Tag 40: Serendipity vs. Karma Police

Serendipity – Teil 1

Der welterste Starbucks

Mittwoch, 19. Dezember 2012
SeaTac – Seattle – SeaTac

In Leos Haus gibt es eine Internetverbindung! Allerdings muss ich mich dafür ins Erdgeschoss neben die Eingangstür setzen. Nachdem ich alles erledigt habe, starte ich in Richtung Seattle. Allerdings ist es blöderweise bereits ziemlich spät. Ich nehme wieder den RapidBus und steige diesmal früher, am Seattle-Tacoma International Airport, um. Das Wetter ist schon wieder beschissen. Es regnet und es ist sehr windig. Dafür liegen die Wolken heute höher als in den letzten Tagen. Ich kann in der Ferne sogar schneebedeckte Berge ausmachen. Überhaupt sehe ich heute während der Busfahrt wesentlich mehr von der Umgebung. Gestern saß ich in der »Ziehharmonika« des Gelenkbusses, wohingegen ich mir diesmal einen Fensterplatz geschnappt habe. Wir befahren den Tukwila International Boulevard. Zwischen der 140. und 141. Straße kommen wir an einem Trailerpark vorbei, wie ich ihn bislang nur aus Filmen kannte. Hier leben die Menschen also permanent in ihren Wohnwagen oder Containern. Die Strecke ist gesäumt von Gewerbegebieten, die sich bis hin zu Industriekomplexen ausdehnen, Brücken und Cargoanlagen. Wie aus dem Nichts erreichen wir auf einmal eine Vorortsiedlung mit niedlichen, bunten Häuschen. Es folgen die Stadien und schließlich Downtown mit seinen Wolkenkratzern. In diesem Bus werden die nächsten Haltestellen angesagt. Nicht zum ersten Mal fällt mir dabei auf, dass die Computerstimmen im amerikanischen Nahverkehr seltsam hölzern und mechanisch klingen. Das hat keinen Hauch von Hollywood, sondern klingt eher nach Schwellenland. Merkwürdig.
Mein Ziel des leider ja nur noch recht kurzen Tages ist die Villa von Kurt Cobain. Jene Villa, in der er am 5. April 1994 seinem Leben mit einem Kopfschuss ein Ende setzte. Ich habe mich im Internet halbwegs schlaugemacht und weiß in etwa, wo die Villa ist und wie ich dort hinkomme. Außerdem sollte es kein Problem sein, den einen oder anderen Seattleite nach dem Weg zu fragen: Das Haus dürfte ja ziemlich berühmt sein.
Es ist zunächst nicht so einfach, herauszufinden, in welche Richtung die Busse dieser Stadt fahren. Ich habe mir zwar gemerkt, dass ich den Bus der Linie 3 nehmen muss, allerdings geben die Haltestellen nicht wirklich einen eindeutigen Aufschluss darüber, in welche Richtung die Busse fahren. Ich orientiere mich deswegen an der Fahrt- und Himmelsrichtung, als ich den Bus besteige. Als ich online war, hatte ich nichts zum Schreiben bei mir und wenig Zeit. Ich habe zwar die Adresse der Villa, aber nur einen groben Plan, wie ich dorthin komme. In der 34th Avenue, nur wenige Meter von der Kreuzung mit der Union Street entfernt, erreicht der Bus seine Endhaltestelle. An der Kreuzung ist eine Schülerlotsin aktiv. Die dunkelhäutige Frau ist ungefähr 50 Jahre alt und dürfte sich hier auskennen. Also frage ich sie, wie ich von hier aus zu Kurt Cobains Haus gelange.

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»That’s not here«, antwortet sie direkt. Ich schaue sie verwundert an. Meiner Meinung nach bin ich mit dem richtigen Bus gefahren. Außerdem müsste Lake Washington nur wenige Blocks entfernt sein.
»Sure?«, frage ich sie.
»I think I’d know about it.« Klingt einleuchtend. »Do you have an address?«
»171 Lake Washington Boulevard.«
»Well, that’s a long road.«
»It should be close to Madrona Park, I guess. I also remember reading … uhm … Cherry Street?«
»You’re completely wrong. You know, Lake Washington is huge and Madrona is way up North.«
»How do I get there?«
»No idea.«
Na, super. Erst starte ich viel zu spät in den Tag und dann fahre ich auch noch falsch. Die Gegend sieht zwar ganz niedlich aus, aber wenn hier nichts los ist, fahre ich doch besser wieder in Richtung Downtown.
»Where do you come from?«
Meine Antwort auf die Standardfrage beeindruckt sie sichtlich.
»Are you traveling alone?«
»Yes.«
»And you just jumped into a bus?«
»I thought that it’s bringing me to Kurt Cobain’s house …«
Sie schmeißt sich fast weg vor Lachen und stützt sich an meiner Schulter ab. Die Frau ist ulkig.
»Oh, honey. I’m so sorry that you took the wrong direction.«
»Well, at least I got to meet you.«
Sie stößt einen Schrei der Entzückung aus.
»How long do you stay in the US?«
»All together for three months.«
Ihr Mund steht weit offen: »You are crazy, darling!«
Ich glaube, ich mache gerade ihren Tag spannend. Um den Verkehr kümmert sie sich mittlerweile überhaupt nicht mehr. Es scheint weit wichtiger zu sein, die Unterhaltung mit dem bekloppten Deutschen zu pflegen, der drei Monate mit dem Rucksack durch ihr Land reist und in irgendwelche Busse springt, um der Villa eines Rockstars, der sich mit einer Schrotflinte erschossen hat, einen Besuch abzustatten. Ach ja, so weit waren wir ja noch gar nicht: »You stay for three months in Seattle?«
»No, I’m backpacking the West Coast.«
»You are so crazy!«
… Und offensichtlich zu blöd, um mir zwei Busverbindungen und einen Fußweg zu merken. Wir quatschen noch ein bisschen, bis sie mir erklärt, wie ich am besten wieder zurück in die Downtown komme. Ich gehe davon aus, dass ich einfach denselben Bus nehme, der mich hergebracht hat. Sie erklärt mir jedoch, dass ich die Linie 2 nehmen muss. Okay. Also laufe ich die 50 Meter zur Haltestelle der Linie 2. Ein Bus der Linie 3 fährt an mir vorbei. Auf seiner Anzeige steht: »Downtown«. Was zum …? Kurz darauf kommt mein Bus. Ich steige ein und frage den Busfahrer, ob er nach Downtown fährt.
»No, you gotta take the 3.«
Das gibt’s doch nicht. Ich komme der lustigen, aber ahnungslosen Frau wieder entgegengelaufen. Die Sonne geht mittlerweile unter. Irritiert schaut sie mich an. Ich kläre sie darüber auf, dass ich den anderen Bus nehmen muss – den ich vorher schon nehmen wollte und der mir wenige Minuten zuvor vor der Nase weggefahren ist. Den letzten Teil behalte ich für mich. Sie entschuldigt sich dennoch herzlich und wünscht mir, ihrem »Honey«, alles Gute. Ich verabschiede mich ebenfalls lieb von ihr und überquere die Kreuzung. Plötzlich lese ich auf der anderen Straßenseite »Madrona Eatery & Ale House«. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Wegweiser in eine weit entfernte Galaxie, sondern um die Beschriftung des Hauses direkt vor mir: »Madrona … completely wrong … way up North.«
So gut kennt sich die Gute hier dann wohl doch nicht aus. Boshaftigkeit möchte ich ihr keine unterstellen, obwohl ich später im Internet lese, dass Seattleites schnell genervt sind, wenn Touristen nach dem ersten Starbucks, Microsoft – der Firmensitz ist im 25 Kilometer entfernten Redmond – oder Kurt Cobains Haus fragen: »True Seattleites do not care for these things.«
Hm …
Ich habe nun noch eine gute halbe Stunde Wartezeit und es regnet. Das ist dann wohl mal eher ein verschenkter Tag. Ich warte vor einem Weingeschäft und denke mir vor lauter Langeweile: »Mal schauen, ob die auch Wein aus Rheinhessen haben.«
Als ich den netten Laden betrete, wird mir sofort ein Wein zum Probieren angeboten – ohne Altersnachweis. Ich schaue mir die Weine in den hölzernen Regalen an, kann aber keinen Wein aus der Heimat finden. Fragen will ich auch nicht, da eine schnelle Antwort bedeuten würde, dass ich früher den Laden verlassen und im Regen warten müsste.
Der Bus kommt vorgefahren. Der Fahrer öffnet mir die Tür und lässt mich wissen, dass er erst mal noch für drei Minuten verschwindet, ich mich aber schon reinsetzen kann. Diese Haltestelle scheint nicht nur die Endhaltestelle, sondern auch die Toilettenpause zu sein.
Wir fahren los und biegen nach vier, fünf Blocks rechts in die East Cherry Street ab. Completely wrong, way up North. Verflucht seist du, sympathische Schülerlotsin!
Ich beschließe, wieder zum Pike Place Market zu gehen und dort auf Leos Feierabendanruf zu warten. Wenn ich schon nicht Kurt Cobains Haus finde – obwohl ich nah dran war, verdammt noch mal –, schaue ich mir wenigstens den ersten Starbucks an … der mich eigentlich nicht wirklich interessiert. Ich mache meine zwei Fotos vom ungewöhnlich altmodisch und durchaus cool wirkenden Coffeeshop und schaue, ob die nette Kelly heute wieder Bilder verkauft. Zwei Dollar für einen weißen Tee würde ich auch wieder springen lassen. Ich kann allerdings weder Kelly noch ihren Stand finden. Viele Händler sind aber auch bereits am Abbauen ihrer Verkaufsstände. Es ist kurz nach fünf.

Als Leo sich meldet, ist er total durch seine Arbeit entnervt. Dass ich mitten in Downtown zur Abholung bereitstehe, macht die Sache nicht besser. Schließlich ist der Feierabendverkehr hier am schlimmsten. Sorry, daran habe ich nicht gedacht. Er sammelt mich am Ende der Pine Street ein und ist so geladen, dass ich ihn noch nicht einmal mehr zu einem Bier in einer Bar überreden kann. Er will einfach nur nach Hause. Um diesem blöden Tag noch die Krone aufzusetzen, muss natürlich noch etwas total Bescheuertes passieren. Mein genervter Kumpel regt sich gerade über den schleichenden Scheißverkehr auf, als es plötzlich knallt und unsere Köpfe nach vorne schnellen. Mein erster Gedanke ist irgendwo zwischen: »Das ist jetzt einfach viel zu lustig«, und: »Das ist das Schlimmste, das passieren konnte.«
Serendipity versus the karma police.
Leos Sicht der Dinge muss ich selbstverständlich nicht erfragen. War er vorher schon auf 180, hat er jetzt den three sixty gemeistert: »Fuck!«, prügelt er kurz auf sein Lenkrad ein, zieht seinen Schal der Seattle Sounders stramm und springt aus dem Wagen. Der Depp, der uns hinten draufgefahren ist, geht schon nahezu in Schutzstellung, so aggressiv kommt Leo aus dem Auto geschossen. Leo hat übrigens in einer Ritze auf dem Beifahrersitz eine Eisenstange zur Selbstverteidigung bereitliegen. Im Moment kocht er aber dermaßen über, dass ich wirklich froh darüber bin, ebendiese Stange mit meinem Hintern zu blockieren. Ich verstehe kaum etwas von Leos Gebrülle auf der Straße und drücke auf den Fensterknopf der Fahrertür. Leo bekommt das mit, springt plötzlich an die Tür und ruft: »No! Don’t use the button for this window!«
Oh, da gibt’s eine unschöne Fehlfunktion. Leo ist kaum zu bändigen und weist den Mann regelmäßig darauf hin, wie bescheuert er ist. Der versucht sich zu verteidigen, indem er erklärt, dass die Straße nass ist. Das dürfte in Seattle – der Stadt, die auch »Rain City« genannt wird – nichts Neues sein. Leo sieht das ähnlich und rastet noch mehr aus: »Yes, it’s fucking wet! So you’ve got to keep even more distance, you … Argh!«
Den Wagen hat sich der devote Mann von seinen Eltern geliehen, denen Leo kurz darauf am Telefon mitteilt, dass ihr 40-jähriger Sohn an diesem Regentag von nassen Straßen überrascht wurde. Die Versicherungsnummern werden ausgetauscht und Leo wünscht dem Mann die Pest an den Hals sowie einen langen und qualvollen Tod. Zumindest macht es den Eindruck, als wäre Leos Geduldsfaden nach einem weiteren beschissenen Arbeitstag und dieser Aktion nicht nur gerissen, sondern auch verbrannt.
Wir fahren zurück nach SeaTac. Ich friere mittlerweile auch und will eigentlich nur noch ins Wohnzimmer. Leo muss aber noch einmal seinen Wagen ganz genau inspizieren und das Armaturenbrett – wie an jedem Regentag – wegen eines Lecks am Beifahrerfenster mit einem speziell hierfür bereitliegenden Handtuch abtrocknen. Leo entdeckt, dass seine Stoßstange durch den Unfall verzogen wurde und regt sich über den Wertverlust des Wagens auf. Schließlich kann es ja sein, dass er ihn irgendwann einmal verkaufen will. Ich bin wirklich froh, dass ich mir nichts aus Autos mache und es mir reicht, wenn sie fahren. Alles andere wäre mir viel zu stressig …

Quellen

Quelle für Informationen zur Ignoranz der Seattleites: urbandictionary.com

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Inge
Inge
9 Jahre zuvor

Mir tut Leo leid! Er hat sich sein Traumauto zusammengespart – und dann passiert so etwas!
Du tust mir auch leid! Boah!!! Ich habe mir Seattle auf Google Earth angeschaut.
Von der Bushaltestelle ist es nur ein zehnminütiger Spaziergang zu Kurt Cobain’s Haus!
Was für ein unerfreulicher Tag! ☹️

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