Tag 35: Zu Risiken und Nebenwirkungen …

Serendipity – Teil 1

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Freitag, 14. Dezember 2012
SeaTac – Federal Way – SeaTac

In der Sandy Hook Elementary School in dem kleinen Städtchen Newton in Connecticut ist heute ein 20-Jähriger Amok gelaufen. Zunächst erschoss er zu Hause seine Mutter, um dann in der Schule sechs Angestellte, sich selbst und 20 Erstklässler zu ermorden.
Leo ist auf Arbeit, draußen regnet es und ich verbringe meinen ersten kompletten Tag im Norden Washingtons am Computer. Leo hat blöderweise kein Internet. Das ist zum Recherchieren für meinen Reisebericht doof, andererseits lenkt es auch nicht so ab. Als Leo von der Arbeit nach Hause kommt, sammelt er mich ein, um mich seinen Freunden Dara und Hai vorzustellen. Er meint, er müsse mir auch unbedingt seine Schule zeigen, die er in SeaTac besucht hat. Die Schule ist von außen betrachtet nicht unbedingt hübsch, wobei die Architektur durchaus nicht uninteressant zu sein scheint. Fünf sechzehneckige Gebäude, die mit überdachten Gängen miteinander verbunden sind, formen die bis 2005 Tyee High School benannte Schule, die unser Leo also einst besuchte. Er erzählt mir die äußerst bescheuerte Baugeschichte seiner Schule: Ein Held hat seinerzeit die Baupläne für die Schule in SeaTac mit den Plänen einer anderen Schule, die in Kalifornien gebaut werden sollte, verwechselt. Somit wurden zwar die Pläne des Architekten umgesetzt, allerdings an den falschen Orten. In SeaTac steht somit die eigentlich für Kalifornien geplante Schule und irgendwo in Kalifornien die Schule, die man in Washington bauen wollte. Ob da die Maßstäbe noch passten oder ob die Pläne geändert oder am Ende gar neues Land hinzugekauft werden musste, ist mir nicht bekannt. Lachend erzählt mir Leo, dass er nach seinem Umzug nach Amerika innerhalb kürzester Zeit zum kleinen Streber aufstieg: »Do you remember? I was everything but a good student in Germany. Well, I was good in English, but that’s it. Here, they even wanted to copy my homework!«
Was ich bereits total vergessen hatte, ist, dass Leo tatsächlich eine Ehrenrunde gedreht hatte. Ich erinnere mich aber auch noch daran, dass er tatsächlich sehr gut in Englisch war â€“ obwohl wir nie gemeinsamen Englischunterricht hatten. Herr Schäfer, der Englischlehrer, nahm Leo ein wenig unter seine Fittiche. Er erkannte wohl, dass Leo schlau genug ist, um nicht sitzen bleiben zu mĂĽssen und wollte ihn unterstĂĽtzen. Bei anderen Lehrern, die mit Leos frecher Art nicht zurechtkamen, hatte mein Freund es wesentlich schwerer.
Wir fahren in Schrittgeschwindigkeit über den Schulparkplatz. Nebel hängt schwer und tief über dem Boden. Im Ostteil des Komplexes befinden sich die Sportanlagen. Ich sehe ein Basketballfeld mit Tartanbelag und dahinter einen schicken Skatepark. Nicht schlecht. Obwohl kein Mensch hier ist und es bereits halb zehn ist, werden die Sportanlagen mit Flutlicht beleuchtet. In Verbindung mit dem Nebel entsteht eine sagenhaft gespenstische Atmosphäre, die mich trotz des Regens dazu verleitet, Leo zu bitten, den Wagen zu stoppen, damit ich Fotos machen kann.
Ich frage Leo, ob das Klischee der extremen Gruppenbildung an amerikanischen Schulen der Wahrheit entspricht. Er bestätigt dies, woraufhin ich ihn frage, ob er bei den Sportlern, den Nerds oder den Cheerleadern war. Er war bei den Zockern.

Leos Freunde Dara und Hai sind Freunde aus seiner Schulzeit und, ja, sie sind eindeutig den Zockern zuzuordnen. Die beiden wohnen nicht in SeaTac, sondern in einer nur wenige Meilen entfernten Stadt mit knapp 90.000 Einwohnern und einem nicht weniger seltsamen und unromantischen Namen: Federal Way. Der Name ist tatsächlich eine Ableitung vom vorbeifĂĽhrenden Federal Highway U.S. 99. Die asiatischstämmigen Jungs bewohnen ein Haus, das sie eigentlich gar nicht bewohnen. Hä? Die Geschichte hierzu ist durchaus â€¦ interessant: Als wir das mit einem Gärtchen umgebene Haus in der fast schon klischeehaft amerikanischen Vorstadtsiedlung betreten, rieche ich Gras. Das liegt jedoch nicht unbedingt daran, dass diverse Bongs auf dem Wohnzimmertisch stehen, sondern daran, dass das komplette Haus eine einzige, hoch professionelle Indoor-Plantage ist. Leo erzählt mit den Jungs im Wohnzimmer, während ich â€“ ohne gefragt zu haben â€“ die Plantage der beiden inspiziere. In jedem Raum gedeihen Reihen von Marihuana unter einer vermutlich zeitgesteuerten Bewässerungsanlage. Die Luft ist feucht und warm, die Wände mit Folien verklebt. Plötzlich ruft Ford an und fragt mich, wo ich bin und wie ich meinen Namen buchstabiere. Hä?
»Why?«, frage ich.
Er sitzt mit einem Deutschen oder Filmemacher oder beides in Los Angeles zusammen und redet von mir. Ford fliegt von L.A. aus ĂĽber Weihnachten nach Chicago und will mir im Moment wohl beim Kontaktaufbau zu Kollegen oder Deutschen oder beidem helfen. Ich stehe also in einem Haus zweier Fremder, umringt von Cannabispflanzen und flĂĽstere in mein Telefon, dass ich in der Nähe von Seattle bin und mein Name: »D-E-N-N-I-S, new word, K-N-I-C-K-E-L«, ist. WĂĽrde mich nicht wundern, wenn ich gleich erschlagen werde â€¦ Deswegen wird’s mir mit Ford dann auch zu bunt. Intelligent zische ich noch: »I can’t talk now«, ins Telefon und lege auf. Mittlerweile stehe ich schon wieder im Wohnzimmer und lache verlegen. Leo fragt mich, was ich von der Plantage halte und klärt mich darĂĽber auf, dass die zwei bereits vor der endgĂĽltigen Legalisierung von Marihuana auf völlig legale Weise Gras anbauen durften und als eine Art Apothekenzulieferer beschäftigt sind. Neben der Legalisierung von THC wurde letzte Woche in Washington ĂĽbrigens auch die Homo-Ehe zugelassen. Dara und Hais Kunden sind all jene, die ĂĽber das entsprechende Krankenkärtchen verfĂĽgen â€“ was nach meinen bisherigen Erkenntnissen so ziemlich jeder besitzt. Die Info entspannt mich und ich fĂĽrchte nicht weiter herausgeschmissen oder ermordet und zu PflanzendĂĽnger verarbeitet zu werden. Schaut man sich die beiden Hanfbauern an, muss man sich aber auch wirklich nicht fĂĽrchten. Die sind lieb.
Ich frage die Jungs, was sich geändert hat, seitdem Gras legalisiert wurde: Schießen plötzlich Coffeeshops überall aus dem Boden? Nein. Die Leute sind fast schon irritiert, weil sie nicht wissen, was genau denn nun Sache ist: Obama könnte durch das Federal Law die Entscheidung der Staaten Washington und Colorado für nichtig erklären. Allerdings hat er vor wenigen Tagen angekündigt, nicht einzugreifen, sondern die Entscheidung der Staaten zu akzeptieren. Dennoch will sich die ganz große Partystimmung noch nicht breitmachen.
Das Haus wurde Dara und Hai ĂĽbrigens von ihrem Sponsor, Arbeitgeber oder von wem auch immer, zur VerfĂĽgung gestellt. Die Arbeit scheint jedoch so hart zu sein, dass sie es abends nicht mehr in ihre eigenen Wohnungen schaffen und völlig erschöpft auf den beiden Sofas im Wohnzimmer/BĂĽro einschlafen. Ein guter Winzer probiert seinen Wein, gute Marihuanafarmer rauchen ihr Gras. Dementsprechend ist Hai schon ziemlich high â€“ höhö. Und, ähm, Dara geht’s genauso â€¦ Zu ihrer Sicherheit und guten Unterhaltung haben sie neben einem fetten Fernseher und zwei Computern noch zwei groĂźe Hunde um sich herum. Der eine ist ein Husky und der andere scheint mir ebenfalls ziemlich breit zu sein.

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Im Fernsehen läuft die bescheuerte und größtenteils abstoßend eklige Sendung »Tosh.0«, die im Stile von »America’s Funniest Home Videos« blöde Filmchen zeigt. Der Gegenwart entsprechend, sind die vorgeführten und dümmlich kommentierten Videos natürlich dem Internet entsprungen. Als die Sendung vorbei ist, kündige ich großspurig an, da mithalten zu können und präsentiere nach dramatischer Einleitung den Seahorse Captain aus San Francisco. Die Druffnis sind begeistert und beschwören mich, das Video auf YouTube hochzuladen.
»Not without permission«, informiere ich ethisch korrekt die Jungs, bevor sie es sich noch einmal ansehen und mit: »Höhö â€¦ hö â€¦ hö«, kommentieren. Big success.

Videos

Wir beschlieĂźen den Abend mit RZAs RegiedebĂĽt »The Man with the Iron Fists«. Ist es der Duft der Pflanzen oder der des SchweiĂźes harter Arbeit, dass ich während des Filmes einschlafe? Man weiĂź es nicht. Auf jeden Fall brechen Leo und ich wieder auf, zocken zu Hause noch das eine oder andere Spiel und behandeln Kopfschmerzen â€¦

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