»Vom Tagträumen und Pausieren«: Mein Artikel über Patrick Wendt auf Kwerfeldein.de
"Daydreaming and Pausing": My Article about Patrick Wendt on Kwerfeldein.de
bereits vor einer Woche ist im Online-Fotomagazin Kwerfeldein meine erste – nennen wir es mal – journalistische Publikation erschienen. Im Juni kontaktierte mich der Street Photographer Patrick Wendt, den ich 2010 in einem Bus in Kambodscha kennenlernte.
In »Curry-Competition« schreibe ich übrigens ab Tag 33: Eugen & Patrick über unser Kennenlernen und unsere gemeinsame Zeit in Phnom Penh.
Ich wünsche viel Freude mit dem Text und vor allen Dingen mit den tollen Fotos des wunderbaren Patrick Wendt.
Dennis Knickel
In seinem Rucksack schleppte Patrick eine Handvoll Kameras mit sich herum. Das neueste Modell dürfte aus den frühen Neunzigern gewesen sein. Das digitale Zeitalter der Fotografie ignorierte er damals gekonnt. Er hatte seine Gründe und – das fiel sofort auf – eine große Passion fürs Fotografieren. Schnell erkannte ich, dass Patrick weit mehr mit seinen Kameras anstellt, als lediglich zu knipsen. Ich fand es extrem faszinierend, als er – während ich mein dreitausendstes Urlaubsfoto auf meine SD-Karte bannte – zu einem uns wildfremden alten Khmer schlenderte und ihn in Sekundenbruchteilen und lediglich mit Gestik und Mimik wissen ließ, dass er gerne ein Porträt von ihm machen möchte. Ein natürliches Porträt: Grinsen verboten!
Es dauerte Monate, bis ich dieses und weitere Fotos, die er auf ebendiese Art machte, endlich zu Gesicht bekam. Ein Vorschaudisplay hatte ja keine seiner Kameras. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich – als ich seine Bilder erstmals auf Facebook sah – dachte: »Verdammt … Diese Bilder sind unfassbar gut. Wieso habe ich nicht solche Fotos geschossen?«
Ich kann mir mittlerweile erklären, warum: Patrick weiß, was er will und er hat keinerlei Berührungsängste. Mir kam es immer grenzwertig despektierlich vor, mit einer Kamera auf einen Fremden zuzugehen. In den Gesichtern der Personen, die Patrick Wendt fotografiert sieht man vieles, aber eines nicht: Unwohlsein. Die Menschen, denen Patrick mit seiner Kamera begegnet, werden nicht zur Schau gestellt. Es gibt keine albernen oder peinlichen Gesichtsausdrücke. Und wenn es sie gibt, veröffentlicht er sie nicht. Darauf legt er großen Wert. Die Menschen, die er fotografiert, scheinen diesen Respekt, den er ihnen entgegenbringt zu spüren. Als Fotograf kann und muss man vieles erlernen. Die Gabe, innerhalb weniger Sekunden Vertrauen zu einem Menschen aufzubauen, mit dem man eigentlich nicht ein Wort wechseln kann, muss jedoch vielmehr an Patricks Wesen liegen. So etwas kannst du nicht lernen.
Im Juni 2016 beginnt der mittlerweile hauptberuflich Weltreisende 31-Jährige mit der Veröffentlichung seiner neuen Serie: »Daydreaming«. Eine Reihe aus 24 Fotos, die er – mittlerweile im digitalen Zeitalter angekommen – mit seiner Fuji x100 geschossen hat: »Das ist ’ne kompakte Kamera, die in jede Tasche passt, unkaputtbar scheint und super in der Hand liegt«, erklärt er.
»Daydreaming« besteht aus Bildern, die Patrick unter anderem in Thailand, Malaysia, Japan, Myanmar, Bolivien, Peru und dem Iran geschossen hat. Sie zeigt Menschen, die irgendwo in der Öffentlichkeit eine Pause vom Alltag machen und schlafen. Hier gibt es keine Interaktion mit den Fotografierten. Patrick muss die Situation nehmen, wie sie ist.
»Es ist spannend«, meint er. »Ich kann eben nichts ändern: Hintergrund, Lichtverhältnisse etc. Da hat man manchmal das beste Motiv, aber das Foto ist totaler Mist.«
Das erste Foto dieser Reihe entstand am Flughafen von Bangkok, wo Patrick diesen Mann sah, der sich für sein Nickerchen ein Geschirrtuch samt Brille aufs Gesicht gelegt hatte: »Das fand ich witzig und hab’s fotografiert«, lacht er.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass hieraus eine Serie müder Menschen entstehen würde, die unter anderem bis zum 13. August in der Bochumer Goldkante und demnächst auch in der Dortmunder Luups Galerie ausgestellt wird.
Patrick sucht nicht händeringend nach einer Botschaft in seiner Reihe. Er ist reiner Beobachter, gleitet hier und da selbst in Tagträume ab und stellt sich beispielsweise vor, wie ein Arbeiter in Deutschland seine Müdigkeit verstecken und sich wohl niemals so öffentlich ausruhen würde. Weitere Worte verliert er keine, denn viel aufregender findet Patrick, was andere aus seinen Momentaufnahmen machen.
So sitze auch ich wieder einmal vor dem Monitor und schaue mir Patricks Bilder an. Ich erfreue mich an dem Leben, das Patrick in all seine Aufnahmen zu bannen weiß. Hierin sehe ich die größte Stärke dieses so begabten wie auch zugleich genügsamen Menschen. Selbst Schlafende setzt Patrick Wendt so gut in Szene, dass sie eine Atmosphäre, eine Kraft ausstrahlen, die den Betrachter sofort in den Bann zieht. Gesichter erzeugen am nächstliegenden Emotionen. In »Daydreaming« stehen dem Fotografen oftmals keine Gesichter als Motiv zur Verfügung. In dieser Auswahl aus der Reihe gibt es sogar kein einziges Mal ein (komplettes) Gesicht zu sehen. Patrick setzt in seiner Serie Protagonisten so in Szene, dass anstelle eines Gesichtes die Umgebung dazu beiträgt, die Erschöpfung zum Ausdruck zu bringen. Besonders beeindruckend ist ihm dies bei der in Rosa gekleideten Essensverkäuferin gelungen, die auf eine geputzte Pfanne gelehnt, ihr Gesicht in ihren Armen begräbt. Das Essen ist abgeräumt, im unscharfen Hintergrund erledigt ein Mann noch die vermutlich letzten Arbeiten des Tages. Die Tonne, die hinter der Protagonistin steht und farblich perfekt zu ihren Klamotten passt, wirkt zudem noch wie ein schwerer, schwerer Rucksack. Die Ermüdete wirkt in ihrer rosafarbenen Kleidung und der Schleifenspange so zart und zerbrechlich, dass man ihr am liebsten ein Kissen unterschieben möchte.
Bei Patricks Bildern ist es zwangsläufig, dass man sich Gedanken macht. Gedanken zu jeder einzelnen Person, die er vor die Linse bekommen hat. Ich ersinne mir einen Alltag für diese Menschen und frage mich, ob ich überhaupt so genau wissen möchte, was die tatsächliche Geschichte hinter dieser und jener eingelegten Pause ist. Sind diese Menschen glücklich? Sind sie es nicht? Ist ihre Arbeit so auslaugend? Wie viel verdienen sie? Besteht Ihr Leben auch noch aus etwas anderem als aus Arbeit? Oder sind sie oder ihr kultureller Background in dieser Hinsicht vielleicht einfach nur so entspannt, dass ihnen ein Schläfchen in aller Öffentlichkeit am Allerwertesten vorbeigeht?
Dann schalte auch ich ab, genieße die teils erschreckend erschöpft und zudem noch äußerst skurril wirkenden Einblicke in fremde Kulturen sowie deren »Tagträumer« und konzentriere mich wieder auf banalere Dinge: »Wie findet man nur so viele Schlafende?«
already a week ago, online photo magazine Kwerfeldein published my – let’s call it – first journalistic publication. In June, street photographer Patrick Wendt, who I first met in a bus in Cambodia in 2010, contacted me. An editor of Kwerfeldein saw Patrick’s photos on Facebook and wanted to publish an article about him. Patrick – who already offered me several times to travel with him and work on a book together – asked me to write that article. As I admire Patrick and his adventurous way of living, I didn’t have to think twice to say: "Yes, with pleasure!"
I hope you enjoy the text and I am sure you’ll enjoy the great photos of wonderful Patrick Wendt.
Best,
Dennis Knickel
In his backpack, Patrick was lugging around a handful of cameras. The newest model must have been from the early nineties. At the time, he deftly ignored the digital age of photography. He had his reasons and—as became immediately apparent—a great passion for photographing. I quickly realized that Patrick did far more with his cameras than simply take snapshots. I found it extremely fascinating when—while I was saving my three-thousandth vacation photo onto my SD card—he strolled up to an elderly Khmer man who was a complete stranger to us and, within fractions of a second and using only gestures and facial expressions, let him know that he would like to take a portrait of him. A natural portrait: no grinning allowed!
It took months before I finally got to see this and other photos he took in exactly that way. None of his cameras had a preview display. I still remember clearly that when I first saw his pictures on Facebook, I thought: “Damn… These pictures are unbelievably good. Why didn’t I take photos like that?”
By now, I can explain why: Patrick knows what he wants and he has absolutely no inhibitions. It always seemed borderline disrespectful to me to approach a stranger with a camera. In the faces of the people Patrick Wendt photographs, you can see many things—but not one: discomfort. The people Patrick meets with his camera are not put on display. There are no silly or embarrassing facial expressions. And if there are, he doesn’t publish them. He places great value on that. The people he photographs seem to feel the respect he shows them. As a photographer, you can and must learn many things. But the ability to build trust with a person within a few seconds—someone you can’t actually exchange a single word with—must have far more to do with Patrick’s nature. You can’t learn something like that.
In June 2016, the 31-year-old—by then a full-time world traveler—begins publishing his new series: “Daydreaming.” A set of 24 photos that he—now having arrived in the digital age—shot with his Fuji x100: “It’s a compact camera that fits in any bag, seems unbreakable, and sits great in the hand,” he explains.
“Daydreaming” consists of images that Patrick took, among other places, in Thailand, Malaysia, Japan, Myanmar, Bolivia, Peru, and Iran. It shows people who are taking a break from everyday life somewhere in public and sleeping. Here there is no interaction with those being photographed. Patrick has to take the situation as it is.
“It’s exciting,” he says. “I can’t change anything: background, lighting conditions, etc. Sometimes you have the best subject, but the photo is complete crap.”
The first photo in this series was taken at Bangkok airport, where Patrick saw this man who had placed a dish towel and his glasses over his face for his nap: “I thought that was funny and photographed it,” he laughs.
At that point, he still had no idea that this would turn into a series of tired people that, among other places, will be exhibited until August 13 at the Goldkante in Bochum and soon also at the Luups Gallery in Dortmund.
Patrick doesn’t desperately search for a message in his series. He is a pure observer, drifts off into daydreams himself here and there, and, for example, imagines how a worker in Germany would hide his tiredness and would probably never rest so publicly. He says no more, because Patrick finds it much more exciting what others make of his snapshots.
And so I, too, once again sit in front of the monitor and look at Patrick’s pictures. I take pleasure in the life that Patrick knows how to capture in all his shots. In this I see the greatest strength of this man who is as gifted as he is at the same time unassuming. Even sleeping people, Patrick Wendt stages so well that they radiate an atmosphere, a power that immediately captivates the viewer. Faces evoke emotions most directly. In “Daydreaming,” the photographer often has no faces available as a subject. In this selection from the series, there isn’t a single (complete) face to be seen. In his series, Patrick stages protagonists in such a way that, instead of a face, the surroundings help express the exhaustion. He succeeds at this particularly impressively with the food vendor dressed in pink, who, leaning on a cleaned pan, buries her face in her arms. The food has been cleared away; in the blurred background, a man is still taking care of what are presumably the last tasks of the day. The bin standing behind the protagonist, which matches her clothes perfectly in color, also looks like a heavy, heavy backpack. In her pink clothing and the bow hair clip, the tired woman appears so delicate and fragile that you’d most like to tuck a pillow under her.
With Patrick’s pictures, it’s inevitable that you start thinking. Thoughts about every single person he has managed to get in front of his lens. I imagine a daily life for these people and ask myself whether I even want to know in such detail what the real story behind this or that inserted pause is. Are these people happy? Aren’t they? Is their work so draining? How much do they earn? Is their life also made up of something other than work? Or are they—or their cultural background—perhaps simply so relaxed in this respect that a nap in public is the last thing they care about?
Then I switch off too, enjoy the sometimes frighteningly exhausted and also extremely bizarre-looking glimpses into foreign cultures and their “daydreamers,” and focus again on more banal things: “How do you even find so many sleeping people?”












