Meine Stra├čenleser-Tour ist vorerst beendet ÔÇŽ Ein Bericht.

My Tour as GermanyÔÇÖs First Street Reader Is Over for Now ÔÇŽ A Report. [In German Only]

Deutschlands erster Stra├čenleser in Alzey (31.8.2016, ┬ę Dirk Augustin)

Vielen Dank!


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Aloha!

Ich bin wieder zur├╝ck in Berlin und habe ein paar sch├Âne und schr├Ąge Tage erlebt. Ein Video-Tourtagebuch habe ich diesmal nicht gedreht. Daf├╝r berichte ich gerne schriftlich von den zur├╝ckliegenden sechs Tourtagen:

Berlin, 31. August 2016

Nachdem ich 2016 ÔÇô wie bereits berichtet ÔÇô mit einigen R├╝ckschl├Ągen und Problemen zu k├Ąmpfen hatte, hatte ich bereits die Bef├╝rchtung, in diesem Jahr keine Tour mehr starten zu k├Ânnen. Die Entscheidung dann doch wieder auf Tour zu gehen, kam sehr spontan: Meine Freundin Julia musste in Richtung Mainz, von wo aus sie mit Freunden in einen Kurzurlaub gen S├╝den aufbrechen wollte. Allerdings gab es eine Plan├Ąnderung bei ihrer Mitfahrgelegenheit, weswegen sie sich eine neue Option suchen musste, um p├╝nktlich in Mainz anzukommen. Da die Optionen allesamt nicht so wirklich geil waren, bot ich ihr an, sie nach Rheinhessen zu bringen.
Das war ungef├Ąhr zehn Stunden vor der Abfahrt, die nach zweist├╝ndigem Schlaf in aller Fr├╝he beginnt. Kotz.

Mittwoch, 31. August 2016
Alzey

Nachdem ich in der Nacht noch s├Ąmtliche Zeitungen meiner anvisierten St├Ądte angeschrieben habe, lautet mein Plan wie folgt: Ich fahre Julia nach Mainz, besuche meine Eltern in Alzey und reise als Deutschlands erster Stra├čenleser ├╝ber Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg wieder zur├╝ck nach Hause.
Als ich in Alzey ankomme, ist meine Stimme schon reichlich angeschlagen. Grandiose Voraussetzungen f├╝r die erste Stra├čenlesung in meiner rheinhessischen Heimatstadt. Aufgrund der Spontaneit├Ąt der Tour rechne ich nicht damit, allzu viele R├╝ckmeldungen von den angeschriebenen Zeitungen zu erhalten. Aber wof├╝r gibt es Facebook? Zu meiner ├ťberraschung finden tats├Ąchlich einige Alzeyer den Weg zum Ro├čmarkt, wo ich ab 17 Uhr aus ┬╗Serendipity ÔÇô Die unverhofften Gl├╝cksf├Ąlle eines Backpackers in den USA┬ź vorlese. Die Lesung macht Spa├č, ich verkaufe B├╝cher und habe nach meiner Lesung auch etwas Kleingeld in meinem ┬╗Spendenrucksack┬ź. Zwei Alzeyerinnen sind besonders cool und dr├╝cken mir nach meiner Lesung je f├╝nf Euro in die Hand. Ein: ┬╗Vielen Dank f├╝r die gute Unterhaltung┬ź, wird ebenso noch dazugegeben wie: ┬╗Eine wirklich sch├Âne Lesestimme. Da h├Ârt man gerne zu!┬ź
Und ich lese gerne vor solchen Menschen. Kleinst├Ądte! Ich glaube, meine n├Ąchste Tour wird eine reine Kleinst├Ądte-Tour.
Als ich nach der Lesung meinen Eltern und meiner Bekannten Ines erz├Ąhle, dass ich dummerweise meinen Lesehocker in Berlin stehengelassen habe, bekomme ich von Ines einen Campingstuhl geschenkt. Vielen Dank noch mal, liebe Ines! Der Stuhl war sehr hilfreich und stabil. ­čÖé

Donnerstag, 1. September 2016
M├Ânchengladbach

Ich war noch nie in Gladbach. Und ehrlich gesagt, w├╝sste ich nicht, weswegen ich (f├╝r eine Stra├čenlesung oder in meiner Freizeit) noch mal hinfahren sollte. Die Innenstadt ist unh├╝bsch und die Menschen, denen ich begegne, sind ÔÇŽ seltsam. Ich frage beispielsweise ein jugendliches P├Ąrchen, wo denn hier ein zentraler Marktplatz zu finden sei oder ein Ort, an dem viel los ist. Mit Beendigung meiner Frage sehe ich die beiden sich pl├Âtzlich in Zombies verwandeln: ┬╗├äh ÔÇŽ ├Ąh├Ą ÔÇŽ ├Ą├Ąh. Bismarckplatz?┬ź
┬╗Bismarckplatz.┬ź
┬╗├äh├Ą.┬ź
┬╗Wo ist der?┬ź
Die beiden zeigen in Zeitlupentempo in die Richtung, in die ich sowieso gerade spaziere.
┬╗Ich laufe direkt darauf zu?┬ź
┬╗Rechts. Da ÔÇŽ ├Ąh.┬ź
Der Bismarckplatz stellt sich einige Minuten sp├Ąter als ein verlassener (Park-)Platz ohne Gesch├Ąfte, aber mit zwei Bushaltestellen heraus. Toller.
Ich bin den beiden Zombie-Kids vor dem Minto-Einkaufszentrum begegnet. Der Bereich vor der Mall wirkt noch am lebendigsten in dieser Stadt. Die Lesung l├Ąuft dennoch sehr z├Ąh. Ich habe zwar den ein oder anderen Zuh├Ârer, B├╝cher kaufen oder Kleingeld loswerden, will aber offensichtlich niemand. Auch nicht der glatzk├Âpfige Anzugtr├Ąger, der das Minto verl├Ąsst und schnellen Schrittes zu mir gestapft kommt. Der will dann allerdings doch etwas von mir und teilt mir dies in herrlichstem Westf├Ąlisch mit: ┬╗Du kannst hier nicht vor dem Minto-Center einfach irgendÔÇÖne Aktion starten, Sachen verkaufen und rumpl├Ąrren. Wir haben hier Gastro! Die Leute beschweren sich!┬ź
Ja, fick du dich auch. Die Menschen, die ich in den umliegenden Caf├ęs beobachten konnte, wirkten ├╝brigens sehr entspannt und im Nachhinein ├Ąrgere ich mich, dass ich den Typen nicht einfach gefragt habe, was der B├╝rgersteig eigentlich mit dem Minto-Center zu tun hat und er sich gerne verdr├╝cken darf. Aber dann w├Ąre vermutlich das Ordnungsamt anger├╝ckt und h├Ątte mir ein Bu├čgeld reingedr├╝ckt. Naja. Gladbach? Braucht kein Mensch. Oder um es mit den Worten des weltreisenden Fotografen Patrick Wendt aus Bochum zu sagen: ┬╗Gladbach ist seelenlos und voller seltsamer Menschen. Ich w├╝sste keinen Grund, dort hinzufahren ÔÇŽ┬ź

Duisburg

Da ich ab Gladbach in gef├╝hlter Schrittgeschwindigkeit durch den Feierabendstau in den Pott juckele, erreiche ich Duisburg viel zu sp├Ąt. Zumindest denke ich das. In Wirklichkeit wird sich meine Ankunft gegen 21 Uhr aber als gro├čer Gl├╝cksgriff erweisen. Ich schlendere mit meinem vollgepackten Rucksack und meinem vor mir getragenen Schild, welches dar├╝ber aufkl├Ąrt, wer ich bin und was ich mache, durch Duisburgs Fu├čg├Ąngerzone und erreiche den K├Ânig-Heinrich-Platz. Hier ist noch einiges los. Dummerweise ist es jedoch bereits dunkel. Die Schaufenster von Karstadt beleuchten indessen die Fl├Ąche vor dem Gesch├Ąft. Optimal, denke ich mir, muss dann aber feststellen, dass ein Dreadlock-Hippie und ein Mann um die 60 und ÔÇÖner Bierflasche in der Hand den Platz bereits f├╝r sich beanspruchen und auf einer portablen Bank sitzend Musik h├Âren. Verdammt. Ich will mich gerade nach einem anderen Platz umsehen, als beide mir pl├Âtzlich hinterherrufen und -pfeifen: ┬╗Ey! Typ mit dem Schild! Wir wollen lesen, was da drauf steht! Komm her!┬ź
Als (Stra├čen-)K├╝nstler sollte man auf solch forsche Forderungen eingehen. Das wei├č ich aus Erfahrung. Nicht immer, aber doch ├Âfter als man denkt, entwickeln sich aus solchen Situationen n├Ąmlich Erlebnisse. Und diese Situation sollte sich zu genau solch einem Erlebnis entwickeln.
Es dauert keine 20 Sekunden bis ich InesÔÇÖ Campingstuhl ausklappe und mich neben die Jungs setze. Der Hippie ist ein Jahr j├╝nger als ich und seit acht Monaten auf Reisen. Als ich ihn frage, wo er herkommt, antwortet er hippiegereicht: ┬╗Das ist egal. Ich bin Weltb├╝rger und ├╝berall zu Hause.┬ź
Er nennt sich Muffin und verdingt sich ebenfalls als Stra├čenk├╝nstler. Er jongliert und schleudert bunt leuchtende Pois. Der neben Muffin sitzende Stephan ist ein weitaus ruhigerer Zeitgenosse und ein herzensguter Kerl. Wenn er den Mund aufmacht, verteilt er gerne Komplimente, singt ┬╗Schrei nach Liebe┬ź von den ├ärzten (allerdings nur ┬╗Arschloch┬ź, ansonsten singt er nur ┬╗lalala┬ź), offenbart seinem Gegen├╝ber seine Wersch├Ątzung oder nimmt ÔÇÖnen Schluck aus seiner Lidl-Plastikpulle. Die restlichen Flaschen verteilt er gro├čz├╝gig an Muffin, mich und Hartmut, den ┬╗Ketzer┬ź. Der Ketzer, 50 Jahre jung, st├Â├čt wenige Minuten nach meinem Hinsetzen zu uns. Erst denke ich, dass er Muffins Sozialarbeiter ist, der ihm Ratschl├Ąge gibt. Dann geraten der Ketzer und Stephan kurz verbal aneinander, was kurz darauf mit gro├čen Entschuldigungsbekundungen, viel Respekt und H├Âflichkeit ad acta gelegt wird. Der Ketzer ist kein Sozialarbeiter. Ich habe bis heute keine Ahnung, was der Ketzer macht. Der Ketzer ist wortgewandt und haut eine Lebensweisheit und Affirmation nach der n├Ąchsten raus. Seine Spr├╝che stammen teilweise aus B├╝chern und teilweise entspringen sie seinem eigenen Hirn. Es macht auf jeden Fall Spa├č, ihm zuzuh├Âren ÔÇô auch wenn man nicht all seine Meinungen teilt.
┬╗Ihr seid alle soweit echt okay┬ź, w├╝rde Stephan wohl sagen. Und der Ketzer w├╝rde antworten: ┬╗Wisst ihr, dass wir alle Siegertypen sind? Alle?┬ź
Muffin, den wirklich jeder in Duisburg zu kennen scheint, hatte in letzter Zeit hingegen viel Pech. Im Laufe des Abends frage ich mich immer ├Âfter, wo er denn nun herkommen mag. F├╝r mich klingt er nach typischem Ruhrpott. Allerdings bin ich in Berlin auch schon einem Saarl├Ąnder begegnet, der vor zwei Jahren in die Hauptstadt gezogen ist und nun nur noch Berlinisch redet. Was ich ├╝brigens ziemlich affig finde. Muffin macht auf mich aber nicht den Eindruck, einen Dialekt zu kopieren. Also frage ich nach und h├Âre seine Geschichte, die mit einem Seufzer beginnt: ┬╗Ach, ich habe ja gesagt, dass ich seit acht Monaten unterwegs bin. Ich komme aus Kamp-Lintfort.┬ź
┬╗Du bist aus Kamp-Lintfort?┬ź, fragt Stepahn ungl├Ąubig dazwischen.
┬╗Wo genau liegt das?┬ź, frage ich, bilde mir aber ein, bereits zu wissen, dass es tats├Ąchlich im Pott liegt.
┬╗25 Kilometer von hier.┬ź
Oh.
┬╗Ich hab ein M├Ądel kennengelernt. Wir sind dann gemeinsam nach Kroatien, was super sch├Ân war. Dann gingÔÇÖs wieder zur├╝ck nach Duisburg und gemeinsam nach Ostfriesland. War auch sch├Ân. Nur hat mein M├Ądchen dort einen anderen Typen kennengelernt und zu mir gesagt, dass ich nun alleine weiter muss. Also bin ich wieder zur├╝ck nach Duisburg, war dann noch kurz in Wiesbaden und schon wieder zur├╝ck nach Duisburg. Was ich auch mache: Ich komme immer wieder hierher zur├╝ck. Ich wei├č auch nicht, warum ich das mache. Als ich vor acht Wochen wieder hier angekommen bin, liefÔÇÖs dan total beschissen: Ich wei├č nur noch, dass ich im Zug oder am Bahnhof umgekippt bin und dann mit einer Blutvergiftung im Krankenhaus wach wurde. Aber ich mag Duisburg. Und vor allen Dingen dieser Platz. Das ist mein Platz. Ich bin jeden Tag hier und mache Stra├čenkunst. Vor ein paar Tagen habe ich hier Hunderte Kerzen aufgestellt. Ich hab aus den Kerzen das Yin-und-Yang-Zeichen gebaut. Das kam voll gut an und war total sch├Ân! Jetzt plane ich was Neues. Solange male ich die Steine an. W├Ąre das nicht geil, wenn hier jeder Stein mit Edding bemalt w├╝rde? Jeder Duisburger oder jeder, der hier vorbeikommt, kann sich hier verewigen.┬ź
┬╗Und wieso?┬ź, fragt der Ketzer.
┬╗Na, weilÔÇÖs total bunt w├Ąre und jeder was hierlassen w├╝rde.┬ź
Irgendwann loben die drei zum wiederholten Male meine Idee der Stra├čenlesung in den Himmel, bis ich schlie├člich anmerke, dass sie ja noch keinen Plan davon haben und somit nur schwer beurteilen k├Ânnen, ob ich wirklich ÔÇô wie sie gerne anf├╝gen ÔÇô ein K├╝nstler oder eher ein ziemlicher Depp bin: ┬╗Soll ich jetzt mal eine Stra├čenlesung halten?┬ź
Die drei freuen sich richtig und springen pl├Âtzlich auf: Muffin zaubert von irgendwoher pl├Âtzlich einige Decken, Stephan macht es sich direkt auf einer gem├╝tlich und der Ketzer zieht ├╝ber den Platz: ┬╗H├Ârt! H├Ârt! Der Stra├čenleser beehert uns! H├Ârt! So h├Âret doch! Kommt her und h├Ârt zu! Deutschlands erster Stra├čenleser ist in Duisburg!┬ź
Ich finde die drei so cool.
Tats├Ąchlich schaffen es der Ketzer und Muffin einige Zuh├Ârer anzuschleppen, die es sich auf den Decken bequem machen. Muffin drapiert noch seine leuchtenden Pois um meinen Spendenrucksack und schon beginnt eine sehr sch├Âne Lesung mit lachendem und applaudierendem Publikum. Inmitten der Lesung gesellt sich eine gut zehnk├Âpfige Gruppe zu uns. Die Jungs sind gut gelaunt, lachen und klatschen ├Âfter mal. So schnell wie sie gekommen sind, verschwinden sie aber auch wieder. Wie sich kurz darauf herausstellt, verschwinden die S├Ącke jedoch mit Muffins Tablet und einer Tasche des Ketzers. Wie erb├Ąrmlich Menschen doch sein k├Ânnen.
Besonders Muffin trifft der Verlust hart: ┬╗Als ich am Bahnhof umgekippt bin, wurde mir bereits meine Tasche mit meinem Laptop und massenhaft Musik geklaut. Auf dem Tablet war das letzte Bisschen Musik, das ich noch besitze. Und jetzt ist auch die weg. Verdammt, wie soll ich denn so Jonglieren? Ohne Musik?┬ź
Liebe Leser, falls Ihr einen MP3-Player oder ├ähnliches zu viel habt und es Euch demn├Ąchst nach Duisburg verschlagen sollte ÔÇŽ Muffin ist einer von den Guten. Ihr k├Ânnt diesen Aufruf auch mit dem Hashtag #Musikf├╝rMuffin supporten. Vielleicht klapptÔÇÖs ja. W├Ąre gro├čartig.
┬╗Vor ein paar Jahren bin ich noch im Anzug zur Arbeit gefahren. Da h├Ątte ich Stra├čenk├╝nstler wie dich eher Nase r├╝mpfend be├Ąugt. Aber das war nicht ich.┬ź
Ich denke, dass Muffin noch immer sucht. Und ich w├╝nsche ihm alles erdenklich Gute bei der Suche.
Der Ketzer will mich unbedingt zu sich nach Hause einladen. Nach reiflicher ├ťberlegung lehne ich das freundliche Angebot aber ab und lasse Hartmut alleine nach Hause fahren. Ich will morgen fr├╝h raus, damit ich mein straffes Programm durchziehen kann. Und der Ketzer hat bereits angek├╝ndigt, was er mir gerne alles zeigen m├Âchte. Ich h├Ątte schon Lust drauf ÔÇŽ aber ein anderes Mal. Nach Duisburg komme ich auf jeden Fall gerne wieder. Bevor er sich aufmacht, l├Ąsst mich der Ketzer noch den Spruch des Tages aus seinem Affirmationsbuch lesen und rappt (!) sein Anti-AKW-Credo. Selbstgeschrieben.
┬╗Es war super. Du bist super! Rees und Xanten, Kleve und Goch: Das ist goldener Boden f├╝r dich. Die werden dich lieben! Das sind Kulturs├Ącke von der Gutmensch-Rotwein-Fraktion. Nicht nur Kulturbeutel vonne Flaschbierabteilung. In Rees kenne ich liebe Menschen, die dir weiterhelfen. Bleib das Wochenende noch in Duisburg! Kannst jederzeit zu mir kommen. Aloha.┬ź
SprichtÔÇÖs und verschwindet. Kleinst├Ądte. Kleinst├Ądte ÔÇŽ Ich werde es auf meiner n├Ąchsten Stra├čenleser-Tour probieren.
Als ich mich von Stephan und Muffin verabschiede, wird Stephan ganz traurig: ┬╗Dennis, ich w├╝nsche mir, dass du l├Ąnger bleibst. Dass du dich wieder zu mir setzt, das w├╝nsche ich mir.┬ź
Die Situation ist r├╝hrend und ich bin versucht, Stephans Wunsch zu erf├╝llen. Doch ich wei├č, wenn ich jetzt noch ein, zwei Stunden sitzen bleibe, kann ich meinen morgigen Tagesplan in die Tonne treten. Ich dr├╝cke Stephan zum Abschied und schenke Muffin ein Exemplar von ┬╗Serendipity┬ź. Dieser kriegt sich kaum noch ein, herzt das Buch, dr├╝ckt mich und ruft mir ÔÇô als ich schon 50 Meter entfernt bin ÔÇô hinterher: ┬╗Ich habe heute vielleicht meine Musik verloren, aber ein Buch gewonnen. Danke!┬ź ÔÖą

Freitag, 2. September 2016
Essen

Ich fahre ab sofort und bis nach Berlin nur noch ├╝ber Land ÔÇô was im Ruhrgebiet auf der Strecke DuisburgÔÇôEssen hei├čt, dass ich durch M├╝lheim an der Ruhr fahre. So vermeide ich zum einen Staus und zum anderen sieht man so viel mehr von Deutschland ÔÇŽ und eben auch M├╝lheim. Bereits bei meiner ersten Etappe im Mai bin ich fast ausschlie├člich ├╝ber Land gefahren. So macht Autofahren einfach viel mehr Spa├č.
In Essen ist Markt und das ist in der Regel sehr gut f├╝r einen Stra├čenk├╝nstler. Neben dem Stand der wie passend ÔÇô Essener Zeitung ist noch Platz f├╝r mich und meinen Verst├Ąrker. Die beiden Vertreter der Zeituung bekunden auch direkt ihr Interesse an meiner Aktion. Gerade als ich mit dem Aufbau fertig bin, bl├Âkt mich eine Eisverk├Ąuferin an, deren Stand gut zehn Meter gegen├╝ber von mir steht: ┬╗Das k├Ânnen sie gleich mal wieder einpacken! Auf so etwas habe ich absolut keine Lust. Da bekomme ich Kopfschmerzen von. St├Ąndig diese Musik ÔÇŽ┬ź
┬╗Ich mache gar keine Musik.┬ź
Nach einer zweisek├╝ndigen Pause giftet sie weiter: ┬╗Was? Und was machen sie? Lesen? Will ich auch nicht. Kopfschmerzen! Gehen sie weg!┬ź
┬╗Das h├Ątten sie mir auch sagen k├Ânnen, bevor ich aufgebaut habe, oder?┬ź
┬╗Das ist doch schnell wieder eingepackt: Hauen sie ab!┬ź
Die Frau hat nat├╝rlich nicht das Recht, mich des Platzes zu verweisen. Von einer Lesung mit einer dazwischenbr├╝llenden Querulantin bekomme am Ende aber ich Kopfschmerzen, f├╝rchte ich, und baue mich 50 Meter entfernt auf. Zuvor gehe ich aber noch einmal kurz zu der Dame und richte ihr aus, dass man sein Anliegen auch respektvoll und mit Freundlichkeit kundtun kann.
┬╗Ich will ├╝berhaupt nicht mit ihnen diskutieren!┬ź
┬╗Das ist auch keine Diskussion, sondern ein Hinweis darauf, dass ein gewisser Respekt einen Menschen wesentlich sympathischer wirken l├Ąsst, sie Arschloch.┬ź
Den zweiten Teil des Satzes h├Ârt sie schon gar nicht mehr: Sie sucht das Weite. Menschen gibtÔÇÖs ÔÇŽ

Gelsenkirchen

Wer sich im Osten dar├╝ber aufregt, dass es angeblich zu viele Ausl├Ąnder in seiner/ihrer Heimat gibt, sollte einen ganz gro├čen Bogen um Gelsenkirchen machen. Was des Anklamer Angst vor Multikulti ist, ist im Pott, aber augenscheinlich speziell in Gelsenkirchen gelebte Realit├Ąt.
Wieso Anklam?
Anklam hat einen ganz miesen Ruf als Neonazistadt. Kein Wunder bei diesen Zahlen, die nur zwei Tage nach meiner Lesung im bunten Gelsenkirchen bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern zutage kamen: St├Ąrkste Partei wurde die AfD mit 26,2 % der Stimmen. Die NPD kommt auf 9,3 % und der Spitzenkandidat der AfD holt mit 30,8 % die mit Abstand meisten Erststimmen.
Aber wieso dieser Vergleich?
Jetzt kommtÔÇÖs: Der Ausl├Ąnderanteil in Anklam liegt bei sage und schreibe einem Prozent. Ein pupsekleines Prozent! Das sind 127 Ausl├Ąnder bei 12.700 Einwohnern! Und deswegen w├Ąhlen die dort Parteien wie die AfD und die NPD. Sagenhaft ÔÇŽ dumm.
In Gelsenkirchen leben rund 260.000 Menschen, wovon gut 42.000 ausl├Ąndische Wurzeln haben. Das sind circa 16 %. Nun liegen die Wahlen in Gelsenkirchen schon zwei Jahre in der Vergangenheit und die AfD hat sicherlich auch in Gelsenkirchen an Auftrieb gewonnen. Den hohen Ausl├Ąnderanteil wird es aber auch 2014 schon gegeben haben. Und siehe da: Die Malocher, Schalker, Proleten etc. w├Ąhlten zu ├╝ber 50 % die SPD. Rechtsextremisten wie die B├╝rgerbewegung [sic!] pro NRW sind bei 4 % und die rechtspopulistischen Panikmacher der AfD haben es nur zu 4,98 % geschafft ÔÇô noch ein gutes Prozent hinter den Gr├╝nen ├╝brigens. (Mittlerweile kommt die AfD in gesamt NRW laut aktueller Umfrage jedoch tragischerweise auf bis zu 12 %.)
Genug der Politik:
Kaum beginne ich zu lesen, bleibt auch schon Bernd bei mir stehen ÔÇŽ und kringelt sich vor Lachen: ┬╗Super! Was f├╝r eine Formulierung!┬ź
Der Gute kriegt sich kaum noch ein, was auch mich ab und an mal ins Mikro prusten l├Ąsst. Eine bessere Werbung kann es zudem kaum geben. Dar├╝ber hinaus wirft er mir bei jeder gelungenen Pointe mehr und mehr M├╝nzen in meinen Rucksack. Als ich zwischen zwei Kapiteln eine Pause einlege, kniet Bernd sich neben mich, stellt sich vor und erz├Ąhlt mir aus seinem Leben. Das passiert mir erstaunlicherweise ├Âfter mal. Eine Bekannte meinte, dass dies ja wohl kaum verwunderlich sei. Schlie├člich erz├Ąhle ich meinen Mitmenschen mit Mikrofon aus meinem Leben. Klar, dass manche sich dann denken: ┬╗Vielleicht h├Ârt der mir zu? Dann erz├Ąhle ich ihm jetzt meine Story.┬ź
Vielleicht sollte ich doch noch Psychologie studieren ÔÇŽ ­čśë
Ich empfehle Bernd ein vietnamesisches Restaurant, das ich nicht kenne. Er wollte es wissen! Er will weniger Fleisch essen. Wir haben ├╝brigens mit keinem Wort dar├╝ber gesprochen, dass ich vegan lebe. Just sayinÔÇÖ. Bernd, der als Putzkraft arbeitet und auf Jazz steht, will also weniger Fleisch essen. Er wei├č nur nicht so recht, wie er das anstellen soll. Falafel muss nicht sein, meint er. Also empfehle ich ihm eben den Vietnamesen gegen├╝ber meiner ┬╗Leseb├╝hne┬ź. Da gibtÔÇÖs bestimmt was Vegetarisches.
Bevor Bernd mit vegetarisch gef├╝lltem Magen zur├╝ckkehrt, mir ein Buch f├╝r ganze 15 Euro abkauft und mich zu seiner Arbeitsstelle einl├Ądt, gesellt sich ein P├Ąrchen um die 30 zu mir, h├Ârt mir zu und kniet sich wenig sp├Ąter wie Bernd neben mich. Die beiden feiern heute Hochzeitstag. Der Bruder der Braut kommt demn├Ąchst von einer Rucksackreise zur├╝ck und sie ├╝berlegt, ob mein Buch nicht das optimale Geschenk f├╝r ihn w├Ąre. Sie stellt ihrem Bruder ebendiese Frage per SMS, erh├Ąlt keine postwendende Antwort und ├╝berlegt weiter. Ihr Mann denkt weniger lange nach und beantwortet die im Raum stehende Frage, indem er mir zw├Âlf Euro in die Hand dr├╝ckt: ┬╗Na, dann schenke ich das Buch schon mal meiner Frau zum Hochzeitstag.┬ź

Bochum

Auf Bochum freue ich mich besonders, da ich nach Jahren endlich mal wieder meinen Kumpel Patrick Wendt zu Gesicht bekomme.
Patrick Wendt? Kenne ich nicht.
Solltest Du aber!
Wieso?
Weil ich ├╝ber ihn einen Artikel f├╝r das Online-Fotomagazin Kwerfeldein verfasst habe und ÔÇô der wesentlich triftigere Grund ÔÇô Patrick ein gro├čartiger Street Photographer ist.

Vom Tagträumen und Pausieren

Es ist reichlich sp├Ąt, bis Patrick und ich uns nach einer ausgiebigen Unterhaltung mit Freunden Patricks in die City aufmachen. Am sogenannten Bermudadreieck ist immer viel los. Junge Menschen, Party, Alkohol ÔÇŽ und eine B├╝hne, die frei ist. Ich baue mein Zeug auf, beginne zu lesen und werde wenige Minuten darauf auch schon wieder zum Abbruch gezwungen. Allerdings machen es die Jungs mit den orangefarbenen Crew-Shirts wesentlich cooler als die Glatze in Gladbach oder die Frau mit dem Herz aus Eis in Essen:
┬╗Es tut uns echt sowas von leid. Wir w├╝rden dir wahnsinnig gerne zuh├Âren und was wir bisher geh├Ârt haben, klingt auch echt lustig und cool. Aber unser Chef sagt leider, dass das nicht geht und du leider wieder abbauen musst.┬ź
Schade. Als ich mit dem Abbau gerade fertig werde, kommen die Jungs schnellen Schrittes wieder auf mich zu, l├Ącheln mich an und verk├╝nden, dass sie ihren Chef belabert haben und dieser zustimmt, dass ich vor der B├╝hne lesen darf. Ich finde diesen Kompromiss super und will wieder aufbauen, als Patrick auf einmal meint, dass diese Ecke f├╝r eine Lesung ja wohl eher schei├če w├Ąre: ┬╗Die sind alle besoffen. Es ist laut. Wir gehen zur Goldkante.┬ź
In die Goldkante hat Patrick mich vor Jahren schon mal gef├╝hrt. Der Laden ist cool und hat bis vor Kurzem auch Patricks Fotoserie ┬╗Daydreaming┬ź ausgestellt. Wir erreichen die Bar, als mir vor der Kneipe ein bekanntes Gesicht auff├Ąllt.
┬╗W├Âlfi, altes Haus!┬ź, begr├╝├čt Patrick den S├Ąnger der legend├Ąren Kassierer und Bochumer B├╝rgermeisterkandidat 2015. Er wurde ├╝brigens mit 7,91 % der Stimmen vierter.
┬╗Dennis, das ist der W├Âlfi von den Kassierern!┬ź, kl├Ąrt Patrick mich unn├Âtigerweise ├╝ber die Prominenz auf.
┬╗Wei├č ich┬ź, antworte ich. ┬╗Ich wollte nur keinen auf Fanboy machen.┬ź
Da Patrick W├Âlfi wohl fl├╝chtig und einen seiner Begleiter besser kennt, setzen wir uns zu ihnen an den Tisch. W├Âlfi (alias Wolfgang Wendland) findet mich, glaube ich, ganz cool. Vielleicht liegtÔÇÖs an meinem Stra├čenleser-Schild, vielleicht auch daran, dass ich nicht ausgerastet bin, ihn zu sehen und ihn auch nicht nach einem Selfie mit ihm frage ÔÇô was ein anderer Typ, der W├Âlfi ersp├Ąht ├╝brigens genau so macht: ┬╗Geil, der W├Âlfi! Foto! Bitte! Tsch├╝ss!┬ź

Hier h├Ątte ein Foto von mir und W├Âlfi von den Kassierern sein k├Ânnen ÔÇŽ

Photoshop-K├╝nstler d├╝rfen mir ihre Werke/Interpretationen dieser Begegnung sehr gerne zukommen lassen. Vielen Dank. ­čśÇ

W├Âlfi und ich unterhalten uns ganz gut. Lustigerweise stellt er mir st├Ąndig Fragen und h├Ąlt die Unterhaltung eher am Laufen als ich es tue. Irgendwann macht die Frage die Runde, ob wir noch woanders feiern gehen. Ich stehe gerade in der Bar, als W├Âlfi auf mich zukommt und mich darum bittet, ihm mitzuteilen, falls wir noch woandershin abhauen sollten. Verkehrte Welt? Nein, ziemlich cool. ├ťberhaupt ist W├Âlfi ein sehr sympathischer und kluger Mensch. Auch wenn das manch einer nicht glauben mag. Aber das sind in der Regel auch jene, die Punk einfach nicht verstanden haben. Eine Sache muss ich W├Âlfi dann aber doch noch in guter alter Fanboy-Manier mitteilen:

┬╗Der Gitarrist meiner Band hat auf dem Ruhrpott Rodeo dein Textblatt von ÔÇ║QuantenphysikÔÇ╣ gefangen. Seitdem h├Ąngt der Text an unserer Proberaumt├╝r.┬ź
W├Âlfi lacht: ┬╗Der ist aber auch schwer zu merken.┬ź
Recht hat er:

Quantenphysik

┬╗Wer von der Quantentheorie nicht schockiert ist, hat sie nicht verstanden.┬ź
(Nils Bohr)

Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh! Ah!

Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh! Ah!

Quantenphysik!
Quantenphysik!
Quan-ten-physik!

Huh, ah!
Huh, ah!
Quan-ten-phy-sik!

Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh! Ah!

Quantenphysik!
Quantenphysik!
Quan-ten-physik!

Max Planck!
Max Planck!
Max Planck!
Ja!

Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh!
Quantenphysik ÔÇŽ aouh! Ja!

Max Planck!
Max Planck!
Max Planck!
Oi!

Ich halte noch rotzbesoffen eine Lesung vor der Goldkante. Meine Zuh├Ârer sind auf einem sehr ├Ąhnlichen Level wie ich. Nach einem Kapitel schmerzen mir die Augen vom Schielen und ich mache Feierabend. Von W├Âlfi habe ich mich vergessen zu verabschieden. Aber er hat meine Visitenkarte und wei├č, dass wir die Kassierer jederzeit als Vorgruppe von 6 Gramm Caratillo willkommen hei├čen werden. H├Âh├Â.

Samstag, 3. September 2016
M├╝nster

In M├╝nster muss ich als erstes f├╝r meine Freundin ein Foto des aus der ZDF-Serie Wilsberg ber├╝hmt gewordenen Antiquariats Solder machen.

M├╝nster: Antiquariat Solder bzw. Wilsberg (3.9.2016)

Danach lese ich ohne gro├če Vorkomnisse in der Fu├čg├Ąngerzone dieser wirklich s├╝├čen Stadt.
Doch nun beginnen meine Probleme: Mein n├Ąchstes Ziel ist Bielefeld. Ich fahre stundenlang mit dem Auto durch Ostwestfalen ÔÇŽ doch ich finde die Stadt einfach nicht. Es ist zum Verr├╝cktwerden! Schlie├člich gebe ich irgendwann auf und fahre weiter nach Hannover ÔÇŽ wo ich aufgrund meiner langen Bielefeld-Suche jedoch wieder sehr sp├Ąt eintrudele.

Du willst lieber die Wahrheit lesen?
Ich bin viel zu sp├Ąt in Bochum aufgebrochen und habe in M├╝nster gem├╝tlich zu Mittag gegessen. Dann war es einfach zu sp├Ąt f├╝r Bielefeld und Hannover bekam den Vorzug, weil dort der Freund meiner Schwester lebt, den ich gerne mal besuchen wollte.
Also ich finde die Bielefeldverschw├Ârung wesentlich unterhaltsamer ÔÇŽ

Hannover

Zun├Ąchst hoffe ich, dass mir in Hannover vielleicht ├ähnliches widerf├Ąhrt wie in Duisburg. Diese Hoffnung zerschl├Ągt sich jedoch sehr schnell: In der Fu├čg├Ąngerzone ist nichts los und wegen eines Volksfests in der N├Ąhe ist der Ger├Ąuschpegel immens. Das bringt nichts. Also fahre ich zu Ralph, dem Freund meiner Schwester, und verbringe einen sehr sch├Ânen Abend mit ihm und zwei seiner Mitbewohner.

Sonntag, 4. September 2016
Braunschweig, Wolfsburg & Magdeburg

Wenn ich mal einen Manager haben sollte, muss dieser mich samstags anrufen und mich darauf aufmerksam machen, dass morgen Sonntag ist. Sonntage sind schlechte Tage f├╝r Stra├čenk├╝nstler, da in den meisten Fu├čg├Ąngerzonen sonntags einfach nichts los ist. So ergeht es mir schlie├člich auch in Braunschweig, Wolfsburg und in Magdeburg. Zudem nieselt es auch noch den halben Tag lang. Keine Menschen + Regen = keine Lesung. So einen Spa├č wie in Eisenach muss ich mir nicht noch einmal geben ÔÇŽ
Ab 1:05 Minute erz├Ąhle ich von meiner Lesung in Eisenach

Dennoch finde ich es sehr schade, da ich m├Âglichst viele St├Ądte auf meine Liste der als Stra├čenleser bereisten Orte aufnehmen m├Âchte.
Immerhin habe ich einen ganz netten Abend in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. Zun├Ąchst langweile ich mich zwar beim Fu├čballgucken in der wohl spie├čigsten Studentenkneipe, die man sich nur vorstellen kann. Danach folge ich aber der Empfehlung des freundlichen Barkeepers und lande im Szenekiez (?) am Hasselbachplatz. Hier hat zwar nur noch eine Kneipe ge├Âffnet, doch die ist ganz ulkig ÔÇŽ und hei├čt Musikkneipe Flowerpower. Eine Althippie-Band gibt ÔÇÖnen Cover-Song-Gig, w├Ąhrend ich mit einem Hardrocker ins Gespr├Ąch komme. Als dieser sich auf den Heimweg macht, sitzt pl├Âtzlich ein 21-J├Ąhriger mit Dreadlocks neben mir: ┬╗Kennst Du Wodka-Slush?┬ź
┬╗Was f├╝rÔÇÖn Ding? ÔÇô Ah! Wodka mit diesem papps├╝├čen Eiszeug?┬ź
┬╗Genau.┬ź
┬╗N├Â, klingt schrecklich.┬ź
┬╗Willste einen?┬ź
┬╗Klar.┬ź
Als wir uns den zweiten reinpfeifen, will der Barkeeper die Kneipe schlie├čen ÔÇŽ wogegen wir uns wehren.
┬╗Guck mal, der dr├╝ckt ÔÇÖnen Knopf und ratzfatz eist die Slush-Maschine komplett ein. Soll das so sein? Und wie soll das ├╝berhaupt funktionieren, wenn da Wodka drin ist?┬ź
┬╗Ja, Mann! Ist da ├╝berhaupt Wodka drin?┬ź
┬╗Der hat uns verarscht!┬ź
┬╗Ja, ey! Gib mal noch so zwei, damit wir das ├╝berpr├╝fen k├Ânnen!┬ź
Wir bekommen keine Drinks mehr.
Vor der Kneipe denke ich an morgen und verabschiede mich mit den Worten: ┬╗Ich gehe jetzt besser mal zu meinem Auto.┬ź
Im Nachhinein bin ich leicht erstaunt (oder am├╝siert) dar├╝ber, dass mein Saufkumpane mit den Worten: ┬╗Besser ist das┬ź, reagiert. Der Kollege wei├č n├Ąmlich gar nicht, dass ich als Stra├čenleser unterwegs bin und des ├ľfteren auch mal in meinem Auto penne. Ich habe es nat├╝rlich keinen Meter mehr bewegt.

Montag, 5. September 2016
Brandenburg an der Havel

Ich schlafe tats├Ąchlich auf der R├╝ckbank meines Renault Clio bis elf Uhr Mittags durch. War wohl doch Wodka im Slush.
Das wirft meinen Zeitplan jetzt nat├╝rlich ein wenig aus dem Konzept. Und heute habe ich um 17 Uhr eine Verabredung mit einer Reporterin der Potsdamer Neueste Nachrichten. Den Termin muss ich nat├╝rlich einhalten.
Ich fahre ins beschauliche Brandenburg an der Havel. Ein nedliches St├Ądtchen. Nur kann ich die Fu├čg├Ąngerzone nicht finden. Okay, da ist so ein Str├Ą├čchen, vielleicht 200 Meter lang, auf dem keine Autos, daf├╝r aber Stra├čenbahnen fahren. Aber das kann doch nicht die Stra├če Brandenburgs sein. Oder doch? Ich frage ein paar M├Ądels, wo hier die Fu├čg├Ąngerzone oder ein Marktplatz ist.
┬╗├ähm ÔÇŽ┬ź, schauen sie mich verwundert an. ┬╗Na, hier die Stra├če.┬ź
Oha.
Wie gesagt, ist die ┬╗Fu├čg├Ąngerzone┬ź eine einfache Stra├če, die f├╝r den Autoverkehr tabu ist. Es gibt einen Bordstein links und rechts, der aber nicht breiter ist als auf normalen Stra├čen. Setze ich mich da hin, kommt kein Mensch mehr an mir vorbei. Apropos Menschen: Heute ist Montag. Dennoch ist hier nichts los. Kaum einer ist hier auf der Stra├če unterwegs. Seltsam. Ich beschlie├če, erst mal zu Mittag zu essen und w├Ąhrenddessen zu ├╝berlegen, was ich nun mache.
Beim Vietnamesen stehen drei Alkis am Tresen. Einer skypt. Als ich mich an ihm vorbeidr├╝cke, fragt die Stimme aus dem Computer, wer das denn eben war, der sich am Chatpartner vorbeigedr├╝ckt hat.
┬╗Das war Deutschlands erster Stra├čenleser.┬ź
┬╗Aha.┬ź
Als ich mein Essen bekomme, ger├Ąt der Laptop-Alki ins Schw├Ąrmen: ┬╗Ick muss euch en Video zeigen. Da bekomm ick immer ÔÇÖne Putenpelle von. Dit is ein Pfarrer und der singt ÔÇ║HallelujaÔÇ╣. W├Ąhrend ÔÇÖner Trauer ÔÇŽ ├Ąh, Trauung. Also die trauern ÔÇŽ trauen sich ÔÇŽ die heiraten. Okay? Und der singt. Boah, wenn ick nur dran denke. Guck mal: Putenpelle. Jetzt schon.┬ź
Dann klickt er auf den Play-Button.

Nach dem Video wischt er sich die Tr├Ąnen aus dem Gesicht, w├Ąhrend einer der anderen Alkis st├Ąndig wiederholt: ┬╗Ja, dit is ÔÇÖne jute Stimme.┬ź
Ich habe keine Zeit f├╝r eine Lesung im leeren, aber sch├Ânen Brandenburg. Ich spaziere die Havel entlang zu meinem Auto zur├╝ck und mache mich auf den Weg zum Tourabschluss nach Potsdam.

Potsdam

In Potsdam einen erschwinglichen Parkplatz zu finden ist quasi unm├Âglich. Am preiswertesten scheint das Parkhaus des Krankenhauses zu sein. Ja, das ist tats├Ąchlich billiger als auf der Stra├če zu parken. Faszinierend.
Ich erreiche den mit der Reporterin ausgemachten Treffpunkt am Brandenburger Tor ÔÇô ja, gibtÔÇÖs auch in Potsdam ÔÇô f├╝nf Minuten zu sp├Ąt. Die Reporterin und der mitgekommene Fotojournalist sind wegen der f├╝nf Minuten schon leicht nerv├Âs. Ich stehe anscheinend dem Feierabend im Weg, der im Falle der Reporterin wohl auch erst m├Âglich ist, sobald der Artikel ├╝ber mich verfasst wurde. Wir machen uns gemeinsam auf, einen geeigneten Platz f├╝r meine Lesung zu finden. Die Reporterin h├Ątte am liebsten, dass ich mich sofort vor das Brandenburger Tor setze und loslege. Der Platz ist aber denkbar ung├╝nstig.
┬╗In der Brandenburger Stra├če ist es wesentlich besser┬ź, erkl├Ąre ich. ┬╗Vor Caf├ęs, Superm├Ąrkten oder Malls in einer m├Âglichst nicht allzu breiten Stra├če. Das sind die Orte, die f├╝r eine Stra├čenlesung geeignet sind.┬ź
Solch ein Ort befindet sich knapp 500 Meter vom Brandenburger Tor entfernt, was die beiden Journalisten nur m├Ą├čig am├╝siert. Immerhin kann mich die Reporterin auf dem Weg zu ebendiesem Platz interviewen.
Die Lesung l├Ąuft schleppend an. Die Journalistin interviewt Passanten und zieht nach gut 20 Minuten von dannen. Kaum ist sie weg, verkaufe ich zwei B├╝cher. So kannÔÇÖs gehen.

Berlin

Als ich in Berlin ankomme, hole ich Julia vom Flughafen ab. Ihr Kurzurlaub ist so vorbei wie meine Tour und in unseren Keller, in dem ich eine Kiste voll Erinnerungsst├╝cke aufbewahre, wurde eingebrochen. Geklaut wurde nichts, doch meine Erinnerungsst├╝cke liegen ├╝berall verteilt und teilweise zerst├Ârt auf dem modrigen Boden. ThatÔÇÖs life.
Und wir sind alle Siegertypen,
Dennis Knickel

Stephan:
┬╗Ich habe von dieser ganzen Religionskacke genug. Die Menschen m├╝ssen nur eines wissen und das reicht vollkommen aus: Gott hei├čt Rudi.┬ź

Ich:
┬╗V├Âller oder Dutschke?┬ź

Stephan:
┬╗Schei├čegal. Hauptsache Rudi.┬ź


Nachtrag

Wie es aussieht, gibt es doch ein gemeinsames Foto von W├Âlfi und mir. Vielen Dank an ┬╗Sonny Schwarz┬ź. ­čśÇ


Copyright

Titelbild: Dirk Augustin.
Teilen und Bearbeiten der Fotos ist nur mit ausdr├╝cklicher, schriftlicher Genehmigung des Fotografen zul├Ąssig.


Sorry, but this article is way too long to translate. ItÔÇÖs the story of my recent tour through Germany as GermanyÔÇÖs First Street Reader. You can buy my book to learn German. And then: Come back and read this story. ­čśë
Hugs
Dennis

Copyright

Cover photo: Dirk Augustin.
You are not allowed to share or edit the photos without the photographerÔÇÖs permission in written form.


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