Tag 85: Der mit den Seelöwen tanzt

Serendipity – Teil 2

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Samstag, 2. Februar 2013
Ventura – Anacapa Island – Ventura

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Der Tag auf der Spectre beginnt um sechs Uhr. Ich werde vom regen Treiben der erst am Morgen auf dem Boot erscheinenden Taucher geweckt, die ihr Gepäck im unteren Bereich des Bootes verstauen. Es ist noch dunkel als ich müde in die Kajüte hinaufklettere, in der bereits ein gutes Dutzend Taucher in ihrem Kaffee rühren. Ich schätze, dass ich so ziemlich der Einzige bin, der ohne einen Tauchpartner gekommen ist. Sobald ich ein wenig wacher bin, sollte ich mir also Gedanken machen, wie ich an einen Partner komme, der nicht erst vorgestern seinen Tauchschein gemacht hat. Unter Umständen hat die Tauchschule selbst bereits Buddyteams geplant und ich muss mir gar keinen Kopf machen. Wäre mir momentan auch am liebsten. Sechs Uhr … meine Fresse.
Viele der Taucher scheinen mir Einheimische zu sein, was fraglos von Vorteil sein dürfte. Vielleicht tauchen die alleine und meine Gruppe wird dadurch nicht so riesig. Insgesamt sind nämlich gut und gerne 30 Pressluftschnüffler an Bord. Wie viele davon Tauchlehrer von Cal Boat Diving, der organisierenden Tauchschule sind, weiß ich noch nicht. Eine Vorstellung der Crew gab es noch nicht. Lediglich die Dame, die sich um das Frühstück kümmert, ist, neben dem einen oder anderen Matrosen, der sicherlich später auch zum Tauchführer wird, als auf der Spectre arbeitend zu erkennen.

Um sieben Uhr ist die Sonne aufgegangen. Pelikane schwimmen im Hafenbecken. Einer der Tauchlehrer stellt sich kurz vor und teilt jedem Taucher mit, wo er sein Equipment findet. Kurz darauf setzt sich die Spectre in Bewegung. Über dem sich langsam entfernenden Festland liegt leichter Nebel und hinter den grünen Bergen erhebt sich noch immer gemächlich die Sonne. Großartig, denke ich mir, während ich nach Ventura blicke. Endlich wird wieder getaucht.
Meine Halsschmerzen der letzten beiden Tage sind nahezu verschwunden. Probleme sollten sie mir keine machen. Allerdings graut es mir schon etwas vor dem vermutlich ziemlich kalten Wasser.
Mein geliehener Neoprenanzug misst sieben Millimeter. Mein Anzug, mit dem ich die letzten Jahre in Spanien gearbeitet habe, war genauso dick. Das sommerliche Mittelmeer, verglichen mit dem Pazifik Anfang Februar, ist jedoch fast doppelt so warm. Zum Anzug gehören daher auch Handschuhe und eine Kopfhaube. Es wird richtig kalt, befürchte ich.

Unser Ziel ist Anacapa Island, eine Vulkaninsel, die circa 26 Kilometer südwestlich vor Ventura liegt. Anacapa ist eine der acht Channel Islands und Teil des gleichnamigen Nationalparks, zu dem fünf der Inseln und rund um ebendiese sechs Seemeilen Meer gehören. Anacapa Island besteht eigentlich aus drei Inselchen, die sich, von West nach Ost, über eine Länge von acht Kilometern Luftlinie ziehen. Acht Kilometer westlich von Anacapa liegt mit Santa Cruz Island die größte der acht Kanalinseln. Nicht nur unter Wasser scheint die Insel interessant zu sein: So lebt beispielsweise auf ihr eine Mausart, die es weltweit ausschließlich auf dieser Insel gibt. Auf sechs der acht Inseln – und nur dort – lebt der bedrohte Insel-Graufuchs. Weitere Endemiten des Nationalparks sind eine Echsen- und 20 Pflanzenarten.
Nach einer knappen Stunde bricht an Deck freudige Unruhe aus: Delfine sind auf die Spectre aufmerksam geworden und begleiten uns ein Stück des Weges. Wie es bei Delfinen üblich ist, schwimmen die lieben Tierchen dem Boot voraus, wobei sie nur wenige Dezimeter vom Bug entfernt die Richtung vorzugeben scheinen und hin und wieder aus dem Wasser springen. Ein gefundenes Fressen für jeden, der seine Kamera parat hat.

Die Tauchführer haben sich noch immer nicht zur Einteilung der Gruppen geäußert. Dementsprechend habe ich mich auch noch nicht um einen Partner bemüht, da ich keine Ahnung habe, wer überhaupt in meiner Gruppe tauchen wird. Ich denke mir, dass ich mich eben überraschen lasse, als ein weißhaariger Mann mit ebenso weißem Vollbart sowie einer fetten Kamera mit Unterwassergehäuse und daran installierten imposanten Lichtern unterm Arm auf mich zukommt.
»You don’t have a buddy yet, do you?«, fragt er mich.
»Take me! Take me!«, will es aus mir herausbrüllen. Ich behalte aber die Contenance und nicke lächelnd.
»The guys told me you’re a Divemaster.«
»Yes, I am«, nicke ich erneut.
»Well, my buddy let me down today and I need a new one.«
»Awesome!«, freue ich mich. »My name is Dennis.«
»David«, erwidert der Mittfünfziger meinen Handschlag. Das ist doch schon wieder so ein Glücksfall: Ich komme als Einziger ohne Tauchpartner und bekomme ausgerechnet einen ortsansässigen Taucher mit der dicksten Kamera und vermutlich jahrzehntelanger Taucherfahrung als Buddy. Obendrein mag ich ihn von der ersten Sekunde an: ein tiefenentspannter Kollege. Genauso, wie man sich Tauchpartner wünscht. Wunderbar. Ich frage David, ob er weiß, wer sonst noch mit uns tauchen gehen wird.
»Nobody. Just you and me.«
Es gibt keine Gruppe? Kein Stress mit Tauchanfängern, die Sand aufwirbeln und die Flasche nach einer viertel Stunde leergepumpt haben? Kein Gedränge mit sechs oder acht anderen Tauchern? Ich werde mit meinem persönlichen Kameramann als Duo umhertauchen? Wie geil ist das denn? Die Tauchschule kümmert sich ausschließlich um ihre Schüler. »Fun Diver« wie David und mich fährt man nur zum Tauchspot, überlässt sie dort aber sich selbst. Es wird lediglich vor dem Sprung ins Wasser registriert, dass man abtaucht und nach dem Tauchgang gecheckt, ob man auch wieder an Bord ist, bevor es zum nächsten Tauchplatz geht.
Gegen Viertel vor neun erreichen wir East Anacapa. Kormorane fliegen durch die Luft. Die Insel ist schroff und macht einen sehr unwohnlichen Eindruck: ein braungrauer, mit Vogelkot bedeckter Tafelberg, der bis zu 76 Meter senkrecht aus dem Meer gewachsen ist. Auf dem Felsen steht seit 1932 ein weißer Leuchtturm. Neben dem Leuchtturm ist das auffälligste Merkmal der Insel der Arch Rock, eine natürliche, steinerne und zwölf Meter hohe Brücke, die sich direkt neben der Insel im Meer befindet.

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Kurz vor neun springen David und ich ins kühle Nass. Oh ja, es ist kühl … nein, kalt. Und ich frage mich, wie ich drei Tauchgänge überstehen soll, die voraussichtlich je 45 bis 60 Minuten dauern dürften – für Warmwassertaucher wie mich eine echte Belastungsprobe.
Es geht hinab. Tief hinab geht es nicht, was mir aufgrund der Wassertemperatur von knapp 13 °C allerdings schnurz ist. Ich versuche, weniger Gedanken an die Kälte zu verlieren, und stattdessen das zu genießen, was mir die Unterwasserwelt in diesem Teil der Erde bietet. Da wird schließlich gerade ein kleiner Traum wahr: Ich tauche durch die berühmten Kelpwälder Kaliforniens! Ja, ich bin umgeben von Pflanzen, die, dicht nebeneinander, vom Grund des Meeres bis an die Wasseroberfläche wachsen. Der Tangwald ist ein idealer Lebensraum für Fische, wirbellose Tiere und selbst für so manch eine Vogelart. Dank der Artenvielfalt können Tangwälder als Regenwälder der Meere bezeichnet werden, in denen Biologen noch heute unentdeckte Arten, primär Mikroorganismen, entdecken. Wie bei Bäumen teilt sich der Aufbau einer Großalge in drei Teile, die jeweils von verschiedenen Lebewesen benötigt werden. An der Oberfläche schwimmen die blattähnlichen Wedel, darunter streckt sich der biegsame Stängel und Bodenhaftung bieten die Rhizoide: Wurzeln, die keine wirklichen Wurzeln sind und deren primäre Aufgabe die Verankerung ist.
Es ist toll durch die Algen zu tauchen und erinnert tatsächlich in mehreren Facetten an einen Waldspaziergang. Das Licht bricht sich in Wasser und Blattwerk und je tiefer wir tauchen – es werden gerade einmal acht Meter – desto düsterer wird es.
Unmittelbar vor dem Tauchgang an der Cathedral Cove kündigte David an, dass er auch mich gerne fotografieren möchte. Wenn es soweit ist, wies er mich ein, soll ich auf keinen Fall in die Kamera, sondern daran vorbeischauen. Das sieht professioneller und eleganter aus, fügte er an. Ich weiß nicht, ob er mir dies mitteilte, damit ich mich am Riemen reiße und ihm nicht nach spätestens 20 Minuten entnervt auf die Schulter tippe. Ich muss mich auch wirklich in Geduld üben, denn David fotografiert und fotografiert und fotografiert. Für jedes einzelne Foto muss er sich natürlich in Stellung bringen, die Kamera konfigurieren und gegen die Dünung ankämpfend ein scharfes Foto hinbekommen. Das dauert dementsprechend lange und lässt mich mehr und mehr frieren. Schön ist es dennoch: David hat selbstverständlich ein gutes Auge und kann mir einige schwere Hummer zeigen. Die zahlenmäßig herausstechenden Bewohner des Kelpwaldes dürften die mannigfaltigen Schnecken sein, die wirklich überall farbenfroh an den Blättern und Felsen hängen. Wir begegnen unter anderem dem Garibaldifisch, dem strahlend orangefarbenen state fish Kaliforniens. Nach 53 Minuten beenden wir den ersten Tauchgang. Von den angekündigten Seelöwen bekommen wir leider keine zu sehen. Andere Teams hingegen waren glücklicher. Vielleicht haben die sich auch nur weiter wegbewegt als David und ich.

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Der nächste Tauchspot befindet sich auf der anderen Seite der Insel und heißt Sea Lion Beach. Das klingt doch schon mal super. Als wir am Tauchplatz ankommen, stellt sich heraus, dass der Name Programm ist: Am gut und gerne 200 Meter langen Strand liegen ungelogen Hunderte Seelöwen. Unser Käpt’n stellt sich an den Bug, lächelt uns vorfreudige Taucher an und klopft plötzlich lautstark mit einem großen Metallstab gegen den eisernen Anker. Mit einem Male recken die Seelöwen ihre Hälse, fallen in ein ohrenbetäubendes Heulkonzert, robben schnellstmöglich aufs Meer zu und schießen torpedogleich unter die Wasseroberfläche. Von diesem Schauspiel so eingenommen, überprüfe ich nicht, ob ich der Einzige bin, der mit offenem Mund dasteht.

»Have fun«, sehe ich noch den Captain grinsen, bevor ich mir die Flasche auf den Rücken wuchte und mit noch viel größerer Freude ins Meer springe. Unter Wasser wird das Realität, was ich mir beim Anblick der ins Wasser jagenden Seelöwen erhofft habe: Sie sind überall und nicht minder neugierig als ich. David schießt wieder fleißig Fotos, was bei diesem Tauchgang natürlich absolut großartig ist! Ich spiele mit den neugierigen Tieren, indem ich versuche, stets in den größtmöglichen Schwarm hineinzuschwimmen und ihnen so nahe wie nur möglich zu kommen. Es ist ein riesiger Spaß! Die am Lande so schwerfällig wirkenden Robben schießen wie Raketen durchs Wasser und hinterlassen dabei eine Spur von Luftblasen. Sie drehen und verrenken sich, schießen in sämtliche Richtungen und beäugen mich dabei von allen Seiten. Nicht selten komme ich ihnen so nahe, dass ich – wäre ich so schnell wie sie – nach ihnen greifen könnte. Ab und an fletscht eines der Tiere kurz mit den Zähnen, was gefährlicher klingt und aussieht, als es vermutlich ist. Angst, dass eines der Tiere tatsächlich zubeißt, bekomme ich nicht. Viel zu ausgelassen wirkt der Tanz. Es kommt mir schon fast so vor, als wollten die Seelöwen uns in ihrem Refugium begrüßen. Außer den Seelöwen gibt es an diesem Tauchplatz auch nichts weiter zu sehen. Der Boden ist sandig, Felsen oder gar ein Riff gibt es nicht. Nur hier und da wächst ein wenig Kelp. Dieser Tauchgang besteht vielmehr aus Sport denn der üblichen meditativen Ruhe, womit auch die Wassertemperatur zu ertragen ist. 42 Minuten lang wirbele ich mit den Löwen durchs maximal sieben Meter tiefe Wasser und bin doch sehr beseelt, als die Reise ins Reich der Seelöwen endet. Was für ein Erlebnis!

Ich frage David, ob er mir die Fotos der heutigen Tauchgänge zur Verfügung stellen mag. Er stimmt wie selbstverständlich zu, weshalb ich ihm im Stillen auch »erlaube«, beim dritten Tauchgang wieder in aller Ruhe draufloszuknipsen.

Video


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Um halb eins tauchen wir an der Landing Cove zum dritten und letzten Mal. Der Tauchplatz ähnelt der Cathedral Cove. Diesmal geht es dafür auf 14 Meter Tiefe. Es ist bitterkalt, weshalb ich nicht unglücklich bin, als David und ich nach 37 Minuten beschließen, den Tauchgang zu beenden. Für das letzte Foto drückt David mir unerwartet seine Kamera in die Hand. Na, es ist mir eine Ehre, denke ich mir und amüsiere mich darüber, wie bewusst David nicht in die Kamera schaut.

Wieder an Bord entledige ich mich schnellstens des nassen Neoprens und springe mit sieben anderen in die glücklicherweise vorhandene heiße Wanne.

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Am Hafen haben sich die Konföderierten breitgemacht. Oder sind das die Yankees? Schwer zu sagen. Auf alle Fälle spazieren David, die Schubkarre, die er sich von der Spectre geliehen hat, um sein Equipment zu seinem Auto zu transportieren, und ich an einer Wiese voll historisch gekleideter Soldaten und Zivilisten vorbei. Sie haben Zelte errichtet und sogar eine Kanone angeschleppt. Eine erlebbare Geschichtsstunde.

David bietet mir an, mich nach Hause zu fahren. Ich lehne dankend ab, da ich mit Scott und Lauren den Deal habe, Lauren auf ihrem Arbeitsplatz, dem Brophy Bros. Restaurant, hier im Hafen zu treffen. Auf der Suche nach dem Restaurant begegne ich dem sechsjährigen Captain Jack Sparrow und weiteren Piraten, die im Gegensatz zu ihrem Captain bereits in gestandenem Mannesalter sind.

An einer dieser, an Touristenorten üblichen Fotowände, durch die man seinen Kopf steckt, um Teil einer bescheuerten Szene zu werden, treffe ich auf drei Frauen, die sich lauthals schlapplachen. Es handelt sich um ein Schwesterpärchen um die 50 und deren 70- bis 80-jährige Mutter. Auslöser der Freude ist besagte Fotowand, durch die die Ladys abwechselnd ihre Köpfe stecken. Da mich die Spectre ganze zwei Stunden früher als angekündigt wieder zum Hafen gebracht hat, setze ich mich auf eine der Parkbänke und beobachte das Treiben. Nach einer Weile – mittlerweile lache ich herzlich mit, da die drei wirklich lustig sind – frage ich schließlich, welche der drei Damen mir die Ehre erweist, mit mir für meine Kamera zu posieren. Kelley, eine der Töchter, ist sofort Feuer und Flamme und stellt sich mit mir hinter die Wand.
»Who do you wanna be?«, fragt sie mich.
»The mermaid of course!«
Und so kommt es, dass ich zur bärtigen Meerjungfrau werde, die Kelley als Taucherin im Arm hält. Romantisch.

»Let’s go to the soldiers«, schlägt Kelley ihrer Mutter vor und greift wie ihre Schwester einen Arm der alten Frau.
»Not if they’re Yankees!«, meckert die Alte und bringt ihre Töchter damit zum Lachen. Ich denke mir nur meinen Teil und verabschiede mich.
Ich finde Laurens Restaurant, möchte sie, die noch eine halbe Stunde zu arbeiten hat, aber nicht unnötig nervös machen. Daher setze ich mich bis 17 Uhr in einen Patio und verdrücke den Rest meines köstlichen Lunchpakets. Im Restaurant umarmt mich Lauren zur Begrüßung und meint, dass ich hungrig sein müsste. Ich würde zwar noch was reinbekommen, bin mir aber bewusst, dass ich nach wie vor keinen Zugriff auf mein Geld habe. Daher lehne ich dankend ab, was Lauren nicht akzeptieren möchte und mir im Fischrestaurant einen Salat und ein Bier auf Kosten des Hauses spendiert. Im Hafen knallt es plötzlich. Ein historisches Segelschiff kommt an und feuert Salutschüsse ab. Na, hier ist was los.

Danach fahren Lauren und ich zum Strand, da sie von der Straße aus bereits erkennen konnte, dass die Wellen heute großartig zum Surfen sein müssen. Ihre Freude darüber ist dementsprechend riesig – obwohl sie keine Ausrüstung dabei hat, um die Wellen zu erobern. Alleine der Anblick des »perfect set of eight waves« versetzt sie in pure Verzückung. Natürlich muss sie Scott darüber informieren, der am Telefon ihre Begeisterung in gewohnt ruhiger Manier erwidert und Lauren zugleich in eine Mischung aus Stolz und Neid übergehen lässt … denn er kommt wenig überraschend in diesem Moment aus dem Wasser und belädt gerade seine Schrottkiste.
Wir holen Scott auf dem Parkplatz des Crowne Plaza ab, zahlen selbstredend die Parkgebühr für nur einen Wagen und fahren zurück in die WG.


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Als ich mich in der WG ins Netz einloggen möchte, bekomme ich unter anderem das Netzwerk »Secret Batcave« angezeigt. Wohnt der also auch hier. Scott meint, dass ein anderes benachbartes Netz »Sweaty Balls« heißt. Auch nicht schlecht. Ich möchte herausfinden, wie es dazu kommen konnte, dass meine Kreditkarte nicht mehr funktioniert. Kurz darauf erfahre ich, dass sie überzogen ist, weil das Mietwagenunternehmen aus Vegas mir zunächst doch 420 anstelle der 190 Dollar abgebucht hat. Großartig, ihr Idioten.
»I also made a movie«, grinst Scott auf einmal verschmitzt.
»Really? Can I see it?«
»Sure.«
Er legt eine DVD ein und erklärt, dass er die Aufnahmen während der letztjährigen Waldbrandsaison gemacht hat. Die Bilder sind unglaublich: Ich bekomme Feuerwehrleute zu sehen, die durch dickste Rauchschwaden laufen, innerlich brennende Bäume fällen und gegen eine rote Wand aus Feuer ankämpfen. Das sieht nach ultrabrutaler Arbeit unter extrem krassen Bedingungen aus. Ich mache keinen Hehl aus meiner Bewunderung, was Scotts Brust stolz anschwellen lässt.
Metalhead Steven stolziert durch die Wohnung. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, arbeitet er übrigens an seinen Muskeln. Was die Eitelkeit angeht, entspricht er von allen Bewohnern des Hauses bei Weitem am ehesten dem Bild des Standardsurfers. Gleichzeitig ist er wiederum zu düster und überzogen böse, um dem Klischee zu entsprechen. Er springt im Korridor an die Klimmzugstange, zieht sich ein paar Mal daran hoch … und rutscht plötzlich ab. Mit einem gewaltigen Schlag knallt er mit dem Rücken auf den Boden. Für einen Moment herrscht absolute Stille, bis Steven selbst sich zu Wort meldet: »Ah, fuck. I … I just fell. But, argh, I’m okay. I’m okay.«
Niemand kann sich das Grinsen verkneifen und ich glaube nach wie vor, dass auch Steven durchaus bewusst lustig klingt. Richtig schlau werde ich aus ihm jedoch noch immer nicht.
Scott und ich werden von Lauren zum Abendessen eingeladen. Sie möchte in ihrer Wohnung für uns kochen. Sie macht eine verdammt leckere Guacamole und serviert dazu Hummus und Tacos. Während wir den sehr gesund schmeckenden Gemüseteller verputzen, erzählt Scott, dass er sich nun ernsthaft überlegt, ob er nicht einen Zusatzkurs als Feuerwehrmann machen sollte, der ihm und Casey bereits angeboten wurde. Darin würde er dazu ausgebildet werden, mit einem Tank und einem Fallschirm auf dem Rücken in einen Brandherd zu springen, um diesen von innen heraus zu bekämpfen. Alter Walter! Wenig später erwähnt er beiläufig, dass er sich selbst als unfassbar langweilig empfindet, woraufhin ich ihn unterbreche: »Wait, wait wait. Scott, that’s complete bullshit. I mean … you’re one of the coolest guys I’ve ever met! You might even be on top of the list. You’re a surfer and a goddamn firefighter. You’re modest, nice to everybody, not at all arrogant. You host a complete stranger, teach him surf and jump with him out of an airplane. And you have drums in your living room! You’re not cool? Haha! You’re the definition of ›cool‹, Scott!«
Scott weiß nicht so recht, wie er reagieren soll: »Really?«, fragt er zaghaft und mit der Bescheidenheit eines Miroslav Klose. Lauren greift nach seiner Hand, strahlt zunächst mich freudig und danach Scott verliebt an: »I think so, too!«
Um die rührende Atmosphäre aufzulockern, gebe ich mein Sortiment an Hippiewitzen zum Besten. Ich erzähle auch einen, den ich noch immer nicht verstanden habe. Da ich mich vor den beiden nicht zu schämen brauche, lasse ich sie auslachen und frage dann nach: »I never got that one. Can you explain it to me?«
Daraufhin bricht das Gelächter erst richtig los, denn Scott kann es nicht fassen, dass ich einen Witz erzähle, den ich selbst nicht verstehe.
»How do you describe hippie sex? – Fucking intense.«
Ja, soweit so verständlich … aber eben überhaupt nicht lustig. Gespannt blicke ich in Scotts Augen und warte auf die Aufklärung.
»Okay«, er unterbricht, weil er wieder lachen muss. »You can understand it in two ways. You can say: ›fucking intense‹, or you can say: ›fucking – in – tents‹.«
»Ah!« – Mysterium enträtselt.
Scotts selbst auferlegte Mission ist es, vor meiner Abreise meine Bucket List abzuarbeiten. Daher checken wir online nach pogotauglichen Konzerten … und werden fündig! Im Billy O’s spielen heute bei freiem Eintritt zwei lokale Punkbands: French Exit aus Los Angeles und ¡La Vasa! aus Santa Barbara rocken zu Ehren des uns unbekannten Geburtstagskindes KG den Saloon.
Wir parken den Wagen auf dem Parkplatz hinter dem Laden. Die Bar ist gut besucht, richtig Stimmung mag aber noch nicht so wirklich aufkommen. Als die zweite Band anfängt, dreht sich Scott grinsend zu mir: »You wanna do some pogo dancing in America, right?«
»That’s how it’s written on my bucket list.«
»So let’s go!«
Kaum hat er ausgesprochen, haut er mir auch schon fast meine PBR-Dose aus der Hand und stößt mich in die nur leicht zum Rhythmus zappelnde Menge. Yeah, Baby! Auf meinem Weg zurück zu Scott und Lauren stoße ich so viele Menschen wie möglich an, schnappe mir die beiden und schon geht’s los. Scott und ich haben dummerweise gleichzeitig die Idee Lauren anzutanzen, weswegen wir sie gleich wieder zwischen den Barhockern hochziehen müssen. Sah brutaler aus, als es tatsächlich war. Lauren schreit entzückt auf, reißt ihre Arme hoch und haut uns beide weg. Das ist dann auch gleich eine Art Startschuss für den Rest der Kneipe: Binnen weniger Sekunden prügeln sich 30 bis 40 Menschen zum Takt der Musik. Scott, Lauren und ich haben den Pogo in die Hütte gebracht, der auch bis zum Ende der Show nicht mehr abebbt: umgeschmissene Lautsprecher und Mikrofonständer, Stagediving und Bierduschen. Eine davon geht auf meine Kappe, als mir eine meiner Dosen aus der Hand gehauen wird. Das ist Punkrock und Roll!
Als die Show endet, nehme ich Lauren und Scott glücklich in die Arme. Was bin ich froh, die beiden getroffen zu haben. Bucket list accomplished.

Quellen
Informationen zu Anacapa Island und dem Channel Island National Park: Wikipedia und nps.gov
Informationen zum Kelpwald: Wikipedia

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