Tag 47: Graffitis, der Riese Lobo Rojo und die Probleme zweier Couchsurfer

Serendipity – Teil 1

Cari fühlt sich inspiriert …

Mittwoch, 26. Dezember 2012
San Francisco

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Das Frühstück verpassen wir und bis zehn Uhr müssen wir auschecken. Unser Gepäck dürfen wir glücklicherweise kostenlos im Hostel lagern. Wir brunchen bei wesentlich besserem Wetter als gestern im Honey Honey an der Ecke Post und Taylor. Der Laden ist proppenvoll und die Schlange vor dem Tresen lang. Dann muss es hier wohl schmecken. Die Auswahl kann sich auch durchaus sehen lassen. Cari fühlt sich heute mondän und bestellt eine Mimosa. Das ist Orangensaft mit Sekt. Da kann ich mitgehen und bestelle mir ebenfalls einen »Frühstückscocktail«. Ich bestelle mir außerdem ein Tofu Sandwich und Black Bean Chili.
Nach dem Essen schlendern wir in Richtung Market Street und treffen auf einen Gambier. Als der Afrikaner hört, dass ich aus Deutschland komme, erzählt er uns, dass er deutsche Frauen liebt. Auf seinem Smartphone will er uns das Facebook-Profil seiner lesbischen deutschen Freundin zeigen. Die Dame hat einen tschechischen Namen – ich sage es ihm nicht. Er selbst hat schon die komplette Welt bereist und zählt uns tatsächlich eine ganze Reihe an Nationen auf. Bald will er die USA wieder verlassen. Trotz Smartphone vermute ich, dass er auf der Straße lebt. Obwohl das Leben in seinem Land, wie er selbst sagt, von Armut geprägt ist, will er wieder zurück nach Afrika. Er spürt dort einfach die Liebe viel deutlicher als in Amerika. Mit 90 kommt er vielleicht wieder zurück – wenn er medizinische Hilfe benötigt. Er ist einmal mehr ein wirklich netter Kerl, der sich am Ende bei uns für die Unterhaltung bedankt.
Wir laufen zum Mission District. Aus dem Nichts kommt im Sonnenschein ein kurzer Sprühregen vom Himmel. Strange. Auch seltsam ist das Gebaren eines Schwarzen, der Cari wie ein Hund anknurrt, als wir an ihm vorbeilaufen. Soll vermutlich ein Kompliment sein.
Zwischen der Mission und Valencia Street und der Sycamore und 17th Street entdecken wir die schmale Clarion Alley, eine Gasse, deren Häuser durch und durch mit wirklich guten Graffitis verschönert wurden. Ein »Info-Graffiti« erklärt, worum es geht: Die Inspiration kam von der circa eine Meile südlich gelegenen Balmy Street. Auch hier wurden die Wände einer schmalen Straße mit Farbe aufgewertet. Die Künstler der Clarion Alley besprachen ihr Vorhaben mit den Anwohnern und holten sich bei der Stadtverwaltung die Genehmigung für ihren Plan.
»Clarion Alley began its journey as a place that wants to be free. A place where culture and dignity speak louder than the rules of private property. Hay respecto en nuestra rebeldia, hay lucha en nuestro corazón. It’s now 2012, it was then 1992. Building a better future is a full-life job.«
Wie diese Botschaft vermuten lässt, sind viele der Graffitis mit politischen Messages verbunden. Etwa die Hälfte der wirklich großartigen Bilder sind aber psychedelischer Natur oder comichaft. Bei einem Graffiti wurden sogar Plastiken, vermutlich aus Gips, an der Wand befestigt, um einen dreidimensionalen Effekt zu erwirken. Das ist wahre Kunst in einer kostenlosen Freiluftgalerie. Die kunterbunte Straße ist toll und selbst der Straßenbelag mittlerweile mehr farbig denn grau. Da der Platz an verfügbarer Fläche mittlerweile voll ist, hat man sich wohl auch schon Teile der Sycamore Street gesichert. Denn auch in der Parallelstraße sind einige Wände famos bemalt. Ich bin ganz begeistert von unserer Entdeckung und wundere mich, wie ich die Clarion Alley übersehen konnte, als ich im November hier war. Cari muss daraufhin natürlich anmerken, dass sie die Gasse bereits von ihrem letztjährigen Trip kennt. Gibt es denn irgendetwas auf unserer Reise, das sie nicht schon kennt?

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Trotz des Sonnenscheins ist es kalt. Also trinken wir einen Kaffee im Dolores Park Cafe und gehen danach in den schönen Park auf der anderen Straßenseite. Als ich das letzte Mal im Dolores Park war, habe ich mir nicht den kompletten überschaubaren Park angesehen. Diesmal erkunden wir das hügelige Grün, dessen Südende höher gelegen ist als der nördliche Teil der Wiese. Von der Anhöhe aus hat man einen großartigen Ausblick auf die Skyline der Stadt. Ein weiteres Highlight dieser Ecke ist der Spielplatz. Rock und Roll! Ein Schild, das darauf hinweist, dass Erwachsene nur in Begleitung eines Kindes den Vergnügungsbereich betreten dürfen, wird von uns eiskalt ignoriert. Ich rutsche mit ein paar Hipsterkindern die extrem stylishe Rutschbahn hinab. Die kleine Cari, so macht es den Anschein, traut sich nicht. Cari und ich sind rein modetechnisch definitiv die uncoolen Kids. Der »King of the Nerds« ist ein kleiner Scheißer, der in roten Jeans und Schal die Rutsche bezwingt. Er trägt eine trendy Hornbrille, in der vermutlich nur Fenstergläser sind, und einen schwarzen Pulli mit Ellbogenschutz. Natürlich hat er auch die obligatorische Tolle mit Strähnchen, die irgendwo zwischen Rockabilly und Hitlerjunge einzuordnen ist. Ja, Mama: So sehen heute die coolen Kids aus. Verrückte Welt. Als Nächstes wird musiziert. Auf dem Spielplatz sind diverse Instrumente aufgestellt: zwei Glockenspiele und mit Bongos vergleichbare Trommelsäulen mit bunten Deckeln. Darin geht naturgemäß Cari mehr auf als ich. Sie spielt, was die Klöppel hergeben.

Miguel Hidalgo: Der Namensgebers des Dolores Park
Der im latinogeprägten Mission District gelegene Dolores Park wurde nach dem mit einer Statue im Park geehrten Miguel Gregorio Antonio Ignacio Hidalgo-Costilla y Gallaga Mandarte Villaseñor benannt. Richtig, das ist ein langer Name, weswegen Freunde ihn auch einfach Miguel Hidalgo nennen dürfen. Und ja, es ist auch richtig, dass in der ungekürzten Fassung des Namens nirgends Dolores vorkommt.
»What the fuck?«, mag sich nun der eine oder andere berechtigt wundern. Nun, der Señor, der von 1753 bis 1811 lebte, war Priester im beschaulichen Städtchen Dolores in Mexiko. In den frühen Morgenstunden des 16. Septembers 1810 hielt Hidalgo vor seiner Kirche eine feurige Rede, den »Grito de Dolores«. So wurde aus dem Kleinstadtpriester der Vater der mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung und aus Dolores wurde Dolores Hidalgo Cuna de la Independencia Nacional. Auch hier gibt es im Übrigen mit Dolores Hidalgo wieder eine anerkannte Kurzform des übertrieben langen Namens. Das Kriegsende und die Unabhängigkeit Mexikos konnte Hidalgo leider nicht mehr erleben. Er wurde gefangen genommen und an die Wand gestellt. Seinen Kopf spießten seine Gegner bis zum Kriegsende auf einen Pfahl. Der Unabhängigkeitskrieg dauerte noch zehn Jahre.

In der Valencia Street in Auto mit Muscheln, Steinen und Schneckenhäusern auf den Stoßstangen. Der höchst esoterisch bemalte Mercedes ist gerade unser Fotomotiv, als plötzlich die Besitzerin aufkreuzt und uns stolz von sich und ihrem Auto erzählt: Sie hat den Mercedes innerhalb von drei Wochen hergerichtet. Dafür waren allerdings 18-Stunden-Tage notwendig. Die Liebe steckt im Detail. Sie erzählt uns von ihren weiteren anberaumten Verschönerungen, die auch im Wageninneren noch weitergehen. Vor allen Dingen ist ihr die ökologische Botschaft wichtig. Biodiesel heißt die Lösung! Sie gibt uns eine Postkarte ihres Wagens, auf deren Rückseite die Erklärung dafür steht, weshalb Biodiesel die Welt retten wird.
»I’m a poet, a teacher, a visual artist, a performance artist and a dork.«
Die Frau ist kaum zu bremsen. Wir finden das sehr amüsant. Besonders Cari, die ja auch irgendwie ein kleiner Hippie ist, kann gut mit der Frau. Aber Cari kann eigentlich mit jedem souverän kommunizieren.

Wir haben Hunger. 100 Meter vom Mercedes entfernt, kurz vor der 21st Street, befindet sich das Herbivore. Das Herbivore ist ein rein veganes Restaurant mit einer riesigen Auswahl. Wir können uns kaum entscheiden. Letztlich gibt es Ravioli, den Indian Wrap und zwei Creamy Artichokes, die Tagessuppe. Es schmeckt bombastisch! Das beste (vegetarisch/vegane) Restaurant der Stadt?: Herbivore.
Ich bringe Cari beim Essen weitere deutsche Vokabeln bei: »Oge, Or, Naße, Lippen, Gschischt.«
»Perfect!«
Am Nachbartisch beobachtet uns jemand. Ich schaue kurz rüber und werde direkt lächelnd angesprochen: »You’re German? Ich bin Schweizer!«
Offensichtlich lebt der Kollege mit den dunklen, langen Haaren aber schon lange in Amerika. Man hört zwar noch den Schweizer, der amerikanische Akzent überwiegt jedoch in seiner Aussprache. Er kommt aus Santa Cruz und kennt die Schweiz von vielen Großelternbesuchen und Urlauben. Seine Mutter ist Schweizerin, der Vater Amerikaner. Unsere Unterhaltung dauert keine fünf Minuten. Dennoch bietet er mir seine Couch an, falls es mich noch einmal nach Santa Cruz verschlagen sollte. Er gibt mir seine Karte und verlässt das Restaurant. Demian heißt er. Netter Kerl.
Es ist inzwischen dunkel geworden, als wir einen sehr coolen mexikanischen Kitsch- und Schnickschnackladen finden. Das Casa Bonampak in der 1051 Valencia Street ist quietschbunt. Die Wände sind aquamarinfarben gestrichen, der Boden in Terracotta. Bunte Girlanden hängen quer durch den Raum. In den Regalen und Schränken stehen Figuren vom Día de los Muertos und Totenschädel aus purem Zucker. Eine Lichterkette lässt Chilischoten blinken. Es gibt Postkarten und Handtaschen, Stoffblumen und Heiligenbildchen. Im hinteren Bereich sind die Wände rosa gestrichen. Hier werden Kleider und Geschirr angeboten. Mit Wellblech und weiß gestrichenen Holztüren mit großen Glasfenstern darin werden die Büroräume vom Geschäft getrennt. In diesem liebevoll gestalteten Laden gibt es wirklich allen möglichen niedlichen Ramsch und unnötigen Quatsch. Besonders ulkig finden wir die Pappaufsteller von Michelle und Barack Obama, die hier so überhaupt nicht reinpassen.

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In der Bartlett Street entdecken wir eine weitere Graffitiwand. Das erste Bild heißt »Birth of the Mission« und zeigt amerikanische Ureinwohner. Die nächste Wand wird von Vögeln geziert und die dritte Wand … ist seltsam. Ich fotografiere sie gerade, als ein Obdachloser mit Spazierstock und Müllgreifer angehumpelt kommt und von einiger Entfernung ruft: »Do you know the story of this wall?«
Gutes Timing: natürlich nicht.

Bevor er uns von der seltsamen dritten Wand erzählt, zeigt er uns noch eine weitere Wand, die wir noch gar nicht bemerkt haben. Riesige Seehunde erstrecken sich über eine komplette Brandwand.
»Some guys from Norway or Belgium … Where did they come from? Ah, who cares … They came from somewhere across the Ocean. They showed up and made this. It’s beautiful, isn’t it?«
Der Drei-Meter-Mann kann sich kaum auf den Beinen halten. Ob es an seiner immensen Größe, seinem kaputten Bein oder am Bier liegt, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Auf jeden Fall torkelt er auch im Stehen. Das seltsame Graffiti ist eine Kopie einer von amerikanischen Ureinwohnern bemalten Wand, die man hinter dem Altar der Old Mission Dolores gefunden hat. Bei der gefundenen Mauer handelt es sich um die älteste Mauer San Franciscos, die vermutlich zwischen 1791 und 1796 bemalt wurde. Ganz so ausführlich ist die Ausführung des alten Riesen nicht. Ich habe neben der Kopie der alten Wand eine Erklärung entdeckt.
Der Hüne ist gut eingepackt. Sein Vollbart wuchert in alle Richtungen und sein Piratenkopftuch, das er unter den Kapuzen seines Pullis und seiner Jacke trägt, ist ihm tief ins Gesicht gerutscht. Vermutlich rutscht ihm auch deswegen seine Brille immer wieder bis an die Nasenspitze. Unter seinem Arm klemmt ein Pappkaffeebecher. Da er recht viel mit seinen Armen beziehungsweise dem Krückstock und dem Müllgreifer herumfuchtelt, fürchte ich, dass ihm der Kaffee über kurz oder lang aus der Beuge rutscht. Als hätte er nicht schon genug in seinen Händen kramt er jetzt auch noch eine Bierdose aus den Tiefen seiner Jacke: »Hold this, please.«
Er drückt mir das Bier in die Hand und bietet mir auch einen Schluck an. Ich lehne dankend ab. Der Gute sabbert mir dann doch etwas zu viel in seinen Bart. Okay, das war jetzt fies, denn Neil, so heißt der Riese, ist lustig und schließlich auch hilfsbereit. Neil hat einen Narren an uns gefressen. Wir sind aber auch gute Zuhörer. Früher, in den 60er und 70er Jahren nannte man ihn »The Local Lobo Rojo«, also den ortsansässigen roten Wolf quasi. Sein anderer Spitzname war »Counts Many Cous«. Ich bin mir nicht sicher, wie man das letzte Wort schreibt. Es kommt aus der Sprache der Ureinwohner dieser Gegend. »Counts Many Cous« bedeutet, dass er seine Feinde entwaffnen konnte, ohne sie zu töten. Da dies sehr ehrenhaft ist, verlieh man ihm diesen Beinamen. In den 60ern und 70ern, klärt er uns auf, war der Mission District von Gangs durchsetzt. Wenn ich es richtig verstehe, hat er sich seinerzeit für die Schwachen eingesetzt und fiese Gangmitglieder entwaffnet. Selbst Cari versteht nicht alles, was der Mann lallt.

Auch die Kassette von seinem lahmen Bein bekommen wir gedrückt: Das war ein Arbeitsunfall. Ein Depp hat die acht Meter hohe Leiter, auf der er gearbeitet hat, umgeschmissen beziehungsweise zerstört: Die Stiege ist unter ihm in seine Einzelteile zusammengebrochen, weil genannter Depp dagegen gefahren ist. Nun hat er einen Rollstuhl, den er auf der anderen Straßenseite neben einer Garageneinfahrt geparkt hat. Während er so am Erzählen ist, schwappt sein Bier ständig über. Außerdem verliert er regelmäßig seine Küchenrolle, die er wie den Kaffeebecher unter dem anderen Arm klemmen hat. Ich bücke mich demnach alle 20 Sekunden, um sie wieder aufzuheben. Seine Nase läuft in seinen Bart und er kann einfach nicht ruhig stehen bleiben. Plötzlich tritt er in eine Pfütze, die direkt am Bordstein und außerdem erschreckend tief ist. Er steht bis zur Wade im Wasser und verliert das Gleichgewicht. Er hält sich an seinem Bier fest und wird von einer Parkuhr aufgefangen. Das Ganze sieht ziemlich krass aus.
»This is not my first rodeo!«, grinst er, als er die Balance wieder findet. Bei der Aktion lässt er aber natürlich den Kaffeebecher fallen, dessen Inhalt sich über die Straße verteilt. Hm, Kaffee oder Tee war das aber nicht. Völlig zu Recht regt er sich kurz über das wahnwitzige Loch im Boden auf. Als ich ihn darauf aufmerksam mache, dass er seinen was auch immer verschüttet hat, flucht er traurig: »Fuck, my warm bath water …«
Er fängt sich nach kurzer Zeit wieder und erzählt uns von seinen Weihnachten: Trotz des monsunartigen Regens war es super, da er viel von Passanten geschenkt bekommen hat. Da fällt ihm was ein: Er kramt ein Zippo aus seiner Tasche und hält es uns vor die Nase.
»Look at this! Read what’s written there«, lacht er diebisch.
»Not a Zippo – Made in China«, liest Cari die Gravur laut vor. Das freut ihn und er lacht laut auf. Er will wissen, ob wir in einem Hostel wohnen. Wir erklären ihm, was Couchsurfing ist und dass wir versuchen, ein Sofa für die Nacht zu finden. Mit Caris Handy haben wir bereits inseriert und ein paar Leute angeschrieben. Allerdings wissen wir noch nicht, wie erfolgreich wir sein werden. Auch deswegen verabschieden wir uns schließlich vom netten Riesen. Er bedankt sich für die Unterhaltung und bietet uns an, die Nacht bei ihm auf der Straße zu verbringen. Wir lassen ihn wissen, dass wir vielleicht sogar darauf zurückkommen, falls wir nichts finden, und verabschieden uns von ihm.
So wie es aussieht, dürften wir aber tatsächlich Erfolg mit dem Couchsurfing haben: Zunächst haben wir drei Zusagen: die erste kommt von einem Zwilling, der uns allerdings wieder auslädt, als er hört, dass nicht nur Cari, sondern auch ich komme. Die zweite Zusage ist eine »Emergency Couch« von Casey. Falls wir nichts finden, können wir bei ihm in einer Ecke im Keller schlafen. Er wohnt nahe am Strand im Sunset District. Unsere einzig wirkliche Zusage kommt von Alex. Und da müssen wir nun auch langsam hin. Wir nehmen den BART, der an der Kreuzung Mission und 24th zur Powell Street fährt, holen unser Gepäck im Adelaide Hostel ab und fahren mit dem Muni der Linie K in Richtung Balboa Park. Die Tickets kaufen wir einem Obdachlosen auf der Straße für einen Dollar ab.

Man wird einmal mehr nicht über die aktuellen Haltestellen informiert. An einer Haltestelle denke ich – recht spät –, dass es die unsere sein müsste, und lasse Cari wissen, dass wir sofort raus müssen. Wir können die Tram gerade noch rechtzeitig verlassen … und stellen fest, dass ich mich geirrt habe. Glücklicherweise müssen wir nicht wirklich warten, da der nächste Zug direkt anrückt. Wir sitzen nun in der Linie M, als Cari auf einmal geschockt: »Where is my bag?«, fragt. Wie jetzt? Ich schaue mich um. Nirgends ist Caris Trolley zu sehen.
»Did you have it when we entered the train?«
»I don’t think so.«
Scheiße. Sie hat in der Hektik ihren Trolley entweder im Zug der K-Linie oder an der Haltestelle stehen lassen. Das gibt’s doch nicht. Ich frage den Zugführer, ob er den Fahrer des Zugs vor uns anrufen kann. Kann er nicht. Wir müssen die 311 anrufen. Das ist die Hotline von Muni. Wir rufen an und berichten von unserem Dilemma. Der Zug vor uns biegt derweil in eine andere Richtung ab. An der nächsten Haltestelle verlassen wir die Tram wieder und fahren mit dem entgegenkommenden Zug zurück. Falls Cari ihren Trolley dort hat stehen lassen, steht er ja vielleicht noch da. Er steht nicht da … und ich kann es noch immer nicht fassen, dass Muni seine Zugführer nicht kontaktieren kann. Das wäre doch das schnellste, unbürokratischste und sicherste Verfahren. Trotz mehrmaligen Fragens sträuben sie sich aber. Und was können wir jetzt noch unternehmen, um Caris sämtliche Klamotten wiederzubekommen? Offensichtlich nichts, nur hoffen. Großartig.
Wir haben uns mit Alex vor der Stonestown Galleria Mall verabredet. Er schreibt uns, dass er wegen der Arbeit etwas länger brauchen wird. Wir sitzen zunächst an der Straße auf Knecht Ruprechts Sack. Hier zieht’s allerdings wie Hechtsuppe, weswegen wir uns in windgeschütztere Gefilde zurückziehen. Vor einem italienischen Restaurant, dem Olive Garden, setzen wir uns auf eine Bank. Wenige Meter neben uns macht sich eine Gruppe Jugendlicher breit: Sie rauchen einen Blunt. Als sie sich dazu entscheiden, ins Restaurant zu gehen, kommen sie zu uns und drücken uns den Blunt in die Hand. Tse, diese Kinder.
Als Alex endlich ankommt, kündigt er an, dass wir nun in eine Bar gehen. Wir fragen, ob es nicht möglich wäre, erst einmal unser verbliebenes Gepäck bei ihm abzustellen. Er verneint. Wir nehmen ein Taxi, das er bezahlt und fahren zu einer Bar, die in der Nähe von West Portal ist. Toll, da kamen wir vorhin vorbei – als wir noch unser komplettes Gepäck beisammenhatten. Hätte er früher angekündigt, dass wir hier landen, hätten wir nicht in der Kälte warten müssen und hätten auch Caris Trolley nicht verloren. Das können und wollen wir ihm aber natürlich nicht ankreiden. Die Deppen dieser Geschichte heißen Cari und Dennis.
Alex ist 41, sieht aber eher wie 25 aus. Er ist zu 50 % Sizilianer. Die andere Hälfte ist englisch, aus London. Er arbeitet im Filmbusiness, bei Marvel. Fett! Ich lasse ihn wissen, dass ich auch Filme mache. Das scheint ihn aber nicht sonderlich zu faszinieren. Überhaupt schaut er mehr auf sein Handy als in unsere Gesichter. Mit ihm eine Kommunikation zu führen ist schwer. Aber er scheint soweit ganz okay zu sein. Strange, aber okay. Als wir zahlen wollen, verbietet er uns, Geld auszupacken. Er will zahlen. Wow, das ist wirklich nett. Wir bedanken uns brav für die Getränke und auch dafür, dass er uns so spontan beherbergt. Plötzlich schaut er etwas verkniffen drein und meint, dass wir ihm dafür noch nicht danken sollen. Was hat das denn zu bedeuten? Er sagt, dass er noch nicht weiß, ob er uns hosten kann. What?! Die Mutter seines Mitbewohners ist schwer erkrankt, weswegen er uns womöglich nicht bei sich übernachten lassen kann. Das soll er dann mal in Erfahrung bringen, bitten wir ihn. Mittlerweile ist es spät, nach 23 Uhr, und wir benötigen einen Schlafplatz. Er erreicht seinen Mitbewohner nicht und will uns auf einmal ein Hotelzimmer buchen. Ein Hotelzimmer? Das preiswerteste Hotel, das er findet, befindet sich am Flughafen. Das finde ich jedoch nicht so toll, weil wir den riesigen Sack mit Bettwäsche und Zelt herumschleppen, der BART zurück in die Stadt pro Nase zehn Dollar kostet und ich vor allen Dingen ungern Geld von ihm nehmen will. Andererseits: Er hat’s verkackt. Ich schlage ihm vor, dass er auch mal bei Hostels und nicht nur bei Hotels anruft. Will er nicht. Ist wohl unter seinem Niveau. So langsam finde ich den Vogel echt merkwürdig. Plötzlich fragt er uns, wie viel wir zum Zimmer beisteuern können. Ähm, nichts? Ich mag ihn nicht. Er erreicht endlich seinen Mitbewohner, mit dem er sich übrigens ein riesiges Haus teilt, wovon sie nur zehn Prozent bewohnen. Soll uns diese Information darauf hinweisen, dass er sich einen ziemlich dämlichen Scherz mit uns erlaubt? Sein Mitbewohner will uns nicht da haben. Super. Ich schlage vor, dass wir uns in das riesige Haus schleichen und morgen früh genauso still und leise wieder abhauen. Die Idee kommt nicht gut an. Alex’ Mitbewohner würde uns aber abholen und zu Caseys »Notfallcouch« fahren. Hä?! Das ist weniger Stress als zwei müden Gästen die Tür aufzuschließen? Seltsame Typen sind das. In der Zwischenzeit haben wir Casey angeschrieben. Obwohl es bereits nach Mitternacht ist, kommt tatsächlich eine positive Antwort. Ein Glück …
Neben uns sitzt auf einmal Michelle an der Bar, die schnell mit dem schnieken Alex zu flirten beginnt. Sie hört meinen Akzent und stellt die üblichen Fragen. Als ich Michelle vom Couchsurfen erzähle, äußert sie, wie toll es ist, dass Alex uns Fremde bei sich aufnimmt und so ein guter Host ist.
»Well, he isn’t«, bemerke ich.
Cari schmeißt sich weg und auch Michelle lacht auf. Alex hingegen springt plötzlich auf und verlässt fluchtartig und offensichtlich auf 180 die Bar. Ich wundere mich, weswegen er sich wegen der ausgesprochenen Wahrheit, über die wir ja schon seit Minuten diskutieren, so aufregen kann. Cari schüttelt den Kopf und teilt mir mit, dass er nicht wegen mir, sondern wegen einer Sache, die Michelle im Gelächter zu ihm gesagt hat, abgehauen ist. Aha. Ich will trotzdem auf Nummer sicher gehen und folge dem Rumpelstilzchen. Alex, der wie ein Berserker an seiner Kippe zieht, bestätigt Caris Theorie. Der Kollege ist kurz vorm Ausbrechen, versucht sich aber selbst zu beruhigen. Da hat jemand ernsthafte Probleme, denke ich mir, als Michelle die Szenerie betritt. Tja, und schon explodiert der kleine Mann: »You’re a fucking cunt! Fuck you!«
Die Fotze soll mal wieder nüchtern werden. So wie sie aussieht, habe sie ja sowieso ein Alkoholproblem und was sie sich einbilde, so mit ihm zu reden, den Psychoanalysten raushängen zu lassen, aber selbst so ein beschissenes Wrack zu sein. Fotze, Fotze, Fotze und so weiter und so krank.
Während er noch am Brüllen ist, kommt der Mitbewohner vorgefahren. Cari und Alex steigen ein und der Mitbewohner fährt los. Ich hingegen bin noch nicht richtig im Auto. Mit der linken Hand halte ich meinen Rucksack im Auto fest, während ich mit dem rechten Fuß auf der Straße renne – Mein linker Fuß ist bereits eingestiegen. Der tolle Fahrer stoppt dankenswerterweise noch einmal, sodass ich doch noch komplett einsteigen kann. Alles cool.
Er lässt uns vor Caseys Haus in der 48th Avenue raus. Als wir aussteigen, bekommen wir mitgeteilt, dass wir ab morgen wieder bei Alex unterkommen könnten. Sollen wir das wirklich glauben und vor allen Dingen: Wollen wir das? Auf nimmer Wiedersehen.
Casey ist noch nicht zu Hause. Wir sollen wegen seiner Mitbewohner auch bitte nicht klingeln, sondern vor dem Haus auf ihn warten. Während wir warten, kommen plötzlich zwei große Tiere die Straßen entlanggeschlichen. Sind das etwa …? Tatsächlich: Es sind Waschbären, die durch die nächtliche Straße pirschen! Ja, Wahnsinn! Cari schleicht den beiden Tieren umgehend mit ihrem Smartphone hinterher. Die Waschbären bemerken sie dennoch und flüchten auf einen Baum. Ihr Foto bekommt sie trotzdem hin.

2012 12 27 01 45 00

Unmittelbar nach den Wachbären kommt eine Gruppe von Leuten auf uns zu.
»There are raccoons!«, lasse ich die Leute vollkommen begeistert wissen.
»Yes«, grinst mich einer der vier Freunde an, »that happens more often. You’re Dennis, right? I’m Casey. You might see more raccoons in the next nights.«
Unser Notfallgastgeber ist mir vom ersten Moment an extrem sympathisch. Ich freue mich ja schon fast darüber, dass Alex so bescheuert war und wir nun bei Casey bleiben dürfen. Casey ist wirklich genial: Er hostet zwei Australier und bringt heute noch eine Frau mit, die von ihrem Date versetzt wurde. Da sie so bedröppelt dreinschaute, haben er und die beiden Aussies sie angesprochen und sich dazu entschieden, ihr Date zu ersetzen. Die vier haben Pizza mitgebracht. Der Fernseher wird eingeschaltet. Auf Netflix gibt’s »Adventure Time«. Das ist eine Zeichentrickserie, die man sich nur bekifft angucken kann. Das denkt sich auch Casey und packt sein Pfeifchen aus.

2012 12 27 03.09.44v.l.n.r.: Cari, Aussie 1, die Versetzte, Casey, Aussie 2

Gegen halb vier will die versetzte Frau nach Hause. Sie wohnt in der East Bay. Casey fordert Cari und mich auf, sie gemeinsam zum Auto zu bringen. Er will uns etwas zeigen. Das klingt gut. Wir bringen die nun doch Glückliche sicher zu ihrem Wagen und lassen uns danach von Casey führen. Der Weg ist nicht weit. Wie wir erfreut und begeistert feststellen dürfen, wohnt Casey gerade einmal einen Block vom über fünf Kilometer langen Ocean Beach entfernt. Um zum Strand zu gelangen, muss man den Great Highway überqueren. Tagsüber eine stark befahrene Straße, ist um kurz vor vier weit und breit kein Auto in Sicht. Der Vollmond scheint auf uns hinab und die Lichter der Stadt sind in unserem Rücken. Es herrscht eine tolle Atmosphäre, die durch den über den Strand schwebenden Algenschaum noch zusätzlich an Reiz gewinnt. Algenschaum entsteht dadurch, dass die Brandung das ins Wasser freigesetzte Eiweiß sterbender Algen zu Schaum schlägt. Das Resultat sind kleine Schaumkronen, die vom Wind über den Strand gefegt werden. Es ist ein aberwitziges Bild, das Cari zum Schauminselchen jagenden Kind werden lässt. Casey und ich legen uns derweil auf eine Düne und quatschen. Casey ist Schauspieler. Demnächst wird er an einem College zusätzlich noch ein wissenschaftliches Studium beginnen. Bis dahin will er so viele Couchsurfer wie möglich beherbergen. Als Host ist er noch nicht sehr lange aktiv. Er hat aber großen Spaß daran und will weltweite Kontakte knüpfen. Noch ertragen seine Mitbewohner seine Flut an Gästen; eben weil das Ende bereits in Sicht ist. Allzu begeistert sind sie dennoch nicht. Das juckt ihn aber wenig. Schließlich benötigen Leute wie Cari und ich auch Hilfe. Da kann er nicht einfach wegschauen. Der erste Eindruck bestätigt sich: Casey rockt und seine Wohnlage ist ganz offensichtlich schlichtweg genial. Mal schauen, wie lange wir bleiben können …

Quellen
Informationen zu Miguel Hidalgo und zum Dolores Park: Wikipedia

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Inge
Inge
9 Jahre zuvor

Diese Kinder auf dem Spielplatz sehen eleganter aus als Du im gleichen Alter. Ich gebe zu, dass ich da bei der Erziehung versagt habe.
Aber ich will einfach nicht glauben, dass ich erziehungstechnisch total versagt habe!?!? Hast Du Deine gute Kinderstube vergessen, als Du Cari als „blöde Kuh“ bezeichnest? JUNGE, SO ETWAS SCHREIBT MAN DOCH NICHT!!!

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