Tag 62: Philip Takes Joshua’s Load … und Obdachlosigkeit sucks!

Serendipity – Teil 2

Union Station

Donnerstag, 10. Januar 2013
Hollywood, Downtown & Little Ethiopia, Los Angeles

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Am Morgen weckt uns leichter Regen. Die Nacht war, trotz der Plastikstühle, auf denen wir geschlafen haben, mal wieder nicht allzu gemütlich und trotz der Decke auch kalt. Ford überlässt mir die Decke. Zu zweit passt man da nicht drunter und Ford meint, er bräuchte keine Zudecke. Also ich könnte noch mindestens eine weitere gebrauchen. Wir stellen leicht gefrustet fest, dass auf der anderen Seite des Mäuerchens, das sich hinter dem Tisch befindet, an dem wir genächtigt haben, ein Liegestuhl steht. Den hätten wir gerne auch schon letzte Nacht entdecken können. Übermüdet schleppen wir uns zum Starbucks an der Ecke Hollywood und Vine. Wir wollen uns mit Kaffee aufwärmen, aufs Klo gehen, Mails checken und vor allen Dingen eine Couch finden. Noch eine Nacht auf der Straße? Nein, danke: Obdachlosigkeit sucks.

2013 01 10 08.19.36

Ford und ich sitzen vorm Rechner, als sich ein obdachloser Mittfünfziger vor uns stellt: »Hi guys, I’m Smokey. Welcome to the streets of Hollywood«, lächelt er uns an. Wow … ähm … okay? Da sind wir der Obdachlosen-Community offenbar bereits aufgefallen. So schnell kann’s gehen. Ich habe Smokey gestern schon einmal gesehen, als ich mich kurz mit zwei Obdachlosen in meinem Alter unterhielt, die irgendeinen Deal mit ihm am Start hatten. Er scheint ganz nett zu sein, macht auf mich aber auch den Eindruck, so eine Art »Pate der Obdachlosen« zu sein. Zu viel Kontakt will ich daher nicht zu ihm aufbauen.
»Do you have a pipe?«, möchte er wissen und streckt uns seine Hand entgegen.
Was kommt denn jetzt? Ich schaue Smokey kritisch musternd an, während ich ihm »Green Gunther« in die Hand drücke. Smokey greift in seine Tasche und stopft uns – mitten im Starbucks – das Pfeifchen bis zum Rand voll mit Gras.
»Welcome! Tell me if you need more«, lächelt er und geht wieder zurück zu seinem Kaffee. Ähm, cool.
Während Ford am Notebook sitzt, suche ich in meinem Rucksack nach meinem iPod – vergebens. Fuck! Ich überlege, wann und wo ich ihn zuletzt gesehen habe. Dass er mir heute Nacht geklaut wurde, schließe ich aus. Dann wären auch die Kamera und das Notebook weg. Ich muss meinen iPod gestern im anderen Starbucks vergessen oder verloren haben. Ich erinnere mich aber, dass ich mich beim Verlassen noch einmal nach der russischen Oma und meinem Tisch umgesehen habe. Der Tisch war leer. Entweder muss da irgendein Sack extrem schnell gehandelt haben oder … Ach, scheiße! Wo ist mein iPod? Zu allem Überfluss bemerkt Ford auf einmal, dass ihm sein Handy abhanden gekommen ist. Was sind das denn bitte für äußerst seltsame Zufälle?
Ford und ich wollen die U-Bahn der Red Line in Richtung City Center nehmen. An den Schranken, die einem den Zugang zu den Gleisen versperren, wenn man keine TAP Card mit ausreichend Guthaben darauf hat, kontrolliert niemand. Neben den Schranken ist die Tür, die wohl für gehbehinderte Fahrgäste eingerichtet wurde, weit geöffnet. Ford, ein Fremder und allen voran ich benutzen anstelle der Schranken die Tür, um zu den Gleisen zu kommen. Als ich meine TAP Card vor das Lesegerät halte, leuchtet anstelle des grünen »GO!« jedoch ein rotes »STOP« auf. Na, super. Ich will wieder umkehren, um mein Guthaben aufzufüllen, als sowohl Ford als auch der Fremde: »Just go«, sagen. »No one will ever control you here.«
Hm, na dann …
In der Bahn heule ich genug herum, um auch Ford davon zu überzeugen, bei der nächsten Station wieder auszusteigen, und im Starbucks nach meinem iPod zu fragen. Ich verraffe dabei, dass wir in die entgegengesetzte Richtung gefahren sind, demnach nicht in der Nähe des gestrigen Starbucks aussteigen und nun einen weiteren Weg vor uns haben als vor unserer Bahnfahrt. Das Herumlaufen mit dem Gepäck ist speziell für Ford mit seiner selbst gebauten Rollkoffervorrichtung extrem nervig. Sobald wir vom Bordstein herunter müssen, um an Kreuzungen die Straße zu überqueren, rutscht ihm regelmäßig der Kleidersack von den beiden aufeinander geschnürten Koffern. Entweder fällt die Tasche dabei auf die Straße oder wickelt sich ungünstig vor die Räder der Rollvorrichtung. Dasselbe passiert, wenn Ford auf der anderen Straßenseite wieder auf den Bordstein hinauffährt.
»I think we’re walking the wrong way«, bemerkt Ford auf einmal und hat damit wohl recht. Wir schleppen uns und unser Gepäck von der Station Hollywood und Western nicht zurück in Richtung Hollywood und Vine, sondern in Richtung Vermont und Sunset. Was soll’s, wir können auch bei Starbucks anrufen und fragen, ob mein iPod gefunden wurde. Ich filme Ford stattdessen, was ihm nach kurzer Zeit ein wenig auf den Senkel geht. Er mag es nicht, gefilmt zu werden, wenn er nicht spielt. Also nimmt er mir die Kamera ab und filmt mich. Während wir uns auf dieses wichtige filmische Dokument konzentrieren, spazieren wir unversehens unter einer Leiter durch.
»Oh!«, stöhne ich laut auf und zeige nach oben.
»What’s up, dude?«
»We walked under a ladder.«
»Yes, you did«, spielt Ford das Geschehene herunter.
»And you, too.«
»Oh, oh!«, wird schließlich auch ihm mit einem Schlag die heikle Situation bewusst. »Something bad’s gonna happen …«
Dabei haben wir doch schon Handy und iPod verloren. Kommt noch mehr?
Wir laufen und laufen. An der Ecke Hollywood und Mariposa offenbart sich uns ein toller Blick auf das palastartige Griffith Observatory, das auf der Südseite des Mount Hollywood thront. Endlich erreichen wir die U-Bahn-Station an der Ecke Vermont Avenue und Santa Monica Boulevard, wo wir wieder in die Bahn steigen und zur Union Station nach Downtown fahren.

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Union Station
Der Hauptbahnhof der Welthauptstadt des Films macht durchaus etwas her. Als Ford und ich die Wartehalle durchqueren, weiß ich allerdings noch nicht, dass ich den Raum bereits aus mindestens einem Film kenne: Christopher Nolan drehte hierin die Szenen, in denen Scarecrow in »The Dark Knight Rises« einst hohe Tiere Gotham Citys ins Exil schickt oder zum Tode verurteilt.
Schwere Sitzreihen aus braunen Ledersesseln dominieren die lang gezogene Halle mit den runden Pforten an beiden Enden. Licht dringt durch hohe Fenster, die bis auf ihre Schlichtheit an Kirchenfenster erinnern, während das warme Licht der 60er-Jahre-Kronleuchter von den ockerfarbenen Wänden fast schon gülden zurückgeworfen wird. Gar nicht einmal so ungemütlich hier.
Wir verlassen die Union Station durch den Haupteingang auf die Alameda Street. Von außen wirkt der 1939 eröffnete Bahnhof wie eine mexikanische Kirche. Ein hoher weißer Uhrenturm reckt sich mittig in die Höhe. Hinter ihm erstreckt sich wie das Schiff die Wartehalle und zu seiner Rechten ein von hohen Arkaden umsäumter, begrünter Hof, der locker auch als Kreuzgang durchgehen könnte. Auf der anderen Seite der Wartehalle gibt es ebenfalls einen Patio.

Wir passieren den spanisch geprägten Los Angeles Plaza Park und ziehen direkt weiter die Los Angeles Street entlang, am Chinese American Museum vorbei bis zur Los Angeles Mall. Zeit zum Sightseeing nehmen wir uns keine. Dafür ist nun die Zeit fürs Mittagessen gekommen. Der offene Hof der Mall liegt unterhalb der Straße. In der Mitte des Platzes steht ein Brunnen mit einem Totempfahl. Das Restaurant, in dem ich mir Spicy Tofu mit Reis holen möchte, akzeptiert erstaunlicherweise nur Cash. Also suche ich – länger als erwartet – erst einmal nach einem Geldautomaten.

Nach dem Essen geht’s zu Starbucks. Ford muss eine Mail an einen Produzenten versenden, bei dem er gestern vorgesprochen hat und ein netter Couchsurfer hat uns dazu eingeladen, bei ihm eine Dusche zu nehmen, die Waschmaschine und das Internet zu nutzen und gemeinsam etwas zu kochen. Rock und Roll. Man merkt es am bisherigen Tagesverlauf: Wir sind, nachdem wir nun die zweite Nacht in Folge auf der Straße verbracht haben, ganz schön müde … beziehungsweise voll im Arsch. Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend ist, obdachlos zu sein? Man friert die halbe Nacht, es ist ungemütlich und obendrauf will man nicht zu tief einschlafen, um einem möglichen Diebstahl der eigenen Sachen vorzubeugen.
Wir sitzen noch nicht lange im Starbucks, da kommt auch schon der 45-jährige Edward. Er ist einer dieser wunderlichen Hardcore-Couchsurfer, die nichts anderes zu tun scheinen, als Gäste bei sich aufzunehmen. Whatever: Nach den letzten beiden Nächten bin ich jedenfalls froh und dankbar, diesem unermüdlichen Gastgeber zu begegnen. Als wir seine Wohnung betreten, wird es allerdings etwas bizarr: Es ist verdammt warm in Edwards kleinem Ein-Zimmer-Apartment, denn die Heizung läuft auf Hochtouren. Angeblich hat er vergessen, sie auszuschalten. Er öffnet jedoch kein Fenster, sondern schaltet nur den Ventilator ein. Nach kurzem Umsehen in der Wohnung wird Ford und mir auch klar, dass Edward stockschwul ist. Überall hängen Fotos von nackten Männern. Sein Bildschirmschoner ist ein nacktes Männermodel, und als er die Maus bewegt, kann ich sehen, dass seine letzte Googlesuche »Philip takes Joshua’s load« war. Lecker. Ford und ich glauben, dass Edward mit seiner »aus Versehen« laufenden Heizung nur eines will: unsere Astralkörper, die sich aus ihren ungewaschenen Klamotten schälen. In gewisser Weise bekommt er das auch von uns. Schließlich wollen wir duschen. Außerdem bleibt Edward liebenswert nett und gräbt uns in keiner Weise an. Er flirtet noch nicht einmal.
Die Dusche tut wahnsinnig gut. Ford legt sich aufs Bett und verabschiedet sich unangekündigt für die nächsten zwei Stunden ins Land der Träume, während unser Gastgeber und ich Essen machen. Ich könnte auch mal eine Mütze Schlaf gebrauchen. Mehr als knappe 20 Minuten bekomme ich jedoch nicht hin, weil ich entweder Gemüse schneide oder von Edward übers Couchsurfen zugetextet werde. Irgendwann kommt dann endlich die erlösende E-Mail: Nachdem ich unzählig viele Anfragen verschickt habe, meldet sich ein Couchsurfer und lädt uns für eine Nacht zu sich nach Little Ethiopia ein. Was für ein Glück.
Nach dem Essen fahren Edward, Ford und ich mit der Linie 720. Edward will in eine Bar, wir zu Anthony nach Klein-Äthiopien. Im Bus hängt ein Fernsehgerät, in dem auf Spanisch Dehn- und Sportübungen für den öffentlichen Nahverkehr gelehrt werden. Interessant. Danach gibt es sogar noch eine speziell für den Nahverkehr gedrehte Nachrichtensendung. Diese ist ebenfalls in spanischer Sprache und berichtet von den neuesten Neuigkeiten aus Los Ángeles.
An der Ecke Wilshire Boulevard und Fairfax Avenue steigen wir aus. Wir folgen der Fairfax Avenue bis zur Packard Street. Zwei Blocks weiter erreichen wir den Ogden Drive, in dem Anthony zu Hause ist. Dieser begrüßt uns freundlich und macht uns einen Tee. Aus dem Badezimmer tönen die Sangeskünste von Anthonys Mitbewohnerin zu uns ins Wohnzimmer. Sie duscht gerade. Ich hingegen bin so abartig müde, dass ich mit der Teetasse in der Hand, am Tisch sitzend ab und an wegnicke. Irgendwann beschließe ich, dass es besser ist, wenn ich mich auf die Couch lege. Ford und Anthonys Mitbewohnerin – eine Kenianerin, die sich mittlerweile zu uns gesellt hat und deren Namen ich nicht mitbekommen habe – diskutieren derweil weiter, wie man den augenscheinlich geplanten Film der jungen Frau am besten realisieren könnte. Was auch immer: Ich liege gemütlich auf einem Sofa, habe heißen Tee im Magen und ein Dach über dem Kopf. Außerdem ist Ford und mir – bis auf den Verlust seines Handys und meines iPods – nichts Weiteres passiert. Ich bin raus für heute …

Quellen
Informationen zur Union Station: Wikipedia

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