Meine Straßenleser-Tour ist vorerst beendet 
 Ein Bericht.

My Tour as Germany’s First Street Reader Is Over for Now 
 A Report. [In German Only]

Deutschlands erster Straßenleser in Alzey (31.8.2016, © Dirk Augustin)


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Aloha!

Ich bin wieder zurĂŒck in Berlin und habe ein paar schöne und schrĂ€ge Tage erlebt. Ein Video-Tourtagebuch habe ich diesmal nicht gedreht. DafĂŒr berichte ich gerne schriftlich von den zurĂŒckliegenden sechs Tourtagen:

Berlin, 31. August 2016

Nachdem ich 2016 – wie bereits berichtet – mit einigen RĂŒckschlĂ€gen und Problemen zu kĂ€mpfen hatte, hatte ich bereits die BefĂŒrchtung, in diesem Jahr keine Tour mehr starten zu können. Die Entscheidung dann doch wieder auf Tour zu gehen, kam sehr spontan: Meine Freundin Julia musste in Richtung Mainz, von wo aus sie mit Freunden in einen Kurzurlaub gen SĂŒden aufbrechen wollte. Allerdings gab es eine PlanĂ€nderung bei ihrer Mitfahrgelegenheit, weswegen sie sich eine neue Option suchen musste, um pĂŒnktlich in Mainz anzukommen. Da die Optionen allesamt nicht so wirklich geil waren, bot ich ihr an, sie nach Rheinhessen zu bringen.
Das war ungefĂ€hr zehn Stunden vor der Abfahrt, die nach zweistĂŒndigem Schlaf in aller FrĂŒhe beginnt. Kotz.

Mittwoch, 31. August 2016
Alzey

Nachdem ich in der Nacht noch sĂ€mtliche Zeitungen meiner anvisierten StĂ€dte angeschrieben habe, lautet mein Plan wie folgt: Ich fahre Julia nach Mainz, besuche meine Eltern in Alzey und reise als Deutschlands erster Straßenleser ĂŒber Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg wieder zurĂŒck nach Hause.
Als ich in Alzey ankomme, ist meine Stimme schon reichlich angeschlagen. Grandiose Voraussetzungen fĂŒr die erste Straßenlesung in meiner rheinhessischen Heimatstadt. Aufgrund der SpontaneitĂ€t der Tour rechne ich nicht damit, allzu viele RĂŒckmeldungen von den angeschriebenen Zeitungen zu erhalten. Aber wofĂŒr gibt es Facebook? Zu meiner Überraschung finden tatsĂ€chlich einige Alzeyer den Weg zum Roßmarkt, wo ich ab 17 Uhr aus »Serendipity – Die unverhofften GlĂŒcksfĂ€lle eines Backpackers in den USA« vorlese. Die Lesung macht Spaß, ich verkaufe BĂŒcher und habe nach meiner Lesung auch etwas Kleingeld in meinem »Spendenrucksack«. Zwei Alzeyerinnen sind besonders cool und drĂŒcken mir nach meiner Lesung je fĂŒnf Euro in die Hand. Ein: »Vielen Dank fĂŒr die gute Unterhaltung«, wird ebenso noch dazugegeben wie: »Eine wirklich schöne Lesestimme. Da hört man gerne zu!«
Und ich lese gerne vor solchen Menschen. KleinstÀdte! Ich glaube, meine nÀchste Tour wird eine reine KleinstÀdte-Tour.
Als ich nach der Lesung meinen Eltern und meiner Bekannten Ines erzĂ€hle, dass ich dummerweise meinen Lesehocker in Berlin stehengelassen habe, bekomme ich von Ines einen Campingstuhl geschenkt. Vielen Dank noch mal, liebe Ines! Der Stuhl war sehr hilfreich und stabil. 🙂

Donnerstag, 1. September 2016
Mönchengladbach

Ich war noch nie in Gladbach. Und ehrlich gesagt, wĂŒsste ich nicht, weswegen ich (fĂŒr eine Straßenlesung oder in meiner Freizeit) noch mal hinfahren sollte. Die Innenstadt ist unhĂŒbsch und die Menschen, denen ich begegne, sind â€Š seltsam. Ich frage beispielsweise ein jugendliches PĂ€rchen, wo denn hier ein zentraler Marktplatz zu finden sei oder ein Ort, an dem viel los ist. Mit Beendigung meiner Frage sehe ich die beiden sich plötzlich in Zombies verwandeln: Ȁh â€Š Ă€hĂ€ â€Š ÀÀh. Bismarckplatz?«
»Bismarckplatz.«
ȀhĂ€.«
»Wo ist der?«
Die beiden zeigen in Zeitlupentempo in die Richtung, in die ich sowieso gerade spaziere.
»Ich laufe direkt darauf zu?«
»Rechts. Da â€Š Ă€h.«
Der Bismarckplatz stellt sich einige Minuten spÀter als ein verlassener (Park-)Platz ohne GeschÀfte, aber mit zwei Bushaltestellen heraus. Toller.
Ich bin den beiden Zombie-Kids vor dem Minto-Einkaufszentrum begegnet. Der Bereich vor der Mall wirkt noch am lebendigsten in dieser Stadt. Die Lesung lĂ€uft dennoch sehr zĂ€h. Ich habe zwar den ein oder anderen Zuhörer, BĂŒcher kaufen oder Kleingeld loswerden, will aber offensichtlich niemand. Auch nicht der glatzköpfige AnzugtrĂ€ger, der das Minto verlĂ€sst und schnellen Schrittes zu mir gestapft kommt. Der will dann allerdings doch etwas von mir und teilt mir dies in herrlichstem WestfĂ€lisch mit: »Du kannst hier nicht vor dem Minto-Center einfach irgend’ne Aktion starten, Sachen verkaufen und rumplĂ€rren. Wir haben hier Gastro! Die Leute beschweren sich!«
Ja, fick du dich auch. Die Menschen, die ich in den umliegenden CafĂ©s beobachten konnte, wirkten ĂŒbrigens sehr entspannt und im Nachhinein Ă€rgere ich mich, dass ich den Typen nicht einfach gefragt habe, was der BĂŒrgersteig eigentlich mit dem Minto-Center zu tun hat und er sich gerne verdrĂŒcken darf. Aber dann wĂ€re vermutlich das Ordnungsamt angerĂŒckt und hĂ€tte mir ein Bußgeld reingedrĂŒckt. Naja. Gladbach? Braucht kein Mensch. Oder um es mit den Worten des weltreisenden Fotografen Patrick Wendt aus Bochum zu sagen: »Gladbach ist seelenlos und voller seltsamer Menschen. Ich wĂŒsste keinen Grund, dort hinzufahren â€ŠÂ«

Duisburg

Da ich ab Gladbach in gefĂŒhlter Schrittgeschwindigkeit durch den Feierabendstau in den Pott juckele, erreiche ich Duisburg viel zu spĂ€t. Zumindest denke ich das. In Wirklichkeit wird sich meine Ankunft gegen 21 Uhr aber als großer GlĂŒcksgriff erweisen. Ich schlendere mit meinem vollgepackten Rucksack und meinem vor mir getragenen Schild, welches darĂŒber aufklĂ€rt, wer ich bin und was ich mache, durch Duisburgs FußgĂ€ngerzone und erreiche den König-Heinrich-Platz. Hier ist noch einiges los. Dummerweise ist es jedoch bereits dunkel. Die Schaufenster von Karstadt beleuchten indessen die FlĂ€che vor dem GeschĂ€ft. Optimal, denke ich mir, muss dann aber feststellen, dass ein Dreadlock-Hippie und ein Mann um die 60 und ’ner Bierflasche in der Hand den Platz bereits fĂŒr sich beanspruchen und auf einer portablen Bank sitzend Musik hören. Verdammt. Ich will mich gerade nach einem anderen Platz umsehen, als beide mir plötzlich hinterherrufen und -pfeifen: »Ey! Typ mit dem Schild! Wir wollen lesen, was da drauf steht! Komm her!«
Als (Straßen-)KĂŒnstler sollte man auf solch forsche Forderungen eingehen. Das weiß ich aus Erfahrung. Nicht immer, aber doch öfter als man denkt, entwickeln sich aus solchen Situationen nĂ€mlich Erlebnisse. Und diese Situation sollte sich zu genau solch einem Erlebnis entwickeln.
Es dauert keine 20 Sekunden bis ich Ines’ Campingstuhl ausklappe und mich neben die Jungs setze. Der Hippie ist ein Jahr jĂŒnger als ich und seit acht Monaten auf Reisen. Als ich ihn frage, wo er herkommt, antwortet er hippiegereicht: »Das ist egal. Ich bin WeltbĂŒrger und ĂŒberall zu Hause.«
Er nennt sich Muffin und verdingt sich ebenfalls als StraßenkĂŒnstler. Er jongliert und schleudert bunt leuchtende Pois. Der neben Muffin sitzende Stephan ist ein weitaus ruhigerer Zeitgenosse und ein herzensguter Kerl. Wenn er den Mund aufmacht, verteilt er gerne Komplimente, singt »Schrei nach Liebe« von den Ärzten (allerdings nur »Arschloch«, ansonsten singt er nur »lalala«), offenbart seinem GegenĂŒber seine WerschĂ€tzung oder nimmt ’nen Schluck aus seiner Lidl-Plastikpulle. Die restlichen Flaschen verteilt er großzĂŒgig an Muffin, mich und Hartmut, den »Ketzer«. Der Ketzer, 50 Jahre jung, stĂ¶ĂŸt wenige Minuten nach meinem Hinsetzen zu uns. Erst denke ich, dass er Muffins Sozialarbeiter ist, der ihm RatschlĂ€ge gibt. Dann geraten der Ketzer und Stephan kurz verbal aneinander, was kurz darauf mit großen Entschuldigungsbekundungen, viel Respekt und Höflichkeit ad acta gelegt wird. Der Ketzer ist kein Sozialarbeiter. Ich habe bis heute keine Ahnung, was der Ketzer macht. Der Ketzer ist wortgewandt und haut eine Lebensweisheit und Affirmation nach der nĂ€chsten raus. Seine SprĂŒche stammen teilweise aus BĂŒchern und teilweise entspringen sie seinem eigenen Hirn. Es macht auf jeden Fall Spaß, ihm zuzuhören â€“ auch wenn man nicht all seine Meinungen teilt.
»Ihr seid alle soweit echt okay«, wĂŒrde Stephan wohl sagen. Und der Ketzer wĂŒrde antworten: »Wisst ihr, dass wir alle Siegertypen sind? Alle?«
Muffin, den wirklich jeder in Duisburg zu kennen scheint, hatte in letzter Zeit hingegen viel Pech. Im Laufe des Abends frage ich mich immer öfter, wo er denn nun herkommen mag. FĂŒr mich klingt er nach typischem Ruhrpott. Allerdings bin ich in Berlin auch schon einem SaarlĂ€nder begegnet, der vor zwei Jahren in die Hauptstadt gezogen ist und nun nur noch Berlinisch redet. Was ich ĂŒbrigens ziemlich affig finde. Muffin macht auf mich aber nicht den Eindruck, einen Dialekt zu kopieren. Also frage ich nach und höre seine Geschichte, die mit einem Seufzer beginnt: »Ach, ich habe ja gesagt, dass ich seit acht Monaten unterwegs bin. Ich komme aus Kamp-Lintfort.«
»Du bist aus Kamp-Lintfort?«, fragt Stepahn unglÀubig dazwischen.
»Wo genau liegt das?«, frage ich, bilde mir aber ein, bereits zu wissen, dass es tatsÀchlich im Pott liegt.
»25 Kilometer von hier.«
Oh.
»Ich hab ein MĂ€del kennengelernt. Wir sind dann gemeinsam nach Kroatien, was super schön war. Dann ging’s wieder zurĂŒck nach Duisburg und gemeinsam nach Ostfriesland. War auch schön. Nur hat mein MĂ€dchen dort einen anderen Typen kennengelernt und zu mir gesagt, dass ich nun alleine weiter muss. Also bin ich wieder zurĂŒck nach Duisburg, war dann noch kurz in Wiesbaden und schon wieder zurĂŒck nach Duisburg. Was ich auch mache: Ich komme immer wieder hierher zurĂŒck. Ich weiß auch nicht, warum ich das mache. Als ich vor acht Wochen wieder hier angekommen bin, lief’s dan total beschissen: Ich weiß nur noch, dass ich im Zug oder am Bahnhof umgekippt bin und dann mit einer Blutvergiftung im Krankenhaus wach wurde. Aber ich mag Duisburg. Und vor allen Dingen dieser Platz. Das ist mein Platz. Ich bin jeden Tag hier und mache Straßenkunst. Vor ein paar Tagen habe ich hier Hunderte Kerzen aufgestellt. Ich hab aus den Kerzen das Yin-und-Yang-Zeichen gebaut. Das kam voll gut an und war total schön! Jetzt plane ich was Neues. Solange male ich die Steine an. WĂ€re das nicht geil, wenn hier jeder Stein mit Edding bemalt wĂŒrde? Jeder Duisburger oder jeder, der hier vorbeikommt, kann sich hier verewigen.«
»Und wieso?«, fragt der Ketzer.
»Na, weil’s total bunt wĂ€re und jeder was hierlassen wĂŒrde.«
Irgendwann loben die drei zum wiederholten Male meine Idee der Straßenlesung in den Himmel, bis ich schließlich anmerke, dass sie ja noch keinen Plan davon haben und somit nur schwer beurteilen können, ob ich wirklich â€“ wie sie gerne anfĂŒgen â€“ ein KĂŒnstler oder eher ein ziemlicher Depp bin: »Soll ich jetzt mal eine Straßenlesung halten?«
Die drei freuen sich richtig und springen plötzlich auf: Muffin zaubert von irgendwoher plötzlich einige Decken, Stephan macht es sich direkt auf einer gemĂŒtlich und der Ketzer zieht ĂŒber den Platz: »Hört! Hört! Der Straßenleser beehert uns! Hört! So höret doch! Kommt her und hört zu! Deutschlands erster Straßenleser ist in Duisburg!«
Ich finde die drei so cool.
TatsÀchlich schaffen es der Ketzer und Muffin einige Zuhörer anzuschleppen, die es sich auf den Decken bequem machen. Muffin drapiert noch seine leuchtenden Pois um meinen Spendenrucksack und schon beginnt eine sehr schöne Lesung mit lachendem und applaudierendem Publikum. Inmitten der Lesung gesellt sich eine gut zehnköpfige Gruppe zu uns. Die Jungs sind gut gelaunt, lachen und klatschen öfter mal. So schnell wie sie gekommen sind, verschwinden sie aber auch wieder. Wie sich kurz darauf herausstellt, verschwinden die SÀcke jedoch mit Muffins Tablet und einer Tasche des Ketzers. Wie erbÀrmlich Menschen doch sein können.
Besonders Muffin trifft der Verlust hart: »Als ich am Bahnhof umgekippt bin, wurde mir bereits meine Tasche mit meinem Laptop und massenhaft Musik geklaut. Auf dem Tablet war das letzte Bisschen Musik, das ich noch besitze. Und jetzt ist auch die weg. Verdammt, wie soll ich denn so Jonglieren? Ohne Musik?«
Liebe Leser, falls Ihr einen MP3-Player oder Ähnliches zu viel habt und es Euch demnĂ€chst nach Duisburg verschlagen sollte â€Š Muffin ist einer von den Guten. Ihr könnt diesen Aufruf auch mit dem Hashtag #MusikfĂŒrMuffin supporten. Vielleicht klappt’s ja. WĂ€re großartig.
»Vor ein paar Jahren bin ich noch im Anzug zur Arbeit gefahren. Da hĂ€tte ich StraßenkĂŒnstler wie dich eher Nase rĂŒmpfend beĂ€ugt. Aber das war nicht ich.«
Ich denke, dass Muffin noch immer sucht. Und ich wĂŒnsche ihm alles erdenklich Gute bei der Suche.
Der Ketzer will mich unbedingt zu sich nach Hause einladen. Nach reiflicher Überlegung lehne ich das freundliche Angebot aber ab und lasse Hartmut alleine nach Hause fahren. Ich will morgen frĂŒh raus, damit ich mein straffes Programm durchziehen kann. Und der Ketzer hat bereits angekĂŒndigt, was er mir gerne alles zeigen möchte. Ich hĂ€tte schon Lust drauf â€Š aber ein anderes Mal. Nach Duisburg komme ich auf jeden Fall gerne wieder. Bevor er sich aufmacht, lĂ€sst mich der Ketzer noch den Spruch des Tages aus seinem Affirmationsbuch lesen und rappt (!) sein Anti-AKW-Credo. Selbstgeschrieben.
»Es war super. Du bist super! Rees und Xanten, Kleve und Goch: Das ist goldener Boden fĂŒr dich. Die werden dich lieben! Das sind KultursĂ€cke von der Gutmensch-Rotwein-Fraktion. Nicht nur Kulturbeutel vonne Flaschbierabteilung. In Rees kenne ich liebe Menschen, die dir weiterhelfen. Bleib das Wochenende noch in Duisburg! Kannst jederzeit zu mir kommen. Aloha.«
Spricht’s und verschwindet. KleinstĂ€dte. KleinstĂ€dte â€Š Ich werde es auf meiner nĂ€chsten Straßenleser-Tour probieren.
Als ich mich von Stephan und Muffin verabschiede, wird Stephan ganz traurig: »Dennis, ich wĂŒnsche mir, dass du lĂ€nger bleibst. Dass du dich wieder zu mir setzt, das wĂŒnsche ich mir.«
Die Situation ist rĂŒhrend und ich bin versucht, Stephans Wunsch zu erfĂŒllen. Doch ich weiß, wenn ich jetzt noch ein, zwei Stunden sitzen bleibe, kann ich meinen morgigen Tagesplan in die Tonne treten. Ich drĂŒcke Stephan zum Abschied und schenke Muffin ein Exemplar von »Serendipity«. Dieser kriegt sich kaum noch ein, herzt das Buch, drĂŒckt mich und ruft mir â€“ als ich schon 50 Meter entfernt bin â€“ hinterher: »Ich habe heute vielleicht meine Musik verloren, aber ein Buch gewonnen. Danke!« Ăą™Â„

Freitag, 2. September 2016
Essen

Ich fahre ab sofort und bis nach Berlin nur noch ĂŒber Land â€“ was im Ruhrgebiet auf der Strecke Duisburg–Essen heißt, dass ich durch MĂŒlheim an der Ruhr fahre. So vermeide ich zum einen Staus und zum anderen sieht man so viel mehr von Deutschland â€Š und eben auch MĂŒlheim. Bereits bei meiner ersten Etappe im Mai bin ich fast ausschließlich ĂŒber Land gefahren. So macht Autofahren einfach viel mehr Spaß.
In Essen ist Markt und das ist in der Regel sehr gut fĂŒr einen StraßenkĂŒnstler. Neben dem Stand der wie passend â€“ Essener Zeitung ist noch Platz fĂŒr mich und meinen VerstĂ€rker. Die beiden Vertreter der Zeituung bekunden auch direkt ihr Interesse an meiner Aktion. Gerade als ich mit dem Aufbau fertig bin, blökt mich eine EisverkĂ€uferin an, deren Stand gut zehn Meter gegenĂŒber von mir steht: »Das können sie gleich mal wieder einpacken! Auf so etwas habe ich absolut keine Lust. Da bekomme ich Kopfschmerzen von. StĂ€ndig diese Musik â€ŠÂ«
»Ich mache gar keine Musik.«
Nach einer zweisekĂŒndigen Pause giftet sie weiter: »Was? Und was machen sie? Lesen? Will ich auch nicht. Kopfschmerzen! Gehen sie weg!«
»Das hÀtten sie mir auch sagen können, bevor ich aufgebaut habe, oder?«
»Das ist doch schnell wieder eingepackt: Hauen sie ab!«
Die Frau hat natĂŒrlich nicht das Recht, mich des Platzes zu verweisen. Von einer Lesung mit einer dazwischenbrĂŒllenden Querulantin bekomme am Ende aber ich Kopfschmerzen, fĂŒrchte ich, und baue mich 50 Meter entfernt auf. Zuvor gehe ich aber noch einmal kurz zu der Dame und richte ihr aus, dass man sein Anliegen auch respektvoll und mit Freundlichkeit kundtun kann.
»Ich will ĂŒberhaupt nicht mit ihnen diskutieren!«
»Das ist auch keine Diskussion, sondern ein Hinweis darauf, dass ein gewisser Respekt einen Menschen wesentlich sympathischer wirken lÀsst, sie Arschloch.«
Den zweiten Teil des Satzes hört sie schon gar nicht mehr: Sie sucht das Weite. Menschen gibt’s â€Š

Gelsenkirchen

Wer sich im Osten darĂŒber aufregt, dass es angeblich zu viele AuslĂ€nder in seiner/ihrer Heimat gibt, sollte einen ganz großen Bogen um Gelsenkirchen machen. Was des Anklamer Angst vor Multikulti ist, ist im Pott, aber augenscheinlich speziell in Gelsenkirchen gelebte RealitĂ€t.
Wieso Anklam?
Anklam hat einen ganz miesen Ruf als Neonazistadt. Kein Wunder bei diesen Zahlen, die nur zwei Tage nach meiner Lesung im bunten Gelsenkirchen bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern zutage kamen: StĂ€rkste Partei wurde die AfD mit 26,2 % der Stimmen. Die NPD kommt auf 9,3 % und der Spitzenkandidat der AfD holt mit 30,8 % die mit Abstand meisten Erststimmen.
Aber wieso dieser Vergleich?
Jetzt kommt’s: Der AuslĂ€nderanteil in Anklam liegt bei sage und schreibe einem Prozent. Ein pupsekleines Prozent! Das sind 127 AuslĂ€nder bei 12.700 Einwohnern! Und deswegen wĂ€hlen die dort Parteien wie die AfD und die NPD. Sagenhaft â€Š dumm.
In Gelsenkirchen leben rund 260.000 Menschen, wovon gut 42.000 auslĂ€ndische Wurzeln haben. Das sind circa 16 %. Nun liegen die Wahlen in Gelsenkirchen schon zwei Jahre in der Vergangenheit und die AfD hat sicherlich auch in Gelsenkirchen an Auftrieb gewonnen. Den hohen AuslĂ€nderanteil wird es aber auch 2014 schon gegeben haben. Und siehe da: Die Malocher, Schalker, Proleten etc. wĂ€hlten zu ĂŒber 50 % die SPD. Rechtsextremisten wie die BĂŒrgerbewegung [sic!] pro NRW sind bei 4 % und die rechtspopulistischen Panikmacher der AfD haben es nur zu 4,98 % geschafft â€“ noch ein gutes Prozent hinter den GrĂŒnen ĂŒbrigens. (Mittlerweile kommt die AfD in gesamt NRW laut aktueller Umfrage jedoch tragischerweise auf bis zu 12 %.)
Genug der Politik:
Kaum beginne ich zu lesen, bleibt auch schon Bernd bei mir stehen â€Š und kringelt sich vor Lachen: »Super! Was fĂŒr eine Formulierung!«
Der Gute kriegt sich kaum noch ein, was auch mich ab und an mal ins Mikro prusten lĂ€sst. Eine bessere Werbung kann es zudem kaum geben. DarĂŒber hinaus wirft er mir bei jeder gelungenen Pointe mehr und mehr MĂŒnzen in meinen Rucksack. Als ich zwischen zwei Kapiteln eine Pause einlege, kniet Bernd sich neben mich, stellt sich vor und erzĂ€hlt mir aus seinem Leben. Das passiert mir erstaunlicherweise öfter mal. Eine Bekannte meinte, dass dies ja wohl kaum verwunderlich sei. Schließlich erzĂ€hle ich meinen Mitmenschen mit Mikrofon aus meinem Leben. Klar, dass manche sich dann denken: »Vielleicht hört der mir zu? Dann erzĂ€hle ich ihm jetzt meine Story.«
Vielleicht sollte ich doch noch Psychologie studieren â€Š 😉
Ich empfehle Bernd ein vietnamesisches Restaurant, das ich nicht kenne. Er wollte es wissen! Er will weniger Fleisch essen. Wir haben ĂŒbrigens mit keinem Wort darĂŒber gesprochen, dass ich vegan lebe. Just sayin’. Bernd, der als Putzkraft arbeitet und auf Jazz steht, will also weniger Fleisch essen. Er weiß nur nicht so recht, wie er das anstellen soll. Falafel muss nicht sein, meint er. Also empfehle ich ihm eben den Vietnamesen gegenĂŒber meiner »LesebĂŒhne«. Da gibt’s bestimmt was Vegetarisches.
Bevor Bernd mit vegetarisch gefĂŒlltem Magen zurĂŒckkehrt, mir ein Buch fĂŒr ganze 15 Euro abkauft und mich zu seiner Arbeitsstelle einlĂ€dt, gesellt sich ein PĂ€rchen um die 30 zu mir, hört mir zu und kniet sich wenig spĂ€ter wie Bernd neben mich. Die beiden feiern heute Hochzeitstag. Der Bruder der Braut kommt demnĂ€chst von einer Rucksackreise zurĂŒck und sie ĂŒberlegt, ob mein Buch nicht das optimale Geschenk fĂŒr ihn wĂ€re. Sie stellt ihrem Bruder ebendiese Frage per SMS, erhĂ€lt keine postwendende Antwort und ĂŒberlegt weiter. Ihr Mann denkt weniger lange nach und beantwortet die im Raum stehende Frage, indem er mir zwölf Euro in die Hand drĂŒckt: »Na, dann schenke ich das Buch schon mal meiner Frau zum Hochzeitstag.«

Bochum

Auf Bochum freue ich mich besonders, da ich nach Jahren endlich mal wieder meinen Kumpel Patrick Wendt zu Gesicht bekomme.
Patrick Wendt? Kenne ich nicht.
Solltest Du aber!
Wieso?
Weil ich ĂŒber ihn einen Artikel fĂŒr das Online-Fotomagazin Kwerfeldein verfasst habe und â€“ der wesentlich triftigere Grund â€“ Patrick ein großartiger Street Photographer ist.

Vom TagtrÀumen und Pausieren

Es ist reichlich spĂ€t, bis Patrick und ich uns nach einer ausgiebigen Unterhaltung mit Freunden Patricks in die City aufmachen. Am sogenannten Bermudadreieck ist immer viel los. Junge Menschen, Party, Alkohol â€Š und eine BĂŒhne, die frei ist. Ich baue mein Zeug auf, beginne zu lesen und werde wenige Minuten darauf auch schon wieder zum Abbruch gezwungen. Allerdings machen es die Jungs mit den orangefarbenen Crew-Shirts wesentlich cooler als die Glatze in Gladbach oder die Frau mit dem Herz aus Eis in Essen:
»Es tut uns echt sowas von leid. Wir wĂŒrden dir wahnsinnig gerne zuhören und was wir bisher gehört haben, klingt auch echt lustig und cool. Aber unser Chef sagt leider, dass das nicht geht und du leider wieder abbauen musst.«
Schade. Als ich mit dem Abbau gerade fertig werde, kommen die Jungs schnellen Schrittes wieder auf mich zu, lĂ€cheln mich an und verkĂŒnden, dass sie ihren Chef belabert haben und dieser zustimmt, dass ich vor der BĂŒhne lesen darf. Ich finde diesen Kompromiss super und will wieder aufbauen, als Patrick auf einmal meint, dass diese Ecke fĂŒr eine Lesung ja wohl eher scheiße wĂ€re: »Die sind alle besoffen. Es ist laut. Wir gehen zur Goldkante.«
In die Goldkante hat Patrick mich vor Jahren schon mal gefĂŒhrt. Der Laden ist cool und hat bis vor Kurzem auch Patricks Fotoserie »Daydreaming« ausgestellt. Wir erreichen die Bar, als mir vor der Kneipe ein bekanntes Gesicht auffĂ€llt.
»Wölfi, altes Haus!«, begrĂŒĂŸt Patrick den SĂ€nger der legendĂ€ren Kassierer und Bochumer BĂŒrgermeisterkandidat 2015. Er wurde ĂŒbrigens mit 7,91 % der Stimmen vierter.
»Dennis, das ist der Wölfi von den Kassierern!«, klĂ€rt Patrick mich unnötigerweise ĂŒber die Prominenz auf.
»Weiß ich«, antworte ich. »Ich wollte nur keinen auf Fanboy machen.«
Da Patrick Wölfi wohl flĂŒchtig und einen seiner Begleiter besser kennt, setzen wir uns zu ihnen an den Tisch. Wölfi (alias Wolfgang Wendland) findet mich, glaube ich, ganz cool. Vielleicht liegt’s an meinem Straßenleser-Schild, vielleicht auch daran, dass ich nicht ausgerastet bin, ihn zu sehen und ihn auch nicht nach einem Selfie mit ihm frage â€“ was ein anderer Typ, der Wölfi erspĂ€ht ĂŒbrigens genau so macht: »Geil, der Wölfi! Foto! Bitte! TschĂŒss!«

Hier hĂ€tte ein Foto von mir und Wölfi von den Kassierern sein können â€Š

Photoshop-KĂŒnstler dĂŒrfen mir ihre Werke/Interpretationen dieser Begegnung sehr gerne zukommen lassen. Vielen Dank. 😀

Wölfi und ich unterhalten uns ganz gut. Lustigerweise stellt er mir stĂ€ndig Fragen und hĂ€lt die Unterhaltung eher am Laufen als ich es tue. Irgendwann macht die Frage die Runde, ob wir noch woanders feiern gehen. Ich stehe gerade in der Bar, als Wölfi auf mich zukommt und mich darum bittet, ihm mitzuteilen, falls wir noch woandershin abhauen sollten. Verkehrte Welt? Nein, ziemlich cool. Überhaupt ist Wölfi ein sehr sympathischer und kluger Mensch. Auch wenn das manch einer nicht glauben mag. Aber das sind in der Regel auch jene, die Punk einfach nicht verstanden haben. Eine Sache muss ich Wölfi dann aber doch noch in guter alter Fanboy-Manier mitteilen:

»Der Gitarrist meiner Band hat auf dem Ruhrpott Rodeo dein Textblatt von â€șQuantenphysikâ€č gefangen. Seitdem hĂ€ngt der Text an unserer ProberaumtĂŒr.«
Wölfi lacht: »Der ist aber auch schwer zu merken.«
Recht hat er:

Quantenphysik

»Wer von der Quantentheorie nicht schockiert ist, hat sie nicht verstanden.«
(Nils Bohr)

Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh! Ah!

Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh! Ah!

Quantenphysik!
Quantenphysik!
Quan-ten-physik!

Huh, ah!
Huh, ah!
Quan-ten-phy-sik!

Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh! Ah!

Quantenphysik!
Quantenphysik!
Quan-ten-physik!

Max Planck!
Max Planck!
Max Planck!
Ja!

Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh!
Quantenphysik 
 aouh! Ja!

Max Planck!
Max Planck!
Max Planck!
Oi!

Ich halte noch rotzbesoffen eine Lesung vor der Goldkante. Meine Zuhörer sind auf einem sehr Ă€hnlichen Level wie ich. Nach einem Kapitel schmerzen mir die Augen vom Schielen und ich mache Feierabend. Von Wölfi habe ich mich vergessen zu verabschieden. Aber er hat meine Visitenkarte und weiß, dass wir die Kassierer jederzeit als Vorgruppe von 6 Gramm Caratillo willkommen heißen werden. Höhö.

Samstag, 3. September 2016
MĂŒnster

2016 09 03 WestfĂ€lische Zeitung Straßenleser kommt in die City

In MĂŒnster muss ich als erstes fĂŒr meine Freundin ein Foto des aus der ZDF-Serie Wilsberg berĂŒhmt gewordenen Antiquariats Solder machen.

MĂŒnster: Antiquariat Solder bzw. Wilsberg (3.9.2016)

Danach lese ich ohne große Vorkomnisse in der FußgĂ€ngerzone dieser wirklich sĂŒĂŸen Stadt.
Doch nun beginnen meine Probleme: Mein nĂ€chstes Ziel ist Bielefeld. Ich fahre stundenlang mit dem Auto durch Ostwestfalen â€Š doch ich finde die Stadt einfach nicht. Es ist zum VerrĂŒcktwerden! Schließlich gebe ich irgendwann auf und fahre weiter nach Hannover â€Š wo ich aufgrund meiner langen Bielefeld-Suche jedoch wieder sehr spĂ€t eintrudele.

Du willst lieber die Wahrheit lesen?
Ich bin viel zu spĂ€t in Bochum aufgebrochen und habe in MĂŒnster gemĂŒtlich zu Mittag gegessen. Dann war es einfach zu spĂ€t fĂŒr Bielefeld und Hannover bekam den Vorzug, weil dort der Freund meiner Schwester lebt, den ich gerne mal besuchen wollte.
Also ich finde die Bielefeldverschwörung wesentlich unterhaltsamer â€Š

Hannover

ZunĂ€chst hoffe ich, dass mir in Hannover vielleicht Ähnliches widerfĂ€hrt wie in Duisburg. Diese Hoffnung zerschlĂ€gt sich jedoch sehr schnell: In der FußgĂ€ngerzone ist nichts los und wegen eines Volksfests in der NĂ€he ist der GerĂ€uschpegel immens. Das bringt nichts. Also fahre ich zu Ralph, dem Freund meiner Schwester, und verbringe einen sehr schönen Abend mit ihm und zwei seiner Mitbewohner.

Sonntag, 4. September 2016
Braunschweig, Wolfsburg & Magdeburg

Wenn ich mal einen Manager haben sollte, muss dieser mich samstags anrufen und mich darauf aufmerksam machen, dass morgen Sonntag ist. Sonntage sind schlechte Tage fĂŒr StraßenkĂŒnstler, da in den meisten FußgĂ€ngerzonen sonntags einfach nichts los ist. So ergeht es mir schließlich auch in Braunschweig, Wolfsburg und in Magdeburg. Zudem nieselt es auch noch den halben Tag lang. Keine Menschen + Regen = keine Lesung. So einen Spaß wie in Eisenach muss ich mir nicht noch einmal geben â€Š
Ab 1:05 Minute erzÀhle ich von meiner Lesung in Eisenach

Dennoch finde ich es sehr schade, da ich möglichst viele StĂ€dte auf meine Liste der als Straßenleser bereisten Orte aufnehmen möchte.
Immerhin habe ich einen ganz netten Abend in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. ZunĂ€chst langweile ich mich zwar beim Fußballgucken in der wohl spießigsten Studentenkneipe, die man sich nur vorstellen kann. Danach folge ich aber der Empfehlung des freundlichen Barkeepers und lande im Szenekiez (?) am Hasselbachplatz. Hier hat zwar nur noch eine Kneipe geöffnet, doch die ist ganz ulkig â€Š und heißt Musikkneipe Flowerpower. Eine Althippie-Band gibt ’nen Cover-Song-Gig, wĂ€hrend ich mit einem Hardrocker ins GesprĂ€ch komme. Als dieser sich auf den Heimweg macht, sitzt plötzlich ein 21-JĂ€hriger mit Dreadlocks neben mir: »Kennst Du Wodka-Slush?«
»Was fĂŒr’n Ding? – Ah! Wodka mit diesem pappsĂŒĂŸen Eiszeug?«
»Genau.«
»Nö, klingt schrecklich.«
»Willste einen?«
»Klar.«
Als wir uns den zweiten reinpfeifen, will der Barkeeper die Kneipe schließen â€Š wogegen wir uns wehren.
»Guck mal, der drĂŒckt ’nen Knopf und ratzfatz eist die Slush-Maschine komplett ein. Soll das so sein? Und wie soll das ĂŒberhaupt funktionieren, wenn da Wodka drin ist?«
»Ja, Mann! Ist da ĂŒberhaupt Wodka drin?«
»Der hat uns verarscht!«
»Ja, ey! Gib mal noch so zwei, damit wir das ĂŒberprĂŒfen können!«
Wir bekommen keine Drinks mehr.
Vor der Kneipe denke ich an morgen und verabschiede mich mit den Worten: »Ich gehe jetzt besser mal zu meinem Auto.«
Im Nachhinein bin ich leicht erstaunt (oder amĂŒsiert) darĂŒber, dass mein Saufkumpane mit den Worten: »Besser ist das«, reagiert. Der Kollege weiß nĂ€mlich gar nicht, dass ich als Straßenleser unterwegs bin und des Öfteren auch mal in meinem Auto penne. Ich habe es natĂŒrlich keinen Meter mehr bewegt.

Montag, 5. September 2016
Brandenburg an der Havel

Ich schlafe tatsĂ€chlich auf der RĂŒckbank meines Renault Clio bis elf Uhr Mittags durch. War wohl doch Wodka im Slush.
Das wirft meinen Zeitplan jetzt natĂŒrlich ein wenig aus dem Konzept. Und heute habe ich um 17 Uhr eine Verabredung mit einer Reporterin der Potsdamer Neueste Nachrichten. Den Termin muss ich natĂŒrlich einhalten.
Ich fahre ins beschauliche Brandenburg an der Havel. Ein nedliches StĂ€dtchen. Nur kann ich die FußgĂ€ngerzone nicht finden. Okay, da ist so ein StrĂ€ĂŸchen, vielleicht 200 Meter lang, auf dem keine Autos, dafĂŒr aber Straßenbahnen fahren. Aber das kann doch nicht die Straße Brandenburgs sein. Oder doch? Ich frage ein paar MĂ€dels, wo hier die FußgĂ€ngerzone oder ein Marktplatz ist.
Ȁhm  «, schauen sie mich verwundert an. »Na, hier die Straße.«
Oha.
Wie gesagt, ist die »FußgĂ€ngerzone« eine einfache Straße, die fĂŒr den Autoverkehr tabu ist. Es gibt einen Bordstein links und rechts, der aber nicht breiter ist als auf normalen Straßen. Setze ich mich da hin, kommt kein Mensch mehr an mir vorbei. Apropos Menschen: Heute ist Montag. Dennoch ist hier nichts los. Kaum einer ist hier auf der Straße unterwegs. Seltsam. Ich beschließe, erst mal zu Mittag zu essen und wĂ€hrenddessen zu ĂŒberlegen, was ich nun mache.
Beim Vietnamesen stehen drei Alkis am Tresen. Einer skypt. Als ich mich an ihm vorbeidrĂŒcke, fragt die Stimme aus dem Computer, wer das denn eben war, der sich am Chatpartner vorbeigedrĂŒckt hat.
»Das war Deutschlands erster Straßenleser.«
»Aha.«
Als ich mein Essen bekomme, gerĂ€t der Laptop-Alki ins SchwĂ€rmen: »Ick muss euch en Video zeigen. Da bekomm ick immer ’ne Putenpelle von. Dit is ein Pfarrer und der singt â€șHallelujaâ€č. WĂ€hrend ’ner Trauer â€Š Ă€h, Trauung. Also die trauern â€Š trauen sich â€Š die heiraten. Okay? Und der singt. Boah, wenn ick nur dran denke. Guck mal: Putenpelle. Jetzt schon.«
Dann klickt er auf den Play-Button.

Nach dem Video wischt er sich die TrĂ€nen aus dem Gesicht, wĂ€hrend einer der anderen Alkis stĂ€ndig wiederholt: »Ja, dit is ’ne jute Stimme.«
Ich habe keine Zeit fĂŒr eine Lesung im leeren, aber schönen Brandenburg. Ich spaziere die Havel entlang zu meinem Auto zurĂŒck und mache mich auf den Weg zum Tourabschluss nach Potsdam.

Potsdam

In Potsdam einen erschwinglichen Parkplatz zu finden ist quasi unmöglich. Am preiswertesten scheint das Parkhaus des Krankenhauses zu sein. Ja, das ist tatsĂ€chlich billiger als auf der Straße zu parken. Faszinierend.
Ich erreiche den mit der Reporterin ausgemachten Treffpunkt am Brandenburger Tor â€“ ja, gibt’s auch in Potsdam â€“ fĂŒnf Minuten zu spĂ€t. Die Reporterin und der mitgekommene Fotojournalist sind wegen der fĂŒnf Minuten schon leicht nervös. Ich stehe anscheinend dem Feierabend im Weg, der im Falle der Reporterin wohl auch erst möglich ist, sobald der Artikel ĂŒber mich verfasst wurde. Wir machen uns gemeinsam auf, einen geeigneten Platz fĂŒr meine Lesung zu finden. Die Reporterin hĂ€tte am liebsten, dass ich mich sofort vor das Brandenburger Tor setze und loslege. Der Platz ist aber denkbar ungĂŒnstig.
»In der Brandenburger Straße ist es wesentlich besser«, erklĂ€re ich. »Vor CafĂ©s, SupermĂ€rkten oder Malls in einer möglichst nicht allzu breiten Straße. Das sind die Orte, die fĂŒr eine Straßenlesung geeignet sind.«
Solch ein Ort befindet sich knapp 500 Meter vom Brandenburger Tor entfernt, was die beiden Journalisten nur mĂ€ĂŸig amĂŒsiert. Immerhin kann mich die Reporterin auf dem Weg zu ebendiesem Platz interviewen.
Die Lesung lĂ€uft schleppend an. Die Journalistin interviewt Passanten und zieht nach gut 20 Minuten von dannen. Kaum ist sie weg, verkaufe ich zwei BĂŒcher. So kann’s gehen.

2016 09 06 Potsdamer Neueste Nachrichten Warten auf den GlĂŒcksfall

Berlin

Als ich in Berlin ankomme, hole ich Julia vom Flughafen ab. Ihr Kurzurlaub ist so vorbei wie meine Tour und in unseren Keller, in dem ich eine Kiste voll ErinnerungsstĂŒcke aufbewahre, wurde eingebrochen. Geklaut wurde nichts, doch meine ErinnerungsstĂŒcke liegen ĂŒberall verteilt und teilweise zerstört auf dem modrigen Boden. That’s life.
Und wir sind alle Siegertypen,
Dennis Knickel

Stephan:
»Ich habe von dieser ganzen Religionskacke genug. Die Menschen mĂŒssen nur eines wissen und das reicht vollkommen aus: Gott heißt Rudi.«

Ich:
»Völler oder Dutschke?«

Stephan:
»Scheißegal. Hauptsache Rudi.«


Nachtrag

Wie es aussieht, gibt es doch ein gemeinsames Foto von Wölfi und mir. Vielen Dank an »Sonny Schwarz«. 😀

2016 09 17 Dennis Knickel und Wölfi Die Kassierer


Copyright

Titelbild: Dirk Augustin.
Teilen und Bearbeiten der Fotos ist nur mit ausdrĂŒcklicher, schriftlicher Genehmigung des Fotografen zulĂ€ssig.


Sorry, but this article is way too long to translate. It’s the story of my recent tour through Germany as Germany’s First Street Reader. You can buy my book to learn German. And then: Come back and read this story. 😉
Hugs
Dennis

Copyright

Cover photo: Dirk Augustin.
You are not allowed to share or edit the photos without the photographer’s permission in written form.


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