 lauthals, dass die Menschen fĂŒr ihre Schulbildung gefĂ€lligst zu zahlen hĂ€tten. Die Diskussion um StudiengebĂŒhren ist also bereits ein alter Hut, wie man sieht. Lustigerweise wurden postum ein HĂŒgel und ausgerechnet eine öffentliche Grundschule nach dem alten Haudegen benannt. Der Ausschlag fĂŒr diese noblen Gesten dĂŒrfte die 1890 veröffentlichte erste Historie Portlands sein. DarĂŒber hinaus stellte Harvey gemeinsam mit seinem Sohn Leslie die sechs BĂ€nde umfassende »History of the Oregon Country« zusammen. Dieses Lebenswerk wurde allerdings erst nach Scotts Ableben vom Sohnemann veröffentlicht.
Fast noch lustiger als die Schulbenennung ist die Tatsache, dass die Statue, vor der ich gerade stehe, nicht etwa aus Eigenantrieb der City of Portland, sondern vom Geld und Willen der Witwe Scott errichtet wurde. Doch Ehre, wem Ehre gebĂŒhrt: NatĂŒrlich kamen zur Einweihung der Statue im Jahre 1933 â€“ 23 Jahre nach Harvey Scotts Tod â€“ neben rund 3000 BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern auch der Gouverneur von Oregon vorbei. Habe die Ehre, Mr. Scott. Ich ziehe weiter â€Š

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Auf meinem Weg bergab treffe ich einmal mehr auf Portlands hĂ€ufigste Tierart â€“ die Eichhörnchen â€“ und auf Celine. Ich grĂŒĂŸe sie freundlich und grundlos â€“ die positive Amerikanisierung nimmt ihren Lauf â€“ und schon kommen wir ins GesprĂ€ch. Wie so viele in Portland ist auch sie eine Zugezogene. Sie liebt den Mount Tabor, die Aussicht und das GrĂŒn. Sie ist glĂŒcklich, in einer Stadt zu leben, die so eins mit der Natur ist. Da stört das bisschen Regen auch nicht weiter. Von mir möchte sie wissen, wie es mir in Amerika gefĂ€llt und â€“ das fragt mich wirklich jeder â€“ was ich von den Amerikanern denn so halte. Wie immer erzĂ€hle ich ihr, dass ich meine Reise liebe und ausschließlich tolle Menschen kennenlernen durfte: »Americans are so hostile!«, schmachte ich dahin. Sie hingegen stockt kurz und schaut mich schwer irritiert an: »What â€Š what do you mean?«
Mir dĂ€mmert, dass ich zwei Worte verwechselt habe, die man besser nicht verwechseln sollte: »Hostile« bedeutet feindselig, wohingegen ich natĂŒrlich von »hospitable«, der Gastfreundlichkeit schwĂ€rmen wollte. Ups. Wieder rufe ich: »Dschihad!«, male mein Gesicht grĂŒn an und fliege auf meinem Besen und meinen anrĂŒckenden fliegenden Affen davon. Nein, das MissverstĂ€ndnis kann natĂŒrlich sofort geklĂ€rt werden und die Unterhaltung wieder entspannt weitergehen. Als wir ihr Auto erreichen, merkt sie an, dass sie mir derzeit leider keine Couch anbieten könne.
»No problem«, erwidere ich. An ÜbernachtungsplĂ€tzen mangelt es mir in Portland nun wirklich nicht.
Mittagessen gibt’s bei Ofelia’s Mexican Food, einem Trailerimbiss, der sich direkt neben der ÂżPor QuĂ© No? Taqueria, die als sehr hip und lecker gilt und von einem amerikanischen Backpacker, der durch Mexiko reiste, gegrĂŒndet wurde. Ich esse aber wie gesagt nicht in der bunt und sympathisch aussehenden Taqueria, sondern beim silbernen Wagen nebenan.

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Ich bestelle den Soy Chorzio Burrito fĂŒr 4,75 Dollar. Lecker, Soy Chorizo. Ich mache es mir auf einem der StĂŒhle vor dem Trailer bequem und warte auf mein Essen. Ein Kollege meines Alters kommt daher. Er trĂ€gt ein Shirt der schwedischen Hardcore-Götter Refused. Hm, dann weiß er vielleicht auch, wo und wann ein anstĂ€ndiges Konzert mit nettem Moshpit stattfindet, denke ich mir.
»I like your shirt«, starte ich die Unterhaltung.
»Yeah, they’re awesome.«
»I saw them live last April«, gebe ich mal direkt großkotzig an.
»Nice!«, freut er sich mit mir.
Ich komme zum Punkt und frage ihn, ob er von irgendwelchen Konzerten weiß. Fehlanzeige. Er empfiehlt mir aber den kostenlosen Portland Mercury, den ich mir aus jedem Zeitungskasten nehmen kann. Darin sind die Konzerte und andere Veranstaltungen aufgelistet. Guter Tipp. Schönen Dank auch.
Die Köchin kommt aus dem Imbiss heraus auf mich zu und teilt mir mit gequĂ€ltem LĂ€cheln mit, dass sie kein Soy Chorizo vorrĂ€tig hat. Och, nö. Dann gibt’s eben den Vegan Burrito. Klingt ja auch gut. Den gemeinen Fleischburrito gibt’s ĂŒbrigens ebenfalls in verschiedenen Variationen. In Portland wird aber eben ĂŒberall auch eine vegetarisch/vegane Alternative angeboten. Das ist Akzeptanz und das ist Fortschritt, Leute.
Ich laufe den Hawthorne Boulevard entlang und komme am Nomad Crossing vorbei, das mit »phat glass, local art & gifts« wirbt. Das klingt doch gut. Als ich den Laden betrete, finde ich ein etwas anderes GeschĂ€ft vor als erwartet. Das fette Glas nimmt hier den Hauptbestandteil des Raumes ein, gut und gerne 95 %. Wer jetzt Vasen oder Ähnliches erwartet, sieht sich getĂ€uscht oder ist naiv, denn Bongs und Pfeifen stehen in den Vitrinen. Es ist ein Kiffer- â€Š Ă€h: Raucherwarenladen. Die freundliche VerkĂ€uferin fragt mich, ob sie mir helfen kann. Ich lasse sie wissen, dass ich mich nur einmal umschauen möchte. Kurz darauf kommt der nĂ€chste sympathische Angestellte auf mich zu. Sein Name ist Derrick. Er erklĂ€rt mir, dass alle Pfeifen und Bongs von lokalen KĂŒnstlern gefertigt wurden. In der Tat können sich die Werke durchaus sehen lassen und ĂŒberzeugen mit Detailverliebtheit, bunten Farben und verrĂŒckten Formen. Wer sein Gras schon immer einmal durch ein glĂ€sernes Alien, durch Drachen, Totenköpfe, Bongs mit Seesternverzierung, um fĂŒnf Ecken oder durch einen aus Keramik gefertigten Bill Clinton samt â€Š Ă€hm blasender Monica Lewinsky rauchen wollte, wird im Nomad Crossing sicherlich fĂŒndig. Wir unterhalten uns noch ein wenig ĂŒber meine Reise, das Leben an sich, Friede, Freude und Eierkuchen, bevor Derrick mich mit einem: »Peace!«, verabschiedet.
Ich komme am 1984 eröffneten Portland Hostel Hawthorne District vorbei und denke mir, dass dies wohl der optimale Ort fĂŒr Hosteltouristen sein dĂŒrfte, die neu nach Portland kommen. Denn es hat den Anschein, als wĂŒrde man hier direkt einiges vorfinden, wofĂŒr diese Stadt steht: Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit. Im Garten wĂ€chst GemĂŒse im Eigenanbau, das Dach ist ein eco-roof, also ein Dach mit BegrĂŒnung, und die Mauer, die den Garten von der Straße trennt, ist eine permeable Wand, die das Regenwasser in einer Mulde sammelt, sodass es im Hostel genutzt werden kann. Das Hostel hat noch mehr Ökoprojekte am Laufen und bietet sogar eine kostenlose Tour durch die Anlage an, in der all das, was das Hostel leistet, erklĂ€rt wird.
Ich verabrede mich mit Brian im Bagdad. Ich sitze bereits vor meinem ersten wie immer mehr oder weniger genießbaren Bier, als er mit seinem langen schwarzen Mantel an der großen Panoramascheibe der Bar vorbeilĂ€uft. Ähm, ja â€Š also er lĂ€uft tatsĂ€chlich daran vorbei. Hat er die Orientierung verloren, oder was? Er hat beim Passieren sogar hineingeschaut, allerdings nicht zu mir. Wo zum Henker ist der denn jetzt hin? Nach zehn Minuten packe ich mein Handy aus. Ich will ihm gerade eine SMS schicken, als er plötzlich wieder auftaucht â€“ mit neuer Jacke unter seinem Mantel und Sonnenbrille. Es ist dunkel.
Er betritt den Pub des Kinos und setzt sich zu mir an die Bar.
»Hi beauty«, begrĂŒĂŸe ich ihn.
»Yeah, it’s nice, right? Do you like it? I arrived and saw the shop next door. So, I thought I could need a new jacket and some glasses.«

Brian bestellt sich ein Bier und erzĂ€hlt mir, dass er schon seit einiger Zeit ĂŒberlegt, sich einen Fernseher zuzulegen. Aha. Er trinkt sein Bier erschreckend schnell aus, knallt das Glas auf den Tresen und sagt: »Let’s go shopping.«
Na, da ist heute wohl jemand in Einkaufslaune.
Wir gehen in einen kleinen Elektrofachhandel auf dem Hawthorne Boulevard. Brian marschiert ein, als gĂ€be es kein Morgen mehr. Hektisch begrĂŒĂŸt er die Angestellten und kommt direkt zur Sache: »I need a good television. What do you have?«
»Uhm â€ŠÂ«
Der Mann, der hinter dem Schreibtisch sitzt, ist sichtlich ĂŒberrumpelt, obwohl die Frage ja eigentlich naheliegend ist. Allerdings legt Brian gerade ein Tempo vor, das mich amĂŒsiert und den Fachmann eben ĂŒberrumpelt. Brian lĂ€sst ihn aber auch erst gar nicht groß zu Wort kommen, sondern stĂŒrmt direkt in den nĂ€chsten Raum.
»How’s this one?«, ruft er in den Raum zurĂŒck, in dem der ElektrofachhĂ€ndler und ich noch stehen.
»Uhm â€ŠÂ«, lautet die Antwort. Ich kann mir das Grinsen nicht lĂ€nger verkneifen, will aber auch nicht, dass sich der gute Mann verarscht vorkommt und deswegen am Ende Brian keine anstĂ€ndige Beratung bekommt. Also renne ich Brian hinterher.
»What do you think?«, fragt mich Brian kurz angebunden und bestimmt â€“ eben wie immer in solchen Situationen.
»Uhm â€ŠÂ«
»They know me«, flĂŒstert er mir zu. »I come to this shop for more than a year now. I always asked for advices, but never bought anything. â€“ But today is the day.«
Ich kann kaum noch an mich halten. Nun kommt auch der Mann mit Schlips in den kleinen Raum, in dem nur etwa fĂŒnf GerĂ€te stehen.
»We actually don’t have the biggest variety of televisions«, legt er zögerlich los.
»Aha«, nickt Brian ĂŒbertrieben stark mit seinem Kopf, wĂ€hrend er wie immer an seinen Kinnbart zupft â€“ diesmal allerdings etwas zĂŒgiger als normal.
»Well â€ŠÂ«
Was kommt jetzt?
»I would recommend that you go to another shop â€“ like Video Only. They have a much bigger variety to choose from.«
Sagenhaft, wir werden rausgebeten. Ich kann langsam nicht mehr. Ich platze gleich vor Lachen! Da will sich Brian tatsĂ€chlich heute einen Fernseher kaufen â€“ zumindest kaufe ich es ihm momentan noch ab â€“ und dann reißt dem Kollegen hier nach ĂŒber einem Jahr der Penetranz ausgerechnet heute der Geduldsfaden. Das ist pure Komödie. Ich bin schon wieder â€“ nein, immer noch â€“ in einem Film. Dieser ganze Trip, wo ich auch hinkomme, was auch passiert: Ich kenne es entweder bereits aus Filmen oder es eskaliert alles in eine dermaßen ĂŒbertriebene Aktion, dass es eigentlich nur einem Film entsprungen sein kann. Und Brian â€“ in keiner Weise irritiert oder gar verĂ€rgert â€“ setzt dem Ganzen noch die Krone auf: »Oh, that’s a good tip. Thank you, Sir.«
Wir verlassen den Laden und meine Hose ist nass â€“ bildlich gesprochen. Aber das Beste ist: Die Show geht weiter! Auf zu Video Only!
Als wir ankommen, betritt Brian zunĂ€chst etwas relaxter den Laden. Kaum sind wir drin, pumpt das Blut aber schon wieder heftiger durch die Venen und Brian rennt von GerĂ€t zu GerĂ€t. Als Filmemacher mĂŒsste ich doch wissen, welcher Fernseher der beste fĂŒr ihn ist, vermutet er und fragt mich nach meiner Meinung â€“ als Filmemacher eben. Ich schaue mir die Bildschirme an und teile ihm mit, bei welchen mir persönlich das Bild am meisten gefĂ€llt. Mein Röhren-TV ist vor ĂŒber einem Jahr verreckt. Seither lebe ich fernsehlos. Ich habe also herzlich wenig Ahnung von Flachbildschirmen und Fernsehtechnik.
VerkĂ€ufer Kent kommt zu uns und bietet uns seine Beratung an. Das lĂ€sst sich Brian nicht zweimal sagen und bombardiert den Armen mit Fragen. Kent bleibt cool und beantwortet mit einer Engelsgeduld die Fragen, die Brian ihm â€Š nĂ€chste Frage! Ähm, wieder beantwortet Kent die â€Š nĂ€chste Frage! Okay, also Kent nimmt sich die neue Frage vor und â€Š nĂ€chste Frage, nĂ€chste Frage, nĂ€chste Frage! Brian lĂ€sst den guten Kent kein einziges Mal aussprechen. Es ist herrlich! Man muss Kent aber wirklich ein großes Lob aussprechen. Er grinst weder blöd noch nimmt er Brian und seine Masse an Fragen nicht ernst. Brians Fragen sind indes allesamt berechtigt. Er könnte dem VerkĂ€ufer nur etwas mehr Zeit mit der Beantwortung geben.
»Are you interested in good sound?«, leitet Kent sehr geschickt ein neues VerkaufsgesprĂ€ch und eine fĂŒnfminĂŒtige Pause fĂŒr sich selbst ein.
»Hell, yeah!«, antwortet Brian.
Kent fĂŒhrt uns zum anderen Ende des schlauchförmigen Flachbaus. Hier stehen die fetten Soundanlagen aufgereiht um einen riesigen Fernseher. Die Blu-ray ist bereits eingelegt und dramatisch verkĂŒndet Kent: »This is â€Š the Soundbar.«
»Play«, und los geht die wilde Fahrt durch die Klangwelt. Von allen Seiten dröhnt der Sound von Christoper Nolans »The Dark Knight Rises« um unsere Ohren. Ich bin irritiert. Der Sound kommt von allen Seiten, Kent zeigte aber bei seiner erneut filmreifen PrĂ€sentation auf einen liegenden Stablautsprecher vor uns. Er muss meinen umherwandernden Blick sehen und ĂŒbertönt die Explosionen um uns herum mit der Information, dass es tatsĂ€chlich nur diese eine Box vor uns ist, die den kompletten Raumklang abdeckt. Und: Egal wo man steht, man wird den optimalen Raumklang haben. HĂ€? Wie um alles in der Welt soll das denn möglich sein? Brian und ich laufen wie Kinder bei der Ostereiersuche im Raum umher und suchen nach versteckten Lautsprechern. Denn Kent erzĂ€hlt keinen Scheiß: Der Raumklang funktioniert immer und ĂŒberall. Wir schlucken den Fisch, klatschen unsere Flossen zusammen und bellen begeistert: »Uh, uh, uh!«
Wir kommen schließlich zum Eingemachten: Brians Wahl. Welchen Fernseher wird er mit nach Hause nehmen? Und wird er sich neben einem Fernseher auch eine Wandvorrichtung, einen Blu-ray-Player und die hammergeile Soundbar kaufen?
Ein fetter Plasmafernseher und ein Blu-ray-Player sind ausgewĂ€hlt. Auf die Soundbar verzichtet er heute noch. Zusammen kommt er dennoch auf die stolze Summe von 1800 Dollar. Ich bin die komplette Zeit ĂŒber leicht um meinen arbeitslosen Freund besorgt. Woher soll er die Kohle nehmen? Übernimmt er sich damit nicht und verschuldet sich unnötig fĂŒr ein Luxusprodukt? Als Kent einmal nicht bei uns steht, frage ich ihn deshalb: »Can you afford that?«
Die darauf folgende Bewegung ist mittlerweile bekannt: Schultern und Brauen hoch, doch diesmal werden die Lippen nicht ganz so fest zusammengepresst, denn aus ihnen zischt es: »Pff, I can buy a house â€ŠÂ«
SpĂ€ter erfahre ich, dass sein Vater ihm ein ordentliches Erbe hinterlassen hat. Neben offensichtlich genĂŒgend Geld gehört Brian auch ein Haus sĂŒdlich von San Francisco. Finanzielle Sorgen hat er ĂŒberhaupt gar keine. Rock und Roll!
Wir stehen am Verkaufstresen. Kent möchte Brian aufgrund schwankender StromqualitĂ€t in Oregon noch eine USV andrehen, die dafĂŒr sorgt, dass bei Störungen im Stromnetz die GerĂ€te nicht abschmieren und kaputt gehen. Schnickschnack. Will er nicht. Als NĂ€chstes fragt Kent, ob Video Only das GerĂ€t kostenlos liefern soll.
»We can put it in the car.«
Äh? Das riesige Ding? Ich wage es zu bezweifeln. Kent auch: »It’s for free!«
»Including installation?«
»Yes.«
Der Plasmafernseher wird morgen Vormittag geliefert.
»Oh, uhm«, diesmal gerÀt Brian etwas aus der Fassung, »can you deliver in the afternoon?«
»I’m sorry. That’s not possible.«
Oje. Da muss sich der LangschlĂ€fer wohl ausnahmsweise mal einen Wecker stellen. Auf den Schock muss er sich erst einmal eine Zigarette drehen. Dabei macht er ordentlich Dreck auf dem Tresen, verteilt den Tabak ĂŒberall. Er entschuldigt sich dafĂŒr, dreht aber unbeirrt weiter. Sekunden spĂ€ter bittet er kurz angebunden um einen MĂŒlleimer. Er schmeißt den aufgesammelten Tabak hinein. Diesmal jedoch ohne ein Wort des Dankes. Brian ist mit seinen Gedanken offensichtlich wieder irgendwo anders. Er lĂ€sst Kent wissen, dass wir draußen auf ihn und die Rechnung warten. Haha! Der Chef hat gesprochen. Ich folge Brian, der so etwas in keiner Weise böse meint, sondern einfach nur rauchen will. Kent kommt mit der Rechnung raus und sieht sich darin bestĂ€tigt, dass das GerĂ€t zu groß fĂŒr Brians Wagen ist. Brian unterschreibt die Rechnung, bedankt sich schnell und kurz bei Kent, lĂ€sst sich noch seine Karte in die Hand drĂŒcken und haut mit mir ab. Ein großartiger Freak â€Š der jetzt noch ein Date hat! Aha, seine Verehrerin, mit der er am Computerchip arbeiten möchte, vermute ich mal stark. Netterweise fĂ€hrt Brian mich vor seinem Date noch zu Cari.
»How was your day?«, fragt sie mich. Also erzĂ€hle ich ihr die Geschichte von Brian, Dennis und ihren Abenteuern bei Video Only â€Š

Quellen
Informationen ĂŒber Oregon und Harvey W. Scott: Wikipedia

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