Tag 34: Leo

Serendipity – Teil 1

Long time no see: Mein Freund Leo Tripic

Donnerstag, 13. Dezember 2012
Portland – Seattle – SeaTac

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Surprise, surprise: Ich nehme heute den Bus in Richtung »Evergreen State«. Es geht nach Seattle, Washington! Ich habe gestern bereits meinen alten Schulfreund Leo informiert, dass ich heute endlich bei ihm aufkreuzen werde. Er erwartet meine Ankunft bereits seit mehreren Wochen. Ich hatte mich zum ersten Mal vorsichtig angekündigt, als mich die Tree Hugger in San Francisco auflesen wollten, dann aber nicht erschienen sind. Eine Woche später, als ich mit Kamikazefahrer Sean aufbrach, wusste ich noch nicht, ob ich nach Portland oder direkt nach Seattle durchfahre. Mein Drang, noch etwas länger leben zu wollen, sorgte schließlich dafür, dass ich zunächst in Portland blieb. Und wer konnte schon ahnen, dass ich in Portland so viel Spaß habe, wahnsinnig tolle Menschen kennenlerne und dadurch letztlich über zehn Tage bleiben würde? Der Abschied fällt dementsprechend schwer. Ich könnte noch wesentlich länger bleiben. Würde es nicht ständig regnen, müsste ich sogar ernsthaft resümieren, nach San Francisco in Portland eine weitere Stadt entdeckt zu haben, in der ich mir vorstellen könnte, ein paar Jährchen zu leben.
Ich habe noch kein Busticket und die Hawthorne Rose noch kein Internet. Also schlendere ich mit Cari und meinem Notebook zum Hazel Room. Wie in der Alberta Street lasse ich die Kellnerin, die heute weder Katie noch Sonya ist, wissen, dass ich keinen Plan von Tee habe und gerne ihre Empfehlung trinken möchte. Sie empfiehlt mir einen »richtigen Männertee«. Ich klopfe mir auf die Brust und jodele meine Affen herbei, während sie mir meinen Tee zubereitet. Er hat den einprägsamen Namen Lapsang Souchong – und riecht nach Speck. Würg. Die Kellnerin hingegen meint, er rieche nach Lagerfeuer. Das ist mir schon lieber. Glücklicherweise kann ich auch keine Speckwürfel in der Tasse ausmachen und der Geschmack ist wesentlich besser als der Geruch. Also alles in allem: ganz gut.
Katie Portman taucht doch noch auf und ist leicht irritiert, mich zu sehen. Sie dachte, ich sei bereits auf dem Weg nach Seattle. Ich habe wirklich keine Ahnung, wann und ob ich ihr von meiner geplanten Abreise erzählt habe. Nicht zum ersten Mal fühlt sich Portland wie ein Dorf an. Man kennt sich und man weiß Bescheid.
Blöderweise wird aus der Busticketbuchung nichts, da ich bei Brian meinen Adapter vergessen habe, als ich meinen Rechner für die Hawthorne Rose gepackt hatte. Somit passt mein Stecker nicht in die Steckdosen und der Akku ist auch noch leer. Naja, ich werde wohl auch noch direkt beim Fernbusfahrer ein Ticket bekommen können.
Zurück in der Hawthorne Rose begegnen wir Joshua, der heute wieder zuckersüß ist. Er will eine Wand mit Fotos schmücken. Polaroids von allen internationalen Gästen! Es hat ihm nämlich so viel Spaß gemacht, mich hier zu haben und es wäre ihm ein Pläsier, die angedachte Fotowand mit meinem Porträt zu beginnen. Ich schaue ihm in die Augen und stelle fest, dass er mich nicht verarschen will, sondern es ernst meint. Außerdem will er für mich noch eine spontane Nachmittagsabschiedsparty schmeißen, die ich allerdings aus Zeitgründen direkt canceln muss. Ich soll ihn natürlich auf Facebook adden und unbedingt jederzeit wieder zurückkommen. Während er das sagt, drückt er mich an sich. Ich warte eigentlich nur noch auf die Abschiedstränen …
Die »Gefahr«, dass ich auf meinem Rückweg in den Süden noch einmal hier haltmache, um mehr Zeit mit Cari zu verbringen ist übrigens sehr groß. Ich weiß nicht, ob Josh darüber in Kenntnis gesetzt ist.
Ich verabschiede mich von Cari, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Einen Menschen mit solch einem ausgeprägten, furztrockenen Humor wie sie, habe ich selten kennenlernen dürfen. Wenn ich mal jemanden zum Pferde stehlen brauche, wird ihre Telefonnummer eine der ersten sein, die ich wähle. Wir küssen uns und ich gebe ihr mit auf den Weg, dass sie Joshua im Auge behalten soll. Sobald er sich noch merkwürdiger als sowieso schon verhält, sollen Melissa und sie mich anrufen oder direkt von ihm und der Hawthorne Rose abhauen; bloß nicht den Nachsichtigen oder gar den Helden spielen. Sie verspricht mir, vorsichtig zu sein. Ich hoffe, sie hält sich daran. Lieber wäre es mir aber, wenn meine Fähigkeiten einer Charakteranalyse in diesem Fall einfach nur grottig schlecht wären.

Ich fahre mit dem Bus zu Brians Wohnung und packe meine Sachen. Brian ist noch nicht da, kündigt aber an, pünktlich zu kommen, um mich zu verabschieden und zum BoltBus zu fahren. Er hält Wort. Auf dem Weg zum Bus erzählt er mir von seinen Fortschritten und Problemen, die er mit seiner Computerchipidee hat. Da fällt mir ein, dass ich ihn noch gar nicht gefragt habe, wie das Date mit seiner »Projektpartnerin« gelaufen ist und ob das mit seiner Verehrerin Zukunft hat. Er sagt, dass sie sich seit dem Date nicht mehr gemeldet hat: »She obviously got what she wanted.«
Hm, schade. Eine richtige Partnerin würde ihm sicherlich gut tun.
Wir sind bereits ziemlich spät dran und ich werde etwas nervös. Ich befürchte, dass ich den Bus verpassen könnte. Der Bus fährt in der Salmon Street ab.
»Southwest or Southeast?«, fragt mich Brian.
Shit, das habe ich mir natürlich nicht gemerkt. Ich versuche, mich zu erinnern. Ich bilde mir ein, dass der Bus östlich vom Willamette River, also im Hawthorne District abfährt.
»It’s on Salmon between 5th and 6th«, fällt es mir wieder ein.
»5th and 6th Southeast or Southwest?«
Alter …
Brian reicht mir sein Smartphone. Ich soll nachschauen: »Fuck, it’s downtown.«
Der Hawthorne District wäre besser gewesen. Bis Downtown benötigen wir mehr Zeit und mit etwas Pech nimmt der Verkehr zu. Und mit richtig viel Pech kommt ausgerechnet jetzt ein dicker Dampfer den Fluss hinauf und die Hawthorne Bridge wird angehoben. Vom Pech bin ich allerdings bislang auf nahezu erschreckende Weise verschont geblieben. Von daher … bin ich trotzdem etwas nervös.
Wir kommen zu spät zur Haltestelle. Trotzdem warten dort noch erstaunlich viele Menschen. Ich springe aus dem Wagen. Brian sagt, er könne hier nicht parken. Er will einmal um den Block fahren, während ich mich schlaumachen soll, ob der Bus nun schon weg ist oder nicht. Ich entschuldige mich dafür, dass die Verabschiedung nun ziemlich hektisch verlaufen muss. Andererseits haben wir bereits ausgemacht, dass wir uns sowieso wiedersehen, wenn ich auf meinem Weg zurück in Richtung Süden noch einmal in Portland haltmache. Eine kurze Umarmung und ein dickes: »Thank you, my friend!«, später, düst Brian davon und ich frage den erstbesten Wartenden, ob ich den BoltBus verpasst habe.
»No.«
Yes!
Brian kommt wieder vorbeigetuckert. Ich lasse ihn wissen, dass ich den Bus bekommen werde. Ein letztes Winken und weg ist er. Eine viertel Stunde später als geplant, um 15:45 Uhr, fährt der Bus vor. Es gibt verschiedene Ticketgruppen. Ich vermute, dass es auf den Zeitpunkt der Buchung ankommt, in welche Gruppe man rutscht. Da ich noch gar kein Ticket habe, melde ich schnell mein Anliegen an, auch mitfahren zu wollen. Falls es noch einen Platz gibt, wovon er auch ausgeht, meint der Busfahrer, könne ich für 25 Dollar mitkommen. Das ist ein bisschen teurer als im Internet, wo die Preise – je nach Abfahrtszeit und Buchungsdatum – zwischen zwölf und 20 Dollar variierten.
Es gibt tatsächlich noch freie Plätze. 25 Dollar bar auf die Kralle und schon darf ich einsteigen. Als alle sitzen, begrüßt der Fahrer die Fahrgäste auf extrem ulkige Weise. Wie ein Reiseveranstalter, der einen Ausflug mit Touristen vor sich hat, sorgt er für eine lockere Atmosphäre und vernachlässigt in keiner Weise seine Entertainmentfähigkeiten. Ob man das lernt, wenn man den Busführerschein in Amerika macht?
»Welcome to the BoltBus. We really appreciate that you’re traveling with us. Anyone traveling the first time with Bolt? Well, welcome to the Bolt family. All the others: Thank you for making Bolt rolling. One last thing: If you don’t know your neighbor yet, smile at him and tell him your name. If you fall asleep and wake up an hour later having your head on his shoulder, it will be way less awkward …«
Ich find’s klasse und mein Nachbar heißt Jeff.
Die Reisezeit wird mit drei bis dreieinhalb Stunden nur relativ grob bestimmt. Der Showmaster erklärt dies damit, dass er nicht weiß, wie dicht der Verkehr ist. Klingt logisch, und da ich sowieso sowohl »Eile« als auch »Stress« weitestgehend aus meinem Vokabular gestrichen habe, ist es mir auch egal. Ich hole ein wenig Schreibarbeit nach und teile Leo per SMS mit, dass ich unterwegs bin und wir uns tatsächlich heute nach über 15 Jahren erstmals wiedersehen werden. Er antwortet sofort und scheint sich genauso zu freuen, wie ich es tue. Ich soll eine gute Stunde vor meiner Ankunft bei ihm durchklingeln. Da er nicht direkt in Seattle lebt und ich in Downtown ankommen werde, benötigt er die Zeit, um mich nicht im Regen stehen zu lassen. Ich schaue auf die Uhr: Hm, wir sind schon gut zweieinhalb Stunden unterwegs. In diesem Moment passieren wir ein Schild: nur noch 16 Meilen bis Seattle! Als ob ich es noch nicht verstanden hätte, kommt auch noch die Durchsage des Busfahrers: »Prepare for Seattle! We’re almost there!«
Ja. Ich lasse Leo wissen, dass er ins Auto springen kann.
Wir erreichen die Ecke 5th Avenue South und South King Street überpünktlich in der Dunkelheit und im Regen. Dass es in Seattle mindestens genauso viel regnet wie in Portland, hat man mir bereits gebeichtet. Die Überraschung hält sich somit in Grenzen und ich rechne für eine unbekannte Anzahl weiterer Tage mit feuchtem Scheißwetter. Schlimmer noch! In Portland meinte jeder, dass es in Seattle nicht nur genauso nass ist, sondern zusätzlich auch noch kälter. Hmpf … Fuck und Roll.
Weil ich Leo viel zu spät Bescheid gegeben habe, muss ich natürlich auf ihn warten. Ich stehe am Ausgang eines U-Bahnhofs. Es ist zwar nirgends ein Schild zu sehen, das darauf hindeutet, dass es sich um eine subway handelt, aber es führen Treppen hinab und es riecht nach U-Bahn. Mir gegenüber beginnt offensichtlich Chinatown. Die King Street beginnt mit einem hübschen und farbenfrohen chinesischen Portal und an den Straßenlaternen schlängeln sich gut drei Meter hohe Drachen aus Fiberglas zum Licht hinauf.
Ich warte und warte. Die Spannung steigt. Komm schon, Leo: Ich will dich endlich wiedersehen! Mein Handy klingelt. Leo hatte mir vor einiger Zeit schon einmal auf die Mailbox gesprochen. Es war lustig und schön, seine Stimme nach so langer Zeit wiederzuhören – noch dazu in einer anderen Sprache. Als wir gemeinsam zur Schule gingen war sein Deutsch nahezu akzentfrei. Ich frage mich, ob er jetzt überhaupt noch Deutsch sprechen kann. Leo floh mit seiner Familie vor dem Krieg in Kroatien. Er kam in der dritten Klasse zu uns nach Alzey. Zuvor lebte er bereits ein, zwei Jahre 20 Kilometer weiter nördlich von meinem Heimatstädtchen. Er sprach bereits einwandfreies Deutsch, als er zu uns stieß. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, mich jemals über seine Sprachkenntnisse gewundert zu haben. Kinder. Leo war immer ein großer Fan von Videogames. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir früher bei ihm saßen und mit dem SEGA gezockt haben – oder was auch immer das für eine Konsole war. Da gab es dieses Spiel mit dem Delfin … Manche Erinnerungen verblassen mit der Zeit. Umso besser erinnere ich mich aber an seine Auseinandersetzung mit Tamara. Das muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Nach der Grundschule besuchten wir dasselbe Gymnasium. Im Sportunterricht kam es zum Streit mit unserer Klassenkameradin. Sie hatte ihm Sand ins Gesicht geworfen. Das Scharmützel setzte sich noch bis in den Biologieunterricht fort. In beiden Fächern hatten wir denselben Lehrer: Herr Metzger, unser Klassenlehrer. Er versuchte Leo zu beruhigen, was sich aber als schwierig erwies. War der temperamentvolle Leo erst einmal in Rage, musste man schon Einsatz zeigen, um ihn wieder zu beruhigen. Schließlich bezeichnete er Tamara als »Zigeunerin«.
»Weißt du überhaupt, was eine ›Zigeunerin‹ ist, Leo?«
»Ja, die Tamara ist eine!«
Die bestechende Logik eines Zwölfjährigen.

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Leo war immer einer meiner liebsten und besten Freunde. Wir hatten auch eine Art Geheimbund gegründet. Oh ja, wir waren hoch professionell organisiert. Bei jedem Treffen des Bundes – wir nannten uns konspirativ »Die Arschgesichter« – gab es einen Vorsitzenden, einen Protokollführer, einen Kassenwart – der nie etwas zu tun hatte – und noch weitere tragende Rollen. Die Ämter wurden bei jedem Meeting getauscht. Echte Demokratie eben. Wir hatten sogar Stempel organisiert, um den ganzen Spaß noch seriöser gestalten zu können. Es gab einen Hefter für die Protokolle und ein Wappen. Wenn ich mich doch nur an einen einzigen unserer weltbewegenden Beschlüsse erinnern könnte … Teil unserer Antwort auf die CIA war auch unser Freund Donsi, Leos »ganz besonderer« Freund. Ich denke, dass die beiden sich insgeheim durchaus mochten, auch wenn das nicht so oft zu spüren war. Leo, der fiese Sack, hatte so viel Spaß daran, Donsi mit fiesen Sprüchen über seine Außenzahnspange und Hakennase auf die Palme zu bringen, dass es immer zu Streit kam. Und Donsi war ein »dankbares Opfer«: Er regte sich stets so schön über Leos Sprüche und Aktionen auf, dass dieser noch mehr angestachelt wurde. Der Höhepunkt war erreicht, als Leo eine Zeichnung anfertigte und stolz im Unterricht die Runde machen ließ: »Ich präsentiere … den Opel Donsbach!«
Zu sehen war ein comichaftes Auto, das tatsächlich wie unser Freund aussah. Die Außenspange wurde zur Stoßstange umfunktioniert und die runde Motorhaube war natürlich die Referenz auf die Nase. Einer im Saal fand die Zeichnung nicht gut …
Das Malen war es dann auch, das Leos Interesse an Sarah weckte. Ich leitete damals eine »außerparlamentarische« Schülerzeitung und benötigte Zeichnungen. Leo und Sarah waren unsere begabtesten Künstler. Also beauftragte ich die beiden, Comics von unseren Lehrern und Situationen aus dem Unterricht zu zeichnen. Aus der Konkurrenz um die schönsten Comics wurde schließlich eine zarte Liebe. Ich habe allerdings keine Ahnung, ob es jemals zu einem Kuss kam. In dieser Beziehung war Leo offensichtlich der schweigende Gentleman. Inspiration holte er sich allerdings: Ich hatte mit zwölf Jahren meine erste Freundin – Sonja. Leo konnte nicht fassen, dass wir tatsächlich mit Zunge küssen und wollte sich das mal genauer anschauen. Also stand er konzentriert beobachtend neben uns, während wir für ihn knutschen mussten. Es gab auch ein Geschöpf, das nicht nur Leo oder ich, sondern der komplette Freundeskreis liebte. Es kam jedoch nie zu Eifersüchteleien, da wir uns die erwiderte Liebe einfach teilten: Aaron war der Name des Herzensbrechers, den Leo irgendwann auf einmal anschleppte. Leos Hund war das süßeste Tier, das man sich vorstellen konnte. Ein junger, wadenhoher und unerzogener braunschwarzer Köter, dem wir in gemeinsamer Arbeit mehr oder weniger erfolgreich Apportieren, Sitz und das Meistern des Hundehindernisparkours beibrachten. Ein Autofahrer beendete unsere gemeinsame Zeit. Neben dem Autofahrer gab es noch andere Arschlöcher in unserem Leben. Eines Tages begegneten wir der neuen Gang meines persönlichen Intimfeindes und ab und an auch mal Kumpels Sebastian. Der Status unseres Verhältnisses zueinander wechselte sich im Laufe der Jahre seltsamerweise immer wieder ab. Egal. Der Ärger begann, als Leo den Namen des fetten Jungen aus der Arschlochgang falsch verstand. Wir alle dachten, der Typ heißt Alec – Leo hingegen dachte, dass der Name »Arschleck« sei. Tja, und wie Leo nun mal so drauf war, musste er das gleich der kompletten Nachbarschaft mitteilen: »Was? Dein Name ist ›Arschleck‹? Muahahaha!«
Der Stress mit Fatboy Arschleck – der in Wirklichkeit Jörg heißt – Intimfeind Weber und dem Riesen Albert zog sich daraufhin über mehrere Jahre. Eines Tages rächte sich Arschleck bei mir für einen Faustschlag, indem er mich mit dem ältesten aller Judotricks auf den Rasen des Schlossparks legte und sich mit seinen 400 Kilo auf mich setzte. Eine dreiviertel Stunde später befreite mich Leos Onkel oder Cousin schließlich. Autsch. Das merkwürdigste Kapitel in meiner Vergangenheit mit Leo wurde schließlich geschrieben, als es unerwarteterweise hieß, dass er mit seiner Familie Deutschland verlassen müsse. Als Begründung wurde angegeben, dass der Krieg vorbei ist und Familie Tripic nun wieder nach Kroatien zurückkehren könne. Vielleicht war es die schreiende Ungerechtigkeit der Abschiebung und der Verlust eines meiner besten Freunde, dass ich mir kurz darauf rote Schnürsenkel in meine Stiefel schnürte, die linke Faust erhob und mich stolz als Staatsfeind bezeichnete. Bis zum heutigen Tage verabscheue ich die deutsche Abschiebepolitik.
Wenn ich in der jüngeren Vergangenheit über die letzten Wochen mit Leo nachdachte, empfand ich es immer am seltsamsten, dass ich mich überhaupt nicht mehr daran erinnern kann, wie wir uns überhaupt verabschiedet haben. Im Februar 1997 waren die Tripics plötzlich weg. Seine ältere Schwester Laura, die die damals so trendigen Buffalo-Schuhe mit den vermutlich höchsten Sohlen der Stadt trug und uns mit 14 stolz erzählte, dass sie geboren wurde, um Party zu machen: weg. Leos Vater, der immer recht schweigsam im Wohnzimmer saß – vermutlich, weil sein Deutsch nicht gut genug war: weg. Leos Mutter Ivanka, die uns immer mit Essen versorgte, während wir versuchten, die Mission des SEGA-Delfins zu meistern: weg. Und schließlich Leo …
Wenn ich zu Besuch in meiner Heimatstadt bin, ertappe ich mich dabei, noch heute ab und zu am ehemaligen Haus der Tripics in der Schlossgasse 62 vorbeizugehen, um: »Hallo Leo«, zu sagen. Der Kontakt brach schließlich nach relativ kurzer Zeit ab. Internet hatten wir damals noch keins, telefonieren war zu teuer und schreibfaul waren wir außerdem. Das Letzte, was ich von Leo mitbekommen hatte, war die Geschichte eines Tornados, der unweit seiner neuen Wohnung in Detroit durch die Straße fegte. Eine Story, die ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte.
Im Juni 2010, also knapp zwölf Jahre nach dem letzten Kontakt, kam mir schließlich und endlich die naheliegende Idee, dass Leo bei Facebook sein dürfte. Der Kontakt war hergestellt und die wichtigsten »Neuigkeiten« der letzten zwölf Jahre wurden ausgetauscht. Die Einschneidendste sollte sich leider als die wohl schrecklichste Information erweisen, die man sich vorstellen kann: Leos Schwester Laura ist am 1. Juli 2009, im Alter von 28 Jahren verstorben. Zusätzlich hat sich Leos Vater von der Familie getrennt – oder umgekehrt. Ich kenne noch keine Details zu diesen Punkten in Leos Leben nach dem Auszug aus Deutschland. Und es wird nicht einfach, ihn darauf anzusprechen. Ich bin auch ein klein wenig nervös: Was ist, wenn sich herausstellt, dass wir nichts mehr miteinander anfangen können? Ich wage es glücklicherweise zu bezweifeln. Zu lustig und cool sind die Mails gewesen, die wir uns seit unserer online reunion geschickt haben. Und selbst wenn er vielleicht nicht mehr mein bester Freund sein würde: Ich will ihn einfach nur wiedersehen und mich vergewissern, dass es ihn tatsächlich noch gibt und es ihm gut geht. Der Kreis muss geschlossen werden. Deswegen stehe ich nun hier, im Regen von Seattle … und wie gesagt: Mein Handy klingelt.
»Where are you, my friend?«, höre ich Leos Stimme erstmals seit Jahren wieder. Ich beschreibe ihm, wo der Bus mich rausgeschmissen hat. Er antwortet, dass er rein theoretisch in Sichtweite sein müsste, mich aber nicht sieht. Ich schaue nach rechts. Ich schaue nach links und tatsächlich: In 100 Metern Entfernung steht Leo Tripic an der Kreuzung Jackson und 5th. Ich erkenne ihn sofort wieder. Er hat noch immer die schlaksige Statur, den Kopf und die Knie leicht nach vorne gedrückt.
»I can see you!«, winke ich mit dem Telefon am Ohr in seine Richtung. Er blickt in alle Richtungen.
»Go left«, dirigiere ich ihn. Er geht geradeaus über die Straße. Nein, er geht nicht: Er springt in einer Mischung aus einem lässigem Skateboarder und einem im Regen singenden Gene Kelly über die Straße.
»Nice move! Now go left«, leite ich ihn lachend weiter und erinnere mich daran, dass er früher schon solche Sprünge gemacht hat. Er kommt näher und näher. Schließlich laufe ich ihm entgegen. Ich habe natürlich bereits Fotos von ihm auf Facebook gesehen, weiß also, wie der alte Mann heute aussieht. Trotzdem ist es ein sagenhaft merkwürdiges Gefühl, einen alten Freund wiederzusehen, an den man noch so gute Erinnerungen hat und der »plötzlich« 15 Jahre älter ist. Ich habe keine Ahnung, was wir uns in diesem Moment sagen. Wir liegen uns in den Armen und können es einfach beide nicht fassen. Wahnsinn!

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Wir gehen zu Leos Auto, einem BMW. Dass Leo großer [bee-em-double-u]-Fan ist, ließ sich schon auf Facebook unschwer erkennen. Der Autoproll postet regelmäßig Fotos seines geputzten Wagens und von neuen Ersatz- und Aufrüstungsteilen. Wir setzen uns in den gefühlte fünf Zentimeter über dem Boden hängenden Wagen und düsen los. Leo lebt in SeaTac. Aha. Was ist das? SeaTac ist eine Stadt, die zwischen Seattle und Tacoma liegt. Da es sich um eine aus dem Boden gestampfte Satellitenstadt handelt, hat man sich bei der Namensgebung eher weniger Mühe gegeben und einfach das »Sea« von Seattle und … Ach, das muss ich doch wohl wirklich nicht weiter erklären, oder? 27.000 Einwohner hat die Stadt mit dem romantischen Namen.
Der erwachsene Leo ist Brillenträger und hat einen Seitenscheitel. Seine Unterarme sind tätowiert und amüsiert stelle ich fest, dass seine Nase mittlerweile Donsis Nase erschreckend ähnelt. Er weiß es und findet es auch lustig: »Bad karma?«, grinst er. Wir quatschen und quatschen. Es scheint fast so, als wollten wir uns gegenseitig schnellstens alles erzählen, was in den letzten Jahren passiert ist und wie wir inzwischen so drauf sind. Leo ist beispielsweise dem »Eurotrash« treu geblieben: Er steht auf Fußball, ist Fan der deutschen Nationalmannschaft, der Seattle Sounders und tragischerweise auch vom FC Bayern. Er mag europäische und auch deutsche Musik. Fettes Brot liebt er noch immer und fragt mich, ob ich mich daran erinnere, wie wir damals in meinem Elternhaus auf dem Balkon standen und den halben Tag »Nordisch by Nature« in die Straße gebrüllt haben: »Nordisch – woo hoo hoo! Nordisch by Nature!«
Es ist drollig zu hören, wie er heute Fettes Brot, Die Fantastischen Vier, Brisko Schneider oder Anke Engelke ausspricht. Wie ein echter Amerikaner.

Leo erkundigt sich, wie es den alten Freunden geht. Ich erzähle ihm, was ich von ihnen weiß. Die Wege haben sich getrennt, viel kann ich also nicht berichten. Sascha ist verheiratet und Vater, Donsi, soweit ich weiß, noch immer ein großer Zocker und Beyer scheint viel zu reisen. Leo erzählt mir, dass er sich noch gut an die Silvesterparty bei Donsi erinnern kann. Sascha hatte eine Rakete mit einer Wunderkerze verwechselt und sich die Hand verbrannt. Um Mitternacht hat uns Donsis Mama Sekt eingeschenkt: Der erste Alkohol in Leos Leben.
Hört Leo Guns N’ Roses, muss er immer an mich denken, lacht er. Außerdem meint er, dass ich genauso aussehe, wie er es sich vorgestellt hat. Aha. Das fasse ich mal als Kompliment auf. Ich erzähle ihm, dass unser alter Klassenlehrer, Herr Metzger, mir eine sehr liebe Mail geschrieben hat, nachdem er in der Zeitung gelesen hat, dass ich ihn besuchen komme. Auch Leo erinnert sich gerne an »Adi« und schwärmt mir regelrecht von ihm vor. Er sei ein Mann, der stets fair und respektvoll mit seinen Schülern umgegangen ist. Dass er einer der Lehrer war, bei denen man gerne im Unterricht saß und auch etwas gelernt hat. Ich werde es ihm ausrichten, verspreche ich ihm.
Im Radio kommt die Meldung, dass gestern ein Irrer oder einfach nur ein Arschloch nahe dem Städtchen Happy Valley, einem Ort, der keine 20 Kilometer von Portlands Downtown entfernt ist, Amok gelaufen ist. Im Clackamas Town Center hat er zwei Menschen und danach sich selbst erschossen. Eine weitere Person, ein 15-jähriges Mädchen, ist schwer verletzt. Ich erinnere mich, dass ich heute Vormittag im Vorbeigehen die Schlagzeile: »It was terrifying«, gelesen habe. Jetzt weiß ich diese Headline zuzuordnen. Ich äußere meinen Unmut gegenüber den amerikanischen Waffengesetzen. Leo scheint da etwas anderer Meinung zu sein. Wir fangen keine Diskussion an. Stattdessen erzählt mir Leo, dass die Anfangszeit in den Staaten nicht die einfachste für ihn war. Innerhalb von zwei Jahren wurde er gleich dreimal auf der Straße überfallen. Einmal hielt man ihm sogar eine Knarre vors Gesicht. Ich vermute, dass er durch diese Erfahrungen die Meinung entwickelt hat, dass er sich mit einer Waffe hätte besser verteidigen können. Aber das sind nur Mutmaßungen. Ein weiteres großes Problem stellten die Toiletten in den Staaten dar: »I thought they were all clogged!«, lacht er. Dadurch, dass in amerikanischen Klos das Wasser sehr hoch steht, kann ich diesen kindlichen Verdacht durchaus nachvollziehen. Jedes Mal, wenn er aufs stille Örtchen ging, fand er eine dieser »verstopften« Schüsseln vor. Das kann doch nicht wahr sein! »Greatest nation«, aber nur verstopfte Scheißhäuser hier! Während seiner ersten zwei amerikanischen Monate rannte er daher immer schnell aus den Toiletten heraus, sobald er den Spülknopf betätigt hatte. Er wollte schließlich nicht dabei sein, wenn er es war, der letztlich dafür sorgte, dass die volle Schüssel überläuft. Das müssen zwei harte Monate gewesen sein …
In der Schule lief es dafür besser. Kaum war er angekommen, wurde er auch schon in den Spanischkurs gesteckt. Als er erzählt, wie er mit dem Direktor darüber diskutierte, dass er erst einmal die Sprache des Landes lernen möchte, in dem er jetzt lebt, bevor er noch Spanisch dazu nimmt, sehe ich den 13-jährigen Leo vor mir. Ich kann mir genau vorstellen, wie diese Szene gewesen sein muss. Seine Mimik und Gestik hat sich übrigens kein bisschen geändert. Ja, ich erkenne meinen alten Kumpel wieder.
Ich frage ihn, wann und wieso sie von Detroit nach Seattle gekommen sind. Er lacht und berichtet stolz, dass es seine Schuld war. Die Tripics haben sich in Detroit nie besonders wohl gefühlt. Sie lebten in einer Gegend, die primär vom sogenannten »White Trash« besiedelt war. Eminem, erzählt er, wuchs in der Nähe auf. Leos Schwester Laura rutschte damals in den Drogensumpf ab und auch Leo selbst sah sich gefährdet. Zusätzlich kam der Bruch mit dem Vater, der sich als schlechter Mensch erwies. Später erfuhr Leo von seiner Mutter, dass sein Vater sogar ein professioneller Einbrecher war. Auf der einen Seite war dies ein Schock für Leo, auf der anderen Seite überraschte es ihn eigentlich nicht sonderlich. Leos Mutter und die beiden Kinder wollten Detroit entfliehen, wussten aber nicht wohin. Es gab damals jedoch eine Fernsehsendung, die in Seattle spielte. Leo und Laura waren große Fans der Serie, weswegen Leo vorschlug: »Well, let’s move to Seattle!«
Mutter Ivanka machte sich schlau und auch Laura mochte die Idee. Also zog man von Detroit nach Seattle … weil der kleine Leo die Stadt in seiner Lieblingsserie gesehen hatte. Was für eine Geschichte!
Leo hat keinen Schimmer, wo sein Vater nun ist: »Probably in Florida«, vermutet er. Er will es aber auch gar nicht wissen. Keiner aus der Familie wollte noch etwas mit ihm zu tun haben: »He might not even know that his daughter died.«
Ich kann Leo ansehen, dass ihn der Tod seiner Schwester noch schwer belastet. Gleichzeitig denke ich mir, dass es vielleicht besser wäre, das Thema schnellstmöglich anzusprechen, damit wir es nicht noch tagelang vor uns herschieben.
»What happened to Laura?«
»She didn’t get off the drugs. She started to work as a stripper, became depressive … and shot herself.«
Kurz darauf erzählt er mir, dass er wahnsinnig stolz auf seine Mutter ist. Sie habe so viel Kraft bewiesen und stets die Familie zusammengehalten. Er liebt sie wirklich sehr.
Wir halten bei Safeway und kaufen Abendessen. Leo ist Vegetarier. Also gibt’s was Veganes von Tofurkey. Am Ausgang springt plötzlich ein christlicher Rapper vor uns und versucht uns seine CD und seinen Glauben aufzuschwatzen. Die CD hätte er ja vielleicht gekauft, verrät Leo mir später. Als der Typ aber mit dem Christenquatsch anfing, hat er es verkackt.
Leo wohnt in einem neuen Wohnkomplex. Als er hier einzog, war er einer der Ersten, berichtet er. Das war super. Er konnte seinen Wagen in der Tiefgarage direkt vor der Tür parken. Wenn er einkaufen geht, parkt er sein Auto allerdings so weit vom Markt entfernt, wie es nur geht. Als ich ihn frage, weshalb er das tut, antwortet er, dass die am weitesten entfernten Parkplätze von allen anderen gemieden werden. Somit steht sein Wagen oftmals frei, was die Gefahr verringert, von anderen Parkenden das Auto zerkratzt zu bekommen. Da offenbart sich der Autonarr …
In seiner Zweizimmerwohnung mit Warmluftheizung, Einbauküche und vom Besitzer auferlegtem Rauchverbot – welches für den kompletten Häuserblock gilt – stopft Leo ein Pfeifchen: »Do you know that they legalized it here and in Colorado, last week?«
»I do.«
Dann öffnet er das Fenster und pustet den Rauch hinaus.

2012 12 21 07.07.52

Video

For you, Leo! 🙂



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de Beyer
de Beyer
11 Jahre zuvor

Toller Post, tolle Neuigkeiten. Danke für den Link. Ist ja wahnsinn, was Leo über die Jahre erlebt hat...weiterhin gute Reise Dennis!
Gruß, Christian

Inge Knickel
Inge Knickel
11 Jahre zuvor

Die Erinnerungen an Leo Tripic und euer Wiedersehen nach 15 Jahren haben mich sehr berührt.

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