Tag 83: Die bunten Menschen der »Amerikanischen Riviera«

Serendipity – Teil 2

Santa Barbara County Courthouse

Donnerstag, 31. Januar 2013
Santa Barbara – Ventura

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Meine brasilianische Mitbewohnerin behĂ€lt auch am Morgen ihre Ignoranz bei, wĂŒrdigt mich weder eines Blickes noch eines Wortes. Seltsamer Mensch. Der Kollege vom Hostel hat eine sehr stark nach Marihuana riechende Aura. Mit ihm arbeitet heute ein Mann um die 50 am Rezeptionstisch neben der EingangstĂŒr, der mir, als er hört, dass ich nach Ventura will, eine Galerieeröffnung ans Herz legt, in der Bilder ausgestellt werden, in denen es um BĂ€rte geht. Und da ich solch einen beeindruckenden Vollbart im Gesicht trage, wĂ€re das doch passend fĂŒr mich, meint er. Was haben die bloß alle mit meiner Gesichtsbehaarung?
Edward, der Typ, bei dem Ford und ich vor drei Wochen in Los Angeles gekocht und geduscht haben und der auf Google nach »Philip takes Joshua’s load« sucht, spammt mich mit SMS zu. Er hat meine auf der Couchsurfing-Website öffentlich angelegte Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit gesehen und will mir helfen. Das ist sehr lieb, aber auch leicht befremdlich: Obwohl er weiß, dass ich mittlerweile in Santa Barbara bin und morgen mit dem Fallschirm springen und ĂŒbermorgen tauchen werde, beschwört er mich, am Abend ins ĂŒber 180 Kilometer entfernte Long Beach auf ein potluck, also einem gemeinschaftlichen Abendessen der Couchsurfing-Community, zu kommen, um potenzielle Gastgeber kennenzulernen. Ich lehne dankend ab und bin nicht zum ersten Mal ĂŒber die Hardcore-Couchsurfer verwundert. Das entbehrt doch jeglicher Logik.
Ich verlasse das Hostel und spaziere in Richtung Downtown. Das Wetter ist super: Am Himmel ist kein Fitzelchen einer Wolke auszumachen und die Temperatur dĂŒrfte bei rund 23 Â°C liegen. Sehr angenehm. In Berlin stehen sie womöglich wieder mit PresslufthĂ€mmern auf den Gehsteigen, um diese vor dem ĂŒberraschenderweise Anfang Dezember eingebrochenen Winternebenwirkungen »Schnee und Eis« zu befreien. SpĂ€ter erfahre ich, dass der heimatliche Winter dieses Jahr erst fĂŒr Februar angekĂŒndigt ist und es momentan noch recht mild ist. Na toll. Super Timing. Meine »Vorfreude« auf das Ende dieser Reise wird immer grĂ¶ĂŸer.
Beim Biosupermarkt Fresh & Easy gibt’s fĂŒr fĂŒnf Dollar Brot und Hot Jalapeños Hummus. FrĂŒhstĂŒck und Sonnenbad nehme ich â€“ umgeben von reichlich Obdachlosen â€“ auf der grĂŒnen Plaza de Vera Cruz in der Haley Street ein. Das Hostel liegt doch weiter von der Downtown entfernt, als ich erwartet habe. Schließlich erreiche ich endlich die State Street, die Santa Barbaras Zentrum darstellt.
Santa Barbara ist eine weitere Stadt Kaliforniens, die in meinen Augen ein sehr mexikanisches Flair ausstrahlt. Nicht nur, dass ich gestern in einem mexikanischen Supermarkt war, auch die Architektur sieht fĂŒr mich typisch mexikanisch aus: kleine HĂ€user mit TĂŒrmchen, geschwungenen Erkern und halbrunden Fenstern mit hĂŒfthohen Gittern, sobald sie bis auf den Boden reichen. Selbst die Schaufenster laufen halbrund zusammen. Ab und an verzieren blaue Mosaike die zumeist strahlend weißen Fassaden. Hier und da ein Arkadengang, Balkone. Der BĂŒrgersteig ist mit roten Steinen ausgelegt. Palmen und BlumenkĂŒbel sĂ€umen die Straße. DarĂŒber hinaus ist die Schrift auf den Straßenschildern Ă€ußerst â€Š nennen wir es mal »extravagant«. Sonderlich gut ausgewĂ€hlt ist sie allerdings nicht. Nein, das erinnert zu sehr an COMIC SANS in Kapitallettern. Ein unĂ€sthetischer Schauder lĂ€uft mir ĂŒber den RĂŒcken. Vom typografischen Fauxpas abgesehen ist Santa Barbara aber schön, idyllisch und vollauf ferientauglich.

Ich komme am Metro 4 Theatre vorbei. Geiler Scheiß: In Santa Barbara findet ein Filmfestival statt! Sehr schnell leuchtet mir ein, dass der kurz aufkeimende Gedanke, schnell reinzurennen und wild mit den Armen wedelnd: »Here! Here! Take this! The newest sensation from Germany: Me!«, zu rufen, wenig Sinn ergibt. Die Filmauswahl wurde begreiflicherweise vor Monaten getroffen und teils horrende EinreichgebĂŒhren verlangen die Amis obendrein. Erst viel spĂ€ter erfahre ich, wie groß das Santa Barbara International Film Festival außerdem ist. HĂ€tte ich zu diesem Zeitpunkt indes gewusst, dass Quentin Tarantino gestern Abend persönlich einen Preis entgegengenommen hat und vielleicht sogar noch zugegen ist â€Š vielleicht wĂ€re ich ja doch mal ins Kino gerannt.

Video

Das Interview ist großartig!

Ein AnzugtrĂ€ger kommt auf mich zu und fĂ€ngt direkt eine Unterhaltung mit mir an. Wie sich â€“ fĂŒr mich recht spannend â€“ nach wenigen Sekunden herausstellt, ist Dylan Filmemacher und mit seinem Werk im Wettbewerb vertreten. Weniger erfreulich fĂŒr ihn stellt sich zwei Sekunden danach heraus, dass der Typ mit der Kamera â€“ das bin ich â€“ und dem riesigen Rucksack auf dem RĂŒcken â€“ auch das bin ich â€“ ein Backpacker und kein Pressefotograf ist, der scharf darauf ist, ihn abzulichten. Er bleibt aber freundlich und nervös, unterhĂ€lt sich noch kurz mit mir und verabschiedet sich artig, als ich ihm viel Erfolg fĂŒr den Wettbewerb wĂŒnsche.
Seit dem Schnurrbartmann von gestern Abend weiß ich, dass es in Santa Barbara viele hĂŒbsche Frauen geben soll. Nun weiß ich, dass sich momentan auch viele Filmemacher hier tummeln und wenige Meter spĂ€ter stelle ich erfreut fest, dass es auch Punks im StĂ€dtchen gibt. Immer dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Und auf meiner sich zum Ende neigenden Reise habe ich wenige, erschreckend wenige meiner IrokesenbrĂŒder gesehen. Ja, mein Rock und Roll hat seine Wurzeln im guten alten Punkrock.

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Ich stehe vor dem The Habit Burger Grill, einem Fast-Food-Restaurant, vor dem ein paar »Freebies«, also primĂ€r freiwillig obdachlose Jugendliche sitzen. Ich bin durstig und frage die Jungs, wo ich preiswert GetrĂ€nke kaufen kann. Ich kann nĂ€mlich mal wieder keinen Supermarkt finden â€“ das ewige Problem in den Staaten. Die Obdachlosen sagen mir, dass es im Grill kostenlose GetrĂ€nke gibt. Klingt super â€Š und unglaubwĂŒrdig. Also setze ich mich zu ihnen vor das Fast-Food-Restaurant und lasse mir erklĂ€ren, was genau das bedeuten soll. Man weiht mich ein, dass man, sobald man einen Becher hat, auch das Recht auf Refills bekommt. Und da der Zapfautomat im Freien und zudem so bescheuert aufgestellt wurde, dass keiner der Angestellten sehen kann, wer sich wie oft bedient, sind die GetrĂ€nke eben umsonst. Außerdem, so die Jungs, wĂŒrde das auch eh niemanden jucken. Punkrock und Roll! Ich bleibe also bei den Jungs sitzen und beobachte, wie sich der Erste seinen wer weiß wievielten Refill holt. Das klappt tatsĂ€chlich, obwohl er quer ĂŒber die Terrasse laufen muss. Der Automat steht eigentlich direkt neben der Essensausgabe, jedoch wahrhaftig so, dass keiner, der hinterm Tresen steht, ihn im Blick hat. Einer der Jungs drĂŒckt mir seinen Becher in die Hand und animiert mich, es ruhig ebenfalls zu versuchen. Ein Kinderspiel. Und da ich als EuropĂ€er darauf verzichte, mir die HĂ€lfte des Bechers mit EiswĂŒrfeln aufzufĂŒllen, stibitze ich vermutlich noch am dreistesten von allen.
Der blonde Logan ist das Zentrum der Gang. Zumindest begrĂŒĂŸen alle, die neu zu uns stoßen, zunĂ€chst einmal den Surferboy mit dem kurzen Zöpfchen. Diese WertschĂ€tzung scheint mir aber nicht darauf zu beruhen, dass er der Drogenboss oder Ähnliches in der Clique ist. Nein, der Ire mit dem auffallenden Tattoo auf der Wade ist einfach nur schwer sympathisch. Mit ihm zu kommunizieren ist einfach und nett. Das Bild, das seinen Unterschenkel ziert, ist ĂŒbrigens die Karte Kaliforniens samt des Schriftzugs »SoCal«, also Southern California. Auf dem Fingerglied seines kleinen Fingers steht ĂŒberdies noch »FAITH«. Alles an diesen Tattoos ist schlichtweg schlecht gemacht. Ob er wohl beim »Tattoo Thursday« in San Diego war?
Neben Logan sitzt Monkey. Ich gehe mal stark davon aus, dass seine Eltern ihn nicht so getauft haben, sondern vielmehr sein Erscheinungsbild fĂŒr diesen Spitznamen verantwortlich ist. Monkey ist ein Riese, der aber mit seinen dunklen langen Haaren und dem Bart sehr eingeknickt auf dem Betonquader vor dem Habit Burger Grill sitzt. Er ist ein total ruhiger Zeitgenosse mit Hunde- oder eben Affenblick â€“ wie auch immer. Ein Kerl, dem man wegen nichts böse sein kann, der einfach nur lieb und vielleicht auch ein bisschen doof ist. Einer, den man gerne als Kumpel hat, wenn’s mal Ärger gibt. Denn, so TeddybĂ€r er auch erscheinen mag, austeilen kann er bestimmt auch. Augenblicklich teilt er auch aus. Allerdings keine SchlĂ€ge und Tritte, sondern liebliche Botschaften. Der HĂŒne, dessen Obdachlosigkeit durch das Tragen viel zu vieler schwarzer Pullover deutlich wird, hĂ€lt ein Schild vor sich, auf dem »Hungry Hippies« geschrieben steht. Sobald mehr oder weniger hĂŒbsche Frauen an ihm vorbeiflanieren, schaut er sie noch herzzerbrechender an und dreht das Schild um. Auf der nun fĂŒr die auserwĂ€hlten Damen zu sehenden RĂŒckseite steht ein liebes »You are beautiful« geschrieben. Ach, wie sĂŒĂŸ. In der Highschool war Monkey nach eigenen Angaben ein ziemlich guter Footballspieler. Er kommt aus San Francisco und trĂ€gt eine 49ers-MĂŒtze. Der 47. Super Bowl steht am Sonntag an und die 49ers sind mit von der Partie. Das interessiert ihn jedoch herzlich wenig. Er ist nĂ€mlich gar kein Fan mehr. Der komplette Sport geht ihm am Allerwertesten vorbei. Ich glaube, das sind alte Wunden.
Captain Chunk hat seinen Spitznamen wegen seiner Ähnlichkeit und â€“ nach eigener Aussage â€“ auch seiner Liebe zu dem fetten Kind aus »The Goonies«. Er kommt aus meinem geliebten Portland, lebt mit seiner angeleinten schwarzen Katze auf der Straße und trĂ€gt ein Turtles-T-Shirt. Zuhause ist er öfter mal als »superhero after work« aufgetreten, berichtet er grinsend. Das sah dann so aus, dass er ein halbes SuperheldenkostĂŒm anhatte und durch die Straßen zog. Was er dabei gemacht hat, bleibt mir ein RĂ€tsel. Die Leute fanden’s auf jeden Fall lustig, strahlt er. Nach dieser Geschichte erzĂ€hle ich ihm von Fantastic Mr. Fox. Ich denke mir, dass ein Junge, der sich selbst Captain Chunk nennt, Mr. Fox’ Geschichte interessant finden dĂŒrfte. Ich gebe den Cordhosenwitz zum Besten und berichte Chunk, dass dies Mr. Fox’ Art ist, zu schnorren: »A joke for a smoke, a buck or a beer!«
Erst reagiert Chunk in keiner Weise auf meine ErzĂ€hlung. Als kurz darauf aber ein paar MĂ€dels vorbeikommen, beugt sich Chunk zu ihnen und fragt Ă€ußerst unbeholfen: »Uhm, excuse me? Can I tell you a joke and therefore get maybe a buck or a â€Š?«
Wenig erstaunlich wollen sich die beiden HĂŒbschen keinen Witz von diesem unsicheren Jungen erzĂ€hlen lassen und laufen ihn vollends ignorierend einfach weiter. Chunk redet derweil â€“ zu uns oder einfach nur zu sich selbst â€“ leise weiter: »No, of course I’m not allowed, because I’m not a human being â€ŠÂ«
Chunk will sich meinen Pass anschauen. PÀsse, speziell jene von AuslÀndern, findet er wegen der ganzen Stempel so cool. Als er so am BlÀttern ist, stoppt er auf einer Seite, runzelt die Stirn und liest fragend: »Kingdom of Cambodia?«
»Yepp«, antworte ich.
»I’ve never heard of that before â€ŠÂ«
Er schaut mich fragend an, weshalb ich ihm ein wenig vom Königreich aus dem Fernen Osten erzĂ€hle. Ein paar noch jĂŒngere Kids als der höchstens 18-jĂ€hrige Captain Chunk rĂŒcken an. Ich glaube, es sind Skatekids aus der Stadt, die sich nur ein bisschen Gras bei Chunk kaufen wollen. Chunk haut kurz mit den Jungs ab, was Logan dazu animiert, mir zu erzĂ€hlen, wie nervig der Dicke ist. Auf die Dauer glaube ich ihm das auch. Umso erstaunlicher demonstriert diese Situation den Zusammenhalt der Jungs. Anderswo werden NervsĂ€cke einfach zum Teufel gejagt. Gemeinsame SchlafplĂ€tze scheinen sie indes nicht zu haben. Wenn ich es richtig mitbekomme, schlĂ€ft Logan beispielsweise derzeit auf der LadeflĂ€che eines Pick-ups. Der Besitzer weiß und akzeptiert dies.
Außer Logan, Monkey und Captain Chunk sitzen noch eine hĂŒbsche Mexikanerin, die wohl zu Monkey gehört, und Logans Zwillingsbruder im Geiste mit uns auf dem Betonblock. Er ist ein wenig ruhiger, aber sichtlich Logans bester Kumpel in der Runde. Ein weiterer Freund Logans ist mir weniger sympathisch und wirkt ganz schön schrĂ€g. Er hat fett »Et Spiritus Sanctus« auf seine Haut tĂ€towiert, trĂ€gt eine Sonnenbrille, ein weißes T-Shirt, schwarze fingerlose Handschuhe, eine Ÿ-Jeanshose sowie weiße Socken, die er sich bis zu den Knien hochgezogen hat. Die nackten Waden sind also trotz der recht kurzen Hose nicht zu sehen. Was fĂŒr ein Outfit. Neben ihm sitzt seine sehr fette afroamerikanische Freundin im Rollstuhl und hört sich noch am andĂ€chtigsten seine prĂ€sentierten Knastgeschichten an. Was fĂŒr ein Typ.
Logan und seine Gang, allen voran der Kopf der Gruppe selbst, haben die Angewohnheit, Frauen auf einer Skala von 0 bis 10 zu bewerten. Die Jungs machen ihr Spielchen dabei im Geheimen; die Frauen bekommen von den Wertungen also nichts. Hin und wieder kommt es dabei jedoch zu hitzigen Diskussionen in der Jury. Die Debatten ĂŒber das Äußere der soeben vorbeimarschierten »7« beziehungsweise »4« werden nahezu niveauvoll gefĂŒhrt und sind daher Ă€ußerst ulkig mitanzuhören.
Es kommen und gehen stĂ€ndig weitere Streetkids. Auf der anderen Straßenseite sorgen zwei Musiker fĂŒr Unterhaltung: Sie spielt das Waschbrett, er Akkordeon. Das Resultat ist erstaunlich punkige und ziemlich coole Musik.
Eine verwirrt wirkende Ă€ltere Frau kommt vorbei und regt sich weshalb auch immer tierisch ĂŒber Monkey auf. Der ignoriert sie einfach, um keinen Tumult auf offener Straße auszulösen. Scheint mir ebenfalls die klĂŒgste Taktik zu sein, die obendrein mal wieder beweist, dass das Klischee vom jugendlichen, obdachlosen Vollassi, der sofort zurĂŒckpöbelt, eben nur ein Klischee ist, welches nicht unbedingt bedient werden muss. Alle Obdachlosen, die ich an der WestkĂŒste kennengelernt habe, waren bedachte, höfliche und zumeist auch recht schlaue Menschen. Weshalb regt sich die Alte nun aber so auf? Hat Monkey ihr sein »You’re beautiful«-TĂ€felchen nicht gezeigt? Nachdem sie noch eine Zeit lang in gewissem Abstand wĂŒtend vor sich hinblökt, gibt sie die Provokation auf und zieht endlich weiter. DafĂŒr rĂŒckt Filmemacher Dylan plötzlich an, den ich sofort freundlich grĂŒĂŸe, was mit einem sehr verwirrten Blick entgegnet wird. In Rekordzeit dĂŒrfte mein Rang vom interessanten Pressefotografen ĂŒber den uninteressanten Kollegen zum obdachlosen Dummschwaller herabgesunken sein. So kann’s gehen. FĂŒr einen KĂŒnstler ziemlich intolerant, oder?
Logan empfiehlt mir, mit dem VISTA und nicht mit Amtrak nach Ventura zu fahren. Der Bus kostet nur drei Dollar, wohingegen der Zug mit 14 Dollar zu Buche schlĂ€gt. Der nĂ€chste Bus fĂ€hrt in einer dreiviertel Stunde. Das ist zu lange zum Warten und zu kurz, um mir Santa Barbara entspannt anzuschauen. Ich entscheide mich daher, den Bus um zehn nach vier zu nehmen. Das ist erst in knapp eineinhalb Stunden.

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In Santa Barbara gibt es Paseos, niedliche kleine FußgĂ€ngerzonen, die sich meist durch einen, manchmal auch durch mehrere Blocks ziehen. Die erste dieser kleinen Oasen entdecke ich, als ich mir den Weg zur Bushaltestelle anschaue. Der Paseo Nuevo geht von der State Street ab und fĂŒhrt mich auf die auf der anderen Seite des Blocks gelegene Chapala Street.

Hier, an der Ecke Chapala und Figueroa, wird also mein Bus, der Coastal Express abfahren.

Ich spaziere wieder in Richtung State Street und spĂŒre zufĂ€llig das nĂ€chste GĂ€sschen auf. In diesem Paseo, La Arcada, hĂ€ngen alle möglichen Flaggen von den HĂ€userwĂ€nden und putzige Delfinstatuen sĂ€umen das StrĂ€ĂŸchen. Dass man in Santa Barbara Delfinstatuen aufstellt, leuchtet ein, was jedoch das bronzene »Mozart Trio« hierher verschlagen hat, bleibt mir ein RĂ€tsel. Schön anzusehen ist das klassische Trio auf dem Minibrunnen allemal. Weiter hinten in der Passage leben Schildkröten in einem sonnendurchfluteten Brunnen. Trotz eines Hinweisschildes haben ein paar Minderbemittelte dennoch MĂŒnzen ins Wasser geworfen.

Der Paseo spuckt mich vor dem im spanischen Kolonialstil erbauten County Courthouse in der Anacapa Street aus.

Santa Barbara County Courthouse
Das pompöse weiße GebĂ€ude mit dem riesigen Torbogen und dem 26 Meter hohen Uhrenturm stammt aus den spĂ€ten 20er Jahren. Zuvor stand an dieser Stelle ein im griechischen Stil gehaltenes GerichtsgebĂ€ude, welches durch ein Erdbeben 1925 zu schwer beschĂ€digt wurde, um gerettet zu werden. Dies könnte sich fĂŒr Santa Barbara allerdings zum GlĂŒck im UnglĂŒck entwickelt haben, da es heißt, dass das neue GerichtsgebĂ€ude, welches von manchen sogar als das schönste öffentliche GebĂ€ude der USA bezeichnet wird, den spanisch anmutenden Baustil der kompletten Innenstadt maßgeblich geprĂ€gt habe.

Hinter der beeindruckenden Arkade offenbart sich ein Rasen, auf den jeder EnglĂ€nder neidisch sein darf. Mit »Sunken Garden« ist obendrein noch der Name ziemlich lĂ€ssig und auch der GĂ€rtner scheint ĂŒber ein gewisses Maß an Humor, verbunden mit Hingabe zu verfĂŒgen: Ein gelbes Seil ist um den Rasen gespannt und auf einem Schild steht des GĂ€rtners Bitte: »Please watch the grass grow. Refrain from walking on it. Thank you.«
Von der Poesie des Augenblicks angesteckt, breite ich meine Arme aus und deklamiere: »Dios nos dio los campos, â€ŠÂ« Ich lege eine dramatische Pause ein und ende schließlich mit: »  el arte humana edificĂł ciudades.«
Ich verbeuge mich, schwinge meinen Zopf nach hinten und mache eine möglichst arrogante Bewegung mit dem Kinn, bevor ich von dannen ziehe, den Torbogen durchquere und nachschaue, ob ich die Inschrift darĂŒber auch richtig wiedergegeben habe: »Gott gab uns Felder, doch die Fertigkeit des Menschen baute StĂ€dte.«
Yeah, Baby.

Die Geschichte Santa Barbaras
Die Gegend um das heutige Santa Barbara wurde schon vor Tausenden von Jahren besiedelt. Als 1542 der portugiesische Entdecker João Cabrilho als erster EuropĂ€er durch den Santa Barbara Channel segelte, bewohnten an die 10.000 Chumash die »Amerikanische Riviera«. 1602 bedankte sich ein spanischer Konquistador beim lieben Gott fĂŒr das Überleben eines Sturmes und benannte die bei EuropĂ€ern noch namenlose Gegend nach der Heiligen, deren Gedenktag dem unheilvollen Tage folgte: Barbara von Nikomedien. Es dauerte weitere sage und schreibe 180 Jahre bis sich die ersten Soldaten und Missionare an jenem Ort ansiedelten, der heute auch den Spitznamen »Silicon Beach« trĂ€gt. In der Folgezeit wurden die Chumash zu großen Teilen von den Pocken dahingerafft und die spanische Siedlung mitsamt ihrer Mission 1812 von einem Erdbeben samt Tsunami dem Erdboden gleichgemacht. Das Wasser drang damals bis zum soeben besuchten GerichtsgebĂ€ude hinauf, welches mehr als zwei Kilometer Luftlinie vom Ozean entfernt liegt. 1822 wurde Santa Barbara Teil des nun unabhĂ€ngigen Mexiko. Man hatte jedoch nicht allzu lange Freude an Santa Barbara und verlor es 1846 an die Amerikaner. Zwei Jahre spĂ€ter wurde Santa Barbara offiziell von den USA annektiert. Aus den Lehm- wurden Holzbauten, die Bevölkerung wuchs rapide an und mit dem Goldrausch wurde aus dem beschaulichen KĂŒstenstĂ€dtchen eine gesetzlose Oase fĂŒr Gangster und Spieler. Einer von ihnen, Jack Powers, wurde gar zum Herrscher ĂŒber Santa Barbara und Kontrolleur der Straße nach San Luis Obispo. Der Camino Real erlangte durch die ÜberfĂ€lle der Powers Gang die fragwĂŒrdige BerĂŒhmtheit, die gefĂ€hrlichste Straße des gesamten Staates zu sein. Erst ein Trupp von 200 Mann konnte Powers aus Santa Barbara vertreiben. Er floh nach Mexiko, wurde fĂŒr kurze Zeit Farmer und letzten Endes wegen eines Streits um eine Frau Schweinefutter. Was fĂŒr eine Karriere.
Nur drei Jahre nachdem mexikanische Schweine Powers verspeist hatten, bekamen ihre Kollegen aus Santa Barbara 1863 eine verheerende DĂŒrre zu spĂŒren, die die Ära der Farmer an Kaliforniens KĂŒste beendete. 1870 wurde Englisch zur offiziellen Sprache Santa Barbaras ernannt und zwei Jahre spĂ€ter mit Stearns Wharf der lĂ€ngste Tiefwasserpier zwischen Los Angeles und San Francisco eröffnet, welches den Wohlstand der Stadt nach der DĂŒrre wiederherstellte und sie fĂŒr Touristen attraktiv werden ließ. 1887 kam noch die Eisenbahnstrecke nach Los Angeles und 1902 auch nach San Francisco hinzu. Als man dann zusĂ€tzlich noch Öl entdeckte, stand dem Aufschwung nichts mehr im Wege.
In den spĂ€ten 30er Jahren besuchte ein Mann namens Kozo Nishino, seines Zeichens Skipper eines japanischen Öltankers, das nahe der Stadt gelegene Ellwood Oil Field. Peinlicherweise stolperte der Gute und landete mit dem Popöchen in einer Opuntie. Das ist ein Kaktus. Als sich der stolze KĂ€pt’n die Stacheln aus den Backen ziehen ließ, konnten ein paar Ölarbeiter nicht an sich halten und lachten den Armen aus. Was ist das bekanntermaßen Schlimmste, was einem Asiaten passieren kann? Richtig: das Gesicht zu verlieren. Nishino-san hatte dieses GefĂŒhl der Erniedrigung offensichtlich noch immer nicht verdaut, als er wenige Jahre nach der stachligen Angelegenheit zurĂŒckkehrte und US-amerikanische Geschichte schrieb: »Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird«, wussten bereits die Klingonen und auch Kozo Nishino mag Ähnliches durch den Kopf gegangen sein, als er am 23. Februar 1942 mit dem U-17, einem japanischen U-Boot, vor der KĂŒste Santa Barbaras auftauchte.
»Ich setze Santa Barbara in Flammen«, meldete der RachsĂŒchtige nach Tokio und eröffnete die GötterdĂ€mmerung, die den ersten Angriff feindlicher Truppen auf das amerikanische Festland seit dem Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 darstellte. Wer weiß, ob nicht der Chef persönlich, mit Schaum vor dem Mund, innerhalb von 20 Minuten bis zu 25 SchĂŒsse auf die verdammten Öltanks des verfluchten Ellwood Oil Field abgab. Was man auf jeden Fall weiß, ist die Tatsache, dass die bloße PrĂ€senz des U-Boots wesentlich mehr anrichtete, als der Held, der fĂŒrs Abschießen der Kanone verantwortlich war. Denn, nun ja, kein einziger Schuss landete im Ziel. Nein, die Geschosse landeten entweder im Wasser oder flogen kilometerweit ins Landesinnere und richteten dort einen Schaden von immensen 500 Dollar an. Selbst die an alldem schuldige Opuntie ĂŒberlebte die Attacke und steht noch heute gesund und munter auf einem Golfplatz herum. Rache geglĂŒckt? Sieht nicht so aus. Das weitaus tragischere Resultat des Angriffs war, dass viele KĂŒstenbewohner aus Angst vor weiteren, verheerenderen Angriffen die Flucht ergriffen. DarĂŒber hinaus wird mit dem Beschuss des Ölfelds auch der Beginn der Internierung japanischstĂ€mmiger Menschen in Verbindung gebracht. TatsĂ€chlich unterzeichnete PrĂ€sident Roosevelt bereits vier Tage vor Nishinos RĂŒckkehr die Executive Order 9066, die ebendieses legitimierte. Dieser Vorfall mag die Realisierung der Deportationen jedoch beschleunigt haben. FĂŒr’n Arsch, Nishino-san. FĂŒr’n Arsch.
Seit Kriegsende durchlebte die Stadt mehrere zerstörende WaldbrĂ€nde und eine Ölkatastrophe, die 1969 die komplette KĂŒste und die Channel Islands verseuchte. Ansonsten wuchs Santa Barbara einfach nur rapide an: 10.000 NeubĂŒrger bis 1950, 14.000 bis 1960 und 12.000 bis 1970. 1975 beschlossen die Stadtherren schließlich, den Zuwanderungsboom zu stoppen, indem sie die maximal geduldete Einwohnerzahl Santa Barbaras auf 85.000 beschrĂ€nkten. Das Bevölkerungswachstum ebbte ab und die Preise stiegen an â€“ extrem. Heute ist Santa Barbara die teuerste Wohngegend der gesamten USA. Der Durschnittspreis fĂŒr ein HĂ€uschen an der »Amerikanischen Riviera« betrĂ€gt lĂ€ssige 1,3 Millionen Dollar und somit mehr als doppelt so viel wie der kalifornische Schnitt. Mittlerweile leben 90.000 Menschen in Santa Barbara.

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Ich entdecke einen weiteren Paseo, der vielmehr ein ĂŒberdachter Korridor ist und an einem noblen Innenhofrestaurant und einem merkwĂŒrdig platzierten Zimmer vorbeifĂŒhrt, das mit seiner reich verzierten Holzbank, Marmortisch und Kamin wie ein Warteraum aus der Kolonialzeit aussieht. VerrĂŒckt. Der Paseo gehört zum Casa de la Guerra, in dem einst der fĂŒnfte Kommandant der hiesigen Garnison lebte. Ich lande in einem Hinterhof, von dem aus ein Gang wieder auf die Straße fĂŒhrt, wo sich die De La Guerra Plaza vor mir auftut.

Als ich den Rasen des gemĂŒtlichen Platzes betrete, entdecke ich die verwirrte Alte wieder, bei der Monkey so in Ungnade gefallen war. GlĂŒcklicherweise erkennt sie in mir keinen der »bösen« Jungs wieder und lĂ€sst mich in Ruhe. DafĂŒr nervt sie ein PĂ€rchen, das nur wenige Meter neben ihr auf der Wiese platzgenommen hat und mit dem ich Sekunden zuvor eine Unterhaltung begonnen habe. Kaum sitze ich, plĂ€rrt die Durchwindete, dass sie Wasser fĂŒr ihre Pillen benötigt. Das PĂ€rchen erklĂ€rt ihr, dass es nur wenige Meter neben dem Platz einen Trinkwasserbrunnen gibt. Die Alte schaut hektisch in sĂ€mtliche Himmelsrichtungen, sieht aber nirgendwo einen Brunnen. Also wird sie wieder unruhig, wenn nicht sogar gereizt. Die zwei beschreiben der Frau, dass sich die Trinkstelle hinter jenem roten Auto dort befindet, was die verrĂŒckte Oma vor das nĂ€chste Problem stellt: Sie kann weder ihr Zeug einfach so auf der Wiese liegen lassen noch kann sie es aufheben und mitnehmen. Äh, was? Die nicht wirklich RĂŒstige steht mĂŒhsam auf und beginnt, nach vorne gebĂŒckt, wie ein Pendel ĂŒber ihrem Hab und Gut zu torkeln. Dabei kommt sie der Verzweiflung nĂ€her und nĂ€her. Bevor sie explodiert, bieten wir drei ihr an, auf ihre Sachen aufzupassen. Damit kann sie leben, kippt nicht um, sondern wackelt mit ihren Pillen zum roten Auto. Mamma mia.
Die Unterhaltung mit dem sympathischen Paar kann nun endlich beginnen. Wie er heißt, weiß ich nicht. Ich bekomme nur mit, dass er Lateinamerikaner und meiner Vermutung nach der Freund der hĂŒbschen Frau neben ihm ist. Diese beginnt auch gleich, mir Fragen zu stellen. Sie möchte wissen, ob die ganzen Flaggen auf meinem Rucksack bedeuten, dass ich all diese LĂ€nder bereist habe. Ich bejahe dies und ergĂ€nze, dass die eine oder andere Flagge wie beispielsweise Kuba jedoch fehlt.
»Cuba?«, fragt sie.
Dass ich in Kuba war, findet man in Amerika immer spannend. Sie bittet mich, ihr vom Karibikstaat zu erzĂ€hlen. Sie möchte wissen, wo ich alles war und wie ich das Land empfunden habe. Also erzĂ€hle ich: Ich berichte davon, dass das Land mich eher geschockt denn begeistert hat. Von Umberto, dem Oppositionellen, den ich gleich am ersten Tag kennenlernte und der meinen Blick auf Kuba nachhaltig prĂ€gte. Ich lasse sie wissen, dass das, was man in Kuba als Sozialismus bezeichnet, herzlich wenig mit meiner Auffassung dieses Begriffs zu tun hat. Nein, allzu schön war es nicht, aber interessant, höre ich mich noch sagen und unterbreche alsdann abrupt meinen Vortrag. Ich schaue der Frau, die mir die gesamte Zeit ĂŒber sehr aufmerksam zugehört hat, in die Augen und bemerke darin etwas. Oh, verdammt. Ich begreife sofort. Naja, also jetzt begreife ich endlich sofort: »You’re Cuban, aren’t you?«
»Yes.«
Ich kneife peinlich berĂŒhrt meine Augen zusammen, beiße mir auf die Lippen und möchte mich gerade dafĂŒr entschuldigen, dass ich so viel an ihrer Heimat kritisiert habe, als ihr Grinsen noch breiter wird und sie mir glĂŒcklich mitteilt, dass sie ihre verlorene Heimat soeben wie in einem Film vor Augen gesehen und so vieles aus ihren Erinnerungen wiedererkannt hat, wie schon lange nicht mehr. Wow, das ist rĂŒhrend. Ich blicke zu ihrem Freund, der mich anlĂ€chelt, als hĂ€tte ich gerade eine wirklich gute Tat vollbracht. Kurz darauf verabschiedet er sich und ich vertiefe mich mit Maydel, bei der ich nun offensichtlich einen Stein im Brett habe, in eine wirklich schöne Unterhaltung. Die Kubanerin mit dem regenbogenfarbenen Stirnband und dem roten Sweatshirt hat sich vor ein paar Monaten scheiden lassen und ist seitdem obdachlos. Sie fĂŒhrt anarchistische Schriften mit sich herum, glaubt auch daran, möchte sich aber nicht als Anarchistin bezeichnen. Ich erzĂ€hle ihr, dass ich morgen Fallschirmspringen werde, was sie mit einer dramatischen Geschichte aus ihrem Leben erwidert: Vor acht Jahren flog sie mit ihrer damals zweijĂ€hrigen Tochter von der West- an die OstkĂŒste, als die Maschine plötzlich abstĂŒrzte. Die Passagiere begannen zu schreien, zu beten oder zu fluchen, wohingegen ihre kleine Tochter Maydel breit angrinste: »Mama, this is a fun ride!«
Also dachte sich Maydel, dass Mutter und Tochter â€“ wenn sie nun schon sterben mĂŒssen â€“ doch wenigstens die letzten Augenblicke genießen sollten. Also hatten die beiden Spaß an ihrem Absturz, rissen die Arme in die Höhe und verhielten sich wie auf einer Achterbahn. Plötzlich gewann der Pilot wieder die Kontrolle ĂŒber die Maschine und der »fun ride« war vorbei. Sie empfiehlt mir, morgen an diese Geschichte zu denken, falls ich vor dem Sprung Angst haben sollte.
»This is a fun ride!«, wiederholt sie und lÀsst ihr schönes LÀcheln wieder aufblitzen.
Na, ich werde es versuchen. Ich bin schon gespannt, wie nervös und Ă€ngstlich ich morgen sein werde. Noch geht es, was sicherlich daran liegt, dass ich mir die Situation schlichtweg noch ĂŒberhaupt nicht vorstellen kann. Ich springe morgen aus einem Flugzeug?
Ich könnte noch Stunden mit Maydel reden, doch leider muss ich meinen Bus bekommen. Wir umarmen uns und wĂŒnschen uns gegenseitig alles Gute. Bevor ich abhaue, lasse ich sie noch wissen, dass sie morgen gegen elf Uhr einfach einmal daran denken soll, dass möglicherweise in diesem Moment ein Typ aus drei Kilometern Höhe der Erde entgegenrast und â€“ wenn er es gebacken bekommt â€“ dabei an sie und ihre Geschichte denkt. Kommt ja nicht alle Tage vor und ist doch ein Gedanke, der durchaus reizvoll erscheint. Daraufhin drĂŒckt sie mich noch einmal an sich.

Als ich im Bus sitze, setzt die DĂ€mmerung ein und fĂ€rbt die hĂŒgelige KĂŒstenlandschaft zwischen Santa Barbara und meinem neuen Ziel Ventura in ein goldenes Licht. Die Aussicht ist großartig und der Bus irgendwie putzig. So recht will das ein wenig klapprig wirkende GefĂ€hrt nicht in das reiche Bild der Stadt passen. Zudem ist der Anteil an hispanischen Passagieren weit höher als auf den Straßen. Der Bus stoppt an einer Haltestelle, die TĂŒr geht auf und Nick Nolte steigt ein. Filmfestival hin oder her, aber: What? Kann doch nicht sein. Ich fixiere den Mann genauer. Er sieht wirklich exakt wie Nick Nolte aus â€Š nur vielleicht zehn Jahre zu jung. Außerdem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass â€Š okay, wenn dann wohl am ehesten einer wie Nick Nolte. Außer mir fixiert niemand anderes den potenziellen Star, die Tumulte bleiben aus und ich rieche keinen Alkohol. Er ist es wahrscheinlich wirklich nicht.

Santa Barbara – Ventura
Coastal Express (45 Kilometer)

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Nach 70 Minuten verlasse ich den Bus in Downtown Ventura, an der Ecke Santa Clara und Oak Street. Die Mitreisenden vor und hinter mir haben mir diesen Ausstieg als Venturas zentralsten genannt. Es ist kurz vor halb sechs und die Sonne senkt sich immer tiefer. Ich will daher keine große Zeit verlieren und marschiere die California Street in Richtung Strand hinab, um meiner an der WestkĂŒste angeeigneten Sonnenuntergangssucht zu frönen.

Über eine BrĂŒcke ĂŒberquere ich den an der KĂŒste entlangfĂŒhrenden Freeway und erreiche den hĂ€sslichen, orange-gelben Plattenbau des Crowne Plaza Hotel. Ab hier beginnt der FußgĂ€ngerbereich und bei mir das GrĂŒbeln: Wo ĂŒbernachte ich heute? Ich gehe davon aus, dass Ventura nicht wesentlich preiswerter als Santa Barbara ist und mich ein Hostel pro Nacht wieder 30 Dollar aufwĂ€rts kosten wird, was bei meinen Ausgaben der nĂ€chsten Tage langsam schmerzhaft wird. In einer Mischung aus: »Geil, Sonnenuntergang!«, und: »Verdammt, was mache ich denn nun?«, lasse ich mich weiter wie eine Motte vom immer röter werdenden Licht der Sonne anziehen. Gerade als ich die Promenade erreiche, kommen mir drei angenehm erscheinende junge Menschen entgegen. Ich denke mir, dass man es ja mal probieren kann, und spreche sie höflich an: »Excuse me?«
Die drei â€“ zwei Jungs und ein MĂ€del â€“ bleiben stehen. Der LĂ€ngste von ihnen mustert mich von oben nach unten. Nicht aufdringlich, aber ich merke schon, dass er mich ein wenig unter die Lupe nimmt: lange Haare und ungestutzter Vollbart, ein schwarzer Mantel mit einem roten Stern auf der linken Schulter, ein roter Schal um den Hals, ein schwerer Rucksack auf dem RĂŒcken, fingerlose Handschuhe, völlig zerfetzte Schuhe, aus denen mindestens ein Zeh heraussteht â€Š so ganz taufrisch sehe ich nach drei Monaten nicht mehr aus.
»Do you know if there’s a hostel around here?«, stelle ich meine Frage.
»A hostel?«, fragt mich der Lange. Die drei schauen sich kurz gegenseitig fragend an, bevor sie mich mitleidvoll und kopfschĂŒttelnd angrinsen. Der Lange ergreift wieder das Wort und gibt mir die Antwort, die ich als Worst-Case-Szenario befĂŒrchtet, aber bei meinem Serendipity der letzten Monate nicht zu trĂ€umen gewagt habe: »This is Ventura. There are only hotels where a night’s between 60 and 80 bucks.«
»Oh shit.«
Der Lange mustert mich wieder kurz: »You have an accent. Where do you come from?«
»Germany.«
Es ist nicht ĂŒbertrieben, wenn ich sage, dass nur eine Sekunde seit meiner Antwort vergangen ist, als ich zum zweiten Mal am heutigen Tag in ein Augenpaar blicke, in dem vom einen auf den anderen Moment etwas passiert. Diesmal sind es die Augen des Langen. Er macht eine wischende Handbewegung und sagt: »Fuck it. You can crash at my place.«
»No way! Really?«, kommt es aus mir heraus. Das ist ja â€Š das ist doch â€Š was ist denn hier los? Serendipity rules! Rock und Roll! Yeah!
Mein Mainzer Freund Alex hat mir vor Jahren einmal gesagt, dass ich ein Buch ĂŒber mein GlĂŒck schreiben sollte. In den letzten Jahren war mir das aber bei so manchen Dingen etwas abhandengekommen. Auf dieser Reise, mein lieber Alex, scheint es wieder zurĂŒck zu sein. Vielleicht schreibe ich ja gerade unplanmĂ€ĂŸig das Antibuch fĂŒr jeden Misanthropen, Pessimisten und Depressiven dieser Welt: »Das GlĂŒck des Dennis K.«
Man möge es mir nachsehen, Freunde der Sonne, aber das, was mir in den letzten drei Monaten widerfahren ist, ist schon verrĂŒckt. In San Francisco treffe ich Ford auf der Straße, in Portland Brian, dann lerne ich Cari kennen, mit der ich bei Casey lande. Beim Trampen begegne ich Melissa und verbringe dadurch ein paar Tage in Santa Cruz. Im Schnee des Yosemite National Park treffe ich auf Rachel und Lucas, die mich nach Flagstaff einladen und jetzt, zehn Minuten nach meiner Ankunft in Ventura, begegne ich dem Langen. Ich bin auch nicht der Einzige, der die Einladung abfeiert. Sein Kollege, der ein wenig kleiner als ich ist, macht einen kleinen Satz in die Luft und klopft seinem Kumpel freudvoll und anerkennend auf die Schulter. Die Frau, die offensichtlich zum Langen gehört, steht ebenfalls mit offenem und dabei breit lĂ€chelndem Mund da. Ladies and Gentlemen, wir haben offiziell den Helden des Tages in unseren Reihen!
Der Heros streckt mir seine Hand entgegen und stellt sich vor: »Hi, I’m Scott.«
»Dennis«, erwidere ich die BegrĂŒĂŸung.
Die anderen beiden heißen Lauren und Kevin.
»Let’s go drink a beer«, schlĂ€gt Scott vor und spaziert vorneweg zum 250 Meter entfernten Pier. Bei Eric Ericsson’s kostet das Bier in der Happy Hour nur 2,50 Dollar. Scott besteht darauf, die Runde zu zahlen. Wie cool ist der denn bitte?

Scott ist 27 Jahre alt und arbeitet saisonal als Feuerwehrmann. Er bekĂ€mpft die riesigen WaldbrĂ€nde, die es auch regelmĂ€ĂŸig in unsere Nachrichten schaffen. Krass. Kevin und Scott sehen sich heute erstmals seit einem Jahr wieder. Kevin hat einen Dreitagebart und lebt als Biobauer außerhalb der Stadt auf seinem eigenen Hof. Er will expandieren und auch medizinisches Marihuana anpflanzen. Lauren ist ein blonder, hĂŒbscher Sonnenschein und doch nicht Scotts Freundin. Zumindest formulieren die zwei es so. Die beiden haben aber was miteinander. Da bin ich mir sicher.
Die Runde ist cool. Ich mag meine neuen Freunde jetzt schon. Sie fragen mich ĂŒber meine bisherige Reise aus und wollen wissen, was mich nach Ventura verschlagen hat. Ich gebe fleißig Auskunft, erzĂ€hle von meinen Abenteuern, von Ford und Cari sowie davon, wie sehr ich SonnenuntergĂ€nge lieben gelernt habe und eigentlich nur deswegen den dreien in die Arme gelaufen bin. Scott lacht und beichtet, dass er eigentlich dachte, dass ich einer der Strandjunkies sei, der sie nur nach einer Kippe anschnorren wollte. Umso erstaunlicher finde ich es, dass er nach diesem ersten Eindruck so schnell zu seiner Einladung zu sich nach Hause umgeschwenkt ist. Der Mann gefĂ€llt mir!
Scott teilt mir mit, dass er und seine Eltern noch zu Oma und Opa zum Abendessen eingeladen sind. Er verspricht mir, mich spĂ€ter anzurufen und mich abzuholen. Kevin stĂ¶ĂŸt dazwischen und kĂŒndigt an, dass er sich in der Zwischenzeit um mich kĂŒmmern wird. Das klingt doch super. Scott und Lauren verabschieden sich kurz darauf und Kevin strahlt mich an wĂ€hrend er ein Pfeifchen auspackt: »Let’s go to the beach!«
Ich verbringe gut 25 Minuten mit Kevin am Strand und rauche zwei Pfeifchen mit ihm. WĂ€hrenddessen schwĂ€rmt er mir in den allerhöchsten Tönen vom mir auch sofort unglaublich sympathischen Scott vor: Laut Kevin ist Scott einer der, vielleicht sogar der beste Surfer Venturas. Sie alle drei â€“ Kevin, Lauren und Scott â€“ surfen natĂŒrlich. Aber Scott ist der King. Dass sein Freund mich zu sich nach Hause einlĂ€dt, zeige wieder einmal die GrĂ¶ĂŸe dieses Kerls. Sie selbst sehen sich viel zu selten, bedauert er. Er kennt Scott nun aber schon lange genug, um mir versichern zu können, dass ich dem besten Menschen, dem ich ĂŒberhaupt hĂ€tte begegnen können, ĂŒber den Weg gelaufen bin. Er wird mich morgen sicherlich auch zum Flughafen bringen oder es mir auf jeden Fall sehr erleichtern, dorthin zu kommen. Ja, fett! Das wĂ€re natĂŒrlich der Hammer!
Am Horizont leuchten vier illuminierte Bohrinseln im Meer â€Š und am Strand vier rot verstrahlte Augen. Heidewitzka! Das Biogras der »Amerikanischen Riviera« hat’s in sich. Ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich den Anblick von Bohrinseln mal romantisch finden wĂŒrde. Heute Abend tue ich es. Außerdem wundere ich mich darĂŒber, wie nahe die Inseln doch sind. Habe ich denn jemals zuvor Bohrinseln live gesehen? Ich glaube nicht.
»Yeah â€ŠÂ«, stimmt mir Kevin nickend zu. Keine Ahnung zu was, aber es wird schon passen. Wenig spĂ€ter beschreibt mir Kevin, wie ich in die Downtown komme und haut ab.
Die KĂŒstenstadt ist so, wie man es sich vorstellt: Überall rennen Surferboys herum. Als ich an eine Ampel komme, nĂ€hern sich zwei Skateboarder, die zu spĂ€t bemerken, dass die FußgĂ€ngerampel rot leuchtet: »Oh fuck«, stoßen sie aus, schmeißen ihre Boards auf den Boden und brettern hochgradig lĂ€ssig ĂŒber die Straße, bevor Sekundenbruchteile spĂ€ter die Autos vorbeirauschen. Auf der anderen Seite steigen sie nicht mehr von ihren Boards ab, sondern unterhalten sich im Fahren weiter. That’s Ventura, Baby!
Die Downtown besteht offensichtlich lediglich aus der Main Street, in der kein Haus mehr als ein Obergeschoss hat. In der Main Street befindet sich außer »Things from Heaven â€“ An Angel Store« auch die 1782 gegrĂŒndete hĂŒbsche, weiße Mission, die der Namensgeber Venturas war. Offiziell heißt die 106.000-Einwohner-Stadt nĂ€mlich City of San Buenaventura. Eine Straße bergauf â€“ in der Poli Street â€“ thront die pompöse City Hall, vor der Ventura dem MissionsgrĂŒnder JunĂ­pero Serra eine Statue errichtet hat.

Nachdem ich die Straße zweimal auf und ab gelaufen bin, setze ich mich vor eine Bar, in der eine Bluesband spielt. Scott taucht irgendwann auf und sammelt den Ă€ußerst breiten Dennis ein.
Scott lebt in einer WG. Auf dem Weg dorthin frage ich ihn, ob er und Lauren nun ein Paar sind oder nicht. Er verneint es etwas halbherzig und klĂ€rt mich darĂŒber auf, dass er sich vor Kurzem erst nach neun Jahren von seiner Freundin getrennt hat. Sie waren sogar ein Jahr lang verlobt. Etwas Neues möchte oder kann er eigentlich gar nicht anfangen. Lauren sei aber großartig und er liebt die Zeit, die sie miteinander verbringen. Auf mich wirkten die beiden ebenfalls sehr harmonisch.
In der WG leben fĂŒnf oder â€“ die ewig prĂ€sente Freundin des einen mitgerechnet â€“ sechs Leute. Alle surfen. Was ’ne Überraschung. Die Clique bewohnt nur unweit der Downtown ein komplettes Haus. Im Wohnzimmer steht ein Schlagzeug. Gibt es irgendein lĂ€ssigeres Utensil, das man sich in ein WG-Wohnzimmer stellen kann? Ich wage es zu bezweifeln. Scotts Mitbewohner sind allesamt cool. Jeder begrĂŒĂŸt mich freundlich. Dummerweise kann ich mir nur die HĂ€lfte der Namen merken. Da wĂ€re zum einen das PĂ€rchen. Er ist primĂ€r Taucher. Neben dem GerĂ€tetauchen praktiziert er auch free diving â€Š und spear diving. Hm. Surfen kommt erst an zweiter Stelle. Damit ist er der große Außenseiter in der Hemlock-Street-WG. Was sowohl er als auch seine Freundin hingegen mit den anderen gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie verdammt gut aussehen. Vom Kollegen, der sein Zimmer direkt hinter der mir anvertrauten Couch hat, bekomme ich nicht viel mit. Er scheint mir der Ruhigste der sechs zu sein. Ich lerne noch Casey kennen, der in meinen Augen wie der junge Henry Rollins aussieht. Er ist ebenfalls ein ganz schönes Tier, hinterlĂ€sst aber nicht annĂ€hernd einen solch wĂŒtenden Eindruck wie die Punklegende.

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Scott fragt mich, ob ich nicht auch zum Surfen nach Ventura gekommen bin, was ich fast schon peinlich berĂŒhrt verneine: »I’ve been to Hawaii for ten weeks and I’m traveling the West Coast for three months now, but I never even managed to try it once.«
»You never surfed?«
Ich schĂŒttle mit dem Kopf.
»Well, we gotta change that«, bestimmt er und lĂ€dt mich ein, morgen frĂŒh mit ihm surfen zu gehen und mich danach zum Flughafen zu fahren. Sind nur 15 Minuten one-way, erklĂ€rt er. Überdies hat er zurzeit sowieso keine Arbeit und dementsprechend nichts zu tun. Somit kann er mir auch das Surfen beibringen und mich danach zu meinem Fallschirmsprung fahren. Was fĂŒr ein genialer Typ!
Wir sitzen in einer wirklich tollen Runde beisammen, als mit einem Mal der Strom ausfĂ€llt und wir im Dunkeln hocken. Das irritierte Schweigen wird von Casey gebrochen: »Oh yeah, sorry guys. That reminds me on something: I forgot to tell you that I got a call. We will have electricity interruptions tonight. â€“ Did anyone else get that call?«
Die Runde bricht in großes GelĂ€chter aus. Offensichtlich hat niemand sonst einen solchen Anruf erhalten. Schnell werden ein paar Kerzen ausgepackt und Scott schlĂ€gt vor, dass ich mein Notebook einschalte und der Runde »Erinnerungen« prĂ€sentiere. Schließlich habe man nicht jeden Tag Besuch von einem europĂ€ischen Filmemacher. So wird’s gemacht. Irgendwoher kommt die Info, dass der Strom bis morgen frĂŒh um sieben wegbleiben wird.
SpĂ€ter, als alle schon in ihren Betten liegen, kommt mit Steve noch der letzte Mitbewohner nach Hause, der nur mal kurz die stromlose Lage checken möchte und mit dem ich nicht viel mehr als ein: »Hi«, austausche. Dann schließe auch ich die Augen, freue mich ĂŒber diesen schon wieder großartig verlaufenen Tag, ĂŒber Scott, Kevin, Lauren, die WG und meinen morgen anstehenden Abenteuertag. Das Einzige, was mich beunruhigt, ist mein Hals, der mir seit heute schmerzt. Ich fĂŒrchte, ich habe mich erkĂ€ltet, was knapp 30 Stunden vor meinem Tauchtag natĂŒrlich ein Ă€ußerst schlechtes Timing darstellt. Zum GlĂŒck muss ich nicht auf der Straße schlafen oder 60 bis 80 Dollar fĂŒr ein Hotel blechen. Thank Scott â€Š

Quellen

Informationen zu Santa Barbara und Jack Powers: Wikipedia

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