Tage 88 & 89: Der traurigste Passagier der Welt

Serendipity – Teil 2

2013 02 05 10.02.46

Dienstag, 5. Februar 2013
Hollywood – LAX – Amsterdam – Berlin

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An meinem letzten Morgen an der Westküste schlurfe ich zu 7-Eleven. Ich habe die Hoffnung, mithilfe meiner Kreditkarte an ein wenig Cash zu kommen, da ich für die letzten paar Stunden, die ich noch hier sein werde, keine Auszahlung an einem Geldautomaten mehr vornehmen möchte.

Mir wurde gesagt, dass dies bei 7-Eleven möglich sei, was sich leider als Fehlinformation entpuppt. Ganz umsonst ist der Spaziergang zum Markt dann allerdings doch nicht. Nein, ich bekomme noch einmal eine Show der besonderen Art zum Abschied präsentiert: Als ich gerade an der Kasse stehe, betritt ein äußerst aggressiv wirkender Typ den Laden, der eine Frau im Gepäck mit sich zieht.
»Don’t you recognize her? She’s coming here every fucking day to buy cigarettes!«, blökt er die Kassiererin unmittelbar an. Die Kassiererin mustert die Mitgeschleppte kurz und schwenkt ihren Blick irritiert wieder zurück zum Berserker. Unerwartet und kleinlaut meldet sich die angezerrte Lady zu Wort: »No, it’s the other one.«
Dabei deutet sie auf die zweite Angestellte, die nun ebenfalls eine Miene auflegt, die irgendwo zwischen groĂźer Irritation und ansetzender Panik einzuordnen ist. Bei mir setzt gleichfalls das Kopfkino ein: Zieht der Bluthund gleich eine Knarre und mäht uns alle nieder? Wäre ein super Ende fĂĽr einen Film â€¦ oder ein Buch. MĂĽsste dann eben nur wer anderes aufschreiben, was nicht das Einzige wäre, was ich an einem gewaltsamen Tod mit 29 unlustig fände.
»Don’t you recognize her? She’s coming here every fucking day! Every. Fucking. Single. Day!«, wendet sich der »Schlächter von Hollywood« an die wahre Schuldige. Oje, gleich sind wir alle tot. Und warum? Weil Kassiererin Nummer 2 irgendeine jeden Tag aufkreuzende Raucherin nicht erkennt? Jeden. Einzelnen. ScheiĂź. Tag! Wenn ich doch wenigstens kapieren wĂĽrde, weshalb ich gleich nicht mehr sein werde. Oh, du grausame Ironie des Schicksals: Serendipity, Serendipity, warum hast Du mich verlassen?
Die Schuldige spitzt zögerlich ihre Lippen. Ja, sie setzt zum Reden an. Ist das gut? Na, immerhin dürfte es zur Aufklärung der Hintergründe unserer bleigetränkten Hinrichtung beitragen. Doch es kommt nicht so weit, denn unser Mörder unterbindet ihren zaghaften Versuch der Rechtfertigung mit einer Aktion, die locker auch vom berüchtigten Bösewicht Richter Doom, der Cartoonfigur in Gestalt von Christopher Lloyd aus »Falsches Spiel mit Roger Rabbit« stammen könnte: Er streckt der Frau einen Arm entgegen, lässt seine vier Finger mehrfach und schnell hintereinander auf den Daumen klatschen und bellt dabei stakkatoartig und in einer fies hohen Tonlage: »Da, da, da, da, da, da, da!«
Er beendet seine oral ausgestoĂźene Maschinengewehrsalve, indem er wieder zurĂĽck in seine natĂĽrliche Tonlage verfällt und nahezu bedächtig lang gezogen: »Fuck. You. Fuck. You«, hinterher schiebt. Das ist so herrlich doof, dass ich immerhin mit einem Grinsen im Gesicht in die ewigen JagdgrĂĽnde eingehen werde. Ein Moment der Stille entsteht. Im filmischen Hollywood gäbe es nun drei Möglichkeiten der Fortsetzung. Entweder zieht der Killer nun seine zwei abgesägten Schrotflinten aus der Hose und ballert uns alle ĂĽber den Haufen oder aber die Kassiererin meldet sich noch einmal zu Wort, wird aber bereits in der ersten Silbe unterbrochen, da der Killer plötzlich seine zwei abgesägten Schrotflinten aus der Hose zieht und uns alle ĂĽber den Haufen ballert. Die dritte Möglichkeit wäre natĂĽrlich das unerwartete Auftauchen einer Figur Ă  la Jack Bauer oder eines Duos der Kategorie Riggs und Murtaugh. Jack Bauer wĂĽrde dem Killer entweder nonchalant ein Loch in den Schädel knallen oder ihn zunächst nur auĂźer Gefecht setzen, nach dem Verbleib seiner Frau, der Kollegin oder der Atombombe fragen und ihm dann einen Kopfschuss verpassen. Riggs wĂĽrde einen lockeren Spruch bringen, dadurch kurzzeitig Murtaugh in Gefahr bringen und den Killer schlieĂźlich doch niedermähen. Wir Geretteten wĂĽrden Riggs anstrahlen, während sich Murtaugh in SchweiĂź gebadet ein: »I’m too old for this shit«, herauspressen wĂĽrde. Happy End. Happy End? Nein, denn mit der dritten Variante rechne ich am wenigsten. Dies ist nicht die Traumfabrik Hollywood, sondern die böse Realität dieser Stadt, die sich im Haus mit der Nummer 6660 des Sunset Boulevard abspielt. Ein Happy End rĂĽckt in weite Ferne. Also kehren wir schnell wieder in die Realität zurĂĽck. ZurĂĽck in den Moment der Stille, in dem meine Augen sich wie bei einem Tischtennismatch zwischen dem Killer und der uns alle in den Tod reiĂźenden Kassiererin hin- und herbewegen. Es ist die wegen was auch immer beschuldigte Kassiererin, die die Ruhe vor dem Sturm unterbricht. Sie setzt zum Reden an, während ich innerlich in Zeitlupe bereits: »No!«, brĂĽlle und auf die Hand des Vollstreckers starre. Da bewegt sich noch nichts. Also wieder zurĂĽck zur Kassiererin, deren Mund sich öffnet. Ihre Unterlippe bewegt sich nach oben und schmiegt sich an die obere Kauleiste. Was will sie nur sagen? Schnitt. Die Zeitlupe weicht der reellen Geschwindigkeit und von der GroĂźaufnahme der Lippen schneiden wir in die Halbtotale. Links steht der bedrohliche Killer mit seiner Raucherin, rechts die beiden Ladys vom 7-Eleven.
»Fuck you, too«, entgegnet die Kassiererin trocken, woraufhin der Killer den Arm der Tante neben sich greift, die TĂĽr öffnet und den Laden mit ihr verlässt. Ende der Szene. Wir leben noch â€“ seltsamerweise. Die Kassiererinnen schalten wieder auf Arbeitsalltag um und selbst der Mann, der beinahe zum »Schlächter vom Hollywood« wurde, erscheint mir ob des Dampfablassens recht selig von dannen zu schreiten. Die tumbe Frau an seiner Seite hat meiner Beobachtung nach ganz allgemein den Schuss nicht gehört, weswegen ich an ihr keine emotionalen Veränderungen ausmachen kann.
»What the fuck?«, frage ich mich selbst, als ich den Laden verlasse. Unterstützt wird meine Verwunderung durch einen Typen, der vor mir die Straße überquert und lauthals »Asshole! Asshole!«, brüllt. Wer damit gemeint ist? Keine Ahnung. Der Mann brüllt es halt einfach. Was sind das heute nur für absurde Aggressionen? Liegt es an mir? Verbreite ich wieder meine negativen Schwingungen, weil ich keinen Bock habe, in wenigen Stunden in den Flieger zu steigen?
Als ich den Wagen, in dem Ford und ich übernachtet haben, wieder erreiche, wacht auch Ford langsam auf. Mir fiel ja gestern bereits auf, dass er schlecht aussieht. Dies bestätigt sich nun, denn der Arme fühlt sich krank. Er macht keine große Sache daraus, doch ich kann ihm deutlich ansehen, dass es ihm gar nicht gut geht. Gemeinsam machen wir uns für die Morgenwäsche und Kaffee auf den Weg zum nächsten Starbucks auf dem Hollywood Boulevard, als wir an einer Schule vorbeikommen. Eine Lautsprecheransage der weiblichen Direktorin hallt durch die Straße. Sie spricht den »Pledge of Allegiance«, das amerikanische Treuegelöbnis, welches jeden Morgen in den Schulen der USA von den Schülern abverlangt wird. Somit bekomme ich dieses zweifelhafte Phänomen amerikanischer Erziehung an meinem letzten Tag also auch noch zum ersten Mal mit. Dieser Morgen fühlt sich wahrlich strange an.

2013 02 05 08.25.07

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Als ich bei Starbucks in der Schlange vor der Toilette stehe, komme ich mit einer Frau ins Gespräch, der ich in aller Kürze meine Abschiedskassette drücke. Sie ist beeindruckt, dass es mir in den Staaten so gut gefallen hat, was mich dazu animiert, ihr Beispiele amerikanischer Freundlichkeit zu nennen. Als ich ihr gleich zu Beginn mitteile, wie toll ich es finde, dass sich einfach jeder beim Busfahrer bedankt, unterbricht sie lachend meine Ausführungen: »That has to be a West Coast thing. I’m from New York and you can believe me that no one will ever say: ›Thank you‹, to the bus driver.«
Gegen zehn Uhr heißt es Abschied nehmen. Als ich von Ford ein letztes Foto mache, bittet er mich um meine Kamera, um auch ein letztes Bild von mir zu machen. Obwohl ich lächeln möchte, spiegelt sich in diesem Foto meine ganze Traurigkeit wider. Ich finde Abschiednehmen zum Kotzen. Noch schlimmer ist es, wenn man weiß, dass man etwas erlebt hat, das man so nie mehr wiederholen kann. Ich hoffe so sehr, dass Fords Ankündigung der letzten Nacht wahr wird. Dass dies der Beginn und nicht das Ende einer wunderbaren Freundschaft ist.
»This is a friendship for a lifetime«, zitiere ich daher meinen so lieb gewonnen Freund, als wir uns ein letztes Mal fest umarmen.
»I love you, man!«, spricht mir Ford ins Ohr.
»Thank you so much for everything. Good luck, my friend. I love you, too.«
Wir lösen die Umarmung und bevor ich auch nur auf die Idee komme, die eine oder andere Träne loszulassen, schneidet Ford auch schon eine doofe Grimasse und zappelt lustig vor mir herum. Ich wünsche diesem grandiosen Menschen nur das Allerbeste.

Ich nehme an der Ecke Hollywood und Highland die Red Line zur Metro Center Station in der 7th Street. Dort wechsle ich in die Silver Line, die beim Staples Center â€“ in dem beispielsweise die Lakers und die Clippers ihre Heimspiele austragen â€“ den Untergrund verlässt und mich ĂĽberirdisch zur Harbor Freeway Station fĂĽhrt. Hier nehme ich die Green Line zur Aviation/LAX Station, von wo aus Busse die letzten Meter zum Flughafen fahren.

Als ich auf den Bus warte, fällt mir plötzlich ein, dass ich noch immer das Gras mit mir herumschleppe, das ich in Vegas in meinem Rucksack gefunden habe und dessen Herkunft ich mir noch immer nicht erklären kann. Schlau wie ich bin, bemerke ich, dass Marihuana eine jener Sachen ist, die man nicht im Rucksack haben sollte, wenn man ein Flugzeug besteigen will. Praktischerweise hat man direkt neben der Busstation eine runde Mauer errichtet, hinter der man sich sehr praktisch verstecken kann. Wahrscheinlich steht diese Mauer nur da, um Typen wie mir eine letzte Zuflucht vor dem Flughafen zu bieten. Denn kaum habe ich es mir hinter der Mauer gemütlich gemacht, gesellt sich auch schon ein Schwarzer zu mir, der sich einen Joint ansteckt.
»So this is the smoking area?«, heiße ich ihn willkommen, proste ihm mit meinem Pfeifchen zu und feuere mein schon sehr trockenes Gras an. Das Zeug ist so trocken, dass ich mich frage, ob es überhaupt Gras ist oder ob mir irgendwer Petersilie geschenkt hat. Habe ich mit irgendwem über Petersilie philosophiert? Wohl kaum. Ich komme mit dem Kollegen ins Gespräch, erkläre ihm, dass in wenigen Minuten drei der vielleicht besten Monate meines Lebens enden und ich Gras im Rucksack gefunden habe, dessen Herkunft ich mir nicht erklären kann. Währenddessen stopfe ich mir Pfeifchen Nummer drei oder vier, was den Guten sichtlich beeindruckt. Dass das Zeug überhaupt keine Wirkung mehr hat, verschweige ich ihm daher.
»I’m C-Bone Jones«, stellt er sich vor, als ich mir mein fünftes und letztes Pfeifchen reinziehe. Ich scheine C-Bone mit meinem Turbokonsum wirklich sehr zu imponieren, weswegen er seinen Rucksack aufmacht und mir seine CD »Best of C-Bone Jones« schenkt, die er vermutlich eigentlich auf der Straße Passanten verkauft: »It will be an honor for me if you take that to Germany.«
Ich bedanke mich herzlich, schĂĽttle seine Hand und lasse ihn im Gegenzug wissen, dass es mir eine Freude war, meine letzte Unterhaltung auf dieser Reise mit ihm gefĂĽhrt haben zu dĂĽrfen.

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Mein Flug hat 40 Minuten Verspätung, was den Abflug nur unnötig in die Länge zieht. Ich schwelge in den Erinnerungen der letzten Monate, werde jedoch ständig von einem äuĂźerst merkwĂĽrdigen Schmerz in der Brust abgelenkt. Was ist das denn? Klischee? Kann ich mich nun schon psychisch so runterziehen, dass mir mein Herz tatsächlich schmerzt? Das ist ja lächerlich. Der Schmerz wird mich tatsächlich noch einige Tage begleiten. Internetrecherchen ergeben, dass es sich nicht um mein Herz, sondern wahrscheinlich um den groĂźen oder kleinen Brustmuskel handelt. Ich ĂĽberlebe es auf jeden Fall.
Ich sende Cari meine letzte SMS und betrete die Maschine. Um 14:50 Uhr hebt die Maschine mit dem traurigsten Passagier der Welt an Bord ab.

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Als wir gegen Mitternacht pazifischer Zeit den europäischen Kontinent erreichen, fliegen wir dem farbenfrohen Sonnenaufgang entgegen. Europa liegt unter einer Schneedecke. Es ist kalt und grau.

Nach einem Stopp in Amsterdam fliege ich um 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Berliner Fernsehturm vorbei.

Als ich in Tegel am Gepäckband stehe, kann ich die Jungs beobachten, die das Gepäck darauf wuchten. Jetzt wundere ich mich auch nicht mehr darüber, dass ab und an Koffer komplett verbeult oder aufgeplatzt auf den Bändern liegen. Ich fahre mit dem Bus Richtung Alexanderplatz. Niemand, der das Vehikel verlässt, bedankt sich beim Fahrer. Am Hauptbahnhof halten wir ein wenig länger. Eine Frau eilt auf den Bus zu. In der einen Hand hält sie die Hand ihres Sohnes, in der anderen eine Zigarette. Schwer atmend erreicht sie die offene Tür und fragt den Fahrer, wie lange er noch stehen bleibt.
»So lange wie sie die Zijarette roochen.«
»Ach, das ist ja nett! Dann rauche ich die noch fertig«, freut sich die Frau und zieht lächelnd an ihrem Klimmstängel.
»Dann nehmense aber den nächsten Bus!«, bellt der Fahrer, verschließt mit einem Mal die Tür und fährt los. Die Frau schaut uns entsetzt hinterher und mir wird in diesem Moment eines klar: Ich bin wieder zurück.

Ende.

Tag 87   Inhaltsverzeichnis   Epilog

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